Versickerung Regenwasser Vorschriften: Prinzip, Planung und Beispiele

Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Versickerung Regenwasser Vorschriften
Schwarz-gelbes Wasserrohr im Außenbereich – ein alltägliches Element moderner Infrastruktur. Foto: waldemarbrandt67w/Unsplash

Regenwasser versickern zu lassen ist in Deutschland keine freiwillige Nachhaltigkeitsgeste, sondern in weiten Teilen des Landes rechtlich geboten, technisch normiert und planerisch tief im Wasserrecht verankert. Die Versickerung von Regenwasser nach Vorschriften zu planen bedeutet, drei Ebenen gleichzeitig zu beherrschen: das Wasserrecht des Bundes und der Länder, die technischen Regelwerke zur Dimensionierung und Ausführung sowie die standortspezifischen Voraussetzungen des Bodens und des Grundwassers. Wer diese Ebenen kennt und zusammendenkt, kann Regenwasserbewirtschaftung nicht nur regelkonform, sondern wirklich funktional planen.

  • Was Regenwasserversickerung rechtlich bedeutet und welche Gesetze und Verordnungen gelten
  • Welche technischen Regelwerke, insbesondere DWA-Arbeitsblätter, die Planung strukturieren
  • Welche Versickerungsanlagen es gibt und wie sie sich in der Praxis unterscheiden
  • Wie Bodeneignung und hydrogeologische Voraussetzungen geprüft und bewertet werden
  • Wie Versickerungsanlagen korrekt dimensioniert werden
  • Welche Rolle Versickerung im Kontext von Überflutungsschutz und Schwammstadt spielt
  • Welche Fehler bei Planung, Genehmigung und Ausführung häufig vorkommen
  • Wie Versickerung in unterschiedliche Freiraumtypen integriert werden kann

Versickerung von Regenwasser: Grundprinzip und wasserwirtschaftliche Bedeutung

Die Versickerung von Regenwasser bezeichnet den kontrollierten Übergang von Niederschlagswasser vom Geländeniveau in den Boden, wo es die ungesättigte Bodenzone durchquert und schließlich das Grundwasser anreichert. Dieser Prozess ist der natürliche Wasserkreislauf in seiner einfachsten Form: Regen fällt, versickert, wird gereinigt und erneuert das Grundwasser. Auf versiegelten Flächen wird dieser Kreislauf unterbrochen; das Wasser läuft als Oberflächenabfluss ab, belastet die Kanalisation und entzieht dem Boden die Möglichkeit zur Speicherung und Filtration.

Die wasserwirtschaftliche Bedeutung der Versickerung ist erheblich. In dicht bebauten Stadtgebieten, in denen ein großer Anteil der Fläche versiegelt ist, sinkt die Grundwasserneubildungsrate deutlich unter das natürliche Maß. Gleichzeitig steigen Spitzenabflüsse bei Starkregen, weil Retentionsvermögen fehlt. Die dezentrale Versickerung von Regenwasser am Entstehungsort, also möglichst nahe an der Fläche, auf der der Regen fällt, gilt heute als eine der wirksamsten Strategien, um beide Probleme gleichzeitig zu adressieren. Sie entlastet die Kanalisation, reduziert Überflutungsrisiken und stabilisiert den Wasserhaushalt urbaner Böden.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner ist die Versickerung von Regenwasser ein zentrales Entwurfselement, das weit über die rein technische Funktion hinausgeht. Mulden, Rigolen, Versickerungsbecken und bepflanzte Retentionsflächen sind zugleich Gestaltungselemente des Freiraums, Lebensräume für Pflanzen und Kleintiere sowie klimatisch wirksame Strukturen, die Verdunstungskühlung und Bodenfeuchte regulieren. Die Frage, wie Versickerung regelkonform geplant wird, ist deshalb immer auch eine Frage der Freiraumqualität.

Versickerung Regenwasser Vorschriften: Rechtlicher Rahmen von Bund bis Gemeinde

Das Wasserrecht in Deutschland ist dreistufig aufgebaut: Das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) des Bundes setzt den Rahmen, die Wassergesetze der Länder konkretisieren ihn, und kommunale Satzungen regeln die örtliche Umsetzung. Für die Versickerung von Regenwasser sind alle drei Ebenen relevant, und ihre Wechselwirkung ist in der Praxis oft komplex.

