Verkehrsflächen umverteilen – die neue Geometrie der Stadt

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Gruppe von Menschen vor einem städtischen Gebäude, aufgenommen von Shannia Christanty in der Schweiz.

Die Straßen sind voll, die Plätze leer – und trotzdem fehlt Raum für Leben? Willkommen im Zeitalter der Flächenumverteilung! Wer heute über die Zukunft der Stadt redet, kommt an der neuen Geometrie des öffentlichen Raums nicht mehr vorbei. Ob Parklet, Pop-up-Radweg oder autofreie Zonen: Die Frage, wem der Straßenraum gehört, ist längst zur Schlüsselfrage urbaner Transformation geworden. Doch wie gelingt die Umverteilung von Verkehrsflächen klug, fair und zukunftsfähig? Was bedeutet das für Planung, Gestaltung und Stadtgesellschaft – und wie sieht die Stadt von morgen tatsächlich aus?

  • Überblick über die Entwicklung und aktuelle Bedeutung der Verkehrsflächenumverteilung in urbanen Zentren.
  • Analyse der politischen, planerischen und gesellschaftlichen Treiber dieser Transformation.
  • Darstellung zentraler Herausforderungen – von rechtlichen Hürden bis hin zu Nutzungskonflikten.
  • Detaillierte Einblicke in innovative Planungsinstrumente, Gestaltungsoptionen und Beteiligungsformate.
  • Fallstudien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Was funktioniert, was nicht?
  • Diskussion der Rolle neuer Technologien, etwa datenbasierte Simulation und Echtzeit-Feedback in der Verkehrsflächenumverteilung.
  • Bewertung der Auswirkungen auf Klimaresilienz, soziale Gerechtigkeit und urbane Lebensqualität.
  • Ausblick auf die zukünftige „Geometrie der Stadt“ – Chancen, Risiken und konkrete Handlungsempfehlungen.

Von Autostraße zu Stadtraum: Warum die Verkehrsfläche zur Gestaltungsfrage wird

Die städtische Verkehrsfläche ist längst kein neutrales Terrain mehr, das ausschließlich dem fließenden und ruhenden Verkehr dient. Vielmehr ist sie zum Schauplatz gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse geworden – ein Spiegel der Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. Während in der Nachkriegsmoderne der Vorrang des Autos fast sakrosankt war, erleben wir heute eine fundamentale Kehrtwende: Städte wie Berlin, München, Zürich oder Wien diskutieren und erproben eine neue Verteilung des öffentlichen Raums. Das Ziel? Lebensqualität erhöhen, Umweltbelastungen reduzieren und Flächen gerechter unter den verschiedenen Nutzergruppen verteilen.

Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern eine Reaktion auf drängende Herausforderungen. Klimakrise, demografischer Wandel, Digitalisierung und der Wunsch nach mehr städtischer Aufenthaltsqualität üben Druck auf das bestehende Flächenregime aus. Die klassische Straßenquerschnittsaufteilung – Fahrbahn, Parkstreifen, schmale Gehwege – hat ausgedient. Stattdessen treten multifunktionale Räume, adaptive Straßenmöblierung und experimentelle Nutzungen in den Vordergrund. Verkehrsflächen werden so zum Labor für urbane Innovation.

Die neue Geometrie der Stadt ist dabei keineswegs ein technokratisches Reißbrettprodukt. Sie ist Ergebnis politischer Debatten, planerischer Visionen und nicht zuletzt zivilgesellschaftlichen Engagements. Ohne die beharrlichen Forderungen von Initiativen, Umweltverbänden, Quartiersbewohnern und lokalen Unternehmen wäre die Umverteilung vielerorts kaum denkbar gewesen. Damit wird deutlich: Verkehrsflächenumverteilung ist ein zutiefst demokratischer Prozess – offen, konfliktreich, aber auch voller kreativer Potenziale.

Doch der Weg von der Autostraße zum Stadtraum ist steinig. Bestehende Rechtslagen, Besitzstände und Gewohnheiten verteidigen das Status quo mit Zähnen und Klauen. Wer an die Straßenbreite geht, greift tief in das städtische „Betriebssystem“ ein – und wird zwangsläufig mit Widerständen konfrontiert. Dennoch zeigt die Praxis: Wo mutig umverteilt wird, entstehen neue Freiräume, lebendige Quartiere und oft ganz unerwartete Allianzen.

