Die Mittel- und Volksschule in der Carlbergergasse in Wien von korbwurf landschaftsarchitektur. Foto: Architekturfotografie Romana Fürnkranz
Für die Erweiterung der Mittelschule in der Carlbergergasse in Wien um eine Volksschule realisierten die Planer*innen einen Baukörper auf ungewöhnlichem Grundriss: Die charakteristische Sternform des Gebäudes wurde schließlich auch für den Freiraum zum gestaltprägenden Element. Für die Außenanlagen der neuen Mittel- und Volksschule Carlbergergasse zeichnet das Büro korbwurf landschaftsarchitektur verantwortlich. In einer Projektvorstellung stellen das Büro sein Konzept und dessen Ausgestaltung vor.

Sternenform für ausgezeichnete Beleuchtung

Die bestehende Neue Mittelschule Carlbergergasse in Wien Liesing erweitert nun ein Volksschulzubau mit 17 Klassen. Anstatt die Lücke in der Bestandsstruktur zu schließen, wurde ein eigenständiger Baukörper in Sternform hinzugefügt. Dieser Stern wirkt auf den ersten Blick formal expressiv, entsteht jedoch aus einem sehr rationalen Ansatz: Er schafft mit seiner differenziert-kubischen Ausprägung ein spannendes neues Raumgefüge mit einer ausgezeichneten Belichtungssituation. Die Klassen werden durch die sternförmige Anordnung zweiseitig belichtet und belüftet. Die Bereiche zwischen den Bildungsräumen sind flexibel schaltbar und dienen entweder als Gruppenräume oder differenzierte helle Pausenflächen.

Sternenmotiv wiederholt aufgegriffen

Das Gebäude hat in seiner unkonventionellen Ausprägung auch eine identitätsstiftende Funktion für die neue Schule. Entlang der Canevalestraße entsteht ein zusätzlicher Eingang mit einem definierten Vorbereich. Das Projekt sieht hier keine geschlossene hohe Front vor, wie es nach den Bebauungsbestimmungen möglich gewesen wäre. Stattdessen teilt es sich in den viergeschossigen „Stern“ und einen eingeschossigen Bereich, auf dem sich die große windgeschützte Terrasse befindet. Diese große Terrasse schließt die bereits bestehende Terrasse der Neuen Mittelschule mit ein und sorgt für ein qualitativ hochwertiges Freiraumangebot für die Nutzer*innen.

Im Erdgeschoß befindet sich die große Aula mit angelagertem Speisesaal. Über einen Luftraum ist die Aula mit der Zentralgarderobe im Untergeschoß verbunden. Dadurch besteht auch ein Sichtbezug zum unterirdischen Turnsaal. Dieser ist über einen eigenen Sporteingang auch für externe Veranstaltungen nutzbar. Im südlichen Bereich des Erdgeschoßes sind der Teamraum sowie die Personalräume untergebracht. Diese werden über eingeschnittene Patiohöfe belichtet.

Das Motiv des Sterns wurde im Planungsprozess an unterschiedlichen Stellen als Fraktal wieder aufgegriffen: In der Fräsung den bronzefarbenen Verbundplatten der Alucobond-Fassade, wie auch als Muster im Anlaufschutz der Glastüren und als Ausgangsform eines Lese-Sitzmöbels.

Dachterrasse mit flexibler Nutzung

Die charakteristische Gebäudestruktur des Schulneubaus wird auch für den Freiraum zum gestaltprägenden Element. Die Dynamik des Gebäudes spiegelt sich in Form von Belagsmustern und Möblierungen im Freiraum wieder. Je näher man sich dem Neubau nähert, desto klarer und gleichmäßiger werden die typischen Hexagon-Formen. Dadurch betonen sie die Eingänge und erleichtern die Orientierung. Im Übergang zur Umgebung reagieren und transformieren sich die gleichseitigen Hexagons zu größeren, ungleichseitigen Hexagonformen. Diese betten dadurch die Raumstruktur in das Umfeld ein und verweben sie miteinander. Das Gestaltungskonzept setzt sich über alle Freiraumbereiche fort und erzeugt dadurch einen identitätsstiftenden Freiraum mit hohem Wiedererkennungswert.

