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Verkehrsdatensimulation als Infrastrukturvorabprüfung

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Atemberaubende Luftaufnahme einer Schweizer Stadt mit Fokus auf nachhaltiger urbaner Infrastruktur und modernen Gebäuden. Foto von Ivan Louis.
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Verkehrsdatensimulation als Infrastrukturvorabprüfung – das klingt zunächst wie ein weiteres digitales Buzzword im Werkzeugkasten moderner Stadtplanung. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Hier verschmelzen urbane Intelligenz, präzise Datenauswertung und visionäre Planung zu einem Instrument, das den Unterschied macht zwischen mutigem Zukunftsbau und teurem Fehlgriff. Wie funktioniert diese „Digitale Kristallkugel“? Was steckt hinter dem Hype um Verkehrsdatensimulation? Und wie weit sind Städte im deutschsprachigen Raum wirklich, wenn es um die Nutzung dieser Technologie als Infrastrukturvorabprüfung geht?

  • Definition und Bedeutung der Verkehrsdatensimulation als Werkzeug für die Infrastrukturvorabprüfung
  • Technische Grundlagen: Datenquellen, Modellierungsmethoden und Simulationsverfahren
  • Praxiseinsatz: Wie Verkehrsdatensimulation Planungsfehler verhindert und Infrastrukturprojekte absichert
  • Erfolgsbeispiele und aktuelle Projekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Herausforderungen: Datenverfügbarkeit, Standardisierung, Datenschutz und fachliche Akzeptanz
  • Governance-Fragen, Transparenz und die Rolle der öffentlichen Beteiligung
  • Potenziale für nachhaltige Mobilität, Klimaresilienz und effiziente Ressourcennutzung
  • Kritische Reflexion: Risiken technokratischer Planung und algorithmischer Verzerrung
  • Zukunftsausblick: Wie Verkehrsdatensimulation die Stadtplanung revolutioniert

Verkehrsdatensimulation – Von der abstrakten Prognose zum integralen Planungswerkzeug

Der Begriff Verkehrsdatensimulation steht heute für weit mehr als animierte Linien auf einer digitalen Karte. Ursprünglich als reine Prognosetechnik für Verkehrsplaner entwickelt, hat sich die Simulationspraxis zu einem dynamischen, multidimensionalen Instrumentarium entwickelt, das in der modernen Infrastrukturvorabprüfung längst unverzichtbar ist. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff? Im Kern handelt es sich um die digitale Nachbildung komplexer Mobilitätsströme, basierend auf realen und modellierten Datenquellen, die es ermöglichen, zukünftige Verkehrssituationen präzise vorauszuberechnen. Dabei werden nicht nur Autoströme betrachtet, sondern auch Fußgänger, Radfahrende, der öffentliche Nahverkehr und sogar Lieferdienste, Baustellen oder Großveranstaltungen integriert.

Das Ziel ist so simpel wie ambitioniert: Planungsfehler bereits erkennen, bevor sie gebaut werden. Infrastrukturvorabprüfung bedeutet, potenzielle Engpässe, Überlastungen oder Fehlfunktionen von Straßen, Knotenpunkten oder Mobilitätsangeboten vorab digital zu testen. Diese proaktive Herangehensweise verhindert, dass Fehlplanungen zu teuren Nachbesserungen, unzufriedenen Bürgern oder gar zum verkehrstechnischen Kollaps führen. Die Verkehrsdatensimulation schafft dabei eine neue Ebene der Verlässlichkeit, indem sie verschiedene Szenarien durchspielt – von der neuen Straßenführung über Umnutzungen bis hin zu radikalen Verkehrswenden.

Technisch basiert die Verkehrsdatensimulation auf einer Vielzahl von Datenquellen. Historische Verkehrszählungen, Echtzeit-Detektoren, GPS-Traces aus Mobilfunkdaten, Floating Car Data, multimodale Verkehrsumfragen, Geoinformationssysteme und klassische Knotenpunktmodelle bilden zusammen eine Datenbasis, die so dicht und differenziert ist wie nie zuvor. Moderne Simulationssoftware, etwa PTV Vissim, Aimsun oder MATSim, kann daraus in Sekundenschnelle komplexe Verkehrssituationen berechnen und visualisieren – von der Mikrosimulation einzelner Fahrzeuge bis zur Makrosimulation ganzer Stadtregionen.

