Stadtklimaanalyse verpflichtend? – Planungspraxis auf dem Prüfstand

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Stadtansicht mit dichter Verkehrslage und modernen Hochhäusern, fotografiert von Bin White.

Stadtklimaanalyse – ein sperriges Wort für ein brisantes Thema: Angesichts zunehmender Hitzewellen, Starkregen und urbaner Überhitzung stellt sich die Frage, wie Städte ihre Klimaresilienz wirklich stärken können. Reicht Freiwilligkeit? Oder braucht es eine verpflichtende Stadtklimaanalyse für jede Planung? Was in der Theorie nach Zukunftsmusik klingt, entscheidet in der Praxis längst über Lebensqualität, Gesundheit und Investitionssicherheit. Zeit, die Planungspraxis auf den Prüfstand zu stellen – mit all ihren Herausforderungen, Chancen und Widersprüchen.

  • Definition und Bedeutung der Stadtklimaanalyse für die nachhaltige Stadtentwicklung
  • Rechtliche Grundlagen und aktuelle Debatten zur Verpflichtung von Stadtklimaanalysen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Praktische Erfahrungen: Wie beeinflusst die Stadtklimaanalyse konkrete Planungsprozesse?
  • Herausforderungen: Datenlage, Methodik und interdisziplinäre Zusammenarbeit
  • Innovative Tools und digitale Methoden von der klassischen Klimaanalyse bis zu Urban Digital Twins
  • Kritische Reflexion: Chancen, Risiken und Grenzen einer Verpflichtung
  • Fallbeispiele aus deutschen, österreichischen und Schweizer Städten
  • Empfehlungen für die Planungspraxis und nachhaltige Governance
  • Abschließende Bewertung: Mehr Pflicht, mehr Qualität?

Stadtklimaanalyse: Fundament für klimaangepasste Stadtplanung

Wer heute Stadt plant, plant im Schatten des Klimawandels. Hitzerekorde, Überflutungen und Trockenperioden sind keine abstrakten Bedrohungen mehr, sondern handfeste Planungsparameter. Die Stadtklimaanalyse hat sich dabei in den letzten zwei Jahrzehnten vom Nischenthema zur zentralen Entscheidungsgrundlage entwickelt. Doch was ist eine Stadtklimaanalyse eigentlich? Im Kern handelt es sich um eine systematische Erfassung, Bewertung und Kartierung der klimatischen Bedingungen im urbanen Raum – mit dem Ziel, klimatologische Risiken, Potenziale und Handlungsbedarfe für die Stadtentwicklung transparent zu machen.

Die Methodik reicht von klassischen Klimakarten, die Windströme, Kaltluftentstehung oder Hitzeinseln visualisieren, über thermische Belastungskarten bis hin zu hochdynamischen Simulationsmodellen. Ziel ist stets, die Auswirkungen von Bebauungsstrukturen, Grünflächen, Versiegelung oder Verkehrsströmen auf das Mikroklima sichtbar zu machen – und daraus konkrete Empfehlungen für die Planung abzuleiten. Wer etwa weiß, wo nächtliche Kaltluftschneisen verlaufen, kann gezielt Frischluftkorridore sichern. Wo Hitzeinseln entstehen, müssen Verdunstungsflächen und Verschattungen geplant werden. Die Stadtklimaanalyse ist damit weit mehr als ein schönes Add-on für ambitionierte Kommunen. Sie ist ein Überlebenswerkzeug für Städte, die auch in 20 Jahren noch als lebenswert gelten wollen.

Dennoch gibt es bis heute keine flächendeckende, verpflichtende Anwendung in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Die meisten Kommunen setzen auf Freiwilligkeit, Leitfäden und Empfehlungen. In der Praxis bedeutet das: Die Qualität der Klimaanalysen und ihr Einfluss auf die Planung schwanken erheblich – je nach politischem Willen, Budget und Know-how. Während Metropolen wie Stuttgart, Wien oder Zürich auf hochdetaillierte Klima-Gutachten und digitale Analysesysteme setzen, bleibt das Thema in vielen Mittel- und Kleinstädten ein Stiefkind. Das Problem: Klimaanpassung ist kein Luxusproblem der Großstadt, sondern betrifft jede Siedlung, jedes Quartier.

