Versickerungsgrube: Grundlagen, Nutzen und Praxis

Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Versickerungsgrube
Schwarz-gelbes Wasserrohr als Teil einer technischen Infrastrukturanlage. Foto: waldemarbrandt67w / Unsplash

Regenwasser, das auf versiegelte Flächen trifft, wird in vielen Siedlungsgebieten noch immer als Abwasser behandelt: schnell ableiten, schnell vergessen. Die Versickerungsgrube denkt das anders. Sie ist ein unterirdisches Bauwerk, das Niederschlagswasser am Ort seines Anfalls aufnimmt, zwischenspeichert und kontrolliert in den Untergrund abgibt. Damit schließt sie einen hydrologischen Kreislauf, der durch Bebauung und Flächenversiegelung unterbrochen wurde, und verbindet Entwässerungstechnik mit Grundwasserschutz, Bodenkunde und nachhaltigem Freiraummanagement.

  • Was eine Versickerungsgrube ist, wie sie funktioniert und wie sie sich von anderen Versickerungsanlagen unterscheidet
  • Welche hydrologischen, bodenkundlichen und rechtlichen Grundlagen für die Planung maßgeblich sind
  • Welche Bauformen und Materialien in der Praxis eingesetzt werden
  • Wie die Dimensionierung nach anerkannten Regelwerken erfolgt
  • Welche Standortbedingungen eine Versickerungsgrube ermöglichen oder ausschließen
  • Wie Versickerungsgruben in größere Entwässerungskonzepte und Freiraumplanungen eingebettet werden
  • Welche Fehler bei Planung, Bau und Betrieb häufig auftreten und wie sie sich vermeiden lassen
  • Welche Rolle die Versickerungsgrube im Kontext dezentraler Regenwasserbewirtschaftung und Klimaanpassung spielt

Was ist eine Versickerungsgrube? Definition, Abgrenzung und Einordnung

Eine Versickerungsgrube ist eine unterirdische, in der Regel mit Kies, Schotter oder Kunststoffelementen gefüllte Hohlform im Erdreich, die Niederschlagswasser aufnimmt und es durch die Grubenwandungen und den Grubenboden an den umgebenden Boden abgibt. Der Fachbegriff lautet im Deutschen auch Sickerschacht oder, bei flacherer Bauweise, Sickergrube, wobei letzterer Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch mitunter auch für Abwasseranlagen verwendet wird und daher zu Verwechslungen führen kann. Im Bereich der Niederschlagswasserversickerung ist die Versickerungsgrube als Punkt- oder Flächenversickerungselement klar von der Sickermulde (einer offenen, bepflanzten Geländesenke), dem Sickerschlitz (einem linienförmigen Graben) und dem Rigolensystem (einem ausgedehnten Kiespaket) abzugrenzen.

Das Funktionsprinzip beruht auf dem natürlichen Prozess der Infiltration: Wasser dringt unter dem Einfluss der Schwerkraft und des Kapillardrucks in den Porenraum des Bodens ein, verteilt sich in der ungesättigten Bodenzone und gelangt schließlich in das Grundwasser. Die Versickerungsgrube beschleunigt und konzentriert diesen Prozess räumlich, indem sie eine große benetzte Oberfläche auf kleinem Grundriss bereitstellt. Das Volumen der Grube dient dabei als Pufferspeicher, der Spitzenabflüsse aus kurzen, intensiven Regenereignissen aufnimmt und sie zeitlich gestreckt an den Boden abgibt. Ohne diesen Puffer würde die Versickerungsleistung des Bodens bei Starkregen rasch überschritten.

Von einem Sickerschacht unterscheidet sich die Versickerungsgrube vor allem durch ihre Geometrie: Schächte sind schmal und tief, Gruben breiter und flacher. Beide Typen gehören zur Gruppe der Untergrundversickerungsanlagen, die in der Fachnorm DIN 1989 und im Arbeitsblatt DWA-A 138 der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall geregelt sind. Das Arbeitsblatt DWA-A 138 ist das zentrale Planungsregelwerk für Versickerungsanlagen in Deutschland und gibt Bemessungsverfahren, Anforderungen an Boden und Wasser sowie konstruktive Mindestanforderungen vor.

Hydrologische und bodenkundliche Grundlagen der Versickerung

Ob eine Versickerungsgrube funktioniert, entscheidet letztlich der Boden. Die maßgebliche Kenngröße ist der gesättigte Wasserleitfähigkeitsbeiwert kf (auch: hydraulische Leitfähigkeit), der angibt, wie schnell Wasser durch einen Boden strömt. Er wird in Metern pro Sekunde angegeben und variiert je nach Bodenart um viele Größenordnungen: Kies und Grobsand weisen kf-Werte von 10 hoch minus 3 bis 10 hoch minus 4 m/s auf, Mittelsand liegt bei etwa 10 hoch minus 4 bis 10 hoch minus 5 m/s, Feinsand und schluffige Böden können auf 10 hoch minus 6 m/s und darunter absinken. Tonige Böden mit kf-Werten unter 10 hoch minus 6 m/s gelten für Versickerungsanlagen in der Regel als ungeeignet, weil die Infiltrationsrate zu gering ist, um Niederschlagswasser in vertretbaren Zeiträumen aufzunehmen.

Die Bestimmung des kf-Werts am konkreten Standort ist eine Grundvoraussetzung jeder seriösen Planung. Labormethoden wie der Durchströmungsversuch an Bohrkernen liefern präzise Werte, sind aber aufwendig. In der Praxis wird häufig der Kurzzeit-Infiltrationsversuch nach dem Verfahren des DWA-A 138 eingesetzt, bei dem ein Bohrloch mit Wasser gefüllt und die Absinkrate gemessen wird. Dieser Feldversuch erfasst die realen Bedingungen vor Ort einschließlich der Bodenstruktur, Makroporen und eventueller Schichtungen besser als Laborwerte. Für eine belastbare Planung sollten mehrere Versuche an verschiedenen Stellen und in der relevanten Tiefe durchgeführt werden, da der kf-Wert selbst auf kleinen Flächen erheblich variieren kann.