Der eigentliche Clou der Verkehrsdatensimulation als Infrastrukturvorabprüfung ist jedoch ihre Integration in den Planungsprozess. Nicht mehr nur Fachplaner im stillen Kämmerlein arbeiten mit den Tools, sondern sie werden zur Schnittstelle zwischen Verwaltung, Politik, Öffentlichkeit und sogar privater Wirtschaft. Die Simulation wird zur gemeinsamen Entscheidungsgrundlage, auf der nicht nur technische, sondern auch politische und soziale Auswirkungen von Infrastrukturmaßnahmen verständlich gemacht werden können. Die Akzeptanz von Projekten steigt, weil die Konsequenzen transparent und nachvollziehbar werden.

In der Summe eröffnet die Verkehrsdatensimulation neue Möglichkeiten für eine proaktive, nachhaltige und zukunftssichere Stadtentwicklung. Sie ist damit kein Selbstzweck, sondern ein zentrales Instrument, um aus datengetriebenem Planen eine lebenswerte urbane Realität zu schaffen – und die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.

Daten, Modelle, Algorithmen – Das technische Fundament der Verkehrsdatensimulation

Die technische Tiefe der Verkehrsdatensimulation ist beeindruckend – und zugleich der Grund, warum sie in vielen Kommunen noch als Black Box gilt. Im Zentrum steht die Modellbildung: Die reale Welt wird mit all ihren Straßen, Wegen, Knotenpunkten, Ampelschaltungen und Verkehrsregeln in ein digitales Abbild transformiert. Dabei spielen Geographische Informationssysteme (GIS), Verkehrsnetzmodelle und umfangreiche Parameterdatenbanken eine zentrale Rolle. Jeder Straßenabschnitt, jede Kreuzung, jedes Verkehrsmittel und jede Nutzergruppe wird als eigener Akteur im Simulationsmodell abgebildet und mit Verhaltensparametern ausgestattet.

Die eigentliche Simulation arbeitet dabei mit unterschiedlichen Ansätzen. In der Mikrosimulation wird das Verhalten einzelner Fahrzeuge, Radfahrer oder Fußgänger individuell berechnet. Dies ermöglicht die Analyse von Staus, Verkehrsflussoptimierungen oder Konfliktpunkten bis ins kleinste Detail. Makrosimulationen hingegen betrachten den Gesamtfluss von Verkehrsströmen innerhalb ganzer Stadtgebiete und eignen sich besonders für Langfristprognosen und großflächige Infrastrukturmaßnahmen. Zwischendrin existieren mesoskopische Ansätze, die beide Welten verbinden.

Doch auch die beste Simulation bleibt nur so gut wie ihre Datenbasis. Hier haben sich in den letzten Jahren enorme Fortschritte ergeben. Sensorbasierte Detektoren, automatische Kennzeichenerfassung, GPS-basierte Bewegungsdaten aus Fahrzeugflotten, anonymisierte Mobilfunkdaten, Floating Phone Data und Open-Data-Initiativen liefern heute eine Datenfülle, die vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Diese Daten werden durch klassische Erhebungen, wie Verkehrsbefragungen und manuelle Zählungen, ergänzt und validiert. Die Herausforderung liegt darin, diese heterogenen Quellen zu harmonisieren, zu plausibilisieren und in Echtzeit in die Simulation einzuspeisen.

Algorithmen für Routenwahl, Verkehrsumlegung und dynamische Steuerung sind das Herzstück der Simulationssoftware. Sie ermöglichen es, verschiedene Szenarien durchzuspielen – etwa wie eine neue Fahrradstraße, die Verlegung eines Buskorridors oder die Sperrung einer Hauptverkehrsachse das gesamte Mobilitätssystem beeinflusst. Moderne Tools nutzen dabei auch Methoden des maschinellen Lernens, um aus historischen Daten zu lernen und Prognosen laufend zu verbessern. So entsteht ein lernendes System, das mit jedem neuen Datensatz präziser wird.

Ein weiteres technisches Highlight ist die Kopplung von Verkehrsdatensimulation mit anderen Infrastruktursystemen. Beispielsweise kann die Simulation von Verkehrsflüssen mit Energiebedarf, Emissionen, Lärmbelastung oder urbanen Klimamodellen verknüpft werden. Damit werden die Auswirkungen von Infrastrukturmaßnahmen ganzheitlich sichtbar – von der CO₂-Bilanz bis zum städtischen Mikroklima. Besonders innovative Ansätze binden zudem Echtzeitdaten in die Simulation ein und machen so eine adaptive Planung möglich, bei der auf aktuelle Entwicklungen unmittelbar reagiert werden kann.