Umso spannender ist die aktuelle Debatte: Sollten Stadtklimaanalysen verpflichtend für alle Planungsverfahren werden – analog zu Umweltverträglichkeitsprüfungen oder Artenschutzgutachten? Die Befürworter argumentieren, dass nur eine rechtliche Pflicht sicherstellt, dass Klimarisiken systematisch und frühzeitig berücksichtigt werden. Kritiker warnen vor Bürokratisierung, Kosten und Scheingenauigkeit. Die Wahrheit liegt – wie so oft – dazwischen. Klar ist: Ohne belastbare klimaökologische Datengrundlagen bleibt nachhaltige Stadtplanung ein Blindflug. Und der wird im Klimawandel immer riskanter.

Der Paradigmenwechsel ist längst im Gange. Immer mehr Städte erkennen: Nur wer das Stadtklima versteht, kann Stadtentwicklung zukunftsfähig gestalten. Die Stadtklimaanalyse ist dafür kein Selbstzweck – sondern die Eintrittskarte in die klimaresiliente Stadt der Zukunft. Doch wie verbindlich muss sie in der Planungspraxis wirklich sein?

Rechtlicher Status und Normierungsdebatte: Pflicht oder Kür?

Anders als bei Umweltverträglichkeitsprüfungen, Schallschutz- oder Bodengutachten gibt es bislang keine explizite, bundesweit einheitliche Verpflichtung zur Durchführung von Stadtklimaanalysen in Deutschland. Zwar finden sich im Baugesetzbuch (BauGB) und den Landesbauordnungen zahlreiche Verweise auf Klimaschutz und Klimaanpassung. Doch konkrete Vorgaben zur Analyse, Methodik oder Umsetzung fehlen meist. Das eröffnet Interpretationsspielräume – und macht die Stadtklimaanalyse vielerorts zur Ermessenssache. In Österreich und der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild: Auch hier existieren Empfehlungen und Leitfäden, jedoch keine normierte Pflicht.

Der Druck zum Handeln wächst jedoch spürbar. Immer mehr Bundesländer und Kommunen integrieren Vorgaben zur Stadtklimaanalyse in ihre Bauleitplanung, sei es durch Klima-Leitbilder, kommunale Satzungen oder spezielle Fachgutachten. Besonders fortschrittlich: Baden-Württemberg hat im Zuge der Landesbauordnung bereits 2019 klargestellt, dass städtebauliche Planungen die Ergebnisse der Stadtklimaanalyse berücksichtigen sollen. In Hessen und Nordrhein-Westfalen gibt es vergleichbare Regelungen. Auf Bundesebene arbeitet das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) an Empfehlungen und Standards, während die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG) sich für eine stärkere rechtliche Verankerung einsetzt.

Die Argumente für eine Verpflichtung sind zahlreich. Erstens: Nur eine rechtliche Pflicht garantiert, dass klimatische Belange nicht dem politischen Tagesgeschäft oder kurzfristigen Investoreninteressen geopfert werden. Zweitens: Sie schafft Planungssicherheit und Vergleichbarkeit für alle Beteiligten – Investoren, Planer, Verwaltung und Öffentlichkeit. Drittens: Sie stärkt die Position von Umwelt- und Klimaschutz in der Abwägung der öffentlichen und privaten Interessen. Andererseits warnen Kritiker vor überbordender Bürokratie, steigenden Kosten und einer Scheingenauigkeit von Gutachten, die oft auf unzureichender Datenlage basieren. Sie fordern stattdessen praxisnahe, flexible Lösungen, die den lokalen Gegebenheiten Rechnung tragen.

Ein weiteres Argument: Die verpflichtende Stadtklimaanalyse könnte zur Innovationsbremse werden, wenn sie zu starr, zu datenlastig oder zu technokratisch ausgestaltet wird. Besonders kleinere Kommunen fürchten einen hohen Aufwand, der nicht im Verhältnis zum Nutzen steht. Hier sind Bund und Länder gefordert, durch Standardisierung, Förderprogramme und praxisnahe Leitfäden Abhilfe zu schaffen. Klar ist: Die Verpflichtung allein macht noch keine gute Klimaanalyse – aber sie ist ein wichtiger Schritt zu mehr Qualität und Verbindlichkeit in der Planungspraxis.