Das WHG enthält in Paragraph 55 eine grundlegende Verpflichtung: Niederschlagswasser soll, soweit es schadlos möglich ist, versickert, verrieselt oder ortsnah in ein Gewässer eingeleitet werden. Diese Formulierung ist keine bloße Empfehlung, sondern eine gesetzliche Pflicht, die jedoch unter dem Vorbehalt der Schadlosigkeit steht. Was „schadlos“ bedeutet, hängt von den Bodenverhältnissen, der Grundwassersituation und möglichen Verunreinigungen des Niederschlagswassers ab. Der Gesetzgeber hat damit bewusst eine Abwägungspflicht eingebaut, die eine standortbezogene Prüfung erfordert.

Auf Länderebene variieren die Anforderungen erheblich. Einige Bundesländer haben in ihren Wassergesetzen oder in speziellen Verordnungen explizite Versickerungspflichten für Neubauten und Grundstücksumgestaltungen verankert. In anderen Ländern wird die Pflicht stärker über kommunale Entwässerungssatzungen umgesetzt. Viele Gemeinden haben Niederschlagswassersatzungen erlassen, die für bestimmte Gebiete oder Grundstücksgrößen vorschreiben, welcher Anteil des Regenwassers auf dem Grundstück zu versickern oder zurückzuhalten ist, bevor eine gedrosselte Einleitung in den Kanal erlaubt wird. Diese Satzungen sind für die Planung verbindlich und müssen frühzeitig eingeholt werden.

Genehmigungsrechtlich ist die Versickerung von Regenwasser in der Regel eine erlaubnisfreie Benutzung des Grundwassers, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Die einschlägigen Regelungen, insbesondere die Verordnungen der Länder zur erlaubnisfreien Versickerung, knüpfen diese Privilegierung an Bedingungen: Das Niederschlagswasser darf nur von gering belasteten Flächen stammen, die Anlage muss nach anerkannten technischen Regeln ausgeführt sein, und der Mindestabstand zum Grundwasserspiegel muss eingehalten werden. Wer diese Bedingungen nicht erfüllt, braucht eine wasserrechtliche Erlaubnis, die ein förmliches Genehmigungsverfahren voraussetzt.

Technische Regelwerke: DWA-Arbeitsblätter und weitere Normen

Die technische Grundlage für die Planung von Versickerungsanlagen bildet in Deutschland vor allem das Arbeitsblatt DWA-A 138 „Planung, Bau und Betrieb von Anlagen zur Versickerung von Niederschlagswasser“. Dieses Regelwerk der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) beschreibt systematisch die Anforderungen an Standorteignung, Dimensionierung, Ausführung und Betrieb von Versickerungsanlagen. Es ist zwar kein Gesetz, gilt aber als anerkannte technische Regel und hat damit quasi-normative Wirkung: Wer nach DWA-A 138 plant, erfüllt in der Regel die Anforderungen des Wasserrechts an eine ordnungsgemäße Ausführung.

Das Arbeitsblatt unterscheidet verschiedene Anlagentypen und ordnet ihnen unterschiedliche Anforderungen zu. Es enthält Vorgaben zur Mindestdurchlässigkeit des Bodens (kf-Wert), zum Mindestabstand zwischen Anlage und Grundwasseroberfläche sowie zur Vorbehandlung von Niederschlagswasser von stärker belasteten Flächen. Für die Dimensionierung stellt es Berechnungsverfahren bereit, die auf statistischen Niederschlagsdaten und der maßgebenden Regenspende basieren. Planern, die mit dem Arbeitsblatt arbeiten, steht damit ein konsistentes Werkzeug zur Verfügung, das rechtliche Anforderungen und technische Praxis verbindet.

Ergänzend zum DWA-A 138 sind weitere Regelwerke relevant. Das DWA-Merkblatt M 153 „Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Regenwasser“ gibt Orientierung für die Bewertung der Regenwasserqualität und die Zuordnung von Flächen zu Belastungsklassen. Die TRBD (Technische Regel für Boden und Dränung) sowie Normen der DIN-Reihe für Entwässerungsanlagen ergänzen das Bild. In der Praxis arbeiten Planer häufig mit einer Kombination dieser Regelwerke, wobei das DWA-A 138 den Kern bildet.

Anlagentypen: Von der Mulde bis zur Rigole

Die Versickerungsmulde ist die einfachste und in der Freiraumplanung am häufigsten eingesetzte Anlageform. Sie ist eine flache, begrünte Geländevertiefung, die Regenwasser aufnimmt, kurzzeitig zurückstaut und über die bewachsene Bodenoberfläche versickern lässt. Die Mulde wirkt gleichzeitig als Retentionsraum, der Spitzenabflüsse dämpft, und als Filterzone, in der Schwebstoffe und gebundene Schadstoffe im Oberboden zurückgehalten werden. Für die Bepflanzung eignen sich Wechselfeuchte tolerierende Arten, die sowohl kurze Überflutungsphasen als auch Trockenphasen überstehen.

