Warschau als Re-Labor für postsowjetische Transformation – Stadtentwicklung unter Systemwechsel

luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-GLnZNGNCqj4
Luftaufnahme einer nachhaltigen Stadt mit Fluss, fotografiert von Emmanuel Appiah

Kaum eine europäische Metropole hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen so radikalen Wandel erlebt wie Warschau. Die polnische Hauptstadt war nach dem Ende des Kommunismus nicht nur ein Spielfeld für Investoren, sondern auch ein Re-Labor für urbane Transformationen – ein Testfeld, auf dem Stadtentwicklung, Governance und Identität neu verhandelt wurden. Was lässt sich aus Warschaus postsowjetischer Metamorphose lernen? Und wie kann die Erfahrung dieses einzigartigen Systemwechsels den Diskurs zur nachhaltigen und resilienten Stadtgestaltung in Mitteleuropa bereichern?

  • Warschau als „Re-Labor“: Transformation einer postsowjetischen Stadtlandschaft unter marktwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen
  • Stadtentwicklung zwischen spontaner Investorenlogik, fehlender Planungstradition und demokratischer Neuorientierung
  • Die Rolle von Governance, lokalen Akteuren und neuen ökonomischen Rahmenbedingungen im Umbruch
  • Herausforderungen und Chancen für Stadtgestalt, Nutzungsmischung und öffentliche Räume
  • Vergleich mit west- und mitteleuropäischen Transformationsprozessen: Was unterscheidet Warschau?
  • Rückblick auf zentrale Projekte, Fehler und innovative Ansätze in der Transformation Warschaus
  • Stadtentwicklung als Spiegel gesellschaftlicher und politischer Identitätssuche
  • Relevanz der Warschauer Erfahrung für die heutige Planungskultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Fazit: Warschaus Rolle als urbanes Labor und Inspirationsquelle für postindustrielle Transformationen in Europa

Warschau nach 1989: Urbanes Vakuum und das große Experiment

Warschau im Jahr 1989: Die Stadt trägt noch schwer an den Wunden des 20. Jahrhunderts. Die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau in sozialistischer Monumentalität und Jahrzehnte zentralistischer Planung haben eine urbane Landschaft hinterlassen, die von Brüchen, Leerräumen und Funktionsverlusten geprägt ist. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Umstellung auf eine marktwirtschaftliche Ordnung bietet sich ein Bild wie aus einem urbanistischen Lehrbuch: Flächen ohne klare Eigentumsverhältnisse, fragmentierte Infrastruktur, bauliche Substanz im Verfall – und eine Bevölkerung, die zwischen Aufbruchsstimmung und Orientierungslosigkeit schwankt.

In diesem urbanen Vakuum beginnt Warschau, sich neu zu erfinden. Investoren wittern Chancen auf schnellen Profit, internationale Büros und Franchise-Ketten drängen in die Stadt. Die Verwaltung ist mit der Geschwindigkeit der Entwicklung überfordert, Planungsinstrumente fehlen, und der rechtliche Rahmen ist im Fluss. Was in westlichen Städten über Jahrzehnte gewachsen ist – etwa ein Bewusstsein für Denkmalschutz, Bürgerbeteiligung und nachhaltige Nutzungsmischung – muss hier im Zeitraffer nachgeholt werden. Gleichzeitig weckt die neue Freiheit auch einen kreativen Schub: Private Initiativen, Subkulturen und Künstler entdecken Nischen, experimentieren mit Zwischennutzungen und temporären Interventionen.

Doch die Transformation ist alles andere als linear. Während an einer Stelle Bürotürme nach westlichem Vorbild in den Himmel wachsen, verfallen nur wenige Straßen weiter sozialistische Plattenbauten oder ehemalige Industrieanlagen. Die Stadt wird zur Bühne für eine Art urbaner Patchwork-Modernisierung. Die klassische Trennung zwischen Zentrum und Peripherie verwischt, neue Achsen und Knotenpunkte entstehen, und das traditionelle Bild der europäischen Stadt wird radikal hinterfragt.

