Wandgebundene Fassadenbegrünung: Grundlagen, Nutzen und Praxis

Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Wandgebundene Fassadenbegrünung
Detailaufnahme einer gefliesten Wand mit Rautenmuster – ein prägendes Element in der Freiraumgestaltung. (Foto: declansun/Unsplash)

Wenn Pflanzen nicht im Boden, sondern an der Wand wachsen, verändert sich die Logik des Grüns grundlegend. Wandgebundene Fassadenbegrünung ist kein Ornament und keine Modeerscheinung, sondern ein technisches System, das Vegetation, Substrat, Wasserversorgung und Tragkonstruktion zu einer funktionalen Einheit verbindet. Wer dieses System versteht, erkennt, warum es in der Stadtplanung, im Klimaschutz und in der Freiraumgestaltung eine eigenständige Rolle einnimmt, die sich von der bodengebundenen Begrünung fundamental unterscheidet.

  • Was wandgebundene Fassadenbegrünung ist und wie sie sich von bodengebundenen Systemen abgrenzt
  • Welche Systemtypen es gibt und nach welchen Kriterien sie ausgewählt werden
  • Welche stadtklimarelevanten, ökologischen und bauphysikalischen Wirkungen belegt sind
  • Welche Anforderungen an Tragkonstruktion, Substrat, Bewässerung und Drainage bestehen
  • Welche Pflanzenarten sich für wandgebundene Systeme eignen und warum die Artenwahl komplex ist
  • Wie Planung, Ausschreibung und Ausführung fachgerecht ablaufen
  • Welche Wartungsanforderungen und Lebenszykluskosten realistisch einzuplanen sind
  • Welche typischen Fehler in Planung und Betrieb auftreten und wie sie vermieden werden

Definition und Einordnung: Was wandgebundene Fassadenbegrünung bedeutet

Wandgebundene Fassadenbegrünung bezeichnet Begrünungssysteme, bei denen Pflanzen nicht im gewachsenen Boden wurzeln, sondern in einem an der Fassade befestigten Träger- oder Substratsystem gehalten werden. Das Substrat, die Wasserversorgung und die Nährstoffzufuhr sind vollständig von der Konstruktion übernommen; die Pflanze ist in ihrer Existenz auf das technische System angewiesen. Diese Abhängigkeit ist das definitorische Merkmal, das wandgebundene Systeme von der klassischen bodengebundenen Fassadenbegrünung unterscheidet, bei der Kletterpflanzen wie Efeu, Wilder Wein oder Kletterhortensie vom Erdreich aus an der Wand hochgeführt werden.

In der Fachsprache wird häufig zwischen bodengebundener Begrünung und wandgebundener Begrünung unterschieden, wobei letztere auch als Vertikalgarten, Living Wall oder Pflanzenwand bezeichnet wird. Die Begriffe sind nicht vollständig normiert, weshalb in Planung und Ausschreibung Unklarheiten entstehen können. Die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) hat mit ihren Richtlinien für die Planung, Ausführung und Pflege von Fassadenbegrünungen einen wichtigen Orientierungsrahmen geschaffen, der zwischen diesen Systemkategorien unterscheidet und technische Mindestanforderungen definiert. Planende sollten sich auf diese Grundlage stützen, auch wenn einzelne Systemanbieter eigene Bezeichnungen verwenden.

Die Abgrenzung ist nicht nur terminologisch relevant, sondern hat unmittelbare Konsequenzen für Planung, Statik, Bewässerungstechnik, Pflanzenauswahl und Wartungsaufwand. Ein wandgebundenes System erfordert von Beginn an eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Landschaftsarchitekten, Tragwerksplanern, Gebäudetechnikern und Vegetationstechnikern. Wer diese Komplexität unterschätzt, riskiert Systemversagen, das in der Öffentlichkeit sichtbar und kostspielig ist.

Systemtypen der wandgebundenen Fassadenbegrünung im Überblick

Wandgebundene Fassadenbegrünungen lassen sich nach ihrer Konstruktionsprinzip in zwei grundlegende Kategorien einteilen: Modulsysteme und Matratzen- beziehungsweise Filzsysteme. Beide Kategorien haben spezifische Stärken und Schwächen, die ihre Eignung für bestimmte Anwendungen bestimmen.