Die Rigole ist ein unterirdisches Speicher- und Versickerungselement, das aus einem mit Kies oder Kunststoffkörpern gefüllten Graben besteht. Sie eignet sich besonders dort, wo oberirdisch kein Platz für eine Mulde vorhanden ist oder wo die Versickerung aus ästhetischen oder funktionalen Gründen nicht sichtbar sein soll. Rigolen können als Linienelemente entlang von Wegen oder Gebäudekanten angeordnet werden und lassen sich mit Einlaufschächten, Überlaufleitungen und Inspektionsöffnungen ausstatten. Ihr Nachteil liegt in der eingeschränkten Zugänglichkeit für Wartung und Reinigung sowie in der fehlenden Filterwirkung des Oberbodens.

Die Mulden-Rigolen-Kombination verbindet beide Prinzipien: Die Mulde übernimmt die Vorreinigung und die Pufferfunktion, die darunter liegende Rigole die eigentliche Versickerung. Diese Kombination ist technisch anspruchsvoller, bietet aber die beste Leistung hinsichtlich Filterung, Retention und Versickerungskapazität. Sie ist in der Praxis besonders für größere Einzugsgebiete geeignet, etwa bei Gewerbegebieten, Schulhöfen oder Parkplatzflächen.

Versickerungsbecken sind größere, meist unbewachsene oder extensiv begrünte Vertiefungen, die für größere Einzugsgebiete ausgelegt sind. Sie werden häufig am Ende von Entwässerungssystemen eingesetzt und dienen sowohl der Retention als auch der Versickerung. Flächenversickerung bezeichnet schließlich die breitflächige Versickerung über belebten Oberboden, wie sie bei extensiv genutzten Grünflächen, Sportrasenflächen oder Parkflächen mit wasserdurchlässigem Belag stattfindet. Wasserdurchlässige Beläge wie Rasengittersteine, Schotterrasen oder Pflaster mit offenen Fugen ermöglichen Versickerung auf befestigten Flächen und sind in vielen kommunalen Satzungen ausdrücklich als anrechenbare Versickerungsfläche anerkannt.

Bodeneignung und hydrogeologische Voraussetzungen prüfen

Die Grundvoraussetzung jeder Versickerungsanlage ist ein ausreichend durchlässiger Boden. Der maßgebende Parameter ist der kf-Wert (hydraulische Durchlässigkeit), der die Fähigkeit des Bodens beschreibt, Wasser weiterzuleiten. Das DWA-A 138 gibt Mindest- und Maximalwerte vor: Böden mit einem kf-Wert zwischen etwa 1 x 10 hoch minus 6 und 1 x 10 hoch minus 3 Meter pro Sekunde gelten als geeignet für Versickerungsanlagen. Sehr durchlässige Böden (kf größer als 10 hoch minus 3 m/s) können zu schnell versickern, ohne ausreichende Filterwirkung zu entfalten; sehr undurchlässige Böden (kf kleiner als 10 hoch minus 6 m/s) lassen keine wirtschaftliche Versickerung zu.

Der kf-Wert wird durch Feldversuche bestimmt, nicht durch Schätzung. Gebräuchliche Methoden sind der Doppelring-Infiltrationsversuch, der Schürfgrubenversuch und der Pumpversuch. Für kleinere Anlagen reicht häufig ein vereinfachter Sickerversuch nach DWA-A 138 aus. Die Ergebnisse müssen standortbezogen interpretiert werden, da kf-Werte im Untergrund stark variieren können. Ein einzelner Messwert repräsentiert immer nur einen Punkt; bei größeren Anlagen sind mehrere Messungen an verschiedenen Stellen erforderlich.

Der Mindestabstand zwischen der Unterkante der Versickerungsanlage und dem höchsten zu erwartenden Grundwasserstand ist ein weiteres zentrales Kriterium. Das DWA-A 138 fordert in der Regel einen Abstand von mindestens einem Meter, in manchen Länderregelungen auch mehr. Dieser Abstand sichert die Filterstrecke im Boden, die für die Reinigung des versickernden Wassers notwendig ist. Wo der Grundwasserstand saisonal stark schwankt, muss der höchste Grundwasserstand als Bemessungsgrundlage herangezogen werden, nicht der mittlere. Hydrogeologische Gutachten oder Auswertungen von Grundwassermessstellen des Landesamts für Geologie sind hier unverzichtbare Planungsgrundlagen.