Anwendungsfelder und Praxisbeispiele – Wie Verkehrsdatensimulation Infrastrukturentscheidungen revolutioniert

Die Verkehrsdatensimulation ist heute weit mehr als ein akademisches Planspiel – sie ist in der Praxis der Infrastrukturvorabprüfung angekommen. Städte wie Zürich, Wien oder München setzen Simulationsmodelle systematisch ein, um die Wirksamkeit neuer Straßenführungen, ÖPNV-Trassen oder Mobilitätskonzepte vorab zu testen. Ein Beispiel aus Zürich zeigt, wie mithilfe von Mikrosimulationen die Auswirkungen einer neuen Tramlinie auf den Kfz-Verkehr, die Fußgängerströme und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum präzise simuliert wurden. Das Ergebnis: Bereits vor Baubeginn konnten Engpässe erkannt und Planungsalternativen entwickelt werden, die zu einer reibungsloseren Umsetzung und höherer Akzeptanz beitrugen.

In Wien wurde die Verkehrsdatensimulation genutzt, um im Zuge der Seestadt Aspern nicht nur den motorisierten Individualverkehr, sondern auch den Rad- und Fußgängerverkehr sowie den öffentlichen Nahverkehr in einem Gesamtsystem zu modellieren. Die Simulation ermöglichte eine optimale Abstimmung der Infrastruktur auf die tatsächlichen Mobilitätsbedürfnisse der Anwohner und verhinderte so Fehlplanungen, die zu teuren Nachrüstungen geführt hätten. Das Projekt gilt heute als Paradebeispiel integrativer Stadtentwicklung mit Simulation als Rückgrat der Planung.

Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Anwendungsbeispiele, etwa aus Hamburg oder Ulm. In Hamburg wurde die Simulation genutzt, um die Auswirkungen von Baustellen auf Hauptverkehrsachsen vorauszuberechnen und Umleitungsstrategien zu optimieren. In Ulm wurden verschiedene Szenarien für die Reduktion des motorisierten Verkehrs im Innenstadtbereich durchgespielt, um die beste Lösung für eine nachhaltige Mobilitätswende zu identifizieren. In beiden Fällen führte die Simulation zu einer deutlichen Reduktion von Planungsrisiken und erhöhter Planungssicherheit.

Die Verkehrsdatensimulation eröffnet darüber hinaus neue Möglichkeiten für die Beteiligung der Bevölkerung. In Wien wurden Bürgerbeteiligungsprozesse mit Simulationen verknüpft, so dass Anwohner die Auswirkungen verschiedener Infrastrukturvarianten live nachvollziehen und eigene Vorschläge einbringen konnten. Diese Transparenz und Nachvollziehbarkeit führen zu einer stärkeren Akzeptanz und besseren Planungsentscheidungen, weil das lokale Wissen der Bevölkerung mit den objektiven Simulationsergebnissen verschmilzt.

Schließlich ist die Verkehrsdatensimulation auch ein Motor für nachhaltige Stadtentwicklung. Sie ermöglicht die gezielte Förderung umweltfreundlicher Verkehrsträger, die Reduktion von Emissionen und die Steigerung der Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Indem sie die Auswirkungen von Infrastrukturmaßnahmen ganzheitlich sichtbar macht, unterstützt sie Kommunen bei der Erreichung ihrer Klimaziele und macht sie resilienter gegenüber zukünftigen Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der Urbanisierung.

Herausforderungen, Governance und gesellschaftliche Verantwortung

So vielversprechend die Potenziale der Verkehrsdatensimulation sind, so klar sind auch die Herausforderungen, die mit ihrer Anwendung einhergehen. Ein zentrales Problem ist die Datenverfügbarkeit. Nicht jede Kommune verfügt über die notwendige Datendichte, um präzise Simulationen durchzuführen. Insbesondere im ländlichen Raum oder bei kleineren Projekten sind die Daten oft lückenhaft, veraltet oder nicht kompatibel mit modernen Simulationswerkzeugen. Hier ist eine stärkere Unterstützung durch Bund, Länder und Open-Data-Initiativen gefragt, um eine flächendeckende Nutzung zu ermöglichen.