Die zentrale Herausforderung für Planer, Landschaftsarchitekten und Stadtverwaltungen liegt deshalb in der klugen Steuerung dieses Transformationsprozesses. Es gilt, Nutzungskonflikte zu moderieren, Gestaltungsqualität zu sichern und die Stadtgesellschaft dauerhaft einzubinden. Nur so wird aus der viel beschworenen Verkehrswende tatsächlich eine urbane Flächenwende – und aus asphaltierter Fläche ein echter Stadtraum.

Instrumente und Strategien: Wie Verkehrsflächen heute (um-)geplant werden

Wer Verkehrsflächen umverteilen will, braucht mehr als eine gute Idee und ein paar bunte Markierungen. Entscheidend ist der Einsatz passgenauer Planungsinstrumente, rechtlicher Werkzeuge und partizipativer Formate. In den letzten Jahren hat sich hier ein beeindruckendes Repertoire entwickelt, das von kurzfristigen Interventionen bis zur langfristigen Umgestaltung reicht. Pop-up-Radwege, temporäre Spielstraßen, Parklets oder saisonale Umnutzungen sind dabei weit mehr als PR-Gags. Sie dienen als Reallabore, in denen neue Nutzungsmöglichkeiten getestet, Akzeptanz geprüft und städtische Routinen durchbrochen werden.

Ein zentrales Instrument ist die flexible Straßenraumgestaltung. Durch modulare Möblierung, mobile Begrünung und temporäre Sperrungen lassen sich Straßenflächen schnell und kostengünstig in Aufenthalts- und Begegnungsräume verwandeln. Städte wie Zürich, Basel oder Hamburg nutzen diese Taktik, um Veränderungen sichtbar und erlebbar zu machen – bevor teure Umbauten erfolgen. Diese „Taktische Urbanistik“ hat sich als Mittel der Wahl etabliert, um Planungsprozesse zu beschleunigen und Bürger frühzeitig einzubinden.

Langfristige Flächenumverteilung erfordert hingegen einen robusten rechtlichen Rahmen und kluge Steuerungsmechanismen. Hier kommen Bebauungspläne, Verkehrsentwicklungspläne und stadtweite Mobilitätsstrategien ins Spiel. Sie definieren Zielbilder, setzen Prioritäten und geben Orientierung für die Verteilung des Straßenraums. Immer wichtiger wird dabei der Einsatz digitaler Werkzeuge: GIS-gestützte Analysen, Simulationen von Verkehrsflüssen oder digitale Beteiligungsplattformen ermöglichen es, Varianten zu vergleichen und Entscheidungsprozesse transparent zu gestalten.

Neben der planerisch-technischen Seite ist die dialogische Kompetenz entscheidend. Die besten Flächenkonzepte nützen wenig, wenn sie auf Widerstand stoßen oder an den Bedürfnissen der Quartiersbewohner vorbeigehen. Erfolgreiche Umverteilung gelingt nur, wenn Planungsbehörden, Politik, Anwohnerschaft und lokale Akteure kontinuierlich ins Gespräch kommen. Beteiligungsformate wie Stadtteilwerkstätten, Planungsrunden oder digitale Dialogplattformen sind daher nicht Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der neuen Geometrie der Stadt.

Ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor ist zudem die kommunikative Begleitung: Visualisierungen, Simulationen und anschauliche Vorher-Nachher-Bilder helfen, abstrakte Planungsziele greifbar zu machen und Ängste abzubauen. Wer die Vorteile einer neuen Flächenaufteilung erlebbar macht – etwa durch sommerliche Sitzlandschaften, Nachbarschaftsfeste oder urbanes Gärtnern auf ehemaligen Parkplätzen – gewinnt Verbündete. Die Umverteilung von Verkehrsflächen ist eben auch immer ein Wettlauf um Sichtbarkeit, Akzeptanz und die bessere Geschichte.