Besondere Vorsicht ist bei kontaminierten Böden oder in der Nähe von Altlasten geboten. Versickerung kann Schadstoffe mobilisieren und ins Grundwasser einbringen. In solchen Bereichen ist eine wasserrechtliche Erlaubnis zwingend, und die Genehmigungsbehörde wird eine detaillierte Gefährdungsabschätzung verlangen. Auch in Wasserschutzgebieten gelten verschärfte Anforderungen: In der engeren Schutzzone (Zone II) ist Versickerung in der Regel unzulässig, in der weiteren Schutzzone (Zone III) nur unter strengen Auflagen erlaubt.

Dimensionierung von Versickerungsanlagen: Grundprinzipien und Bemessungsgrößen

Die Dimensionierung einer Versickerungsanlage zielt darauf ab, das anfallende Regenwasser eines definierten Bemessungsereignisses aufzunehmen und schadlos zu versickern. Das Bemessungsereignis wird durch die Regenspende und die Häufigkeit des Regenereignisses definiert. In Deutschland werden hierfür statistische Niederschlagsdaten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) herangezogen, die als KOSTRA-Datensatz (Koordinierte Starkniederschlagsregionalisierung und -auswertung) vorliegen und für jeden Standort ortsspezifische Niederschlagsintensitäten für verschiedene Wiederkehrzeiten liefern.

Das Bemessungsverfahren nach DWA-A 138 berechnet das erforderliche Speichervolumen der Anlage aus der Differenz zwischen dem zufließenden Regenwasservolumen und dem während des Ereignisses versickernden Volumen. Eingangsgrößen sind die angeschlossene undurchlässige Fläche, der Abflussbeiwert der Fläche, die maßgebende Regenspende und der kf-Wert des Bodens. Das Ergebnis ist ein Mindestvolumen, das die Anlage bereitstellen muss, um das Bemessungsereignis ohne Überlauf zu bewältigen. Für größere Anlagen oder komplexere Einzugsgebiete werden hydrodynamische Simulationsmodelle eingesetzt, die zeitlich variable Zuflüsse und Versickerungsraten abbilden können.

Ein häufig unterschätzter Aspekt ist die Bemessung auf Extremereignisse jenseits des Bemessungsregens. Das DWA-A 138 empfiehlt, auch für den Überflutungsfall eine Notentleerung vorzusehen, die das Wasser schadlos ableitet, wenn die Anlage ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Diese Überflutungsvorsorge ist ein Kernprinzip der modernen Regenwasserbewirtschaftung und verbindet die Versickerungsplanung mit dem Thema Starkregenrisikomanagement.

Versickerung im Kontext der Schwammstadt und des Klimaanpassungsplans

Das Konzept der Schwammstadt (englisch: Sponge City) beschreibt eine Stadtstruktur, die Regenwasser wie ein Schwamm aufnimmt, speichert, filtert und verdunstet, anstatt es schnell abzuleiten. Versickerungsanlagen sind ein Kernelement dieses Konzepts, aber nicht das einzige. Gründächer, Baumpflanzungen mit großen Baumgruben und Substratspeichern, Retentionsmulden, Wasserspiele und Stadtbäche ergänzen das Bild zu einem integrierten Wassermanagement, das gleichzeitig Überflutungsschutz, Grundwasserneubildung, Verdunstungskühlung und Aufenthaltsqualität bietet.

Für Landschaftsarchitekten bedeutet das Schwammstadtprinzip eine Aufwertung ihrer Rolle im Planungsprozess. Regenwasserbewirtschaftung ist nicht mehr eine nachgeordnete technische Aufgabe, die nach dem Entwurf gelöst wird, sondern ein strukturgebendes Element, das den Freiraumentwurf von Anfang an prägt. Mulden bestimmen Geländemodellierung und Bepflanzung; Rigolen beeinflussen Wegeführung und Belagswahl; Retentionsflächen schaffen neue Freiraumtypologien. Wer Versickerung von Anfang an als Entwurfsressource begreift, erzeugt bessere Freiräume als wer sie als Restaufgabe behandelt.

Klimaanpassungspläne auf kommunaler Ebene, die in vielen deutschen Städten inzwischen erarbeitet werden, benennen dezentrale Regenwasserversickerung regelmäßig als eine der prioritären Maßnahmen. Die Kombination aus zunehmendem Starkregen durch den Klimawandel und wachsender Versiegelung durch Urbanisierung macht die Frage, wie Versickerung nach Vorschriften geplant und umgesetzt wird, zu einer der praktisch dringlichsten Aufgaben der Freiraum- und Stadtplanung.