Was Warschau in dieser Phase besonders macht, ist das Fehlen eines Masterplans. Die Stadt reagiert, statt zu agieren. Planung wird zur Schadensbegrenzung, nicht zur visionären Steuerung. Das Resultat ist ein urbanes Gefüge, das auf den ersten Blick chaotisch wirkt – und auf den zweiten faszinierend vital. Warschau wird zum Re-Labor, zum Labor der Wiederholung und Neuerfindung, in dem Fehler und Erfolge gleichermaßen sichtbar werden.

Die postsowjetische Transformation Warschaus ist damit kein geordnetes Update, sondern ein riskantes Experiment. Sie stellt die Frage, wie viel Steuerung eine Stadt braucht – und wie viel Improvisation sie verträgt. Und sie liefert ein Anschauungsbeispiel dafür, dass Urbanität auch aus Brüchen und Widersprüchen entstehen kann.

Investorenlogik, Governance und Planungsdefizite: Stadtentwicklung im Ausnahmezustand

Die 1990er Jahre bringen Warschau eine Welle privater Investitionen, die in ihrer Dynamik und Unberechenbarkeit alles bisher Dagewesene übertrifft. Während der Westen Europas noch über nachhaltige Stadtentwicklung und Bürgerbeteiligung debattiert, regiert in Warschau die Investorenlogik. Grundstücke wechseln in Windeseile die Besitzer, oft begleitet von rechtlichen Grauzonen und ungeklärten Restitutionsansprüchen. Die Verwaltung steht vor einem Dilemma: Sie muss einerseits Wachstum ermöglichen, andererseits die Kontrolle über die Stadtentwicklung nicht verlieren – eine Quadratur des Kreises, die selten gelingt.

Das Planungsinstrumentarium ist noch aus der sozialistischen Zeit, also zentralistisch, technokratisch und wenig flexibel. Es fehlt an modernen Instrumenten wie Flächennutzungsplänen, Bebauungsplänen mit Bürgerbeteiligung oder verbindlichen Leitbildern für städtebauliche Entwicklung. Die Verwaltung ist personell unterbesetzt, das Know-how für marktwirtschaftliche Prozesse muss erst aufgebaut werden. Dieses institutionelle Vakuum nutzen Investoren geschickt aus: Sie setzen auf schnelle Rendite, oft zulasten städtebaulicher Qualität und langfristiger Nachhaltigkeit.

Gleichzeitig etablieren sich neue Akteurskonstellationen: Private Entwickler, internationale Konzerne, lokale Unternehmer, aber auch NGOs, Künstler und Bürgerinitiativen mischen die Karten neu. Governance wird zum Flickenteppich aus Einzelinteressen, temporären Allianzen und informellen Netzwerken. Die klassische Hierarchie weicht einer Polyphonie von Stimmen, in der sich innovative Projekte ebenso durchsetzen können wie fragwürdige Kompromisse.

Die Folgen sind in der Stadtgestalt sichtbar: Überdimensionierte Bürokomplexe neben unsanierten Altbauten, funktionslose Freiflächen neben übernutzten Straßen, fragmentierte Quartiere ohne identitätsstiftende Mitte. Die fehlende Planungstradition macht es schwer, dauerhaft tragfähige Strukturen zu schaffen. Was entsteht, ist eine Stadt, die von Experimenten lebt – aber auch von deren Scheitern.

Doch gerade im Ausnahmezustand entstehen auch Chancen. Die Offenheit für neue Ideen, die Notwendigkeit zur Improvisation und der Druck, auf Veränderungen flexibel zu reagieren, führen zu einer urbanen Innovationskultur. Zwischennutzungen, Pop-up-Architektur und partizipative Prozesse werden zu wichtigen Treibern der Transformation. Warschau entwickelt so eine neue Planungskultur, die weniger auf Perfektion, sondern auf Anpassungsfähigkeit setzt.

Öffentliche Räume, Nutzungsmischung und Identität: Die Suche nach der europäischen Stadt

Warschau steht nach der postsowjetischen Wende vor der Herausforderung, eine neue städtische Identität zu entwickeln. Jahrzehnte der zentralistischen Planung und die Zerstörung des historischen Stadtbilds haben tiefe Spuren hinterlassen. Nun gilt es, die Stadt nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial und kulturell zu erneuern. Dabei rücken öffentliche Räume und Nutzungsmischung ins Zentrum der Debatte.