Die Debatte bleibt spannend. Während einige Städte und Länder bereits Nägel mit Köpfen machen, bleibt andernorts vieles freiwillig – und damit volatil. Die Zukunft der klimaresilienten Stadt entscheidet sich jedoch nicht im Paragrafendschungel, sondern in der Frage, wie ernst Kommunen die Herausforderung Klimaanpassung wirklich nehmen. Die verpflichtende Stadtklimaanalyse könnte dabei zum Lackmustest für nachhaltige Stadtentwicklung werden.

Stadtklimaanalyse in der Praxis: Daten, Methoden und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Praxis der Stadtklimaanalyse ist so vielfältig wie die Städte selbst. Während Metropolen wie Stuttgart, München oder Zürich auf ein dichtes Netz an Messstationen, digitale Simulationsmodelle und interdisziplinäre Teams setzen, müssen kleinere Kommunen oft mit einfachen Klimakarten und externen Gutachtern arbeiten. Die Grundstruktur bleibt jedoch ähnlich: Am Anfang steht die Datenerhebung – von meteorologischen Messungen über Satellitenbilder bis zu stadtklimatologischen Erhebungen. Ergänzt werden diese Daten durch GIS-Analysen, Gebäudestrukturen, Vegetationskartierungen und Verkehrsströme.

Die Auswertung erfolgt meist in mehreren Stufen. Zunächst werden klimatische Problemzonen wie Hitzeinseln, Frischluftbahnen oder Stauluftbereiche identifiziert. Anschließend werden Szenarien für unterschiedliche Planungsvarianten entwickelt – etwa: Wie verändert sich die Wärmebelastung bei zusätzlicher Bebauung? Welche Auswirkungen hat eine neue Straße auf die Kaltluftströmung? Die Ergebnisse fließen in die Abwägung der Bauleitplanung ein und dienen als Grundlage für Auflagen, Empfehlungen oder Maßnahmenkataloge. Besonders wichtig: Die Stadtklimaanalyse ist kein statisches Instrument, sondern muss fortlaufend aktualisiert und angepasst werden – insbesondere in Zeiten beschleunigten Klimawandels.

Eine besondere Herausforderung ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Klimatologen, Stadtplaner, Architekten, Landschaftsarchitekten und Umweltämter müssen an einem Strang ziehen – und sprechen dabei nicht immer die gleiche Sprache. Die Übersetzung wissenschaftlicher Analysen in praktikable Planungsentscheidungen verlangt Fingerspitzengefühl, Erfahrung und eine Prise Pragmatismus. Hier zeigt sich oft, dass die besten Ergebnisse nicht aus standardisierten Gutachten, sondern aus maßgeschneiderten, lokal angepassten Analysen entstehen.

Ein weiteres Praxisproblem ist die Datenlage. Während Großstädte auf umfangreiche Klima- und Umweltdaten zugreifen können, sind viele mittlere und kleinere Städte auf landesweite oder regionale Klimamodelle angewiesen – mit entsprechend gröberer Auflösung. Digitale Tools wie Urban Digital Twins, Sensorsysteme und KI-gestützte Simulationen bieten hier zwar neue Möglichkeiten, sind aber in der Breite noch nicht verfügbar. Auch rechtliche Fragen zur Datenhoheit und zum Datenschutz bremsen den flächendeckenden Einsatz moderner Analysetechnologien.

Trotz aller Herausforderungen zeigen zahlreiche Praxisbeispiele: Wo die Stadtklimaanalyse konsequent in die Planung integriert wird, steigen Klimaresilienz, Aufenthaltsqualität und Gesundheit der Bevölkerung messbar. Ob die Analyse verpflichtend sein muss, hängt letztlich davon ab, wie ernst Städte ihre Verantwortung nehmen – und wie sie den Spagat zwischen Verbindlichkeit und Flexibilität meistern.

Digitale Methoden und innovative Ansätze: Von der klassischen Analyse zum Urban Digital Twin

Längst ist die Stadtklimaanalyse aus dem analogen Schattendasein herausgetreten. Digitale Werkzeuge, Simulationen und interaktive Plattformen revolutionieren die Art und Weise, wie urbane Klimadaten erhoben, ausgewertet und in die Planung integriert werden. Besonders im Fokus stehen Urban Digital Twins – digitale Abbilder der Stadt, die Klima-, Umwelt- und Infrastrukturdaten in Echtzeit verknüpfen. Was vor Jahren noch als spektakuläre Spielerei galt, hat sich zum entscheidenden Steuerungsinstrument entwickelt. Städte wie Wien, Zürich oder Hamburg arbeiten bereits mit digitalen Zwillingen, um Auswirkungen von Bebauung, Grünraum oder Mobilität auf das Mikroklima in Echtzeit zu simulieren.