Neben der Wasserleitfähigkeit ist der Abstand zwischen dem Grubenboden und dem höchsten zu erwartenden Grundwasserstand entscheidend. Das DWA-A 138 fordert in der Regel einen Mindestabstand von einem Meter zwischen Grubensohle und dem höchsten Grundwasserstand (HGW), um eine ausreichende Filterstrecke in der ungesättigten Bodenzone zu gewährleisten und eine hydraulische Überlastung des Grundwasserkörpers zu vermeiden. Dieser Abstand dient auch dem Schutz vor Rückstau: Steht das Grundwasser zu hoch, kann die Grube nicht mehr versickern und läuft über. Die Ermittlung des HGW erfordert hydrogeologische Daten, die bei den zuständigen Landesbehörden oder geologischen Diensten abgefragt werden können.

Planung und Dimensionierung: Regelwerke, Verfahren und Parameter

Die Dimensionierung einer Versickerungsgrube folgt einem hydraulischen Nachweisverfahren, das im DWA-A 138 detailliert beschrieben ist. Ausgangspunkt ist die angeschlossene undurchlässige Fläche, also jene Dach-, Hof- oder Wegefläche, deren Niederschlagswasser der Anlage zugeleitet wird. Aus dieser Fläche, dem maßgeblichen Bemessungsregen (der sich aus statistischen Regenreihen des Deutschen Wetterdienstes ableitet) und dem kf-Wert des Bodens ergibt sich das erforderliche Speichervolumen der Grube. Das Bemessungsverfahren berücksichtigt dabei, dass Versickerung und Zufluss gleichzeitig stattfinden: Während ein Regenereignis andauert, gibt die Grube bereits Wasser an den Boden ab, sodass das tatsächlich benötigte Speichervolumen kleiner ist als der reine Spitzenabfluss.

Für die Praxis bedeutet das: Je höher der kf-Wert des Bodens, desto kleiner kann die Grube bei gleicher angeschlossener Fläche ausfallen. Bei sehr gut durchlässigen Böden kann eine Versickerungsgrube für ein Einfamilienhaus mit einer Dachfläche von 100 Quadratmetern kompakt und wirtschaftlich gebaut werden. Bei mäßig durchlässigen Böden wächst das erforderliche Volumen erheblich, und es kann sinnvoller sein, auf eine flächige Versickerungsanlage wie eine Mulde oder ein Rigolensystem auszuweichen, die eine größere benetzte Fläche bei gleichem Volumen bieten. Die Wahl der Versickerungsform ist also keine rein ästhetische Entscheidung, sondern folgt der Bodenbeschaffenheit und dem verfügbaren Raum.

Neben der hydraulischen Dimensionierung sind Mindestabstände zu berücksichtigen, die in den Landeswassergesetzen und kommunalen Satzungen geregelt sind. Typische Anforderungen betreffen den Abstand zu Gebäuden (um Vernässung von Fundamenten zu vermeiden), zu Grundstücksgrenzen, zu Trinkwasserbrunnen und zu Kläranlagen oder Abwasseranlagen. Diese Abstände variieren je nach Bundesland und Gemeinde erheblich und müssen im Einzelfall bei der zuständigen Wasserbehörde erfragt werden. In manchen Bundesländern ist die Errichtung einer Versickerungsanlage anzeige- oder genehmigungspflichtig, in anderen ist sie bis zu bestimmten Größen erlaubnisfrei.

Bauformen, Materialien und konstruktive Details

Versickerungsgruben werden in verschiedenen Bauformen ausgeführt, die sich nach Tiefe, Grundriss und Füllmaterial unterscheiden. Die klassische Kiesgrube besteht aus einer ausgehobenen Grube, die mit gewaschenem Kies oder Schotter einer definierten Körnung (häufig 16/32 mm oder 32/56 mm) gefüllt wird. Der Kies bildet ein Porenvolumen von etwa 30 bis 35 Prozent, das als Speicher dient. Die Grube wird oben mit einem wasserdurchlässigen Geotextil abgedeckt, das Feineintrag verhindert, und mit Oberboden und Rasen oder einer anderen Vegetationsschicht überdeckt. Diese Bauform ist kostengünstig, langlebig und mit einfachen Mitteln herzustellen.

Kunststoffrigolen aus Polypropylen-Blockelementen bieten gegenüber Kiesfüllungen ein deutlich höheres nutzbares Speichervolumen bei gleichem Außenmaß, weil ihr Hohlraumanteil 90 bis 95 Prozent beträgt. Sie werden von mehreren Herstellern als modulare Systeme angeboten und lassen sich in der Grundfläche und Tiefe flexibel kombinieren. Die Elemente werden in der Grube verlegt, mit einem Geotextil allseitig umhüllt und eingebettet. Der Vorteil liegt im reduzierten Erdaushub und im geringeren Gewicht; der Nachteil ist der höhere Materialpreis und die Notwendigkeit, die Geotextilumhüllung sorgfältig auszuführen, da Fehlstellen zu Kolmation (Verstopfung durch Feinteilchen) führen können.

Betonfertigteile in Form von Schachtringen oder Sickerschächten werden vor allem bei tiefen, schachtförmigen Versickerungsanlagen eingesetzt. Sie sind robust, langlebig und ermöglichen eine einfache Inspektion und Wartung über den Schachtdeckel. Für die Versickerungsfunktion werden die Schachtringe mit Löchern oder Schlitzen versehen, oder es werden spezielle Sickerschachtringe mit werkseitig eingebrachten Öffnungen verwendet. Der Schacht wird von einem Zulauf gespeist, der Sedimentpartikel möglichst zurückhalten soll; ein Schlammfang oder Vorfilter ist bei dieser Bauform besonders wichtig, da der Schacht sonst durch Feinteilchen verlandet.