Modulsysteme bestehen aus vorgefertigten Pflanzkästen, Kassetten oder Töpfen, die an einer Unterkonstruktion aus Metall oder Kunststoff befestigt werden. Jedes Modul enthält ein definiertes Substratvolumen und kann einzeln ausgetauscht werden, was Wartung und Pflanzenwechsel erleichtert. Die Substrattiefe variiert je nach System zwischen wenigen Zentimetern und über zwanzig Zentimetern, was die Pflanzenauswahl erheblich beeinflusst. Tiefere Module erlauben den Einsatz von Stauden mit ausgeprägterem Wurzelsystem, flachere Module sind auf Moose, Sukkulenten oder flachwurzelnde Kräuter beschränkt. Modulsysteme sind in der Montage vergleichsweise flexibel und erlauben eine hohe gestalterische Variabilität durch unterschiedliche Bepflanzungsmuster.

Filz- und Matratzenssysteme, die vor allem durch den französischen Botaniker und Gestalter Patrick Blanc bekannt wurden, arbeiten mit einem mehrlagigen Vlies- oder Filzträger, in den Pflanzen direkt eingesetzt werden. Das Substratvolumen ist hier minimal; die Pflanzen werden fast ausschließlich über eine kontinuierliche Bewässerung mit gelösten Nährstoffen versorgt, also hydroponisch. Diese Systeme ermöglichen eine sehr hohe Pflanzendichte und eine außerordentlich feine gestalterische Auflösung, stellen aber extrem hohe Anforderungen an die Zuverlässigkeit der Bewässerungsanlage. Ein Ausfall der Wasserversorgung über wenige Tage kann zum vollständigen Absterben der Vegetation führen.

Daneben existieren Systeme mit Schüttsubstrat in Taschen oder Säcken sowie hybride Konstruktionen, die Elemente beider Grundprinzipien verbinden. Für die Auswahl des geeigneten Systems sind folgende Kriterien maßgeblich:

  • Verfügbare Traglastreserve der Fassade oder Unterkonstruktion
  • Anforderungen an die Pflanzenauswahl und Artenvielfalt
  • Innen- oder Außenanwendung sowie Klimazone und Exposition
  • Verfügbarkeit einer zuverlässigen Wasserversorgung und Entwässerung
  • Wartungsintensität und langfristiges Betriebsbudget
  • Gestalterische Anforderungen und Integrationsmöglichkeiten in die Fassadenarchitektur

Stadtklimarelevanz und ökologische Wirkungen: Was wandgebundene Fassadenbegrünung leistet

Die stadtklimarelevanten Wirkungen wandgebundener Fassadenbegrünung sind Gegenstand einer wachsenden Forschungsliteratur, die differenzierte Befunde liefert. Die bedeutsamste Wirkung ist die Verdunstungskühlung: Pflanzen geben über ihre Blattoberflächen Wasser an die Umgebungsluft ab, ein Prozess, der als Evapotranspiration bezeichnet wird. Dieser Phasenwechsel von flüssigem Wasser zu Wasserdampf entzieht der Umgebung Wärme und senkt die Lufttemperatur in unmittelbarer Umgebung der begrünten Fläche. In städtischen Wärmeinseln, wo versiegelte Oberflächen und Abwärme aus Gebäuden und Verkehr die Temperaturen deutlich über das Umlandniveau heben, ist dieser Kühleffekt messbar und planungsrelevant.

Wandgebundene Fassadenbegrünung wirkt dabei anders als bodengebundene Begrünung, weil sie vertikale Flächen aktiviert, die sonst als Wärmespeicher und Strahlungsemittenten wirken. Eine stark besonnte Betonwand kann Oberflächentemperaturen von über sechzig Grad Celsius erreichen und gibt diese Wärme als Langwellenstrahlung an den Stadtraum ab. Eine begrünte Wand hält ihre Oberflächentemperatur durch Verdunstung und Beschattung deutlich niedriger, was die Strahlungsbelastung für Fußgänger und angrenzende Gebäude reduziert. Dieser Effekt ist besonders in engen Straßenräumen mit hohem Wandflächenanteil relevant.

Für den Schallschutz liefern wandgebundene Systeme mit ausreichendem Substratvolumen einen messbaren Beitrag zur Schallabsorption und -dämpfung, da poröse Substrate und Blattmassen Schallenergie in Wärme umwandeln. Die Wirkung ist frequenzabhängig und bei mittleren bis hohen Frequenzen ausgeprägter als bei tiefen. Als alleinige Schallschutzmaßnahme sind Pflanzenwände nicht ausreichend, als ergänzendes Element in Kombination mit anderen Maßnahmen jedoch sinnvoll einsetzbar.