In der Anfangsphase der Transformation dominieren Investitionen in kommerzielle Immobilien und Infrastrukturprojekte. Einkaufszentren, Büroparks und Autobahnzubringer prägen das Bild der neuen Zeit. Öffentliche Räume bleiben dagegen oft vernachlässigt, werden privatisiert oder marginalisiert. Erst ab den 2000er Jahren wächst das Bewusstsein für die Bedeutung von Parks, Plätzen und Grünflächen als Orte gesellschaftlicher Integration.

Die Wiederentdeckung des öffentlichen Raums ist eng verknüpft mit der Suche nach urbaner Identität. Projekte wie die Neugestaltung des Plac Grzybowski, die Entwicklung der Weichseluferpromenade oder temporäre Installationen auf Brachflächen zeigen, wie aus dem Nebeneinander von Alt und Neu neue Qualitäten entstehen können. Gleichzeitig bleibt die Nutzungsmischung eine zentrale Herausforderung: Während einige Viertel von Gentrifizierung und Monostrukturen geprägt sind, entstehen andernorts vielfältige, lebendige Quartiere mit einer Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit.

Die Frage nach der europäischen Stadt – kompakt, durchmischt, lebendig – wird in Warschau immer wieder neu gestellt. Dabei zeigt sich, dass die Transformation nicht nur eine technische, sondern vor allem eine soziale und kulturelle Aufgabe ist. Die Aneignung des Stadtraums durch die Bewohner, die Rückeroberung von Straßen und Plätzen, die Integration von Grünstrukturen und die Förderung von Nachbarschaftsinitiativen tragen dazu bei, die Stadt als gemeinsamen Lebensraum zu begreifen.

Warschau wird so zum Spiegelbild einer Gesellschaft im Wandel: Hier werden nicht nur Gebäude gebaut, sondern auch kollektive Identitäten und neue Formen des Zusammenlebens. Die Stadtentwicklung wird zum Ausdruck der Suche nach Zugehörigkeit, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit – und zeigt, dass Urbanität weit über bauliche Strukturen hinausgeht.

Lehren für Mitteleuropa: Systemwechsel, resilienter Städtebau und das Re-Labor-Prinzip

Was kann die deutschsprachige Planungskultur aus Warschaus postsowjetischer Transformation lernen? Zunächst einmal, dass Systemwechsel nicht nur technische oder gesetzliche Anpassungen bedeuten, sondern einen tiefgreifenden Wandel in der Planungskultur, im Selbstverständnis der Akteure und im Umgang mit Unsicherheiten. Wo in Deutschland, Österreich und der Schweiz Prozesse häufig auf Konsens und Perfektion ausgerichtet sind, zeigt Warschau die Kraft der Improvisation, der Ad-hoc-Lösungen und der Offenheit für das Ungeplante.

Der resilientere Städtebau, der in Warschau gezwungenermaßen entstanden ist, kann auch für westliche Städte eine Inspirationsquelle sein. Die Fähigkeit, auf Krisen flexibel zu reagieren, temporäre Lösungen zuzulassen und Beteiligung nicht als Risiko, sondern als Ressource zu begreifen, sind zentrale Aspekte einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung. Gerade in Zeiten von Klimawandel, Migration und Digitalisierung sind diese Kompetenzen gefragter denn je.

Das Re-Labor-Prinzip – also die Bereitschaft, die Stadt als Experimentierfeld zu begreifen, Fehler zuzulassen und aus ihnen zu lernen – kann der mitteleuropäischen Planung neue Impulse geben. Es fordert dazu auf, Planung nicht als linearen Prozess, sondern als dynamisches Wechselspiel von Steuerung und Offenheit zu begreifen. Die Warschauer Erfahrung zeigt, dass Urbanität nicht planbar ist, aber gestaltbar bleibt – wenn man Mut zur Lücke, zur Improvisation und zur Partizipation hat.

Gleichzeitig macht Warschau deutlich, dass Transformation auch Risiken birgt: soziale Spaltung, Verlust von Identität, ökologische Defizite und die Gefahr, städtebauliche Fehler teuer zu wiederholen. Eine kluge Planung muss daher aus den Fehlern lernen, aber auch die Innovationskraft des Ausnahmezustands nutzen. Die Balance zwischen Steuerung und Offenheit, zwischen Vision und Pragmatismus, bleibt die große Herausforderung.