Häufige Fehler bei Planung, Genehmigung und Ausführung

Einer der verbreitetsten Fehler ist die fehlende oder unzureichende Bodenuntersuchung. Viele Planungen stützen sich auf Bodenartenkarten oder allgemeine Bodenbeschreibungen, ohne standortspezifische kf-Werte zu ermitteln. Das führt entweder zu überdimensionierten und damit teuren Anlagen oder zu unterdimensionierten Anlagen, die bei Starkregenereignissen versagen. Eine ordnungsgemäße Versickerungsplanung beginnt immer mit einem Feldversuch.

Ein weiterer Fehler liegt in der Unterschätzung der Wartungsanforderungen. Versickerungsanlagen, insbesondere Mulden und Rigolen, verlanden über die Zeit durch Feinsedimenteintrag. Ohne regelmäßige Inspektion und gelegentliche Reinigung sinkt die Versickerungsleistung erheblich. Viele Anlagen, die nach wenigen Jahren nicht mehr funktionieren, sind nicht falsch dimensioniert, sondern schlicht nicht gewartet worden. Betriebskonzepte mit klaren Wartungsintervallen und Verantwortlichkeiten gehören deshalb zur vollständigen Planung.

Genehmigungsrechtlich entstehen Probleme häufig durch unvollständige Antragsunterlagen oder durch die Unkenntnis der jeweils geltenden kommunalen Satzung. Da Niederschlagswassersatzungen von Gemeinde zu Gemeinde erheblich variieren, ist eine frühzeitige Abstimmung mit der zuständigen Behörde unerlässlich. Wer erst nach Baubeginn feststellt, dass die geplante Anlage nicht den Anforderungen der Satzung entspricht, steht vor kostspieligen Nachbesserungen.

Schließlich wird die Qualität des anfallenden Niederschlagswassers oft zu wenig beachtet. Nicht jedes Regenwasser ist gleich: Abfluss von stark befahrenen Straßen enthält Schwermetalle, Reifenabrieb und Kohlenwasserstoffe; Dachflächenwasser von verzinkten oder kupfergedeckten Dächern enthält erhöhte Metallkonzentrationen. Das DWA-Merkblatt M 153 gibt eine Systematik vor, mit der Flächen nach ihrer Belastung klassifiziert und entsprechende Vorbehandlungsmaßnahmen festgelegt werden können. Wer diese Klassifizierung überspringt, riskiert eine Grundwasserbeeinträchtigung und den Verlust der erlaubnisfreien Versickerung.

Versickerung als integraler Bestandteil des Freiraumentwurfs

Die Versickerung von Regenwasser nach Vorschriften zu planen ist keine Einschränkung des Entwurfs, sondern eine Ressource. Wer die rechtlichen Anforderungen kennt, die technischen Regelwerke versteht und die standortspezifischen Bedingungen sorgfältig erhebt, verfügt über ein Werkzeug, das Freiräume funktional, ökologisch und gestalterisch bereichert. Mulden, Rigolen und Versickerungsflächen sind keine Kompromisse, die dem Entwurf aufgezwungen werden; sie sind Elemente, die Geländemodellierung, Bepflanzung, Materialwahl und Nutzungsangebote produktiv strukturieren.

Die Anforderungen des Wasserrechts, die Vorgaben der DWA-Regelwerke und die kommunalen Satzungen bilden dabei einen Rahmen, der Planungssicherheit schafft. Wer diesen Rahmen kennt, kann innerhalb seiner Grenzen gestalterisch frei agieren. Wer ihn ignoriert, produziert Anlagen, die nicht genehmigt werden, nicht funktionieren oder nach wenigen Jahren versagen. Die Kompetenz, Versickerung regelkonform und gleichzeitig qualitätvoll zu planen, gehört zum Kernhandwerk der Landschaftsarchitektur und der Freiraumplanung, und sie wird angesichts des Klimawandels und der wachsenden Anforderungen an urbane Wasserresilienz weiter an Gewicht gewinnen.

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Into the wild – Entwurfsstudio zum Volkspark Prenzlauer Berg

Blick auf einen Kurve eines betonierten Wegs, der in einem dicht bewachsenen Wald einen Hügel hinaufführt. Im Wintersemester 2022/23 setzten sich Masterstudierende der TU Berlin mit dem Volkspark Prenzlauer Berg in Berlin auseinander. Foto: Stefan Reimann
Im Wintersemester 2022/23 setzten sich Masterstudierende der TU Berlin mit dem Volkspark Prenzlauer Berg in Berlin auseinander. Foto: Stefan Reimann

Der Volkspark Prenzlauer Berg in Berlin entstand auf dem Trümmerschutt des Alexanderplatzes. Nur wenige Menschen verirren sich heute mehr in das Dickicht des wild erscheinenden Parks – für zahlreiche Wildtiere ist er ein wertvoller Lebensraum. Im Wintersemester 2022/23 setzten sich Masterstudierende der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der TU Berlin in einem Entwurfsstudio mit dem Park auseinander. Professor Stefan Reimann, der das Studio gemeinsam mit Professorin Barbara Hutter leitete, führt in den Hintergrund der Studienarbeiten ein.

