Gemeinschaftsgärten sind Teil der essbaren Stadt und bringen zahlreiche soziale, ökologische und wirtschaftliche Vorteile. Foto: via rawpixel

Mit dem Begriff der essbaren Stadt ist ein Konzept gemeint, bei dem Obst- und Gemüse- sowie Nutzpflanzen auf öffentlichen Flächen angebaut werden. Diese zugänglichen Lebensmittel stehen allen Menschen frei zur Verfügung. Sie dienen unter anderem der Ernährung und der Bildung in Städten.

Die urbane Nahrungsmittelproduktion ist keine neue Erfindung, aber heutzutage kommt sie nicht mehr aus einer Notsituation heraus. Vielmehr geht es bei der essbaren Stadt um den Gedanken, neue Gemeingüter zu schaffen und Lebensmittel für alle Menschen frei zur Verfügung zu stellen. So steigt die Lebensqualität für alle und Städter*innen erfahren mehr über die Lebensmittelproduktion. Essen als zugängliches Thema soll zudem alle Bevölkerungsgruppen einladen und zu Konversationen anregen.

Regionale, geschlossene Nährstoffkreisläufe

Essbare Städte sind oft Teil von landschaftsarchitektonischen Vorhaben. Sie sind Teil der ästhetischen Funktion städtischer Grünflächen, haben aber zusätzlich auch umweltpädagogische, soziale und ökologische Aspekte. Damit unterstützen sie die Nachhaltigkeitsziele von Städten, sei es durch öffentliche Gärten, Obst- und Nussbäume, Gemüseprojekte oder Beerensträucher im Park. Das Konzept kann sowohl von der Bevölkerung als auch von der Stadtverwaltung umgesetzt werden.

Es bringt wichtige wirtschaftliche Vorteile: Armutsbekämpfung, erhöhte Ernährungssicherheit, Förderung der Kreislaufwirtschaft und Transparenz entlang der Wertschöpfungskette führen dazu, dass Lebensmittel in vielen Städten heute einen ganz neuen Stellenwert haben. Hochwertige Produkte können die Multifunktionalität öffentlicher Grünflächen erhöhen.

Und durch die partizipativen Aspekte der meist von den Bürger*innen gepflegten essbaren Stadt entstehen soziale Vorteile: Die „Prosument*innen“, die sowohl konsumieren als auch produzieren, entwickeln ein Bewusstsein für nachhaltige Ernährung und haben Zugang zu gesunden Optionen. Durch Gemeinschaftsveranstaltungen wie Gärtnern oder Erntedankfeste lässt sich die soziale Wirkung der essbaren Stadt gut entfalten.

Und auch ökologisch gesehen bringt die essbare Stadt Vorteile: Sie erhöht den Anteil an Grünflächen in Städten, fördert die Biodiversität und Artenvielfalt, vermittelt jungen Menschen die Bedeutung von Lebensmitteln und kann die Lebensmittelverschwendung reduzieren. Zudem fördert sie regionale, geschlossene Nährstoffkreisläufe mit minimalen Lieferwegen.

: In der essbaren Stadt werden die Bürger*innen zu Prosument*innen, die sowohl konsumieren als auch konsumieren. Foto: via unsplash
: In der essbaren Stadt werden die Bürger*innen zu Prosument*innen, die sowohl konsumieren als auch konsumieren. Foto: via unsplash

Über 100 essbare Städte in Deutschland

Wenn sich eine Stadt als „essbar“ bezeichnet – ein selbst gewählter Titel –, dann hat sie vermutlich einen recht hohen Anteil an öffentlichen Gärten, Obst- und Gemüsepflanzen und Angeboten wie der App Mundraub. Letztere zeigt, wo zugängliche Beeren, Gemüsearten, Nüsse und weitere Lebensmittel gepflückt werden können.

Städte wie Kassel, Halle, Trier, Köln, Andernach, Kiel und Jena tragen den Titel voller Stolz. Hier stehen die Stadtverwaltungen ebenso wie die Behörden, die Bürger*innen und oft auch private Vereine hinter dem Vorhaben. Andernach nutzt seit 2010 die Bezeichnung essbare Stadt und ist damit die erste Stadt in Deutschland. Bereits im Jahr 2008 gab es im Vereinigten Königreich mit Todmorden eine „edible town“. Auf öffentlichen Gebäuden entstanden Gemüsegärten, die von Beginn an allen Bürger*innen offenstanden: Sie durften das ernten, was im öffentlichen Raum wuchs.