Der Vorteil digitaler Methoden liegt auf der Hand: Sie ermöglichen nicht nur präzisere Analysen, sondern auch die Entwicklung und Bewertung von Szenarien in bislang unerreichter Geschwindigkeit und Detailtiefe. Wo früher Wochen vergingen, um einzelne Planungsvarianten zu berechnen, liefern Urban Digital Twins binnen Minuten fundierte Aussagen zu Temperaturverläufen, Luftströmungen oder Feinstaubbelastung. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für partizipative Planungsprozesse, bei denen Bürger, Politik und Verwaltung gemeinsam an klimaoptimierten Lösungen arbeiten.

Auch klassische Instrumente wie Klimakarten, thermische Belastungskarten oder Frischluftmodellierungen werden durch digitale Tools ergänzt und erweitert. Künstliche Intelligenz unterstützt bei der Auswertung großer Datenmengen, Machine-Learning-Algorithmen erkennen Muster und Korrelationen, die dem menschlichen Auge entgehen. Mobile Sensoren, Drohnen und Satellitendaten liefern hochaktuelle Messwerte – und machen damit auch kurzfristige Planungsanpassungen möglich. Die Integration dieser Technologien in die Stadtklimaanalyse ist jedoch kein Selbstläufer. Sie erfordert qualifiziertes Personal, Verfügbarkeit von Daten und eine enge Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Forschung und Wirtschaft.

Ein Risiko digitaler Methoden liegt in der Gefahr der Kommerzialisierung und Intransparenz. Wenn Stadtklimaanalysen zu Black Boxes werden, die nur noch von Softwareanbietern oder Spezialisten verstanden werden, droht die demokratische Kontrolle zu erodieren. Deshalb ist es essenziell, dass digitale Werkzeuge offen, nachvollziehbar und partizipativ gestaltet werden. Nur so kann die Stadtklimaanalyse ihr volles Potenzial als Steuerungs- und Beteiligungsinstrument entfalten.

Die Zukunft der Stadtklimaanalyse ist digital – aber sie bleibt zugleich eine Frage von Governance, Verantwortung und Vertrauen. Nur wenn alle Beteiligten die Chancen und Risiken neuer Technologien souverän abwägen, kann die verpflichtende Stadtklimaanalyse zum Motor nachhaltiger, klimaresilienter Stadtentwicklung werden.

Chancen, Risiken und Grenzen einer Verpflichtung: Ein kritischer Blick auf die Planungspraxis

Die Forderung nach einer verpflichtenden Stadtklimaanalyse klingt auf den ersten Blick nach einer logischen Konsequenz aus den Herausforderungen des Klimawandels. Ein zweiter Blick offenbart jedoch ein komplexes Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Chancen einer Verpflichtung liegen auf der Hand: Sie schafft Verbindlichkeit, stärkt den Stellenwert des Stadtklimas in der Planung und fördert die Entwicklung standardisierter Methoden und Qualitätsstandards. Zugleich kann sie den Innovationsdruck erhöhen – etwa durch die Einführung digitaler Werkzeuge, die bislang nur in Vorreiterstädten zum Einsatz kommen.

Doch eine Verpflichtung birgt auch Risiken. Sie könnte zu einer weiteren Bürokratisierung der Planung führen, insbesondere wenn sie undifferenziert und ohne Rücksicht auf lokale Besonderheiten eingeführt wird. Es besteht die Gefahr, dass Stadtklimaanalysen zur bloßen Pflichtübung verkommen – mit standardisierten Gutachten, die wenig zur tatsächlichen Verbesserung der Klimaresilienz beitragen. Entscheidend ist daher, wie die Verpflichtung ausgestaltet wird. Sie muss flexibel genug sein, um den unterschiedlichen Gegebenheiten vor Ort gerecht zu werden, und zugleich verbindlich genug, um echte Fortschritte zu erzielen.