Unabhängig von der Bauform gilt für alle Versickerungsgruben: Das Zulaufwasser muss vorbehandelt werden, wenn es von Flächen stammt, die mit Schadstoffen belastet sein können. Dachflächen aus unbeschichtetem Zink, Kupfer oder Blei geben Schwermetalle ans Niederschlagswasser ab, die im Boden akkumulieren und das Grundwasser gefährden können. Straßen- und Parkplatzflächen tragen Mineralöle, Reifenabrieb und Schwermetalle. Für solche Flächen ist eine Versickerung ohne Vorbehandlung in der Regel wasserrechtlich unzulässig; es sind Sedimentationsanlagen, Ölabscheider oder bepflanzte Filterflächen vorzuschalten.

Versickerungsgrube im Freiraumplanungskontext: Einbindung, Gestaltung und Mehrfachnutzung

Aus der Perspektive der Freiraumplanung ist die Versickerungsgrube zunächst ein unsichtbares Bauwerk. Sie liegt unter der Geländeoberfläche und tritt im Erscheinungsbild des Außenraums nicht in Erscheinung, sofern sie korrekt überdeckt und begrünt ist. Diese Unsichtbarkeit ist ein Vorteil für die Gestaltungsfreiheit, birgt aber auch die Gefahr, dass die Anlage im Planungsprozess zu spät oder zu wenig sorgfältig berücksichtigt wird. Wer die Versickerungsgrube erst nach der Freiraumplanung in den Grundriss einpasst, riskiert Konflikte mit Baumpflanzungen, Wegeführungen, Spielflächen oder Fundamenten.

Die Integration der Versickerungsgrube in ein dezentrales Regenwasserbewirtschaftungskonzept ist der planungsfachlich richtige Ansatz. Solche Konzepte kombinieren verschiedene Elemente: Dachbegrünung zur Rückhaltung und Verdunstung, offene Mulden und Mulden-Rigolen-Systeme zur flächigen Versickerung, Regenrückhaltebecken zur Spitzenkappung und Versickerungsgruben als Punktelemente für Flächen, auf denen keine oberirdische Versickerung möglich ist. Diese Kombination entspricht dem Prinzip der Schwammstadt (englisch: sponge city), das in der Stadtplanung zunehmend als Leitbild für klimaresilienten Umgang mit Niederschlagswasser dient.

Auf privaten Grundstücken übernimmt die Versickerungsgrube häufig die Entwässerung von Dachflächen, Terrassen oder Garagenzufahrten, für die eine Ableitung in den Kanal entweder nicht zulässig, nicht verfügbar oder mit Gebühren belastet ist. Viele Kommunen haben Niederschlagswassergebühren eingeführt, die sich nach der versiegelten, ans Kanalnetz angeschlossenen Fläche richten. Eine Versickerungsgrube, die eine Dachfläche vollständig vom Kanal abkoppelt, kann die jährliche Gebührenbelastung spürbar senken und amortisiert sich dadurch über die Zeit. Dieser wirtschaftliche Anreiz hat die Verbreitung dezentraler Versickerungsanlagen in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gefördert.

Betrieb, Wartung und häufige Fehler

Eine Versickerungsgrube ist kein wartungsfreies Bauwerk. Die häufigste Schadensursache ist die Kolmation: das allmähliche Zusetzen der Grubenwandungen und des Grubenbodens durch Feinteilchen, die mit dem Zulaufwasser eingetragen werden. Kolmation reduziert die wirksame Versickerungsfläche und damit die Leistungsfähigkeit der Anlage schleichend. Sichtbar wird das Problem erst, wenn die Grube bei Regenereignissen überläuft oder das Wasser nur noch sehr langsam absinkt. Regelmäßige Inspektion, idealerweise einmal jährlich, und die Kontrolle des Zulaufs auf Feinteilcheintrag sind deshalb unverzichtbar.

Vorfilter und Schlammfänge im Zulauf sind das wichtigste Mittel gegen Kolmation. Sie müssen regelmäßig geleert werden, da ein voller Schlammfang seinen Schutzeffekt verliert und selbst zur Quelle von Feinteilchen wird. Bei Kiesgruben kann eine partielle Regenerierung durch Hochdruckspülung möglich sein; bei stark kolmatierten Anlagen ist ein vollständiger Austausch des Füllmaterials die einzige wirksame Maßnahme. Kunststoffrigolen lassen sich in der Regel besser reinigen als Kiesfüllungen, weil ihre glatte Oberfläche weniger Feinteilchen bindet.

Ein weiterer häufiger Fehler ist die Überdimensionierung der angeschlossenen Fläche. Wer eine Versickerungsgrube für eine größere Fläche nutzt, als die Bodenuntersuchung erlaubt, riskiert dauerhafte Vernässung des Untergrunds, Rückstau in die Zuleitung und Schäden an benachbarten Fundamenten. Ebenso problematisch ist die Unterschätzung des Grundwasserhochstands: Wer den HGW nur aus Sommermessungen ableitet und den winterlichen oder frühjährlichen Höchststand nicht berücksichtigt, plant an der Realität vorbei. Hydrogeologische Daten aus mehrjährigen Messreihen sind hier aussagekräftiger als Einzelmessungen.

Bäume und Versickerungsgruben vertragen sich schlecht, wenn die Grube im Wurzelbereich liegt. Baumwurzeln dringen in Geotextilien und Kiesfüllungen ein, können Zulaufrohre beschädigen und die Filterwirkung des Geotextils zerstören. Der Mindestabstand zu Bäumen sollte mindestens dem einfachen, besser dem anderthalbfachen Kronenradius entsprechen. Umgekehrt kann die Versickerungsgrube, wenn sie außerhalb des Wurzelbereichs liegt, durch die Anhebung des lokalen Bodenwasserhaushalts indirekt zur Wasserversorgung von Bäumen beitragen, was in trockenen Stadtquartieren ein willkommener Nebeneffekt ist.