Ein weiteres Problemfeld ist die Standardisierung der Datenformate und Schnittstellen. Unterschiedliche Softwarelösungen, inkompatible Datensätze und fehlende Interoperabilität erschweren den Austausch und die gemeinsame Nutzung von Simulationsmodellen zwischen verschiedenen Akteuren. Initiativen wie die Urban Data Platforms oder die Entwicklung offener Standards sind erste Schritte in die richtige Richtung, doch es bleibt noch viel zu tun, um die Verkehrsdatensimulation als universelles Werkzeug zu etablieren.

Auch Datenschutz und Datensicherheit stellen zentrale Herausforderungen dar. Die Nutzung von Mobilitätsdaten, insbesondere wenn sie aus Mobiltelefonen, Fahrzeugflotten oder anderen sensiblen Quellen stammen, erfordert höchste Sorgfalt und transparente Governance-Strukturen. Es gilt, die Balance zu finden zwischen einer möglichst präzisen Simulation und dem Schutz der individuellen Privatsphäre. Hier sind klare rechtliche Rahmenbedingungen und ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten unverzichtbar.

Die Akzeptanz der Verkehrsdatensimulation hängt maßgeblich davon ab, wie transparent und partizipativ sie eingesetzt wird. Wenn Simulationen als Black Box wahrgenommen werden, steigt das Misstrauen gegenüber den Ergebnissen und den darauf basierenden Entscheidungen. Deshalb ist es entscheidend, Simulationsmodelle offen zu legen, Annahmen und Unsicherheiten zu kommunizieren und die Öffentlichkeit aktiv in den Prozess einzubinden. Nur so kann die Simulation als demokratisches Werkzeug wirken und nicht als technokratischer Selbstzweck.

Nicht zuletzt bringt die Verkehrsdatensimulation auch ethische und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich. Algorithmen können nur das simulieren, was ihnen vorgegeben wird – und blinde Flecken, Verzerrungen oder Fehlannahmen können zu gravierenden Fehlentscheidungen führen. Hier ist eine kontinuierliche Reflexion und Weiterentwicklung der Modelle erforderlich, um sicherzustellen, dass die Simulation nicht zur Rechtfertigung bestehender Missstände, sondern zur Schaffung besserer, lebenswerter Städte beiträgt.

Zukunftsausblick: Verkehrsdatensimulation als Schlüssel zur resilienten Stadt von morgen

Die Verkehrsdatensimulation ist längst mehr als ein Werkzeug für Verkehrsplaner – sie wird zum zentralen Nervensystem der intelligenten Stadt. Ihre Rolle als Infrastrukturvorabprüfung wird weiter wachsen, je komplexer und dynamischer urbane Mobilität wird. In Zukunft werden Simulationsmodelle nicht nur zur Vorbereitung von Bauprojekten genutzt, sondern auch zur Echtzeitsteuerung von Verkehrsflüssen, zur Optimierung von Sharing-Angeboten und zur Planung klimaresilienter Infrastrukturen.

Ein entscheidender Trend ist die Integration der Verkehrsdatensimulation in sogenannte Urban Digital Twins – digitale Zwillinge ganzer Städte, in denen nicht nur Verkehr, sondern auch Energie, Klima, Versorgung und soziale Dynamiken in einem Gesamtsystem modelliert werden. Diese Entwicklung eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die ganzheitliche Stadtentwicklung und macht die Simulation zur Schaltzentrale für eine nachhaltige, adaptive und resiliente Stadt.

Gleichzeitig werden die Anforderungen an Datensouveränität, Transparenz und Governance weiter steigen. Es wird entscheidend sein, die Kontrolle über die Simulationssysteme in öffentlicher Hand zu behalten, offene Schnittstellen zu fördern und die Beteiligung der Bevölkerung zu stärken. Nur so kann verhindert werden, dass die Verkehrsdatensimulation zur Black Box oder zum Spielball kommerzieller Interessen wird.

Für Planer, Stadtentwickler und Kommunen bedeutet dies: Jetzt ist der Moment, die eigenen Kompetenzen auszubauen, den technischen Wandel aktiv zu gestalten und die Verkehrsdatensimulation als integralen Bestandteil der Infrastrukturplanung zu etablieren. Wer sich frühzeitig mit den Potenzialen und Grenzen der Simulation auseinandersetzt, kann nicht nur Planungsfehler vermeiden, sondern auch innovative, nachhaltige und lebenswerte Städte schaffen.