Für die Planungskultur im deutschsprachigen Raum eröffnet die Warschauer Transformation einen neuen Blick auf urbane Resilienz, Governance und die Rolle von Öffentlichkeit und Gemeinwohl. Sie zeigt, dass nachhaltige Stadtentwicklung nicht aus dem Lehrbuch kommt, sondern aus dem Mut zum Experiment – und dem Willen, die Stadt als gemeinsames Projekt immer wieder neu zu denken.

Fazit: Warschau als urbanes Labor und Quelle europäischer Inspiration

Warschau steht heute als Sinnbild für den urbanen Wandel unter Extrembedingungen. Die postsowjetische Transformation hat die Stadt nicht nur baulich, sondern auch sozial, kulturell und institutionell geprägt. Aus dem Vakuum der 1990er Jahre ist ein urbanes Re-Labor entstanden, in dem neue Formen von Governance, Teilhabe und Stadtgestaltung entwickelt wurden. Die Erfahrungen Warschaus machen deutlich, dass Transformation nie abgeschlossen ist – sie bleibt ein offener Prozess, der Mut, Kreativität und Lernbereitschaft verlangt.

Für Stadtplaner, Architekten und Entscheidungsträger im deutschsprachigen Raum bietet Warschau eine wertvolle Referenz: Sie zeigt, wie Städte auch unter Unsicherheit und Systemwechsel widerstandsfähig, innovativ und lebenswert bleiben können. Die polnische Hauptstadt ermutigt dazu, Stadtentwicklung als kollektives Abenteuer zu begreifen – als einen Prozess, in dem Fehler erlaubt sind und in dem das Unfertige seine eigene Qualität entfalten kann.

Der Blick nach Warschau relativiert die Vorstellung von urbaner Perfektion und macht Lust auf eine Planungskultur, die Experimente zulässt, Beteiligung ernst nimmt und die Stadt als lebendigen Organismus versteht. In einer Zeit, in der die Herausforderungen für Städte komplexer werden, ist genau diese Haltung gefragt. Warschau bleibt damit ein Labor der europäischen Stadtentwicklung – und ein Vorbild für den kreativen Umgang mit Transformation und Systemwechsel.

Das könnte Sie auch interessieren
Ausstellung „Landscape Works with Piet Oudolf and LOLA“
Visualisierung der grünen Innenstadt von Ulm. Bildquelle: Studio Maurermeier
Die Ulmer Innenstadt soll grün werden
grune-wiese-und-stadt-treffen-auf-schneebedeckte-berge-cw1Vzm-m9jU
Kohlenstoffarme Quartiere – Praxisbeispiele mit Bilanzierung
Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Cortenstahl Profil
Cortenstahl Profil: Eigenschaften, Verlegung und Einsatz
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Open Planning als neue Kulturtechnik – Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Feedback
Aussichtsturm am Seljord-See
Das Kingston University Town House.
RIBA vergibt National Awards 2021
G+L im November 2019: Stadt in Bewegung
Jana Leoni studierte Landschaftsarchitektur an der TU Dresden und Urban Design an der TU Berlin. Sie war unter anderem für Albert Speer + Partner tätig, bevor sie zur Stadt Frankfurt wechselte. Hier leitete sie zwei Jahre stellvertretend das Sachgebiet Stadtklima/Klimawandel im Umweltamt Frankfurt und wechselte mit Gründung in das Klimareferat Frankfurt.
„Die Erfahrung sagt dranbleiben“
Die Schaugewächshäuser im Botanischen Garten Karlsruhe sind eine der Nominierungen für den Baden-Württembergischer Landschaftsarchitektur-Preis.
Nominierung Baden-Württembergischer Landschaftsarchitektur-Preis

Öffentlicher Raum: Symposium “RAUMaufZEIT”