Die Versickerungsgrube als Baustein der Klimaanpassung

Dezentrale Versickerungsanlagen, zu denen die Versickerungsgrube gehört, sind ein strukturelles Instrument der Klimaanpassung in besiedelten Räumen. Starkregenereignisse, die durch den Klimawandel häufiger und intensiver werden, überlasten Kanalnetze, die auf historische Bemessungsregen ausgelegt wurden. Jede Fläche, die vom Kanal abgekoppelt und dezentral versickert wird, entlastet das Netz und reduziert das Überflutungsrisiko. Gleichzeitig trägt die Versickerung zur Grundwasserneubildung bei, die durch Flächenversiegelung in vielen Städten seit Jahrzehnten zurückgegangen ist.

Die Versickerungsgrube ist dabei kein Allheilmittel. Ihre Leistungsfähigkeit ist standortgebunden, ihr Einzugsgebiet klein, und sie kann keine großflächige Überflutung verhindern. Aber als Baustein in einem Gesamtsystem aus Dachbegrünung, Mulden, Rigolen, Retentionsflächen und angepasster Kanalinfrastruktur trägt sie messbar zur Resilienz des Siedlungswasserhaushalts bei. Stadtplanung und Freiraumplanung, die dieses Gesamtsystem konsequent denken, schaffen Quartiere, die Niederschlag als Ressource behandeln statt als Abfall.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner ist die Versickerungsgrube deshalb kein rein technisches Detail, das dem Tiefbauingenieur überlassen werden kann. Sie ist ein Entwurfselement, das Lage, Größe, Zulauf und Überdeckung von Beginn an in die Freiraumplanung integriert werden muss. Wer Versickerung von Anfang an mitdenkt, gewinnt gestalterische Freiheit, spart Kanalgebühren, schützt das Grundwasser und leistet einen konkreten Beitrag zu klimaresilienten Siedlungsstrukturen. Das ist keine Nebensache, sondern Kernaufgabe zeitgemäßer Außenraumplanung.

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Nord Stream 2 sucht Klimaschützer*in

Advertorial Artikel Parallax Article

Eine Ostseepipeline, zwei Großmächte und ein deutscher Klimaschutzverein steuern aktuell in ein Szenario, das das Zeug zum Skandal hat. Was passiert eigentlich gerade in Mecklenburg-Vorpommern mit Nord Stream 2? Und was haben Klimaschützer*innen beim Pipelinebau verloren? Wir suchen nach Antworten.

Deutsche Stiftung zwischen Großmächten

Es soll nicht mehr lange dauern, bevor endlich die Hähne aufgedreht werden können. Nachdem 2018 das erste Stück der zweiten Ostseepipeline, Nord Stream 2, verlegt wurde, fehlen heute noch etwa 150 von insgesamt mehr als 1 200 Kilometern Rohrleitung. Von der Narva-Bucht in Russland bis nach Lubmin an der deutschen Ostseeküste soll über die neue Pipeline schon bald das Erdgas nur so nach Europa sprudeln. Noch mehr, als bisher über nur Nord Stream 1 möglich.

Schon vor Baubeginn umstritten, entspinnt sich mit den aktuellen Ereignissen um Nord Stream 2 eine Art Krimi mit Verstrickungen nach Russland und in die USA. Und mittendrin: Deutschland und die von der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern ins Leben gerufene Stiftung Klima- und Umweltschutz MV.

Was die Sache so pikant macht? Anscheinend soll die Stiftung nicht vorrangig den Umweltschutz, sondern den Bau von Nord Stream 2 vorantreiben.

Stiftungszweck: Nord Stream 2

Ein Blick in die Satzung des Vereins offenbart unter dem Stiftungszweck zunächst elf allgemein umschriebene Maßnahmen, die unter anderem zugunsten des Klimaschutzes, der Sicherung der Artenvielfalt oder der „Verbesserung der ökologischen Situation“ „durchgeführt“ und „gefördert“ werden sollen.

Konkretere Informationen über den Stiftungszweck finden sich im zweiten Absatz, denn hier behält sich die Stiftung vor, einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb aufzubauen, und zwar explizit, um „sich damit vorrangig an der Vollendung von Nord Stream 2 [zu] beteiligen“.

An diesem zweiten Absatz entzündet sich ein großer Teil der Kritik an der Stiftung Klima- und Umweltschutz MV. Und die kommt nicht nur von Umweltorganisationen, die zum einen Umweltschäden durch den Bau der Pipeline kritisieren und zum anderen den Umweltvorteil in Frage stellen, der sich aus einem noch höheren Bezug von Erdgas als Energiequelle ergeben soll – insbesondere in Zeiten, in denen es weitreichender Konsens ist, dass eine Energiewende hinweg von fossilen Brennstoffen angestrebt werden sollte. Nicht nur NABU, BUND und WWF lehnen deshalb eine Zusammenarbeit ausdrücklich ab und bezeichnen die Stiftung Klima- und Umweltschutz MV als „Mogelpackung“.

Kritik nicht nur von Umweltschützer*innen

Auch andere Organisationen kritisieren die Stiftung. Transparency Deutschland bezeichnet deren Gründung als „politischen Missbrauch des guten Rufs von Stiftungen“. Hauptzweck der Stiftung seien kommerzielle Aktivitäten eines russischen Staatskonzerns. Hingegen erwarteten Bürger von Stiftungen politische Unabhängigkeit und den Dienst an gemeinnützigen Zwecken, so die Antikorruptionsorganisation.

Nach einem Bericht des NDR hat die Gründung der Stiftung auch den Landesrechnungshof Mecklenburg-Vorpommern auf den Plan gerufen. Er wurde offenbar trotz frühzeitiger und wiederholter Anfragen nicht in den Gründungsprozess miteinbezogen. Ein Vorgang, der der Behauptung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig widerspreche, die behauptet habe, die Gründung sei „transparent“ verlaufen.