Nicht nur in unserer Septemberausgabe 2023 machen wir Raum für Projekte aus dem Studium. Auch hier, auf unserer Webseite, stellen Studierende ihre eigenen Arbeiten selbst vor. Die Projekte finden Sie alle auf unserer Themenseite „Studium“ – und die Septemberausgabe gibt’s in unserem Shop.

Volkspark Prenzlauer Berg – Ein Park auf Trümmerschutt

Der Volkspark Prenzlauer Berg ist eine 29 Hektar große Parkanlage am östlichen Rand des Bezirks Pankow von Berlin – entstanden aus der früheren Oderbruchkippe. Mit diesem setzte sich eine Gruppe von 14 Masterstudierenden der TU Berlin am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung (ILAUP), Fachgebiet Landschaftsbau/Objektbau (FG-LOB), auseinander. Das Entwurfsstudio „Into the wild“ fand unter der Leitung von Professorin Barbara Hutter und Professor Stefan Reimann im Wintersemester 2022/23 statt.

Den westlichen Teil des Parks bildet ein Trümmerberg-Doppelgipfel, der an der höchsten Stelle circa 90 Meter über dem Niveau der umgebenden Stadtquartiere aufragt. Ursprünglich entstanden hier, mit dem industriellen Aufschwung Berlins, ab 1871 Kleingärten und Einfamilienhäuser. Nach 1945, mit dem beginnenden Wiederaufbau, wurde der Trümmerschutt des Alexanderplatzes dort aufgebracht. So entstand die sogenannte „Oderbruchkippe“ aus rund 15 Millionen Kubikmeter Abraum. Auf dem so neumodellierten Gelände wurde Oberboden aufgetragen und Rasen angesät. Pioniergehölze (Pappeln, Eschen, Ahorn, Robinien, Weiden) wurden großflächig angepflanzt, später durch hochwertigere Bäume ergänzt.

Der Handlungsbedarf ist bekannt

1969 wurde der Park feierlich eingeweiht. In Folge entstand ein waldartiges Biotop mit 60 Prozent Gehölzanteil und 40 Prozent Wiesenflächen. Seit 1971 gibt es dort einen botanischen Lehrpfad, ab1979 gab es ein Feuchtbiotop (mittlerweile verlandet) und einen Abenteuerspielplatz (auch dieser nicht mehr existent). Ein Rodelhügel verblieb als schlichtes Nutzungsrelikt, Sandbienen siedelten sich dort in den Randbereichen an. Mit 57 Vogelarten und zahlreichen anderen Wildtieren ist er ein wertvoller Lebensraum.

Der Volkspark Prenzlauer Berg besticht – sommers wie winters – durch seine wilde, unprätentiöse, raue, aber atmosphärische Gestalt. Nur wenige Menschen verirren sich in das beindruckende Dickicht oder die hochgelegenen Wiesenplateaus. Die dichte Vegetation erlaubt keine Blickbezüge in die Umgebung. Der poröse Untergrund des Trümmerschutts lässt die Bäume im Sommer ausgedörrt, unter der zunehmenden Trockenheit leidend erscheinen. Totholz wird nicht entfernt, sondern dezidiert vor Ort belassen, zur Freude der Fauna, die Verkehrssicherheit gerade ausreichend sichergestellt. Die asphaltierten Wege sind teils aufgebrochen, sie heben und senken sich wellenförmig durch den Wurzeldruck der Bäume. Die karge, heruntergekommene Ausstattung verstärkt den vernachlässigten Eindruck. Ein Volkspark im Dornröschenschlaf, der darauf wartet entdeckt zu werden. Das Bezirksamt Pankow kennt den Handlungsbedarf, umfangreiche Kartierung von Flora und Fauna laufen bereits.

Der Ort hat die Teilnehmenden sofort und dauerhaft mit seiner speziellen Ausstrahlung sehr fasziniert.