In den vergangenen zehn Jahren ist in Praxis, Forschung und Lehre eine Konjunktur des Vorübergehenden zu verzeichnen. Temporäre Zwischennutzungen im Stadtraum, ephemere Stadtentwicklung, das scheinbar Ungeplante, das Experimentelle, Formen des Informellen, Provisorischen, performativer Urbanismus, selfmade city, urban gardening, Mikroplanung, hands-on- und handmade urbanism sind nur einige Stichworte, die diesen Trend beschreiben. Gelegentlich sind daher gewisse Ermüdungserscheinungen zu vernehmen, verbunden mit der Frage, ob sich das Thema nicht langsam abgearbeitet habe, da es zum allgemeinen fachlichen Wissens- und Planungskanon geworden ist. Dass dies nicht so ist, hat das Symposium RAUMaufZEIT bewiesen, das am 19. September an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter stattfand. Initiiert wurde diese Tagung von Ulrich Berding, Florian Kluge und Willem-Jan Beeren, die sich seit langem mit öffentlichen Räumen beschäftigen. Ein immer wiederkehrendes Arbeitsprinzip war dabei die temporäre Intervention. Projekte und Denkweise haben sie in dem Buch „RAUMaufZEIT. Temporäre Interventionen im öffentlichen Raum“ in den Bänden 1 und 2 dokumentiert.

Mehr Information zum Projekt “kistenweise”: www.raumaufzeit.eu/kistenweise

 

Das Symposium RAUMaufZEIT sollte nun einen Schritt weitergehen. Gemeinsam wollten sie ihre Arbeit in einem Expertenkreis reflektieren und weiterentwickeln. Mittel- und langfristig soll über mehrere Schritte ein Expertennetzwerk aufgebaut werden, das sich in losem Verbund interdisziplinär austauscht, Projekte initiiert und weitere gemeinsame Symposien veranstaltet.

Eingeladen waren Experten aus diversen Disziplinen: Architekten, Stadtplaner, Landschaftsarchitekten, Kulturtheoretiker, Kuratoren, Bildungs- und Kunstwissenschaftler waren ebenso vertreten wie eine Reihe von (Aktions-) Künstlern, Filmemachern und Aktivisten partizipativer Kunst. Der Begriff RAUMaufZEIT spielt mit dem Moment des Augenblicks nicht nur als Beschreibung einer kurzen Zeitspanne, sondern immer in ihrer Wechselbeziehung mit Räumen. Insofern ist er klar umrissen, lässt zugleich aber genügend Spielraum für unterschiedliche Anwendungen und Erklärungsmuster. Genau dies spiegelte auch die Bandbreite der Zugänge wider, theoretisch-wissenschaftlich und praktisch-künstlerisch. Um dieses heterogene Spektrum unter einen Hut zu bekommen, wählten die Initiatoren probate Kommunikationsmittel: Zunächst stellten sich die beteiligten Experten mit einem Kurzvortrag im Pecha-Kucha-Modus (5 Minuten, 10 Folien im 30-Sekunden-Rhythmus) vor. Diese Methode stellte sich als sehr fruchtbar heraus, um die Polyphonie des Themas, seiner Methoden, Praktiken, Ziele und Fachsprachen zu verdeutlichen. Am Nachmittag stand dann die gemeinsame Arbeit im Vordergrund. In drei Gesprächsrunden im World-Café-Modus mit den Schwerpunkten „Projekte“, „Formate“ und „Forschung“ wurden gemeinsame Ansätze, Themen und Fragen identifiziert, diskutiert und weiterentwickelt.

Mehr Information zum Projekt “Spacemaker”: www.raumaufzeit.eu/spacemaker

 

Das Symposium zeigte, dass das Thema nicht aus der Mode kommt, sondern einer weiteren Beschäftigung bedarf: Anstehende Aufgaben sind die Qualifizierung, Differenzierung und Auseinandersetzung mit Interventionen als methodisches Handwerkszeug in Forschung und Planung (jenseits einer Festivalisierung öffentlicher Räume) sowie eine weitere theoretische Durchdringung. Der dritte Band der RAUMaufZEIT-Reihe wird die Expertenbeiträge unter dem Titel „Reflektionen – Positionen  – Haltungen“ publizieren. Ein guter Anfang, um weitere Prozesse anzuschieben. Weitere Informationen: www.raumaufzeit.eu

Weitere Wettbewerbsergebnisse im November 2020

Stadtpark auf ehemaliger Deponie, Rostock; 1. Preis RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten, Köln

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbe. Hier die Wettbewerbsergebnisse im November 2020 – Teil 2.