Das Interesse in den Medien war groß. Jährlich finden um die 150 Exkursionen in Andernach statt, die andere Städte dazu inspirieren, ebenfalls zu einer essbaren Stadt zu werden. Im Jahr 2016 gab es bereits 63 Gemeinden in Deutschland, die entsprechende Konzepte hatten. Heute sind es über 100.

Essbare Blumen, Zucchinis, Tomaten, Gurken, Kräuter, Beeren und vieles mehr wächst in den meisten Städten ohne Probleme und kann zum Gemeingut werden. Foto: via unsplash
Essbare Blumen, Zucchinis, Tomaten, Gurken, Kräuter, Beeren und vieles mehr wächst in den meisten Städten ohne Probleme und kann zum Gemeingut werden. Foto: via unsplash

Das Konzept verankern

Auf den ersten Blick hat das Konzept der essbaren Stadt keine Nachteile: Es ist leicht und günstig umzusetzen und erfüllt zahlreiche Nachhaltigkeitskriterien. Wichtig ist jedoch, dass es nicht bei einem Symbolcharakter bleibt: Vielmehr sollte die essbare Stadt zu Verhaltensänderung in der Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln führen. Auch Handel und Konsum sollten sich idealerweise verändern.

Erfolgreiche essbare Städte sind vielfältig: Von Gemüse, Obst, Kräutern und essbaren Blüten in Parks und Fußgängerzonen über Balkone, Wände und Dachflächen bis hin zu öffentlichen Grünanlagen, Spielplätzen sowie Gemeinschafts- und Schulgärten gibt es viele Möglichkeiten, Bewohner*innen mit frischen, regionalen Lebensmitteln zu versorgen.

Damit das gut funktioniert, müssen die Stadtbewohner*innen Verantwortung übernehmen. Denn sie kümmern sich um die Bepflanzung und Pflege der Flächen. Die Grünflächenämter unterstützen und koordinieren dies idealerweise. Politische und finanzielle Unterstützung, etwa durch Anreize für den Anbau von Lebensmitteln auf privaten Grundstücken oder für die Umwandlung von Brachflächen in Gemeinschaftsgärten, sind hilfreich.

Bildungsprogramme sowie Initiativen zur Stärkung der Gemeinschaft, wie der Nordpark Essbare Stadt in Chemnitz, helfen dabei, das Konzept in der Kultur zu verankern. In Berlin zeigt die Initiative „Prinzessinnengärten“, wie aus einer Brache eine blühende Oase mitten in der Stadt entstehen kann, die ganze Familien versorgt. In der kanadischen Stadt Toronto sind aus den Klein- und Gemeinschaftsgärten ganze Food-Coops (Kooperativen), Bauernmärkte, Bildungsprogramme und Initiativen der solidarischen Landwirtschaft entstanden.

In essbaren Städten lernen Kinder schon früh, wie wichtig eine gesunde und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion ist. Foto: via unsplash
In essbaren Städten lernen Kinder schon früh, wie wichtig eine gesunde und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion ist. Foto: via unsplash

Anreize sind nötig

Das Konzept der essbaren Stadt breitet sich immer weiter aus. Vor allem der Gedanke, neue Gemeingüter zu schaffen, ist für viele Städte attraktiv. Das Nachhaltigkeitspotenzial des Konzeptes ist hoch. Um die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, ist es wichtig, dass der Ansatz zu substanziellen Verbesserungen in der Produktion und im Konsum von Lebensmitteln vor Ort führt.

Solange die Menschen in Städten Zugang zu frischen Lebensmitteln haben, die vor Ort angebaut werden – ob in Gemeinschaftsgärten, auf öffentlichen Flächen oder auf privaten Grundstücken – kann eine Stadt als „essbar“ bezeichnet werden. Das Konzept bietet viele Vorteile für die Umwelt, die Gesellschaft und die Gesundheit der Stadtbewohner*innen. Durch geeignete Anreize sowie die Unterstützung von Initiativen können Städte dazu beitragen, mit einem essbaren Konzept eine nachhaltigere Zukunft zu gestalten.

Weiterlesen: In ihrem Buch „Rein ins Grüne, raus in die Stadt“ widmet sich die Autorin und Politikerin Renate Künast der Thematik urbane Gärten.

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Landesgartenschau Ingolstadt 2021: Eröffnungsfeier

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Letztes Jahr konnte die Landesgartenschau in Ingolstadt aufgrund von Corona nicht eröffnen – aber am 21. April 2021 geht es nun endlich los: natürlich mit einem ausgeklügelten Sicherheits- und Hygienekonzept. Außerdem mit einem Festakt, der – ganz Pandemie-konform – mit nur wenigen geladenen Ehrengästen stattfindet und Online übertragen wird.