Die ökologische Wirkung wandgebundener Fassadenbegrünung auf die Biodiversität ist differenziert zu beurteilen. Gut konzipierte Systeme mit einer Vielfalt einheimischer oder zumindest ökologisch wertvoller Pflanzenarten können Lebensraum für Insekten, insbesondere Bestäuber, sowie für Spinnen und andere Kleintiere bieten. Systeme mit monotoner Bepflanzung aus wenigen Kulturformen oder Exoten haben dagegen einen geringen ökologischen Mehrwert. Die Auswahl der Pflanzenarten ist somit nicht nur eine gestalterische, sondern eine explizit ökologische Entscheidung.

Bauphysikalische Integration: Feuchteschutz, Wärmedämmung und Konstruktionsanforderungen

Die bauphysikalische Wechselwirkung zwischen wandgebundener Fassadenbegrünung und der Gebäudehülle ist ein zentrales Planungsthema, das in der Praxis häufig unterschätzt wird. Grundsätzlich gilt: Das Begrünungssystem darf die Funktion der Fassade als Witterungsschutz, Wärmedämmung und Dampfbremse nicht beeinträchtigen. Die Unterkonstruktion muss so geplant sein, dass keine Feuchtigkeit dauerhaft in den Wandaufbau eindringen kann, weder durch Leckagen in der Bewässerungsanlage noch durch Kapillarwirkung des Substrats.

Zwischen dem Begrünungssystem und der eigentlichen Fassadenoberfläche ist in der Regel eine Hinterlüftungsebene vorzusehen. Diese Luftschicht erlaubt die Trocknung von Feuchtigkeit, die trotz aller Vorkehrungen an die Fassade gelangt, und verhindert dauerhaften Feuchtestau. Bei vorgehängten hinterlüfteten Fassaden ist die Integration eines wandgebundenen Begrünungssystems konstruktiv einfacher als bei WDVS-Fassaden (Wärmedämmverbundsystemen), bei denen die Dämmung direkt auf dem Mauerwerk aufgebracht ist. An WDVS-Fassaden sind wandgebundene Systeme nur mit besonderer Sorgfalt und geeigneten Befestigungskonzepten realisierbar, die die Dichtigkeit des Dämmverbundes nicht gefährden.

Die statische Belastung durch wandgebundene Begrünungssysteme ist erheblich und muss von einem Tragwerksplaner berechnet werden. Substratgefüllte Modulsysteme können im wassergesättigten Zustand Flächenlasten von mehreren Hundert Kilogramm pro Quadratmeter erreichen. Selbst leichtere Filzsysteme mit Bewässerungsanlage, Unterkonstruktion und Bepflanzung kommen auf Lasten, die eine Prüfung der Fassadentragfähigkeit zwingend erfordern. Befestigungspunkte müssen auf die Tragstruktur des Gebäudes, nicht nur auf die Fassadenbekleidung, abgetragen werden. Diese Anforderung ist besonders bei der Nachrüstung bestehender Gebäude sorgfältig zu prüfen.

Die thermische Wirkung einer wandgebundenen Fassadenbegrünung auf den Wärmeschutz des Gebäudes ist positiv, aber begrenzt. Das Substrat und die Luftschicht hinter dem System wirken als zusätzliche Dämmschicht, deren Wärmedurchgangswiderstand jedoch variabel ist und von der Feuchte des Substrats abhängt. Nasses Substrat leitet Wärme besser als trockenes, was den Dämmeffekt im Winter reduziert. Eine Anrechnung der Begrünung als Wärmedämmmaßnahme im Sinne der Energieeinsparverordnung oder des Gebäudeenergiegesetzes ist daher nicht möglich; der Effekt ist als angenehmer Nebennutzen zu verstehen, nicht als kalkulierbare Kennzahl.

Pflanzenauswahl für wandgebundene Systeme: Anforderungen und geeignete Arten

Die Pflanzenauswahl für wandgebundene Fassadenbegrünung ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben in der Planung, weil die Standortbedingungen an einer Wand fundamental von denen im Boden abweichen. Das Substratvolumen ist begrenzt, die Temperaturschwankungen sind extrem, die Wasserverfügbarkeit hängt vollständig von der Technik ab, und die Exposition kann von vollständiger Beschattung bis zu intensiver Sonneneinstrahlung reichen, manchmal auf derselben Fläche.