Die Zukunft der Stadtplanung ist datengetrieben, vernetzt und proaktiv – und die Verkehrsdatensimulation ist ihr Kompass. Wer diese Chance ergreift, plant nicht nur für heute, sondern baut die Grundlage für die urbane Resilienz und Lebensqualität von morgen. Und das ist am Ende weit mehr als ein technischer Fortschritt – es ist der Schlüssel zu einer wirklich zukunftsfähigen Stadt.

Zusammenfassung: Verkehrsdatensimulation als Infrastrukturvorabprüfung ist kein technischer Trend, sondern eine Revolution für die urbane Planungspraxis. Sie ermöglicht es, Infrastrukturvorhaben datenbasiert, transparent und partizipativ zu gestalten und so Planungsfehler, Ineffizienzen und Akzeptanzprobleme zu vermeiden. Die technischen Grundlagen sind hochentwickelt, die Anwendungsmöglichkeiten vielfältig – von der Mikrosimulation einzelner Knotenpunkte bis zur Integration in digitale Stadtzwillinge. Gleichzeitig erfordern Governance, Datenschutz und gesellschaftliche Verantwortung neue Standards und ein Umdenken in der Planungskultur. Die Zukunft der Verkehrsdatensimulation liegt in ihrer ganzheitlichen, offenen und nachhaltigen Anwendung – als Kompass für die Stadt von morgen, in der intelligente Infrastruktur keine Vision mehr ist, sondern gelebter Alltag. Wer jetzt die Weichen stellt, kann aus Simulation Wirklichkeit werden lassen. Und das, verehrte Leserschaft, ist echte urbane Avantgarde.

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Die Mitte von Berlin bleibt grün

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Die Perspektive zeigt die geplanten Stufen am Ufer der Spree.

1. Preis an Büro RMP Lenzen: Stufen am Ufer der Spree mit Blick auf Dom (Visualisierung: RMP Lenzen)

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Es geht um eine prominente Fläche in Berlins historischer Mitte: Eingespannt zwischen dem neuen Humboldt-Forum und dem Fernsehturm bekommen das Rathaus- und Marx-Engels-Forum eine neue Gestaltung. Das Büro RMP Stephan Lenzen hat den Wettbewerb für die grüne Mitte von Berlin gewonnen.

Dort wo die Wurzeln der Stadt Berlin liegen, wird demnächst nicht wieder gebaut. Die Freifläche von Rathaus- und Marx-Engels-Forum bleiben Grün. Allerdings erhält das Areal eine neue Gestaltung, die in einer Freitreppe zur angrenzenden Spree mündet. Die Berliner Senatsverwaltung hat im Frühjahr zu einem Wettbewerb eingeladen. Nach einer ersten Phase durften die Bürger*innen mitreden. Daraufhin entwickelten insgesamt 21 Landschaftsarchitekturbüros ihre Ideen in der zweiten Phase des Wettbewerbs weiter. Die Landschaftsarchitek*innen vom Büro RMP Stephan Lenzen überzeugten schließlich die Jury. Sie schlugen ein zentrales Band vor, das denkmalgeschützte Bereiche des Rathausforums mit dem Marx-Engels-Forum verbindet. Dieses grüne Band endet in einer großen Treppe am Ufer der Spree. Gegenüber, auf der anderen Seite des Wasser, strahlt die Ostfassade des neuen Humboldt-Forums.

 

Viel Geschichte inmitten von Berlin

 

Früher hiess die Freifläche inmitten des alten Berlins „Park an der Spree“. Als eine der zentralsten Grünflächen im Ortsteil Mitte geht sie auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Der hatte das dortige Heilig-Geist-Viertel beschädigt, was schließlich die DDR-Führung veranlasst hat, es abzureißen. Seitdem ist die Fläche zwischen Karl-Liebknecht-Straße im Norden, dem Park am Fernsehturm im Osten, der Rathausstraße im Süden und der Spree im Westen unbebaut. Mittendrin stand lange ein Denkmalensemble, das jedoch beim Bau der U-Bahn an den nordwestlichen Rand rücken musste. Bereits seit den 1990er-Jahren wird über die Zukunft des Marx-Engels-Forums diskutiert. Die Ideen waren vielfältig. Sie reichten vom Wiederaufbau des Heilig-Geist-Viertels bis zur Gestaltung eines Parks am Marx-Engels-Forum. Letztere hat sich schließlich durchgesetzt. 