Landesgartenschau Ingolstadt 2021: Eröffnungsfeier

 

Eigentlich hätte sie ja schon letztes Jahr eröffnen sollen, die Landesgartenschau Ingolstadt. Dem aber machte Corona einen Strich durch die Rechnung: Der Aufsichtsrat der Landesgartenschau Ingolstadt (LGS) entschied sich aufgrund der Pandemie im Mai 2020 dazu, die Eröffnung um knapp ein Jahr auf April 2021 zu verschieben – bis dahin sollte das Gelände für Besucher*innen nicht zugänglich sein.

Das lag unter anderem daran, dass aufgrund des ersten Lockdowns die Ausstellungsbeiträge nicht in einem „Gartenschau-würdigen“ Zustand waren: Das Gelände war von Baustellen und unfertigen Beiträgen geprägt. Es gab kaum Grünflächen – statt des vorgesehenen Rollrasens war Rasen angesät worden – und für die Wechselflorflächen war nach dem Frühjahr keine Neubepflanzung vorgesehen. Das Gelände der LGS hätte also kaum Aufenthaltsqualität geboten. Zudem fehlte es an einem sicheren Hygienekonzept, um Besucher*innen in Pandemie-Zeiten zu schützen.

Rahmenprogramm durch Pandemie eingeschränkt

 

Das soll dieses Jahr alles anders sein: Die Landesgartenschau Ingolstadt wird 2021 ihre Tore öffnen – aller Voraussicht nach am 21. April. Um die, um ein Jahr verspätete Eröffnung gebührend zu feiern, findet ein digitaler Festakt statt: Ab 10 Uhr ist die virtuelle Eröffnungsfeier per Live-Stream auf der Webseite und den Social-Media-Kanälen der Landesgartenschau Ingolstadt 2021 zu beobachten.

Geladene Ehrengästen, unter anderem der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, Staatsminister Thomas Glauber und Oberbürgermeister Christian Scharpf begleiten die Eröffnung. Der kleine Rahmen der Feier und die digitale Übertragung sollen ein Signal senden, wie der Geschäftsführer der Landesgartenschau Ingolstadt 2021, Thomas Hehl, in der offiziellen Pressemitteilung erklärt: „Als Organisatoren einer Großveranstaltung sind wir uns der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst. Die oberste Priorität hat für uns immer die Sicherheit unserer Besucher und Mitwirkenden.“

Dazu gehört auch das umfassende Sicherheits- und Hygienekonzept, das so aufgebaut ist, dass die Landesgartenschau Ingolstadt schnell an neue Gegebenheiten angepasst werden kann. Dessen wichtigsten Pfeiler ist die Voranmeldung, die für den Besuch der Landesgartenschau Ingolstadt 2021 nötig ist: Sie stellt sicher, dass sich nie zu viele Personen auf einmal auf dem Gelände befinden. Gleichzeitig erfasst sie die Kontaktdaten, sodass im Falle eines Falles die Rückverfolgung so reibungslos wie möglich vonstatten gehen kann. Dafür hat die LGS ein eigenes Buchungssystem entwickelt, das die gesetzlichen Vorgaben erfüllt – aber auch einfach zu bedienen ist. Sie empfiehlt ihren Besucher*innen, dieses zu nutzen und davon abzusehen, die Tickets an den Kassen zu erwerben.

Landesgartenschau Ingolstadt: Konzept

 

Bevorzugt behandelt werden Besitzer*innen einer Dauerkarte der Landesgartenschau Ingolstadt 2021: Nach einer einmaligen Registrierung können sie die LGS ohne Voranmeldung besuchen – das stellt ein großzügiges Kontingent für Dauerkartenhalter*innen sicher. Die Karte berechtigt ihre Besitzer*innen außerdem zum einmaligen Besuch der Landesgartenschauen in Überlingen, Lindau und Eppingen. Sie ist noch bis zum 1. Juni 2021 zum Vorverkaufspreis erhältlich.

Nebst der beschränkten Besucher*innenzahlen weist die LGS Ingolstadt auf die AHA-Regeln hin, bittet um die Einhaltung von Mindestabständen und stellt Desinfektionsmittel bereit. In Warteschlangen und geschlossenen Räumen besteht Maskenpflicht. Die Pandemie wirkt sich auch auf das Rahmenprogramm der LGS aus: Die Bühnenveranstaltungen haben ebenfalls nur beschränkte Plätze zu Verfügung.