Grundsätzlich eignen sich für wandgebundene Systeme Pflanzen mit folgenden Eigenschaften besonders gut: flaches oder kompaktes Wurzelsystem, hohe Toleranz gegenüber Trockenheit und Hitzestress, robuste Reaktion auf gelegentliche Bewässerungsunterbrechungen sowie eine geringe Wuchshöhe, die keine regelmäßige Rückschnittintervention erfordert. Für vollbesonnte Standorte haben sich Sukkulenten der Gattungen Sedum und Sempervivum, verschiedene Thymian-Arten sowie mediterrane Kräuter bewährt. Für halbschattige bis schattige Lagen kommen Farne, Moose, Bergenia, verschiedene Heuchera-Sorten sowie einige Gräser wie Hakonechloa in Betracht.

Bei Innenanwendungen, also in Foyers, Büros oder öffentlichen Gebäuden, erweitert sich die Pflanzenpalette erheblich, weil Frostschutz entfällt und die klimatischen Bedingungen stabiler sind. Hier werden häufig tropische und subtropische Arten eingesetzt, darunter Philodendron, Pothos, Fittonia, Asplenium und verschiedene Bromelien. Diese Arten sind an geringe Lichtintensitäten angepasst und tolerieren die trockene Innenraumluft besser als viele heimische Arten. Allerdings sind sie auf kontinuierliche Bewässerung und regelmäßige Nährstoffversorgung angewiesen, da die natürlichen Nährstoffkreisläufe des Bodens fehlen.

Ein häufiger Fehler in der Planung ist die Verwendung einer zu geringen Artenvielfalt, die das Risiko eines Totalausfalls bei Krankheiten oder Schädlingsbefall erhöht. Eine durchdachte Artenmischung mit unterschiedlichen ökologischen Nischen und Toleranzbereichen macht das System widerstandsfähiger. Gleichzeitig sollte die Pflanzenauswahl auf die tatsächlichen Lichtverhältnisse abgestimmt sein, die im Laufe des Jahres und mit zunehmender Wuchshöhe der Pflanzen variieren können.

Bewässerung, Nährstoffversorgung und Drainage: Das technische Rückgrat

Das technische Herzstück jeder wandgebundenen Fassadenbegrünung ist die Bewässerungsanlage. Da die Pflanzen nicht auf Grundwasser oder Bodenspeicher zurückgreifen können, ist eine zuverlässige, bedarfsgerechte Wasserversorgung existenziell. Übliche Systeme arbeiten mit Tropfbewässerung, bei der Wasser über ein Netz von Schläuchen und Tropfern gleichmäßig auf die Substratoberfläche oder direkt an die Wurzelzone abgegeben wird. Die Steuerung erfolgt über Zeitschaltuhren oder, in anspruchsvolleren Anlagen, über Feuchtigkeitssensoren, die den tatsächlichen Wasserbedarf messen und die Bewässerungsintervalle anpassen.

Nährstoffe werden in der Regel über das Bewässerungswasser zugeführt, ein Verfahren, das als Fertigationsbewässerung bezeichnet wird. Die Nährstoffkonzentration und -zusammensetzung muss auf die Pflanzenarten und die Jahreszeit abgestimmt sein; eine zu hohe Salzkonzentration im Bewässerungswasser schädigt die Wurzeln und führt zu Blattverbrennungen. Bei Systemen mit sehr geringem Substratvolumen, insbesondere Filzsystemen, ist die Fertigationsbewässerung die einzige Möglichkeit der Nährstoffversorgung, was die Anforderungen an die Anlagensteuerung und -wartung erhöht.

Die Drainage ist ein oft unterschätztes Element. Überschusswasser muss zuverlässig abgeleitet werden, ohne die Fassade zu benetzen oder in den Wandaufbau einzudringen. Drainagematten, Ablaufrinnen und Fallrohre müssen so dimensioniert sein, dass auch bei intensiver Bewässerung oder Starkregen kein Rückstau entsteht. Das Drainagewasser enthält Nährstoffe und Feinpartikel aus dem Substrat; eine Einleitung in die Kanalisation erfordert je nach kommunaler Satzung eine Genehmigung. In nachhaltigen Konzepten wird das Drainagewasser gesammelt, gefiltert und als Brauchwasser für die Bewässerung wiederverwendet, was den Trinkwasserverbrauch des Systems erheblich reduziert.