Deutsch-Russische Partnerschaft

Wer der Adresse der Stiftung Klima- und Umweltschutz MV folgt, stößt schnell auf den Verein Deutsch-Russische Partnerschaft, der sich, wie ebenfalls vom NDR berichtet, nicht nur Büroräume und Briefkasten mit der Stiftung teilt. Ebenso teilen sich Verein und Stiftung mit Erwin Sellering, ehemaligem Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, den Vorstandsvorsitzenden, und die Geschäftsführerin des Vereins baue im Rahmen einer anscheinend aus dem Vereinsvermögen bestrittenen Nebentätigkeit die Stiftung auf. Für Erwin Sellering sei diese Personalunion kein Problem. Der Bund der Steuerzahler kritisiere indes unter anderem eine „Quernutzung von Mitteln“.

Klar ist: Der russische Staatskonzern Gazprom hegt erhebliches finanzielles Interesse am Betrieb von Nord Stream 2, denn er ist alleiniger Eigentümer der verantwortlichen Nord Stream 2 AG. Er ist über die Nord Stream 2 AG außerdem mit 20 Millionen Euro am Kapital der Stiftung Klima- und Umweltschutz MV beteiligt, während das Land Mecklenburg-Vorpommern 200 000 Euro beisteuert. „Bild“ fasst dieses Konstrukt so zusammen: „‚Stiftung Klima- und Umweltschutz MV‘ zu 99 Prozent Kreml-finanziert“.

Sollen US-Sanktionen umgangen werden?

Im vorher angesprochenen zweiten Absatz der Satzung der Stiftung Klima- und Umweltschutz MV lässt sich auch folgendes Detail finden:

„[Die Stiftung] kann im Rahmen ihres wirtschaftlichen Geschäftsbetriebes insbesondere auch […] Werkzeuge und Maschinen erwerben, übernehmen, verwalten, halten, zur Verfügung stellen und vermieten.“

Angesichts drohender Sanktionen aus den USA im Zusammenhang mit dem Bau von Nord Stream 2 gegenüber beteiligten Unternehmen könnte die Stiftung so also als Käuferin für Werkzeuge und Maschinen in Erscheinung treten, falls Bauunternehmen, die diese benötigen, davor zurückschrecken würden. Zweifelhaft ist, ob sich US-Sanktionen durch diesen Schachzug tatsächlich austricksen ließen. Die Tatsache aber, dass sich die Stiftung diese Tür offen hält, befeuert zusätzlich die Vermutung, dass sie lediglich vordergründig als Umweltschutzorganisation, tatsächlich jedoch als Vehikel zur Erleichterung des Pipelinebaus im Spannungsfeld zwischen USA und Russland dienen soll.

Mehr als nur Naserümpfen

Nun sucht also genau diese Stiftung in großformatigen Anzeigen nach „engagierten Klimaschützern“. Inwiefern diese tatsächlich innerhalb der Stiftung für einen effektiven Klimaschutz tätig werden können ist mit Kenntnis der vorliegenden Informationen zumindest fragwürdig.

Was nach der Recherche für diesen Artikel bleibt, ist ein ganz schlechter Nachgeschmack. Eine von einem Bundesland gegründete Stiftung, zum überwältigenden Teil von einem russischen Staatskonzern finanziert, die sich in ihren Statuten der Durchsetzung der Interessen dieses Konzerns verschreibt, aber oberflächlich den Pelz de Klimaschützerin trägt? Kein Wunder, dass allerorten Warnsignale aufschrillen und mehr als nur die Nasen gerümpft werden. Denn die Umstände, die die Gründung der Stiftung Klima- und Umweltschutz MV umgeben, stinken – ganz so, wie das im Erdgas vorrangig enthaltene Methan – regelrecht zum Himmel.

Renaturierung von Mooren: Bedeutung, Maßnahmen und Praxis

Naturnahe, artenreiche Stadtnatur zum Thema Renaturierung von Mooren
Winterliche Flusslandschaft mit verschneiten Ufern – ein stilles Naturpanorama. Foto: sagatto / Unsplash

Moore gehören zu den artenreichsten, kohlenstoffreichsten und ökologisch bedeutsamsten Landschaftstypen der Erde. Jahrzehntelange Entwässerung, landwirtschaftliche Nutzung und Torfabbau haben den größten Teil der mitteleuropäischen Moorlandschaften zerstört oder tiefgreifend verändert. Die Renaturierung von Mooren ist heute eine der wirksamsten Maßnahmen im Klima- und Naturschutz zugleich: Sie stoppt die Freisetzung enormer Mengen gespeicherter Treibhausgase, reaktiviert einzigartige Lebensräume und leistet einen messbaren Beitrag zum regionalen Wasserhaushalt. Was das bedeutet, wie es gelingt und worauf es in der Praxis ankommt, ist Gegenstand dieses Artikels.

  • Was Moore sind, wie sie entstehen und welche Typen unterschieden werden
  • Warum entwässerte Moore zu massiven Treibhausgasquellen werden und wie die Renaturierung von Mooren das umkehrt
  • Welche hydrologischen, ökologischen und planerischen Grundlagen eine Moorrenaturierung erfordert
  • Welche konkreten Maßnahmen zur Wiedervernässung eingesetzt werden und wie sie funktionieren
  • Wie Moorrenaturierungsprojekte geplant, genehmigt und umgesetzt werden
  • Welche Fehler in der Praxis häufig auftreten und wie sie sich vermeiden lassen
  • Welche Nachnutzungskonzepte wie Paludikultur die Renaturierung ergänzen
  • Wie Moorschutz in die Instrumente der Raumplanung und Landschaftsplanung eingebettet ist

Was ist ein Moor? Typen, Entstehung und ökologische Grundlagen

Ein Moor ist ein Feuchtgebiet, in dem über lange Zeiträume organisches Material, vor allem pflanzliche Biomasse, unter Sauerstoffabschluss akkumuliert und zu Torf umgewandelt wird. Die entscheidende Bedingung ist ein dauerhaft hoher Wasserstand, der den mikrobiellen Abbau der abgestorbenen Pflanzensubstanz verlangsamt oder nahezu verhindert. Torf entsteht also nicht trotz, sondern wegen der Nässe: Wo Wasser den Sauerstoff verdrängt, bleibt Kohlenstoff erhalten. Ein Moor gilt fachlich als solches, wenn die Torfschicht mindestens dreißig Zentimeter mächtig ist, wobei viele natürliche Moore deutlich tiefere Torfkörper aufweisen.