Die Landesgartenschau Ingolstadt 2021 ist im Nordwesten Ingolstadts auf insgesamt über 23 Hektar Fläche angesiedelt. Das Büro Därr Landschaftsarchitekten aus Halle an der Saale hatte im Jahr 2014 den Wettbewerb für sich entschieden. Ihr Konzept heißt „Zwischen Industrie, Kultur und Landschaft“ und schafft ein neues Naherholungsgebiet für die ausgefransten Stadtränder Ingolstadts. Dazu gehört ein Wegesystem von überregionalen Radverbindungen.

 

Die Gestaltung des Parks ist von geradlinigen Achsen und Kristallstrukturen geprägt. Die Materialwahl spiegelt die wiederkehrende landwirtschaftliche Nutzung des Areals: Die Plätze und Wassergärten sind mit Ortbeton und Fertigbeton umgesetzt, die Wegeoberflächen sind aus Asphalt – so ist das Gelände auch in Zukunft wieder für die Landwirtschaft nutzbar. Das Thema Beton findet sich auch im Landschaftssee, der 5 500 Quadratmeter umfasst und von Betonkanten gerahmt ist; er speist sich aus dem Grundwasser. Dazu kommt ein Wasserspielplatz mit Wasserkanonen, Tauen, Gleitflächen und Kletterelementen, der auch für rollstuhlgängig ist. Das war den Landschaftsarchitekt*innen von Därr besonders wichtig.

Die Wasserlandschaft hebt sich topografisch vom ebenen Gelände ab – dafür fanden Aushübe statt. Sie sollen Aufwölbungen – ähnlich aufeinanderstoßender tektonischer Platten – darstellen und den Druck der sich ausdehnenden Stadt symbolisieren.

Nach der Landesgartenschau Ingolstadt 2021 sollen mehrere Parzellen des Parks wieder landwirtschaftlich bewirtschaftet werden – davor können sich die Ingolstädter*innen in eigens angelegten Gartenparzellen gemeinschaftlich Gemüse anbauen. Vielleicht sogar noch nach der Gartenschau.

Mehr zum Konzept der Landesgartenschau Ingolstadt 2021 lesen Sie hier.

Totholz im Garten Anlegen: Bedeutung, Maßnahmen und Praxis

Naturnahe, artenreiche Stadtnatur zum Thema Totholz im Garten Anlegen
Treibholz am Strand – ein natürliches Relikt der Küstenlandschaft. Foto: scarlettweiss / Unsplash

Totholz im Garten anlegen ist weit mehr als das Aufschichten alter Äste in einer Ecke des Grundstücks. Es ist eine planerisch fundierte Maßnahme zur Förderung von Biodiversität, zur Schaffung ökologischer Nischen und zur Einbindung natürlicher Zerfallsprozesse in gestaltete Freiräume. Wer versteht, wie Totholz als Lebensraum funktioniert, welche Strukturen welche Arten ansprechen und wie diese Elemente in unterschiedliche Freiraumtypen integriert werden können, erschließt sich ein Instrument, das in der naturnahen Freiraumplanung zunehmend an Gewicht gewinnt.

  • Was Totholz ökologisch bedeutet und welche Funktionen es im Freiraumsystem übernimmt
  • Welche Totholztypen und -strukturen für welche Tiergruppen und Pilzgesellschaften relevant sind
  • Wie Totholzelemente in Privatgärten, öffentlichen Grünanlagen und naturnahen Freiräumen geplant und angelegt werden
  • Welche Holzarten, Dimensionen und Zerfallsstadien die größte ökologische Wirkung entfalten
  • Wie Totholz mit anderen Habitatstrukturen kombiniert wird und welche Synergien entstehen
  • Was bei Pflege, Verkehrssicherung und rechtlichen Rahmenbedingungen zu beachten ist
  • Welche häufigen Fehler beim Anlegen von Totholzstrukturen die ökologische Wirkung mindern
  • Wie Totholz in die Gesamtstrategie einer naturnahen Freiraumgestaltung eingebettet wird

Was Totholz ist: Definition, Ökologie und Bedeutung im Freiraumkontext

Als Totholz bezeichnet man abgestorbenes oder sterbendes Holzgewebe von Bäumen und Sträuchern, das sich in unterschiedlichen Stadien des biologischen Abbaus befindet. Der Begriff umfasst stehendes Totholz (abgestorbene Bäume, die noch aufrecht stehen, sogenannte Stehenden Totholzbäume oder Biotopbäume), liegendes Totholz (gefällte Stämme, Äste und Wurzelstöcke auf dem Boden), Stubben (Baumstümpfe nach Fällung oder natürlichem Bruch) sowie feineres Reisig- und Astmaterial. In der Forstwirtschaft und Naturschutzfachplanung wird Totholz nach Zerfallsgrad, Dimension und Position differenziert, weil diese Parameter unmittelbar bestimmen, welche Artengruppen den Lebensraum besiedeln können.