Neugestaltung Brüder-Grimm-Platz, Kassel; 1. Preis club L94, Köln, mit Röver Ingenieurgesellschaft mbH, Gütersloh

Rostock wandelt eine ehemalige Deponie zum Stadtpark um und schafft damit eine multifunktionale Grün- und Veranstaltungsfläche für die BUGA 2025. Der Siegerentwurf von RMP Stephan Lenzen sieht ein zentrales Freizeitplateau vor, mit sportlichen und spielerischen Aktivangeboten. Richtung Warnowufer fällt das Gelände in Terrassen und gibt den Blick frei zur gegenüberliegenden Altstadt. Die nutzungsintensive Mitte bettet sich in einen extensiv gestalteten Landschaftspark, der sogenannten Parkschale.

Radiale Wege führen von der Mitte nach außen und schließen an mehrere Rundwege an, die sich schneiden und teils deckungsgleich verlaufen: Sport- und Panoramaloop grenzen direkt ans Freizeitplateau, nach außen folgen Deponieloop und Warnowrundweg. Letzterer weitet sich entlang des Ufers zu einem Freizeitband und erhält am Ufer ein besonderes Raumerlebnis durch eine Steganlage, die über Wasser und Schilfgürtel leitet. Der Deponieloop zeichnet die alten Raumkanten der früheren Deponie nach. Ein Hochpunkt und Merkzeichen des zentralen Freizeitplateaus bildet der Klimaleuchtturm, eine Spiel- und Aussichtsskulptur, die sich in ihrer zusätzlichen Funktion als Informationsterminal in das Umweltkonzept des Parks eingliedert.

Weitere Wettbewerbsergebnisse im November finden Sie hier.

Lebensader LUX in Hürth; 1. Preis RSP Freiraum GmbH, mit Bonk + Herrmann, beide Dresden

Der Brüder-Grimm-Platz hatte im Laufe seiner Geschichte bereits viele Namen, bislang erinnert nur ein Denkmal an das märchenerzählende Brüderpaar, das hier mal gelebt haben soll. Mit „Grimms Wald“ knüpft der Siegerentwurf des Teams aus Landschaftsarchitekten club L94 und Verkehrsplanern Röver direkt an die Epik an, schafft aber dennoch einen zeitgenössischen Kontext. Mit einer kompakten Pflanzmitte aus Waldstauden, Farnen und Waldbäumen vermittelt der Entwurf spielerisch aber dennoch klar die starke Assoziation eines Märchenwaldes. Zusätzlich überrascht er mit der bepflanzten Kreisform – ein Rückgriff auf die frühere Platzgestalt vor über 100 Jahren, ein mit Bäumen gesäumtes Rondell. Gemeinsam mit der pentagonförmigen Platzkante entsteht so eine spannungsvolle Platzdynamik mit großzügigen Vorbereichen für die historischen Randbauten. Der Verkehrsraum zerschneidet zwar das Rund, wird in seiner Dimensionierung aber von den Planern stark reduziert.

Weitere Wettbewerbsergebnisse im November finden Sie hier.

Im Wettbewerb zur Neugliederung der zentralen Luxemburger Straße in Hürth überzeugte der Siegerentwurf mit einer sehr eigenständigen Haltung, so die Jury. Die Straßenachse verschiebt sich nach Westen und ermöglicht dadurch entlang der Ostseite einen breiten baumbestandenen und partiell entsiegelten Boulevard. Eine Abfolge kleiner Gartenkabinette bietet abwechslungsreiche Aufenthaltsräume, die Entsiegelung und Bepflanzung stärkt die stadtklimatischen Zielsetzungen zur Hitzereduzierung. Zwei größere Platzräume und zahlreiche Querungen rhythmisieren und durchbrechen den streng linearen Straßenraum. An der Ostseite reduziert sich der eigentliche Verkehrsraum auf den erforderlichen Regelquerschnitt, mit zwei Meter schmalen Parkstreifen und zwei Fahrspuren von je 2,50 Metern Breite. Die Verfasser empfehlen die Ausweisung als Fahrradstraße, nur im Begegnungsfall von Stadtbussen wird der Querschnitt von 6,50 Meter ermöglicht. Die Leitungstrasse konzentriert sich auf den Fahrbereich des Straßenraums und den Querungen; Boulevard und Gartenkabinette bleiben dagegen trassenfrei.

Mehr zum Lenné-Preis 2020 erfahren Sie hier.

Weitere Wettbewerbsergebnisse im November finden Sie hier.