Die Grenzen der Stadtklimaanalyse liegen vor allem in der Verfügbarkeit und Qualität der Daten, der Komplexität klimatischer Prozesse und der Unsicherheit künftiger Entwicklungen. Kein Gutachten kann alle Risiken ausschließen oder alle Wechselwirkungen korrekt abbilden. Die Stadtklimaanalyse ist deshalb kein Allheilmittel, sondern ein Instrument zur Risikoabschätzung und Entscheidungsunterstützung. Ihre Wirksamkeit hängt maßgeblich davon ab, wie sie in die Gesamtstrategie der Stadtentwicklung eingebettet ist und wie ernst Politik, Verwaltung und Planer die Empfehlungen nehmen.

Ein weiteres Risiko liegt in der Gefahr eines technokratischen Bias. Wenn Stadtklimaanalysen zu stark auf technische Parameter und Simulationen setzen, besteht die Gefahr, dass soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte der Stadtentwicklung in den Hintergrund geraten. Stadtklima ist mehr als Temperatur und Wind – es ist auch eine Frage von Lebensstil, Mobilität, Energieverbrauch und sozialer Gerechtigkeit. Eine gute Stadtklimaanalyse muss diese Dimensionen integrieren, statt sie zu übergehen.

Letztlich entscheidet die praktische Umsetzung über Erfolg oder Misserfolg der verpflichtenden Stadtklimaanalyse. Nur wenn sie als integraler Bestandteil eines partizipativen, transparenten und lernenden Planungsprozesses verstanden wird, kann sie ihre volle Wirkung entfalten. Die verpflichtende Stadtklimaanalyse ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug – und wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wie man es einsetzt.

Fazit: Pflicht zur Stadtklimaanalyse als Schlüssel zur klimaresilienten Stadt?

Die Debatte um die verpflichtende Stadtklimaanalyse ist mehr als eine Frage der Paragrafenreiterei. Sie ist ein Lackmustest für den Ernst, mit dem Städte, Gemeinden und Regionen den Klimawandel in ihrer Planungspraxis adressieren. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen: Freiwilligkeit allein reicht nicht, um die Herausforderungen von Hitze, Überflutung und Luftverschmutzung zu meistern. Eine rechtliche Verpflichtung kann helfen, Verbindlichkeit und Qualität zu sichern – vorausgesetzt, sie wird praxisnah, flexibel und innovativ ausgestaltet.

Die Stadtklimaanalyse ist längst vom Nischenthema zum zentralen Steuerungsinstrument avanciert. Digitale Methoden, interdisziplinäre Ansätze und partizipative Prozesse eröffnen neue Möglichkeiten, Klimaresilienz und Lebensqualität gemeinsam zu gestalten. Doch die Analyse allein genügt nicht. Entscheidend ist, was daraus folgt: Maßnahmen, die das Stadtklima wirklich verbessern, und Prozesse, die Transparenz, Beteiligung und Innovation fördern.

Die Pflicht zur Stadtklimaanalyse ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur nachhaltigen, klimaresilienten Stadt. Sie setzt Standards, schafft Planungssicherheit und stärkt den Klimaschutz im städtischen Alltag. Wer sie als Chance versteht, kann die Weichen für eine lebenswerte, gesunde und zukunftsfähige Stadt stellen – weit über die aktuellen Herausforderungen hinaus.

Am Ende entscheidet die Haltung: Nachhaltige Stadtentwicklung beginnt mit der Bereitschaft, Klima als zentrale Dimension jeder Planung zu begreifen – und mit dem Mut, neue Wege zu gehen. Die verpflichtende Stadtklimaanalyse könnte dabei zum entscheidenden Hebel werden. Wer jetzt handelt, gestaltet nicht nur die Stadt von morgen – sondern sichert auch das Wohl der kommenden Generationen.

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Hans-Hollein-Kunstpreis – erstmals für Landschaft und Städtebau

Der Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur ging dieses Jahr an Auböck + Kárász Landscape Architects. Das Büro war unter anderem auch an der Rekonstruktion und Gestaltung der Belvedere-Gärten in Wien beteiligt. Gugerell, CC0, via Wikimedia Commons
Der Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur ging dieses Jahr an Auböck + Kárász Landscape Architects. Das Büro war unter anderem auch an der Rekonstruktion und Gestaltung der Belvedere-Gärten in Wien beteiligt. Foto: Gugerell, CC0, via Wikimedia Commons

Jedes Jahr vergibt das österreichische Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (BMKÖS) den Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur. 2023 können sich Auböck + Kárász Landscape Architects über den mit 15.000 Euro dotierten Staatspreis freuen. 