Die ökologische Bedeutung von Totholz ist in der Wissenschaft gut belegt. Schätzungen aus der Waldökologie gehen davon aus, dass ein erheblicher Anteil aller waldgebundenen Tierarten direkt oder indirekt auf Totholz angewiesen ist. Xylobionte Insekten, also Arten, die ihren Lebenszyklus ganz oder teilweise im Holz verbringen, stellen allein in Mitteleuropa mehrere tausend Spezies. Hinzu kommen holzabbauende Pilze (Saproxylophyten), Moose, Flechten, Kleinsäuger, Reptilien, Amphibien und zahlreiche Vogelarten, die Totholz als Nahrungsquelle, Brutplatz oder Überwinterungsquartier nutzen. In der Kulturlandschaft, in der natürliche Waldentwicklung weitgehend unterbrochen ist, kommt dem gezielten Totholz im Garten anlegen und in öffentlichen Grünanlagen eine Kompensationsfunktion zu, die weit über ästhetische Überlegungen hinausgeht.

Für die Freiraumplanung ist entscheidend, dass Totholz kein passives Element ist, das man einmalig platziert und dann vergisst. Es ist ein dynamisches System, das sich über Jahrzehnte verändert, unterschiedliche Sukzessionsstadien durchläuft und dabei zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene ökologische Nischen anbietet. Frisch gefälltes Hartholz spricht andere Besiedler an als ein seit zwanzig Jahren zersetzter Buchenstamm. Diese zeitliche Dimension muss bei der Planung berücksichtigt werden, wenn Totholzstrukturen dauerhaft wirksam sein sollen.

Totholztypen und ihre ökologische Funktion: Welche Struktur welche Arten fördert

Die Unterscheidung nach Totholztypen ist für eine zielgerichtete Planung unerlässlich. Stehendes Totholz, also Bäume, die nach dem Absterben aufrecht verbleiben, bietet Spechten optimale Bedingungen für die Anlage von Bruthöhlen. Diese Höhlen werden nach dem Verlassen durch die Spechte von Sekundärhöhlenbrütern wie Meisen, Kleibern, Staren und verschiedenen Fledermausarten genutzt. Stehendes Totholz entsteht in bewirtschafteten Grünanlagen nicht von selbst; es muss durch bewusstes Belassen abgestorbener Bäume oder durch das Ringeln und Töten einzelner Bäume an geeigneten Standorten aktiv geschaffen werden. Die Verkehrssicherungspflicht setzt dabei klare Grenzen, auf die später eingegangen wird.

Liegendes Totholz in Form dicker Stämme (ab etwa 20 bis 30 Zentimeter Durchmesser) ist der artenreichste Totholztyp überhaupt. Hier entwickeln sich über Jahrzehnte hinweg komplexe Gemeinschaften aus Pilzen, Käfern, Asseln, Tausendfüßern, Regenwürmern, Spinnen und Schnecken. Besonders wertvolle Käferarten wie der Hirschkäfer (Lucanus cervus), der in Deutschland auf der Roten Liste steht, sind auf mächtige Eichenstubben und liegende Eichenstämme mit vermorschtem Kernholz angewiesen. Feineres Astmaterial und Reisig hingegen bietet Kleintieren wie Igeln, Blindschleichen und Erdkröten Versteck- und Überwinterungsmöglichkeiten, ist aber weniger geeignet für xylobionte Spezialisten.

Stubben, also Baumstümpfe, nehmen eine Mittelstellung ein. Sie sind sowohl Lebensraum für holzabbauende Pilze als auch Nahrungsquelle für Spechte, die nach Larven graben. Gleichzeitig können Stubben, wenn sie aus Laubholz bestehen und nicht chemisch behandelt wurden, als Ausgangspunkt für natürliche Stockausschläge dienen, was die strukturelle Vielfalt des Standorts erhöht. Für die Planung gilt: Je größer der Durchmesser des Stubbens, desto höher sein ökologischer Wert. Ein Stubbe mit einem Durchmesser von 50 Zentimetern ist einem solchen mit 15 Zentimetern ökologisch bei weitem überlegen.