Planung, Ausschreibung und typische Fehler in der Praxis

Die Planung einer wandgebundenen Fassadenbegrünung beginnt mit einer sorgfältigen Standortanalyse, die Exposition, Verschattung, Windverhältnisse, Frostrisiko, Tragfähigkeit der Fassade und Verfügbarkeit von Wasser- und Stromanschlüssen umfasst. Ohne diese Grundlagenermittlung sind alle nachfolgenden Planungsschritte auf unsicherem Fundament. Besonders die Lichtanalyse wird in der Praxis häufig zu grob durchgeführt; Lichtverhältnisse an einer Fassade variieren je nach Tageszeit, Jahreszeit und Umgebungsbebauung erheblich, und eine falsch eingeschätzte Lichtintensität führt unweigerlich zu Pflanzenausfällen.

In der Ausschreibung sollte die Leistungsbeschreibung systemunabhängig formuliert sein, also funktionale Anforderungen an Substratvolumen, Wasserkapazität, Frostsicherheit und Pflanzenqualität definieren, ohne einen bestimmten Systemanbieter vorzuschreiben. Gleichzeitig müssen die Anforderungen an die Wartung und die Gewährleistung klar geregelt sein. Wandgebundene Systeme erfordern eine intensivere Pflege als bodengebundene Begrünungen; ein realistisches Wartungsbudget, das regelmäßige Kontrollen der Bewässerungsanlage, Düngung, Pflanzennachpflanzungen und Reinigung der Drainageelemente einschließt, ist ein integraler Bestandteil der Planung.

Zu den häufigsten Fehlern in der Praxis zählen: die Unterschätzung der Betriebskosten, insbesondere für Wasser, Energie und Wartung; die Auswahl von Pflanzenarten, die für den tatsächlichen Standort ungeeignet sind; fehlende Redundanz in der Bewässerungsanlage, sodass ein einzelner Defekt zum Totalausfall führt; unzureichende Abdichtung zwischen System und Fassade; sowie die fehlende Einbindung eines erfahrenen Vegetationstechnikers in die Planungsphase. Viele Misserfolge wandgebundener Systeme, die in der Öffentlichkeit als Argument gegen die Technologie verwendet werden, sind auf diese vermeidbaren Planungsfehler zurückzuführen, nicht auf grundsätzliche Schwächen des Konzepts.

Wandgebundene Fassadenbegrünung im Kontext der grünen Infrastruktur

Wandgebundene Fassadenbegrünung ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Baustein in einem größeren System grüner und blaugrüner Infrastruktur, das Städte widerstandsfähiger gegen Hitzestress, Starkregen und Biodiversitätsverlust machen soll. Ihr spezifischer Beitrag liegt in der Aktivierung vertikaler Flächen, die in dichten städtischen Strukturen den Flächenanteil begrünbarer Oberflächen erheblich erweitern können, ohne zusätzliche Grundfläche zu beanspruchen. In Innenstadtlagen, wo Grünflächen am Boden knapp und teuer sind, ist diese Eigenschaft ein echter planerischer Vorteil.

Kommunale Klimaanpassungsstrategien und Grünordnungspläne beginnen, wandgebundene Systeme als anrechenbare Grünflächen zu berücksichtigen, auch wenn die normativen Grundlagen dafür noch in der Entwicklung sind. Einige Städte haben Förderprogramme aufgelegt, die wandgebundene Fassadenbegrünung finanziell unterstützen, weil der öffentliche Nutzen durch Kühlung, Luftqualität und Stadtbild anerkannt wird. Planende sollten diese Fördermöglichkeiten kennen und in der Beratung von Bauherren aktiv ansprechen.

Gleichzeitig ist Ehrlichkeit gegenüber den Grenzen des Systems geboten. Wandgebundene Fassadenbegrünung kann Bäume nicht ersetzen, weder in ihrer Kühlleistung noch in ihrer ökologischen Wirkung. Ein ausgewachsener Stadtbaum mit seiner Kronenfläche, seinem Wurzelraum und seiner Verdunstungsleistung übertrifft eine Pflanzenwand in nahezu jeder klimatischen Kennzahl. Wandgebundene Systeme sind dort sinnvoll, wo Bäume aus räumlichen, infrastrukturellen oder statischen Gründen nicht möglich sind, und wo die Kombination aus gestalterischer Wirkung, Kühleffekt und ökologischem Mehrwert einen echten Beitrag zur Stadtqualität leistet. Wer diese Einordnung versteht, plant wandgebundene Fassadenbegrünung als das, was sie ist: ein präzises Instrument mit spezifischem Einsatzbereich, das seine Wirkung nur dann voll entfaltet, wenn es fachgerecht geplant, gebaut und betrieben wird.