Hochwertige Räume für Mensch und Natur

Ihre Arbeiten reicherten den Städtebau mit ökologischen Fragestellungen an und sorgten so für eine Erweiterung des Gestaltungs- und Handlungshorizonts der Architektur, betont die Jury in der Begründung. Erstmals öffnet sich der Preis in Richtung Gestaltung der Landschaft und Städtebau. Immer wichtiger werde es, gerade im Hinblick auf die Klimakrise, auf die wir zusteuern, qualitativ hochwertige Räume sowohl für den Mensch als auch die Natur zu schaffen und neue Formen des Dialogs zwischen beiden zu ermöglichen. 

Eine umfassende Perspektive

Mehr denn je sei es wichtig, eine umfassende Perspektive einzunehmen, wie Auböck und Kárász es in ihren Arbeiten umsetzen. Bestehende und zukünftige urbane Strukturen profitierten vom projektiven Umgang des Studios mit dem tiefgreifenden historischen Wissen seiner Gründer*innen. Kontinuierlich, so die Jury, engagierten sich Auböck und Kárász für den Umgang mit dem architektonischen und landschaftsarchitektonischen Erbe und trügen gleichzeitig wichtige Impulse zu aktuellen Diskursen in der Lehre oder im Rahmen der ZV – Zentralvereinigung für Architekt:innen bei. 

Hans-Hollein-Kunstpreis: Anerkennung und Wertschätzung

Andrea Mayer, Kunst- und Kulturstaatssekretärin im BMKÖS zeigt sich zufrieden: „Die österreichische Kunst und Kultur ist essentielles Element unserer Gesellschaft. Sie bereichert, regt an und auf und bietet uns einen Spiegel zur eigenen Reflexion. Ohne diese schöpferische Kraft wäre Österreich nicht die Kunstnation, für die unser Land international wahrgenommen wird. Der Österreichische Kunstpreis ist Anerkennung und Wertschätzung der außerordentlichen Leistungen unserer Künstlerinnen und Künstler. Ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich.“ 

Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur für Projekte von internationaler Bedeutung

Der österreichische Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur wird seit 2016 jährlich an umfangreiche Projekte von internationaler Bedeutung vergeben. Die Auswahl der Preisträger erfolgt ausschließlich durch eine Expertenjury; es ist nicht möglich, sich für den Preis zu bewerben. 

Das Büro Auböck + Kárász Landscape Architects mit Sitz in Wien wurde von der Landschaftsarchitektin und Hochschulprofessorin Maria Auböck und dem Architekten und Sozialwissenschaftler János Kárász gegründet. Mehr können Sie auf der Webseite des Büros erfahren.

Schon gewusst? Wir haben ein ganzen Heft über Österreich gemacht, denn wenig andere Länder machten in den letzten Jahren mit so vielen, scheinbar sehr guten und mutigen planerischen Impulsen auf sich aufmerksam. Die Städte Graz, Innsbruck, Linz und Wien haben wir hierfür genauer unter die Lupe genommen. Mehr über die Februarausgabe 2022 erfahren Sie im Editorial. 

Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com
Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com

Mit dem Xiaoxita Forest Park ist in der chinesischen Millionenstadt Yichang ein herausragendes Beispiel für zukunftsweisende Landschaftsarchitektur entstanden. Das vom Planungsbüro HID Landscape Architecture entwickelte Projekt zeigt eindrucksvoll, wie sich ein bestehender Stadtwald durch behutsame Eingriffe ökologisch aufwerten und zugleich als hochwertiger öffentlicher Freiraum neu erschließen lässt. Statt einer umfassenden Neugestaltung stand der respektvolle Umgang mit der vorhandenen Natur im Mittelpunkt – ein Ansatz, der international zunehmend als Vorbild für resiliente Stadtlandschaften gilt.

Stadtwald wird zum nachhaltigen Erholungsraum

Der rund 89 Hektar große Xiaoxita Forest Park liegt im Zentrum des Stadtteils Yiling in Yichang, entlang des Huangbai-Flusses. Über Jahre hinweg litt das Waldgebiet unter unübersichtlichen Wegen, veralteter Infrastruktur und einer zunehmenden Zerschneidung der Landschaft. Ziel der Neugestaltung war es daher, den Wald als wichtige ökologische Grünfläche zu erhalten und gleichzeitig seine Aufenthaltsqualität deutlich zu steigern.