Holzart und Zerfallsstadium als Planungsparameter

Nicht jedes Holz ist gleich wertvoll. Laubhölzer, insbesondere Eiche, Buche, Weide, Erle und Obstgehölze, weisen eine deutlich höhere Artenvielfalt an assoziierten Organismen auf als Nadelhölzer. Das liegt an der chemischen Zusammensetzung des Holzes, an der Rindenstruktur und an der Entwicklungsgeschichte der heimischen Fauna, die sich über Jahrtausende an einheimische Baumarten angepasst hat. Wer Totholz im Garten anlegen möchte und dabei auf heimische Laubholzarten zurückgreift, schafft deutlich wirksamere Habitate als mit Kiefernstämmen oder exotischen Hölzern.

Das Zerfallsstadium bestimmt, welche Artengruppen zu welchem Zeitpunkt profitieren. Frisch abgestorbenes Holz mit noch fester Rinde wird von rindenbrütenden Käfern und Prachtkäfern besiedelt. Im mittleren Zerfallsstadium, wenn das Holz weich und feucht wird, dominieren Pilze und pilzfressende Insekten. Im fortgeschrittenen Stadium, wenn das Holz zu Mulm zerfällt, bietet es Lebensraum für spezialisierte Mulmbewohner wie den Eremiten (Osmoderma eremita), eine europaweit streng geschützte Käferart. Eine durchdachte Totholzplanung berücksichtigt alle Stadien gleichzeitig, indem sie Strukturen unterschiedlichen Alters und Zerfallsgrades nebeneinander anlegt.

Totholz im Garten anlegen: Planung, Dimensionierung und Umsetzung

Beim Totholz im Garten anlegen beginnt die Planung mit einer Standortanalyse. Feuchte, schattige Lagen eignen sich besonders für liegendes Totholz, weil die Feuchtigkeit den Zersetzungsprozess beschleunigt und die Artenvielfalt der Pilze und Wirbellosenfauna erhöht. Sonnige, trockene Standorte hingegen sind für xylobionte Käfer interessant, die wärmeliebend sind und offene, besonnte Holzoberflächen bevorzugen. Die Kombination beider Standorttypen auf einem Grundstück maximiert die ökologische Wirkung.

Für die Dimensionierung gilt: Größe zählt. Ein einzelner dicker Stamm von einem Meter Durchmesser und drei Metern Länge hat einen höheren ökologischen Wert als zehn dünne Äste zusammen. Wo es der Platz erlaubt, sollten Stämme mit mindestens 30 Zentimetern Durchmesser bevorzugt werden. Das Material muss nicht aus dem eigenen Garten stammen; Kooperationen mit kommunalen Bauhöfen, Forstbetrieben oder Obstbauern, die Altbäume entnehmen, sind eine sinnvolle Quelle für hochwertiges Totholzmaterial. Wichtig ist, dass das Holz unbehandelt ist, also frei von Lacken, Imprägnierungen oder Holzschutzmitteln, die die Besiedlung hemmen oder Organismen schädigen würden.

Die räumliche Anordnung sollte Vernetzung berücksichtigen. Totholzelemente, die isoliert auf einer Rasenfläche liegen, werden langsamer besiedelt als solche, die an bestehende Gehölzstrukturen, Hecken oder Staudenbeete angrenzen. Die Verbindung zu anderen Habitatstrukturen erleichtert die Einwanderung von Organismen und erhöht die Besiedlungsgeschwindigkeit. In größeren Grünanlagen empfiehlt sich eine Verteilung von Totholzelementen über verschiedene Bereiche, um ein Netz von Trittsteinbiotopen zu schaffen.

  • Laubholzarten bevorzugen: Eiche, Buche, Weide, Obstgehölze, Erle
  • Mindestdurchmesser für liegende Stämme: 20 bis 30 Zentimeter, besser mehr
  • Unbehandeltes, chemiefreies Holz verwenden
  • Feuchte und trockene Standorte kombinieren
  • Anschluss an bestehende Gehölz- und Staudenstrukturen herstellen
  • Verschiedene Zerfallsstadien gleichzeitig anlegen
  • Stehende Elemente (Stubben, Stehendtotholz) ergänzend einplanen

Totholz in öffentlichen Grünanlagen und naturnahen Freiräumen

In öffentlich zugänglichen Freiräumen stellt das Anlegen von Totholz besondere Anforderungen an Planung und Kommunikation. Die Verkehrssicherungspflicht, die Träger öffentlicher Grünanlagen gegenüber Nutzern haben, begrenzt die Möglichkeiten für stehendes Totholz erheblich. Abgestorbene Bäume, die im Bereich von Wegen, Spielflächen oder Aufenthaltsbereichen stehen, müssen regelmäßig auf ihre Standsicherheit überprüft werden. In der Praxis bedeutet das, dass stehendes Totholz in öffentlichen Grünanlagen entweder auf abgelegene, nicht zugängliche Bereiche beschränkt wird oder durch konstruktive Maßnahmen gesichert werden muss, etwa durch das Kürzen auf eine sichere Höhe oder durch Absperrungen.