Wettbewerbsaufgabe Marx-Engels-Forum

Die Gestaltung eines Parks auf dem Marx-Engels-Forum galt es nun, im Rahmen des Ideen- und Realisierungswettbewerb zu konkretisieren. Die Teilnehmer*innen waren gefragt, sich mit dem Gründungsort Berlins, mit den im Boden verborgenen historischen Schichten und der Umgebung auseinanderzusetzen. Am Ende der langen Debatte um die Zukunft dieses Ortes entstanden Bürgerleitlinien zur künftigen Entwicklung des Rathaus- und des Marx-Engels-Forums. Darin heißt es, dass ein Freiraum zu entwerfen ist, der den Dimensionen und der Bedeutung des Standortes gerecht wird und die Identität des Ortes stärkt. Darüber hinaus soll er die bewegte Geschichte erlebbar machen und gleichzeitig vielfältige und intensive Nutzungen ermöglichen. 

In der ersten Phase fragte der Wettbewerb zunächst nach einer Vision und einer Idee für das gesamte Marx-Engels-Forum. Erst die Teilnehmer*innen der zweiten Phase mussten ihre Vision herleiten. Darüber hinaus skizzierten sie im Ideenteil des Wettbewerbs einen Zwischenzustand für das Jahr 2030. In einem dritten Realisierungsteil war dann die konkrete Umsetzung für 2024 aufzuzeigen. Diese stufenweise Herangehensweise geht auf die angestrebte, schrittweise Realisierung des Projekts zurück. Die wird einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen. Entsprechend müssen die Ideen auf einer klaren Haltung basieren und viel Flexibilität für die prozesshafte Umsetzung bieten. 

 

Marx-Engels-Forum: überzeugender Entwurf von RMP Lenzen

 

Die Landschaftsarchitekt*innen vom Büro RMP Lenzen lieferten die überzeugendste Lösung für die neue Gestaltung von Rathaus- und Marx-Engels-Forum. Sie entwarfen einen Freiraum, der von einer markanten Figur geprägt ist. Er sieht vor, das Rathaus- und das Marx-Engels-Forum von Bebauung freizuhalten. Der grüne Raum verspricht eine hohe Aufenthaltsqualität mit Flächen zum Flanieren, zum Ausruhen, zum Genießen von spektakulären Aussichten auf Dom, Humboldt-Forum und Fernsehturm. RMP Lenzen bestückt den neuen Raum mit viel Grün und mit vielen schattenspendenden Bäumen. Aber auch Wasser gehört dazu, das zur Kühlung beiträgt sowie Versickerungsflächen, die zu einem künftigen Regenwassermanagement passen. Insgesamt sieht der Beitrag zum Wettbewerb Marx-Engels-Forum einen modernen, klimaresilienten Stadtraum vor, der vielfältige Nutzungen ermöglicht. 

Gut Ding braucht Weile

Mit der Idee, zunächst einen Grünraum im Herzen des alten Berlin anzulegen, bleiben Chancen für nächste Generationen erhalten. Für die nahe Gegenwart hat das Preisgericht empfohlen, die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Arbeit von RMP Lenzen zu realisieren. Damit geht eine kontroverse Debatte zu Ende. Wohl kaum ein Ort in Berlin hat mehr Planungen und Diskussionen erlebt als das Marx-Engels-Forum. Aber für den Bausenator steht fest, dass die Stadt Berlin richtig gehandelt hat. Sie hat hier nach dem Fall der Mauer keine überstürzte Planung realisiert. Nun kann vor dem Hintergrund aktueller Planungen für den Alexanderplatz und den Molkenmarkt und unter dem Vorzeichen von Klimaanpassung und Mobilitätswende in Ruhe gestaltet werden.

Sie möchten mehr über Projekte der Hauptstadt erfahren? Wir haben die nächsten Planungsschritte auf dem ehemaligen Flughafenareal Berlin Tegel für Sie zusammengefasst.