Ein Thema konsequent bis ins Detail durcharbeiten

Sie haben den Park im strahlenden Herbstlaub, an grauen Tagen mit Regen und Nebel erlebt. Sie kennen ihn mit matschigem Laub, im Winter mit Schnee ebenso wie seine Savannenstimmung bei sengender Hitze und Trockenheit im August. Die Vielfalt der struppigen, vegetativen Strukturen und deren haptisch-sinnliche Qualitäten im urbanen Kontext überrascht, ebenso die tausenden Bäume und viele Tierarten, die bekannt sind aber für die Besuchenden größtenteils unsichtbar bleiben, genau wie die üppige Topografie des Parks.

Im Studio sollte dieser besonderen Aura des Ortes Rechnung getragen werden, durch den Versuch ihn in drei charakteristisch zugespitzten Varianten entwurflich zu bearbeiten. Die Varianten suchen keine Kompromisse zwischen den Interessenlagen, sondern zeigen bewusst klare Kante. Ein Thema sollte konsequent bis ins Detail durchgearbeitet werden.

Volkspark Prenzlauer Berg in Berlin, Foto: Stefan Reimann
Volkspark Prenzlauer Berg in Berlin, Foto: Stefan Reimann

Mit diesen drei Szenarien konnten die Studierenden zum Volkspark Prenzlauer Berg arbeiten

Dazu wurden drei Szenarios für die entwurfliche Bearbeitung vorgegeben:

Animal Park: Ist das im urbanen Kontext erlaubt, macht das Sinn? Ein Park, bei dem die Tiere im Mittelpunkt stehen und nicht die Menschen, wo Lebensräume für Tiere nicht als Alibi, sondern bewusst gleichberechtigt, mindestens Koexistenz anstrebend entwickelt werden. Dabei spielen der behutsame Umgang mit dem wertvollen Bestand und die geschickte Besucherlenkung eine besondere Rolle.

Climatize: Klimatisieren, das große Thema unserer Zeit, stellt das zweite Szenario dar. Hier steht die Anpassung des Parks an den Klimawandel im Mittelpunkt. Wie kann der Baumbestand des Parks durch Transformation nachhaltig, also zukunftsfähig, entwickelt werden? Wie kann an dieser Stelle zeitgemäßes Regenwassermanagement aussehen?

Human Nature: Bei diesem Szenario stehen die Menschen und ihre (speziellen) Bedürfnisse an diesen Ort mit seinem besonderen Charakter im Mittelpunkt. Ein Park zugeschnitten auch auf außergewöhnliche Nutzungen, downhill-biking oder Kletterwald, nichts ist unmöglich, hier sind Pflanzen und Tiere eher nebensächlich.

Die Besonderheit: Videos repräsentieren die Entwürfe

Mit engagierter Unterstützung von Dipl.-Ing. Susanne Isabel Yacoub (laview) für den Bereich Landschaftsarchitektur und Video begann das Studio zunächst mit einer rationalen, klassischen Analyse zur Geschichte des Ortes, den Qualitäten des städtebaulich-freiraumplanerischen Umfeldes und des Volksparks selbst. Diese wurde komplementiert durch eine emotionale, sinnliche Analyse, dem Erspüren des Ortes mit Rundgängen und gemeinsamem Brainstorming, einer Foto- und Videodokumentation. Diese arbeiteten die Studierenden in Einzelarbeit dann in Form eines experimentellen Analysevideos, durch Collagen oder als Installation aus und überführten sie in einen ersten, schnellen Wochenstegreif.

Ganz klassisch entwickelten die Teilnehmer*innen daraus jeweils eine Konzeptidee und die darauf basierende entwurfliche Durcharbeitung in Einzelarbeit. Als Besonderheit entstanden auch Videos, die die Entwürfe der Studierenden repräsentieren, ein experimentelles Novum. So entstanden 14 sehr unterschiedliche Arbeiten, die im Entwurf bis ins Detail durchgearbeitet wurden und die Bandbreite der Möglichkeiten für diesen besonderen Ort ausloten. Die hier vorgestellten sechs Arbeiten repräsentieren ausschnitthaft die Vielfalt der Ideen und Entwürfe, die im Rahmen des Studios „Into the wild“ entstanden. Alle Videos sind auf Instagram unter @fg.lob zu finden.

Die Vertreter*innen des Bezirksamt Pankow zeigten sich zur Abschlusspräsentation begeistert. Sie möchten Ideen ankaufen und den Wunsch der Studioleitung aufgreifen, den Volkspark Prenzlauer Berg – im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens – zukunftsfähig aufzustellen.