Praxisbeispiele: Gelingende Umverteilung in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Die Theorie klingt überzeugend, doch wie sieht die Umverteilung von Verkehrsflächen konkret aus? Ein Blick auf gelungene Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt: Es geht – wenn Mut, kluge Planung und Dialogbereitschaft zusammenkommen. So hat etwa die Stadt Wien mit der Umgestaltung des Mariahilfer Straßenzugs europaweit Maßstäbe gesetzt. Was einst eine von Autos dominierte Ausfallstraße war, ist heute eine lebendige Flaniermeile mit großzügigen Gehflächen, Aufenthaltsbereichen und einer attraktiven Mischung aus Handel, Gastronomie und urbanem Grün. Entscheidend war hier nicht nur die planerische Qualität, sondern auch ein ausgefeiltes Beteiligungsverfahren, das Konflikte frühzeitig aufgriff und Lösungen im Dialog entwickelte.

Ein weiteres Beispiel liefert die Stadt Zürich mit ihrem Programm „Stadträume 2025“. Hier wurden Straßenabschnitte temporär für den Autoverkehr gesperrt und für Fußgänger sowie Radfahrer geöffnet. Die Resonanz war überwältigend positiv, viele Maßnahmen wurden nach der Testphase dauerhaft etabliert. Besonders innovativ ist die Kombination von klassischen Gestaltungsmaßnahmen mit digitalen Tools: Verkehrsdaten werden in Echtzeit ausgewertet und für die Feinsteuerung der Umnutzung genutzt. So lassen sich Engpässe, Nutzungskonflikte und Verkehrsverlagerungen frühzeitig erkennen und adressieren.

Auch in Deutschland gibt es Beispiele, die zeigen, wie erfolgreiche Flächenumverteilung funktioniert. Die Umgestaltung der Berliner Friedrichstraße zur temporären Fußgängerzone hat nicht nur den Autoverkehr reduziert, sondern auch neue Impulse für Handel, Kultur und urbane Begegnung gesetzt. Trotz heftiger Debatten und juristischer Hürden gelang es, die Vorteile für die Stadtgesellschaft sichtbar zu machen und eine breite Diskussion über die Zukunft des Straßenraums anzustoßen. In Hamburg wiederum wird im Projekt „Ottensen macht Platz“ die Umverteilung mit einer Mischung aus Bürgerbeteiligung, temporärer Sperrung und flexibler Flächengestaltung erprobt – mit beachtlichem Erfolg.

In der Schweiz sind es vor allem kleinere und mittlere Städte, die mit kreativen Ansätzen punkten. Ob autofreie Innenstädte, verkehrsberuhigte Quartiere oder die Transformation von Parkplätzen zu Mini-Plätzen mit urbaner Begrünung: Die Bandbreite ist groß, das Ziel stets dasselbe – mehr Raum für Menschen, weniger für Blech. Entscheidend ist dabei, dass die Projekte nicht als „Anti-Auto-Maßnahmen“ verkauft werden, sondern als Chance für die gesamte Stadtgesellschaft.

Alle Beispiele zeigen: Erfolgreiche Umverteilung braucht einen langen Atem, Offenheit für Experimente und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Sie verlangt von Planern und Verwaltungen, über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu schauen und neue Allianzen zu schmieden. Nur so wird aus der Vision einer neuen Geometrie der Stadt gelebte Realität.

Neue Technologien, Daten und die Zukunft der Flächenverteilung

Kaum ein Bereich des urbanen Wandels ist so eng mit technologischen Innovationen verknüpft wie die Verkehrsflächenumverteilung. Digitale Tools eröffnen heute Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren. Echtzeitanalysen von Verkehrsströmen, intelligente Sensorik zur Erfassung von Luftqualität oder die Simulation alternativer Flächenaufteilungen – all das macht es möglich, den Straßenraum nicht nur nach Bauchgefühl, sondern datenbasiert und zielgenau umzubauen. Städte wie München, Basel oder Wien setzen zunehmend auf Urban Data Platforms, um die Auswirkungen von Flächenumverteilungen in Echtzeit zu monitoren und flexibel nachzusteuern.