In der Fachterminologie werden zwei grundlegende Moortypen unterschieden: Niedermoore und Hochmoore. Niedermoore entstehen in Senken, Flusstälern und Küstenbereichen, wo mineralstoffreiches Grund- oder Oberflächenwasser zuströmt. Sie werden als minerotroph bezeichnet, weil ihre Wasserversorgung von außen erfolgt und Nährstoffe mitbringt. Hochmoore dagegen sind ombrogen, das heißt, sie werden ausschließlich durch Niederschlag gespeist. Ihr charakteristischer Torfbildner ist das Torfmoos (Sphagnum), das durch seine Fähigkeit, das Vielfache seines Eigengewichts an Wasser zu speichern und dabei Kationen gegen Protonen auszutauschen, die Umgebung aktiv ansäuert und damit den Abbau organischer Substanz weiter hemmt. Hochmoore wachsen über die umgebende Landschaft hinaus und bilden gewölbte, nährstoffarme Körper mit einer charakteristischen Vegetation aus Wollgräsern, Moosbeere, Sonnentau und Heidekraut.

Zwischen diesen Extremen existieren Übergangsmoore, die Merkmale beider Typen vereinen, sowie Kesselmoore, Hangmoore und Küstenmoore als weitere Sonderformen. Für die Renaturierung von Mooren ist die Kenntnis des jeweiligen Moortyps grundlegend, weil sie bestimmt, welche Wasserquelle reaktiviert werden muss, welche Torfmächtigkeiten und -qualitäten vorliegen und welche Zielvegetation realistisch ist.

Entwässerung und ihre Folgen: Warum Moore zu Klimabomben werden

Die systematische Entwässerung mitteleuropäischer Moore begann in großem Maßstab im 18. und 19. Jahrhundert, als staatliche Programme zur Urbarmachung von Ödland aufgelegt wurden. Gräben, Drainagen und Pumpen senkten den Grundwasserspiegel, sodass die Torfflächen landwirtschaftlich nutzbar wurden. Hinzu kam der industrielle Torfabbau für Brennstoff und Gartenbausubstrate, der ganze Moorlandschaften vollständig abtrug. In Deutschland sind nach verschiedenen Schätzungen mehr als neunzig Prozent der ursprünglichen Moorfläche entwässert oder zerstört; ähnliche Verhältnisse gelten für weite Teile Nordwesteuropas.

Die Folgen sind gravierend. Sobald Torf belüftet wird, setzen aerobe Mikroorganismen die Zersetzung des organischen Materials in Gang. Dabei werden Kohlendioxid und, unter bestimmten Bedingungen, auch Lachgas freigesetzt, ein Treibhausgas mit einem Erwärmungspotenzial, das über einen Zeitraum von hundert Jahren etwa dreihundertmal höher liegt als das von Kohlendioxid. Entwässerte Moore sind damit keine neutralen Flächen, sondern aktive Treibhausgasquellen. Obwohl Moore weltweit nur etwa drei Prozent der Landoberfläche bedecken, speichern sie schätzungsweise doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde zusammen. Entwässerte Moorflächen emittieren pro Hektar und Jahr erhebliche Mengen an CO2-Äquivalenten, wobei die genauen Werte je nach Torftiefe, Nutzungsintensität und Klimabedingungen stark variieren.

Neben dem Klimaaspekt verlieren entwässerte Moore ihre Funktion als Wasserspeicher. Der Torfkörper schrumpft und setzt sich, was zu Geländeabsenkungen führt, die in einigen norddeutschen Küstenregionen bereits mehrere Meter betragen. Die Biodiversität bricht ein: Hochmoor- und Niedermoortypische Arten wie Sonnentau (Drosera), Moosbeere (Vaccinium oxycoccos), Wollgras (Eriophorum) oder Bekassine (Gallinago gallinago) verschwinden, weil ihre Existenz an spezifische Wasserverhältnisse und Nährstoffarmut gebunden ist. Die Renaturierung von Mooren setzt genau an diesen Punkten an: Sie zielt darauf, den Wasserstand dauerhaft anzuheben, die Torfzersetzung zu stoppen und die charakteristischen Lebensgemeinschaften zurückzubringen.

Planerische und hydrologische Grundlagen der Moorrenaturierung

Bevor eine Renaturierungsmaßnahme beginnt, steht eine sorgfältige Bestandsaufnahme. Dazu gehört die Erfassung der Torfmächtigkeit und -qualität durch Bohrungen, die Analyse des Drainagesystems und der Einzugsgebiete, die Kartierung der aktuellen Vegetation sowie die Erhebung des Grundwasserstands über ein Messnetz. Historische Karten, Luftbilder und Moorkataster liefern Hinweise auf den ursprünglichen Zustand und die Veränderungsgeschichte. Ohne diese Grundlagen ist eine zielgerichtete Renaturierung von Mooren nicht möglich, weil die Maßnahmen exakt auf die hydrologischen Verhältnisse des jeweiligen Standorts abgestimmt sein müssen.

Ein zentrales Konzept ist die Wiederherstellung des moorspezifischen Wasserhaushalts. Der Torfkörper muss dauerhaft wassergesättigt sein, das heißt der Grundwasserspiegel muss möglichst nah an der Geländeoberfläche liegen, idealerweise innerhalb weniger Zentimeter. Für Hochmoore bedeutet das, die Ombrotrophie wiederherzustellen: Das Moor muss sich wieder selbst durch Niederschlag speisen können, ohne Zustrom von nährstoffreichem Fremdwasser. Für Niedermoore ist die Wiederanbindung an den natürlichen Grundwasserkörper oder die Reaktivierung von Überflutungsdynamiken entscheidend. In beiden Fällen ist das Einzugsgebiet des Moors ein kritischer Faktor: Wenn oberhalb liegende Flächen weiterhin intensiv entwässert werden, kann der Wasserstand im Moor selbst nach Grabenverschluss nicht dauerhaft angehoben werden.