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Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. So lautet die These der diesjährigen gastkuratierten Garten + Landschaft. Die besondere Ausgabe gestaltete das Berliner Landschaftsarchitekturbüro SINAI. Dem Büro war es ein Anliegen, Spannungsfelder zu thematisieren, die die Landschaftsarchitektur gegenwärtig prägen und zu denen SINAI sich eine stärkere Diskussion wünschen. Die Ausgabe ist ein Plädoyer für ausgelebte Ambivalenzen.

Kommen wir gleich zur Sache. Das Besondere an dieser, vom wunderbaren Berliner Büro SINAI gastkuratieren G+L? Beim Lesen hat man das Gefühl, mit SINAI am Tisch zu sitzen, Teil der hier publizierten Gespräche zu sein, gleich mitdiskutieren zu wollen. Denn: Die Herausforderungen, die geschilderten Frustrationen, die Hoffnungen – diese dürften die meisten von Ihnen, liebe Leser*innen, aus dem eigenen Planungsalltag kennen, Sie tagtäglich betreffen und beschäftigen.

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Der Klimawandel – zu langsam und leise?

Ukrainekrieg, Energiekrise, der zunehmende Rechtsruck der europäischen Politik – uns haben in den letzten Wochen und Monaten so einige bestürzende Nachrichten erreicht. Dass Europa 2022 jedoch den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte, dafür schien in den Newsportalen kaum Platz zu sein. Zu langsam und zu leise scheint er, der Klimawandel. Die Folgen der Klimakrise wirken im Vergleich zu unspektakulär. So traurig und faktisch falsch das auch sein mag. Denn uns in unserer Profession betreffen sie tagtäglich.

Diskussion in fünf Dialogen

Umso wichtiger erachten wir die diesjährige gastkuratierte Ausgabe von SINAI. Nach Topotek 1 (2020) und bauchplan ).( (2021) gastkuratiert das Berliner Büro 2022 die G+L. In fünf Dialogen diskutiert SINAI allen voran den Klimawandel und welche Veränderungen dieser für die Landschaftsarchitekturprofession mit sich bringt. Das allgemeine Blabla hierzu kennen wir alle, haben wir alle schon mehrmals gelesen, können es nicht mehr sehen.
Deswegen pfeift SINAI in den Gesprächen auf Sonntagsbekenntnisse und sucht nach dem, was die Profession wirklich umtreibt – sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen.

Mit wem sitzen Sie also am Tisch? Mit dabei sind unter anderem Carlo W. Becker (bgmr) und Nils Buschmann (ROBERTNEUNTM). Sie diskutieren über die Zukunft der Stadt, über Versickerungsmulden und Bullerbü-Idylle. Ab Seite 30 plädieren aber auch Franz Reschke (FRL) und Steffan Robel (A24 Landschaft) für einen progressiven, baukulturellen Umgang mit dem Klimawandel. Eine Forderung, für die sich auch Sophie Holz (SINAI) in ihrem Leitartikel „Schönheit wird die Welt erretten“ stark macht.

Dialog und Reflexion

Die Ausgabe spiegelt durch und durch das Berliner Büro wider. Für SINAI gehören der Dialog und das gemeinsame Reflektieren zum Selbstverständnis. Dafür steht im Übrigen auch der Büroname SINAI: für eine Landschaft des bewegten Denkens, für das Nomadische im Entwerfen. SINAI begibt sich stets auf neue Wege und hinterfragt das Begangene. Was das Büro also wohl von der Arbeit an diesem Heft mitnehmen wird? Dem werden wir noch ein Interview widmen. Bis dahin: Viel Spaß beim Entdecken dieser Ausgabe.

Die G+L 11/22 kuratiert von Sinai ist bei uns im Shop erhältlich.

Im Oktober ist unser Heft zum Thema „Lichtplanung“ erschienen. In diesem beschäftigen wir uns mit den Lichtkonzepten ausgewählter europäischer Großprojekte. Mehr dazu hier.

S
BürosSINAI

Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.