Besonders spannend ist der Einsatz sogenannter Digital Twins – also digitaler Zwillinge urbaner Räume. Mit ihnen lassen sich verschiedene Nutzungsszenarien simulieren, Konflikte frühzeitig erkennen und ressourcenschonende Lösungen entwickeln. Auf Basis von Sensordaten, Verkehrsmodellen und Bürgerfeedback können Planer vorab testen, wie sich ein neuer Radweg, eine temporäre Spielstraße oder die Umwandlung von Parkplätzen in Grünflächen tatsächlich auswirken würden. Das macht Planungsprozesse nicht nur effizienter, sondern auch transparenter und nachvollziehbarer.

Ein weiterer Technologieschub kommt aus der Welt der Beteiligung. Digitale Partizipationsplattformen, interaktive Karten und Augmented-Reality-Anwendungen ermöglichen es, die Stadtgesellschaft unmittelbar in die Neugestaltung des Straßenraums einzubinden. Bürger können Vorschläge machen, Konfliktpunkte markieren oder eigene Ideen visualisieren. Das stärkt nicht nur die Akzeptanz, sondern sorgt auch für kreativen Input, den klassische Planungsprozesse oft vermissen lassen.

Doch die technische Aufrüstung hat auch ihre Schattenseiten. Wer Verkehrsflächenumverteilung ausschließlich als datengetriebenes Optimierungsprojekt versteht, läuft Gefahr, soziale Fragen aus dem Blick zu verlieren. Die beste Simulation nützt wenig, wenn sie die Bedürfnisse benachteiligter Gruppen oder die informellen Nutzungen des Straßenraums ignoriert. Es gilt daher, Datenkompetenz mit sozialem Feingefühl zu kombinieren – und die digitale Stadt stets als sozialen Raum zu verstehen.

Die Zukunft der Flächenverteilung wird daher hybrid sein: Sie verbindet Hightech mit Lowtech, Daten mit Dialog, Simulation mit Experiment. Nur so lässt sich die neue Geometrie der Stadt gestalten – als urbanes Gesamtkunstwerk, das den Bedürfnissen von Mensch, Umwelt und Stadtgesellschaft gleichermaßen gerecht wird.

Resümee: Die neue Geometrie der Stadt als Chance für nachhaltige Urbanität

Die Umverteilung von Verkehrsflächen ist weit mehr als eine technische Aufgabe. Sie ist der Schlüssel zu einer lebenswerten, resilienten und sozial gerechten Stadt. Wer heute den Straßenraum neu denkt, gestaltet nicht nur Wege und Plätze, sondern das urbane Zusammenleben von morgen. Die neue Geometrie der Stadt ist dabei kein starres Modell, sondern ein dynamischer Prozess – geprägt von Experimenten, Dialog und der Bereitschaft, alte Gewohnheiten infrage zu stellen.

Erfolgreiche Umverteilung gelingt nur, wenn Planung, Gestaltung und Stadtgesellschaft an einem Strang ziehen. Mutige Pilotprojekte, innovative Technologien und eine offene Kommunikationskultur sind dabei ebenso wichtig wie klar definierte Ziele und langfristige Strategien. Die Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen: Es gibt kein Patentrezept, aber viele Wege zum Ziel. Entscheidend ist der Wille, die Stadt nicht als Summe von Verkehrswegen zu begreifen, sondern als Lebensraum für alle.

Die Planer, Architekten und Stadtverwaltungen von heute stehen vor der Herausforderung, die Flächenwende mit Augenmaß, Kreativität und sozialer Verantwortung zu gestalten. Sie sind gefragt, Konflikte zu moderieren, Chancen zu nutzen und die Stadtgesellschaft aktiv einzubinden. Nur so wird aus der Umverteilung von Verkehrsflächen ein echter Gewinn für Klima, Lebensqualität und urbane Vielfalt.

Die neue Geometrie der Stadt ist mehr als ein planerisches Konzept. Sie ist Ausdruck eines Paradigmenwechsels in der Stadtentwicklung: Weg vom Primat des Autos, hin zu einer Stadt für Menschen. Wer diesen Wandel mutig gestaltet, investiert nicht nur in bessere Räume, sondern in die Zukunft urbaner Lebenskunst. Und genau das ist es, was nachhaltige Stadtentwicklung heute ausmacht.

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Slow Food Landscape bei Turin

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Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.