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Wettbewerbsübersicht Dezember 2018 (2/2)

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Bewegung und Begegnung. © KCAP GmbH mit Ramboll Studio Dreiseitl

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Kulturquartier Lagarde-Campus, Bamberg – 1. Preis hutterreimann Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin, mit Sauerzapfe Architekten, Berlin

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse im Dezember.

Straßenräume in Wiehl – 1. Preis Lex-Kerfers Landschaftsarchitekten, Bockhorn

Die Konversion der Lagarde-Kaserne soll in Bambergs Osten einen lebendigen, nutzungsgemischten Stadtteil schaffen – mit dem „Kulturquartier Lagarde“ als attraktive Quartiersmitte. Zwei Stadtplätze prägen zukünftig die neue Mitte und sollen mit ihrer frühzeitigen Schaffung einen wichtigen Baustein zur Entwicklung des Quartiers bilden. Der Siegerentwurf sieht zwei Baumhaine vor, welche die beiden Plätze verbinden, aber jedem einzelnen einen eigenen Charakter zugestehen. Der Lagarde-Platz südlich der Reithalle gestaltet sich als grüner Quartiersplatz, der stellvertretend für das gesamte Quartier, seine Transformation, sowie die nachhaltige Neuausrichtung steht. Der Platz ist Endpunkt der Grünverbindung Richtung Ostpark und zugleich urbanes Entrée des Quartiers. Als belebter Gegenpol dazu präsentiert sich der Kulturhof zwischen Reit- und Posthalle: Er ist unprätentiös und flexibel bespielbar, so die Jury. Außerdem bildet der Stadtplatz einen wichtigen Ankerpunkt für die Stadtverbindung zur Innenstadt.

Planungsdialog Hafner in Konstanz – 1. Preis KCAP, Zürich, mit Ramboll Studio Dreiseitl, Überlingen

Ein Transitraum wird zum Aufenthaltsraum, so die Entwurfsintention von Lex-Kerfers Landschaftsarchitekten für das Zentrum von Wiehl. Ihr Siegerentwurf überwindet die starke Trennung des zergliederten Stadtraums und definiert Rathaus- und Hem-Platz als zentralen Platz am Kreuzungspunkt der Stadtachsen. Zukünftig prägt Naturstein das Zentrum – Farbnuancen und Materialwechsel berücksichtigen dabei die historische Differenzierung von Fahrbahn, Fußgängerbereich und Platzfläche. Der durchgehende Belag ermöglicht es, die angrenzenden Flächen anzubinden. Zusätzlich integriert eine breite winkelförmige Freitreppe die Kirche in den Stadtraum. Ein neuer Weg zwischen Rathaus und Kirche verbindet barrierefrei zur südlich gelegenen Wiehlaue. Um den Blick in die Flussaue zu ermöglichen, stellt der Entwurf die Wiehlbrücke frei. Zusätzliche Treppen und Bastionen vergrößern die Kontaktzone zum Fluss. Die neuen Stadtbäume bilden mit auffälliger Blüte und Herbstfärbung einen spannenden Kontrast zur Aue. Prägende Möblierungselemente wie die Baumbänke entwickeln die Planer in Anlehnung an regionaltypische Gestaltungselemente und Materialien.

In Konstanz soll mit rund 2800 Wohneinheiten der neue Stadtteil Hafner entstehen. Das Planungsteam aus KCAP und Ramboll Studio Dreiseitl überzeugte die Jury mit einer prägnanten Entwurfsidee, dem sogenannten „Hafner-Ring“. Zusätzlich zur großen grünen Mitte bildet das grüne Infrastrukturband eine freiraum- und städtebaulich relevante Struktur für den Stadtteil mit seinen zukünftig rund 8000 Bewohnern. Das grüne Band zieht sich mit robusten und multifunktional nutzbaren Erholungs- und Erlebnisräumen im Bogen durch das neue Stadtquartier und verbindet es mit dem historischen Kern Wollmatingen. Das Siegerteam sieht für das rund 60 Hektar große Areal keine strikte Trennung zwischen Wohnen und Gewerbe vor. Stattdessen mischen die Planer die Nutzungen. Das Quartier ist weitgehend autofrei konzipiert und stellt die Lebensqualität in den Vordergrund. Die Jury sieht in dem Entwurf das größte Innovationspotential, um den Stadtteil zukunftsfähig zu gestalten, sowie an Veränderungen der nächsten Jahre anzupassen.

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