Liegendes Totholz in öffentlichen Parks und Grünanlagen ist dagegen gut umsetzbar, wenn es kommunikativ begleitet wird. Informationstafeln, die erklären, warum Holz bewusst liegen gelassen wird, welche Tiere davon profitieren und wie der Zersetzungsprozess abläuft, erhöhen die Akzeptanz bei Parkbesuchern erheblich. Erfahrungen aus kommunalen Grünflächenämtern zeigen, dass Totholzelemente, die als Gestaltungselement erkennbar und mit Erklärungen versehen sind, kaum zu Beschwerden führen, während unkommentiertes Totholz häufig als Verwahrlosung wahrgenommen wird. Die Gestaltungsqualität des Umfelds spielt dabei eine wichtige Rolle: Totholz, das in eine gepflegte, strukturreiche Bepflanzung eingebettet ist, wird anders wahrgenommen als ein Stamm auf einer vernachlässigten Rasenfläche.

In naturnahen Freiräumen wie Waldrändern, Biotopflächen, extensiv gepflegten Parkbereichen oder Ausgleichsflächen im Rahmen der Eingriffsregelung ist die Anlage von Totholz ein anerkanntes Instrument der Biotopgestaltung. Die Eingriffsregelung nach Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) verlangt bei Eingriffen in Natur und Landschaft Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen; die Anlage von Totholzstrukturen kann als Aufwertungsmaßnahme anerkannt werden, wenn sie fachgerecht geplant und dokumentiert ist. Für die Bewertung solcher Maßnahmen haben verschiedene Bundesländer eigene Biotopwertverfahren entwickelt, in denen Totholz als Habitatstruktur explizit berücksichtigt wird.

Pflege, Verkehrssicherung und rechtliche Rahmenbedingungen

Totholz im Garten anlegen bedeutet nicht, dass keinerlei Pflege mehr erforderlich ist. Die Pflege beschränkt sich jedoch auf das Notwendige und folgt anderen Zielen als die konventionelle Gehölzpflege. Stehendes Totholz muss, sofern es im Gefahrenbereich steht, regelmäßig auf Standsicherheit kontrolliert werden. Für private Grundstückseigentümer gilt die allgemeine Verkehrssicherungspflicht, die verlangt, dass von Bäumen und Baumteilen keine vermeidbaren Gefahren für Dritte ausgehen. Im privaten Garten, der nicht öffentlich zugänglich ist, sind die Anforderungen deutlich geringer als im öffentlichen Raum; dennoch sollte stehendes Totholz, das in den Bereich von Nachbargrundstücken oder öffentlichen Wegen fallen könnte, regelmäßig beurteilt werden.

Liegendes Totholz benötigt in der Regel keine aktive Pflege. Es sollte nicht bewegt, umgeschichtet oder gereinigt werden, da jede Störung die Besiedlung unterbricht und Organismen schädigt. Pilzfruchtkörper, die auf dem Holz erscheinen, sind Zeichen einer erfolgreichen Besiedlung und sollten keinesfalls entfernt werden. Einzige Ausnahme: Wenn ein Holzpilz auf lebendes Gehölz überzugreifen droht, das erhalten werden soll, ist eine fachkundige Beurteilung sinnvoll. In der Praxis ist dieses Risiko jedoch gering, da die meisten holzabbauenden Pilze auf totes Holz spezialisiert sind.

Aus naturschutzrechtlicher Sicht ist zu beachten, dass bestimmte Tierarten, die Totholz besiedeln, streng geschützt sind. Wer auf seinem Grundstück Totholz vorfindet, das von geschützten Arten wie dem Hirschkäfer oder dem Eremiten besiedelt wird, darf dieses nicht ohne weiteres entfernen. Das Bundesnaturschutzgesetz und die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) schützen nicht nur die Tiere selbst, sondern auch ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Im Zweifelsfall empfiehlt sich eine Rücksprache mit der zuständigen Naturschutzbehörde, bevor Totholzelemente entfernt oder verändert werden.