Die Planung muss daher über die eigentliche Moorfläche hinausdenken und das gesamte hydrologische Einzugsgebiet einbeziehen. Das erfordert häufig die Kooperation mit benachbarten Landnutzern, Wasserverbänden und Kommunen. In der Praxis der Renaturierung von Mooren ist die Abstimmung mit der Landwirtschaft einer der komplexesten und zeitaufwendigsten Planungsschritte, weil Wiedervernässungsmaßnahmen unmittelbar in bestehende Nutzungsrechte eingreifen können. Freiwillige Vereinbarungen, Flächentausch, Ankauf durch öffentliche Träger oder Naturschutzorganisationen sowie Förderprogramme des Bundes und der Länder sind die wesentlichen Instrumente, um diesen Interessenausgleich zu erreichen.

Rechtlich sind Moorrenaturierungen in Deutschland in ein komplexes Geflecht aus Naturschutzrecht, Wasserrecht und Planungsrecht eingebettet. Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) benennt Moore als besonders schutzwürdige Biotope; viele Moorflächen sind als FFH-Gebiete (Fauna-Flora-Habitat-Gebiete) nach europäischem Recht geschützt. Wasserrechtliche Genehmigungen sind erforderlich, wenn Gewässer verändert oder Grundwasserstände beeinflusst werden. Die Landschaftsplanung, insbesondere Landschaftsrahmenpläne und Grünordnungspläne, kann Moorrenaturierungen als Ziele festschreiben und in die Bauleitplanung integrieren.

Maßnahmen zur Wiedervernässung: Technik, Methoden und Umsetzung

Das Herzstück jeder Moorrenaturierung ist die Wiedervernässung, also die Anhebung des Wasserstands auf ein moornahes Niveau. Die technisch einfachste und häufigste Maßnahme ist der Verschluss von Entwässerungsgräben. Gräben können durch Erdstopfen, Holzdämme, Betonbauwerke oder spezielle Kunststoffdämme abgedichtet werden. Die Wahl des Materials hängt von der Grabentiefe, dem Wasserdruck, der Torfbeschaffenheit und der Dauerhaftigkeit der Maßnahme ab. Holzdämme aus Rundholz sind kostengünstig und ökologisch verträglich, haben aber eine begrenzte Lebensdauer und müssen regelmäßig kontrolliert werden. Betonbauwerke sind dauerhafter, aber teurer und erfordern mehr Eingriff in den Torfkörper.

In größeren Moorkomplexen werden Staudämme und Pegel eingesetzt, um den Wasserstand gezielt zu regulieren. Schieber und Überlaufbauwerke ermöglichen es, den Wasserstand saisonal anzupassen und Extremereignisse wie Starkregen zu puffern. Bei der Renaturierung von Mooren in Flussniederungen kann die Wiederanbindung an den Fluss durch Entfernung von Deichen oder Dämmen erfolgen, was die natürliche Überflutungsdynamik reaktiviert. Diese sogenannte Flutung ist in Niedermoorkontexten eine besonders wirksame Maßnahme, erfordert aber eine sorgfältige Abstimmung mit dem Hochwasserschutz und den Anliegern.

Wo der Torfkörper durch langjährige Entwässerung stark geschrumpft und degradiert ist, kann die Geländeoberfläche durch Planierungsarbeiten angepasst werden, um eine gleichmäßigere Überflutung zu ermöglichen. In einigen Projekten werden degradierte Torfoberflächen mit Torfmoos-Diasporen (Sporen oder Pflanzenteilen) beigeimpft, um die Wiederbesiedlung durch Sphagnum zu beschleunigen. Diese Methode, bekannt als Sphagnum-Farming oder Torfmoos-Kultivierung, ist Gegenstand aktiver Forschung und wird in einigen Renaturierungsprojekten bereits erprobt. Sie ist jedoch aufwendig und setzt spezifische Standortbedingungen voraus.

Folgende Maßnahmentypen werden in der Praxis der Renaturierung von Mooren am häufigsten eingesetzt:

  • Grabenverschluss durch Erd-, Holz- oder Betonbauwerke
  • Installation von Pegeln, Schiebern und Überlaufbauwerken zur Wasserstandsregulierung
  • Entfernung oder Rückbau von Drainagerohren und Pumpenanlagen
  • Wiederanbindung an natürliche Wasserquellen (Grundwasser, Fluss, Niederschlag)
  • Geländemodellierung zur Verbesserung der Wasserverteilung
  • Beiimpfung mit Torfmoos-Diasporen zur Vegetationsentwicklung
  • Entfernung von Gehölzen, die durch Transpiration den Wasserstand absenken

Die Entfernung von Gehölzen, insbesondere von Birken und Kiefern, die sich auf entwässerten Moorflächen ausgebreitet haben, ist ein oft unterschätzter Schritt. Diese Bäume transpirieren erhebliche Wassermengen und können den Wasserstand in einem Moor dauerhaft niedrig halten, selbst wenn alle Gräben verschlossen sind. Ihre Entfernung ist daher in vielen Projekten eine Voraussetzung für den Erfolg der Wiedervernässung, muss aber ökologisch und logistisch sorgfältig geplant werden.

Paludikultur: Nutzung und Renaturierung verbinden

Ein Konzept, das in den letzten Jahren erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen hat, ist die Paludikultur. Der Begriff, geprägt von Forschern der Universität Greifswald, bezeichnet die nasse Bewirtschaftung von Moorflächen, also die landwirtschaftliche oder forstwirtschaftliche Nutzung bei gleichzeitig hohem Wasserstand. Paludikultur ist kein Ersatz für vollständige Renaturierung, aber eine Brückenstrategie für Flächen, auf denen eine vollständige Wiedervernässung aus wirtschaftlichen oder rechtlichen Gründen kurzfristig nicht realisierbar ist.