Das Planungsteam folgte dabei konsequent der Leitidee Touching the Earth Lightly“ – die Landschaft sollte möglichst schonend weiterentwickelt werden, ohne ihre natürlichen Strukturen zu beeinträchtigen.

100 Prozent Baumerhalt als Planungsgrundsatz

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist der vollständige Erhalt des vorhandenen Baumbestands. Sämtliche heimischen Bäume blieben während der Bauarbeiten erhalten. Neue Wege und Aufenthaltsbereiche wurden ausschließlich in bereits vorhandene Lichtungen integriert, wodurch umfangreiche Erdarbeiten vermieden werden konnten.

Auch bei den verwendeten Materialien setzte das Büro konsequent auf Nachhaltigkeit. Wasserdurchlässige Beläge aus regional gewonnenem Naturstein sowie begrünte Pflasterflächen ermöglichen die natürliche Versickerung von Regenwasser und unterstützen den lokalen Wasserkreislauf.

Renaturierung statt versiegelter Flächen

Ein wesentlicher Bestandteil der Umgestaltung war die ökologische Wiederherstellung zuvor technisch geprägter Bereiche. In enger Abstimmung mit den beteiligten Akteuren wurden ein stillgelegtes Pumpenhaus sowie kaum genutzte Parkplatzflächen zurückgebaut.

Dadurch konnten mehr als 1.200 Quadratmeter versiegelte Fläche wieder in durchlässige Grünflächen umgewandelt werden. Gleichzeitig entstand ein neuer Lebensraumkorridor für Tiere, während sich die Sichtbeziehungen zwischen Stadt und Wald deutlich verbesserten.

Architektur schont Wurzeln und Lebensräume

Auch die neu geschaffenen Bauwerke folgen dem Prinzip minimaler Eingriffe. Besonders markant ist die Mid-Hill Rest Stop, eine erhöhte Aussichtsplattform, die auf schlanken Punktfundamenten ruht. Dadurch werden Bodenverdichtungen vermieden und die empfindlichen Wurzelbereiche der Bäume dauerhaft geschützt.

Von der Plattform eröffnet sich den Besucherinnen und Besuchern ein weiter Blick über die bewaldete Tallandschaft. Selbst die Beleuchtung übernimmt mehrere Funktionen: Die Leuchten wurden zugleich als Nisthilfen für heimische Vogelarten gestaltet und fördern so die Artenvielfalt im Park.

Regionale Natursteine prägen darüber hinaus Wege, Sitzmauern und weitere Gestaltungselemente und stärken die Identität des Ortes.

Ein Park für Natur, Bildung und Gemeinschaft

Heute präsentiert sich der Xiaoxita Forest Park als vielschichtiger Landschaftsraum mit Uferpromenaden, Waldlichtungen und erhöhten Aussichtspunkten. Über 95 Prozent der Vegetation bestehen aus heimischen Pflanzenarten, wodurch die ökologische Qualität des Stadtwaldes langfristig gesichert wird.

Mit mehr als 2.000 Besucherinnen und Besuchern pro Tag erfüllt der Park zugleich wichtige soziale Funktionen. Spaziergänge, Freizeitaktivitäten und Naturerlebnisse finden hier ebenso Platz wie Umweltbildung. Informationstafeln wurden dezent in Natursteinmauern integriert und vermitteln Wissen über Flora, Fauna und ökologische Zusammenhänge, ohne das Landschaftsbild zu beeinträchtigen.

Modellprojekt für resiliente Stadtlandschaften

Der Xiaoxita Forest Park verdeutlicht, dass hochwertige Landschaftsarchitektur nicht zwangsläufig durch spektakuläre Neubauten entsteht. Vielmehr zeigt das Projekt, wie sich vorhandene Naturräume durch sensible Planung, minimale Eingriffe und konsequenten Ressourcenschutz nachhaltig weiterentwickeln lassen.

Mit seinem ganzheitlichen Ansatz verbindet der Park Biodiversität, Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität auf beispielhafte Weise. Damit liefert HID Landscape Architecture ein überzeugendes Modell für die Zukunft urbaner Grünräume – eine Landschaft, in der menschliche Nutzung und ökologische Prozesse nicht im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig stärken.