Häufige Fehler beim Totholz im Garten anlegen und wie man sie vermeidet

Der verbreitetste Fehler ist die Verwendung von behandeltem oder imprägniertem Holz. Gartenholz, das mit Holzschutzfarben, Lasuren oder chemischen Imprägnierungen behandelt wurde, ist für die Besiedlung durch Pilze und Insekten weitgehend ungeeignet und kann toxische Substanzen in den Boden einbringen. Auch Holz aus Paletten oder Baustellenabfällen ist häufig mit Schutzmitteln behandelt und deshalb ungeeignet. Nur unbehandeltes, naturbelassenes Holz heimischer Laubgehölze erfüllt die Anforderungen an ein ökologisch wirksames Totholzelement.

Ein weiterer Fehler ist die Anlage von Totholz in vollständiger Isolation. Ein einzelner Stamm auf einer großen Rasenfläche ohne Verbindung zu anderen Strukturen wird langsam und unvollständig besiedelt. Die Einbettung in ein Netz aus Hecken, Staudenbeeten, Wildblumenwiesen und anderen Habitatstrukturen ist entscheidend für die Besiedlungsgeschwindigkeit und Artenvielfalt. Totholz ist kein Einzelelement, sondern Teil eines Habitatmosaiks.

Häufig wird auch der Wert kleiner Dimensionen überschätzt. Dünne Äste und Reisighaufen haben zwar eine gewisse Funktion als Unterschlupf für Kleintiere, ersetzen aber nicht das ökologisch weit wertvollere dicke Stammholz. Wer ausschließlich Schnittgut aus der Gehölzpflege aufschichtet, schafft einen Reisighaufen, keinen Totholzlebensraum im eigentlichen Sinne. Beide Strukturtypen haben ihren Platz, sollten aber nicht verwechselt werden.

Schließlich wird Totholz gelegentlich an Standorten angelegt, die für die anvisierten Zielarten ungeeignet sind. Wärmeliebende xylobionte Käfer benötigen besonnte Holzoberflächen; wer das Totholz unter einem dichten Gehölzdach platziert, fördert primär feuchtigkeitsliebende Pilze und Wirbellose, nicht aber die lichtbedürftigen Insektenarten. Eine kurze Auseinandersetzung mit den Habitatansprüchen der Zielarten vor der Planung vermeidet solche Fehler.

Totholz als Baustein naturnaher Freiraumgestaltung

Totholz im Garten anlegen ist keine isolierte Einzelmaßnahme, sondern entfaltet seine volle Wirkung erst im Zusammenspiel mit anderen Elementen naturnaher Freiraumgestaltung. Blühende Staudenbeete und Wildblumenwiesen liefern Nahrung für die Insekten, die Totholz als Bruthabitat nutzen. Hecken aus heimischen Sträuchern verbinden Totholzelemente mit anderen Habitatstrukturen und ermöglichen die Ausbreitung von Tieren über das Grundstück hinaus. Wasserflächen, auch kleine Teiche oder Mulden, ergänzen das Habitatmosaik um eine weitere ökologische Dimension. Wer alle diese Elemente zusammendenkt, schafft einen Freiraum, der nicht nur ästhetisch überzeugt, sondern als funktionaler Lebensraum wirkt.

In der professionellen Freiraumplanung gewinnt dieser ganzheitliche Ansatz unter dem Begriff der naturbasierten Lösungen (Nature-based Solutions, NbS) zunehmend an Bedeutung. Totholzstrukturen sind dabei ein anerkannter Bestandteil von Biodiversitätskonzepten für Siedlungsräume, die in Bebauungsplänen, Grünordnungsplänen und Pflegekonzepten verankert werden können. Die Dokumentation von Totholzelementen in Bestandsplänen und Pflegehandbüchern sichert ihre langfristige Erhaltung über Eigentümer- und Nutzerwechsel hinaus.

Die gesellschaftliche Relevanz dieser Maßnahmen ist nicht zu unterschätzen. Der Rückgang von Insekten, Vögeln und anderen Tiergruppen in der Kulturlandschaft ist gut dokumentiert; der Verlust von Habitatstrukturen wie Totholz gilt als einer der wesentlichen Treiber dieses Rückgangs. Freiräume, die konsequent auf naturnahe Gestaltung setzen, leisten einen messbaren Beitrag zur Biodiversität im Siedlungsraum. Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner bedeutet das: Totholz im Garten anlegen ist kein Randthema für Naturenthusiasten, sondern ein fachlich fundiertes Instrument, das in den Werkzeugkasten zeitgemäßer Freiraumplanung gehört.