Typische Paludikulturen umfassen den Anbau von Schilf (Phragmites australis) für Dachdeckung und Bioenergie, die Kultivierung von Rohrkolben (Typha) für Dämmstoffe und Baumaterialien sowie die Torfmoos-Kultivierung für Substrate als Torfersatz im Gartenbau. Diese Nutzungsformen erzeugen bei hohem Wasserstand deutlich geringere Treibhausgasemissionen als konventionelle Landwirtschaft auf entwässertem Torf und können gleichzeitig wirtschaftliche Erträge liefern. Sie setzen jedoch voraus, dass der Wasserstand tatsächlich dauerhaft hoch gehalten wird, was spezifische Infrastruktur und Bewirtschaftungsanpassungen erfordert.

Für die Raumplanung und Landschaftsplanung ist Paludikultur ein interessantes Instrument, weil sie den Übergang zwischen intensiver Landwirtschaft und vollständiger Renaturierung von Mooren gestaltet und Landnutzern eine wirtschaftliche Perspektive bietet. Förderprogramme, etwa im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU oder nationaler Klimaschutzprogramme, beginnen, Paludikultur als förderungswürdige Maßnahme anzuerkennen, was ihre Verbreitung beschleunigen dürfte.

Häufige Fehler und kritische Erfolgsfaktoren in der Praxis

Moorrenaturierungsprojekte scheitern in der Praxis selten an mangelndem Willen, sondern an unzureichender Planung oder an der Unterschätzung hydrologischer Zusammenhänge. Ein klassischer Fehler ist die isolierte Betrachtung der Moorfläche ohne Analyse des Einzugsgebiets. Werden Gräben im Moor verschlossen, aber die Entwässerungsinfrastruktur der umgebenden Landwirtschaft bleibt unverändert, kann das Wasser nicht in ausreichender Menge zuströmen. Der Wasserstand steigt nicht dauerhaft, die Torfzersetzung geht weiter, und die Renaturierung bleibt wirkungslos.

Ein weiterer Fehler ist die Unterschätzung der Setzungsdynamik degradierter Torfe. Stark zersetzter, entwässerter Torf hat eine andere Wasserleitfähigkeit und Speicherkapazität als frischer Torf. Nach der Wiedervernässung kann es zu ungleichmäßiger Wasserverteilung kommen, weil der Torfkörper hydrophob geworden ist oder unterschiedliche Durchlässigkeiten aufweist. Eine sorgfältige Voruntersuchung der Torfbeschaffenheit und eine adaptive Maßnahmenplanung, die auf Monitoring-Daten reagiert, sind deshalb unerlässlich.

Zu schnelle oder zu vollständige Wiedervernässung kann ebenfalls problematisch sein. Wenn der Wasserstand zu abrupt angehoben wird, können anaerobe Abbauprozesse im Torf kurzfristig erhöhte Methanemissionen erzeugen, bevor sich eine stabile Moorvegetation etabliert hat. Methan ist ein potentes Treibhausgas, und obwohl die langfristige Klimabilanz der Renaturierung von Mooren positiv ist, sollte die Übergangsphase ökologisch und emissionsseitig begleitet werden. Schrittweise Wasserstandsanhebung und begleitendes Emissionsmonitoring sind in sensiblen Projekten empfehlenswert.

Schließlich wird die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit und der Einbindung lokaler Akteure häufig unterschätzt. Moorrenaturierungen berühren Eigentumsrechte, Nutzungsgewohnheiten und regionale Identitäten. Projekte, die ohne frühzeitige und transparente Kommunikation mit Landwirten, Gemeinden und Jagdpächtern begonnen werden, stoßen auf Widerstand, der selbst gut geplante Maßnahmen blockieren kann. Erfolgreiche Projekte, wie etwa im Rahmen des LIFE-Programms der EU oder des Nationalen Moorschutzprogramms in Deutschland, zeichnen sich regelmäßig durch eine intensive Beteiligungskultur aus.

Moorrenaturierung im Kontext von Klimaschutz, Biodiversität und Raumplanung

Die Renaturierung von Mooren ist keine Nischenaufgabe des Naturschutzes, sondern ein Querschnittsthema, das Klimapolitik, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Raumplanung gleichermaßen betrifft. Das Nationale Moorschutzprogramm der Bundesregierung, das auf die Reduktion von Treibhausgasemissionen aus Moorböden zielt, benennt die Wiedervernässung als zentrale Maßnahme. Auf europäischer Ebene verankert die EU-Biodiversitätsstrategie die Wiederherstellung von Feuchtgebieten, einschließlich Mooren, als verbindliches Ziel. Das EU-Renaturierungsgesetz (Nature Restoration Law), das auf die Wiederherstellung degradierter Ökosysteme abzielt, schafft einen weiteren rechtlichen Rahmen, der Moorrenaturierungen in den kommenden Jahrzehnten erheblich antreiben dürfte.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner ergibt sich daraus ein wachsendes Tätigkeitsfeld. Die Planung von Moorrenaturierungen erfordert Kenntnisse in Hydrologie, Vegetationskunde, Bodenkunde und Baurecht, aber auch Kompetenzen in Moderation, Fördermittelakquise und Monitoring. Landschaftspflegerische Begleitpläne, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Natura-2000-Managementpläne sind typische Planungsinstrumente, in denen Moorrenaturierungen verankert werden. Die enge Zusammenarbeit mit Hydrologen, Ökologen, Landwirten und Behörden ist dabei keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung für den Projekterfolg.

Moore sind keine Relikte einer vergangenen Landschaft, die man unter Glasglocken stellen kann. Sie sind dynamische, lebendige Systeme, deren Wiederherstellung aktive Planung, technisches Können und langen Atem erfordert. Die Renaturierung von Mooren ist eine der wenigen Maßnahmen, bei der Klimaschutz, Artenschutz, Wasserhaushalt und Landschaftsqualität nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich gegenseitig verstärken. Wer Moore versteht, versteht einen grundlegenden Mechanismus des Naturhaushalts, und wer sie renaturiert, investiert in eine Infrastruktur, die keine Maschine ersetzen kann.