Der bestehende Schulgarten mit zahlreichen Spielflächen erfuhr keine Veränderung und ist nun um einen zusätzlichen Sportplatz erweitert. Im Zuge des Neubaus sollte der Innenhof und die erweiterte Dachterrasse im ersten Obergeschoss neu gestaltet werden. Dabei sollte hier vor allem eine offene und flexible Nutzung mit viel Bewegungsfreiheit möglich werden.

Begrünung auf der Kellerdecke

Den großen Innenhof befestigt ein fugenloser Belag aus wasserdurchlässigem, offenporigem Drainasphalt. Teilweise erfolgte eine Oberflächenfärbung mit rutschfester Asphaltbeschichtung. Diese legt die typischen Hexagonformen durch den Kontrast zwischen Färbung und roher Asphaltoberfläche frei. Das prägnante Belagsmuster animiert zusätzlich zum Spielen und Bewegen zwischen den Formen und betont gleichzeitig Treffpunkte und Aufenthaltsbereiche. Erhöhte Pflanzinseln mit Sitzrand und kommunikative Sitzgruppen mit Tischen bieten unter schattenspendenden Laubbäumen attraktive und vielfältige Verweilangebote. Die offene Gestaltung des Innenhofs ermöglicht eine flexible Bespielung und Bewegung. Eine Treppenanlage mit Sitzstufen verbindet den Innenhof mit der Dachterrasse im ersten Obergeschoss.

Die Lichthöfe im Erdgeschoss werden als Ruhe- und Schauhöfe mit weichen, vegetativen Elementen ausgestaltet. Leicht erhöhte Pflanzflächen mit erhöhtem Substrataufbau ermöglichen eine intensive Begrünung mit Stauden, Ziergräsern und Kleingehölzen auf der Kellerdecke.

Dachbegrünung mit Obststräuchern und Erdbeeren

Der Vorplatz greift die gleiche Gestaltungssprache wie die exklusiven Freibereiche der Bildungseinrichtung auf, um den Wiedererkennungswert zu erhöhen. Allerdings wechselt die Färbung der Asphaltoberfläche zum Innenhof invers. Das heißt, im öffentlichen Bereich sind die Hexagonformen im Asphalt gefärbt und nicht die Zwischenräume wie im Innenhof. Dadurch erhält der Vorplatz seinen eigenen Charakter und bleibt gleichzeitig als zusammenhängender Schulfreiraum erkennbar. Die Belagsstruktur leitet zu den Eingängen und definiert Aufenthaltsbereiche. Erhöhte Pflanzinseln mit Sitzrand laden zum Verweilen ein und bilden gleichzeitig einen Grünpuffer. Die teilweise bestehende Baumreihe entlang der Canevalestraße wird fortgesetzt und fasst den Vorplatz räumlich. Fahrrrad- und Scooterständer werden gebäudenah situiert.

Die mit dem Innenhof verbundene Dachterrasse im ersten Obergeschoss fügt sich in die gesamtheitliche Formensprache ein. Pflanzinseln mit Sitzrändern aus Holz verteilen sich locker über die erweiterte Dachterrasse und erlauben eine intensive Dachbegrünung mit Obststräuchern und Erdbeeren. Die bestehende Terrassenfläche strukturieren in den Randbereichen begehbare Grünflächen in Form von extensiven Dachbegrünungen mit Wiesencharakter um. Dies verbessert auch das Mikroklima. Wind- und Sonnenschutz bieten zusätzlich charakteristische Holzpavillons in Hexagon-Form, die mit Kletterpflanzen ein grünes Schattendach bilden.

Projektinfos: Neue Mittel- und Volksschule Carlbergergasse

Ort: Carlbergergasse 72, 1230 Wien

Architektur: Klammer Zeleny Architekten

Landschaftsarchitektur: korbwurf landschaftsarchitektur

Bauherrin: Stadt Wien, MA56 – Wiener Schulen

Fertigstellung: September 2020

Fotos: Architekturfotografie Romana Fürnkranz

 

Die Märzausgabe der G+L widmet sich dem Thema Schulen: Wie ein Schulhof im Jahr 2025 aussehen sollte, was sich Schüler*innen und Leher*innen wünschen und wie es an Deutschlands Schulen um digitale Bildung bestellt ist, erfahren Sie in den Projektvorstellungen, Interviews und Kommentaren der Märzausgabe. Das Heft ist hier im Shop erhältlich.

Ergänzend zum Heft gibt es auf der Webseite der G+L hier weitere Schulhofprojekte zu entdecken.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.