 

 

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Sechs Arbeiten aus dem Entwurfsstudio „Into the Wild“ zum Volkspark Prenzlauer Berg

Hier geht es zu den Projekten der Studierenden, die sie selbst vorstellen:

Der Blick auf die Landschaft

F Rep. 290 Nr. 0083467 (Fotograf: Karl-Heinz Schubert)

Mit dem Hansaviertel wollte West-Berlin eine Alternative zu den dichten Gründerzeitvierteln bieten: Der Anteil an Grünflächen war um einiges höher als in den dicht bebauten Stadtteilen Berlins.

 

Der Blick auf die Stadt von einer Terrasse aus: In der Mitte fließt ein Fluss, seine Ufer gehören ganz der Natur und der Freizeit. Erst in gebührendem Abstand beginnt das städtische Leben. Autos, Lastkraftwagen, am Horizont die Hochhäuser für die neuen Städter, auch sie im Grünen. Menschen sieht man auf diesem Plakat mit der Überschrift „Die Stadt von morgen“ nur im Vordergrund. Sie stehen, als Zaunkönige, auf der Terrasse, ein kleiner Junge zeigt freudig auf das, was sich vor ihm ausbreitet.

Die Stadtlandschaft als Glücksmaschine: Die Zeichnung ziert eine Broschüre der Interbau von 1957. Mit der Westberliner Bauausstellung wollte der Senat der geteilten Stadt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Dem Zuckerbäckerprotz der Stalin­allee im Ostteil Berlins das kosmopolitische Bauen gegenüberstellen, sich vom unmensch­lichen Wohnungskapitalismus der Gründerzeit distanzieren – und die Landschaft ins neue Bauen integrieren. Das Hansaviertel im Stadtteil Tiergarten sollte das erste Areal sein, in dem „die Stadt von morgen“ realisiert sein würde.
Wer heute durch das Viertel spaziert, sieht vor allem eines: Anders als die gründerzeitlichen Quartiere, die den Sprung in die neue Zeit ­mühelos bewältigt haben (und entsprechend gentrifiziert sind), hat das Hansaviertel Mühe, den Anschluss zu finden. Zwar sind die Bewohner – meist Eigentümer – zufrieden mit den Wohnungen, doch das Umfeld lässt zu wünschen übrig. Die Infrastruktur, Kaufhalle, ­U-Bahnhof, sind verwahrlost. Nur die Vögel zwitschern wie eh und je.

Hansaviertel: Das noble Quartier, vor dem Krieg dicht bebaut mit herrschaftlichen Gründerzeithäusern, war bei einem Bombenangriff 1943 weitgehend zerstört worden. Anfang der fünfziger Jahre wurde daraus so etwas wie der Testfall moderner Stadtplanung. Der Westberliner Senat lud international renommierte Architekten, darunter Oscar Niemeyer, Alvar Aalto, Walter Gropius oder Max Taut ein, unter Beweis zu stellen, dass Baukunst und sozialer Wohnungsbau kein Gegensatz sein müssen. Bis 1960 entstanden im Tiergarten Punkthochhäuser und Wohnscheiben, eine Bibliothek, ein Ladenzentrum, eine Kita und die Akademie der Künste. Zum Interbaujahr 1957 strömte eine Million Menschen auf die Baustelle und den Pavillon, ein Provisorium, das heute noch steht. Viele von ihnen nutzten die neue Gondelbahn, die vom Bahnhof Zoo zum Gelände führte. Das neue Bauen und seine Landschaft, das zeigte schon das Plakat „Die Stadt von morgen“, ist aus der Vogelperspektive am besten zu bestaunen.

„Ein Stil wird im Bauen fraglos sichtbar“, urteilte bereits damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Willi Grohmann. „Er ist so international wie alle Kunst heutzutage, die Wurzeln stecken im Erdreich, aber die Krone geht frei über alle Grenzen hinweg.“ Das hübsche Bild, das zeigen soll, dass auch die in den Himmel stürmende Moderne durchaus bodenständig und ihren Traditionen verhaftet ist, war zugleich auch eine Metapher für die neue Landschaftsverbundenheit der Städte­bauer. Und die ließ sich auch in Zahlen messen. Betrug in der Gründerzeit das Verhältnis zwischen bebauter und unbebauter Fläche das Verhältnis 1:1,5, wurde es im Hansaviertel auf 1:5,5 ausgeweitet. Was aber wird vom Hansaviertel und seiner Idee einer aufgelockerten, grünen Stadtlandschaft bleiben? Eine Alternative auch für künftige Architektengenerationen? Oder ein Irrtum der Baugeschichte, ein Auslaufmodell?

 

Den ganzen Beitrag lesen Sie in Garten + Landschaft 9/2015. Heft hier bestellen.