Perspektive mit Baumhain links und offenem Platz im Zentrum. Im Hintergrund eine begrünte Pergola.
Vision für den Europaplatz Süd. credits: Rehwaldt Landschaftsarchitekten, via Senatsverwaltung für Stadt­ent­wicklung, Bauen und Wohnen

Der Europaplatz Süd, der Vorplatz des Hauptbahnhofs in Berlin, wird umgestaltet. Nun prämierte die Jury den Entwurf von Rehwaldt Landschaftsarchitekten mit dem 1. Preis. Mehr dazu lesen Sie hier.

Verbesserung der Aufenthaltsqualität

Der Europaplatz Süd übernimmt als Vorplatz des wichtigsten Bahnhofs von Berlin eine wichtige Rolle im Stadtgefüge. Hier kommen Reisende zuerst an, wenn sie die Stadt erreichen. Er macht somit einen wichtigen Teil des ersten Eindrucks aus, den die Hauptstadt vermittelt. Neben dieser repräsentativen Funktion kommt noch der logistische Faktor hinzu. Besucher*innen des Bahnhofs sollte der Vorplatz Orientierung bieten und sie auf dem Weg zum richtigen Gleis subtil leiten. Nach Abstimmung zwischen dem Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klima- und Umweltschutz, dem Bezirk Mitte von Berlin und der Deutschen Bahn AG wird nun eine Umgestaltung eben dieses besonderen Platzes angestrebt. Davon erhoffen sich die Verantwortlichen eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität und der Umsteigebeziehungen.

Wettbewerb zur Umgestaltung entschieden

Um das Bestreben in die Tat umzusetzen, wurden zuletzt vier Landschaftsarchitekturbüros mit der Erarbeitung eines Vorschlages beauftragt. Anfang Oktober diesen Jahres tagte nun die achtköpfige Jury aus Vertreter*innen des Landes Berlin und der Deutschen Bahn AG mit fachlicher Unterstützung durch vier Landschaftsarchitekt*innen und wählte den erstprämierten Entwurf. Durchsetzen konnte sich dabei das Büro Rehwaldt Landschaftsarchitekten aus Dresden. Manja Schreiner, Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, sagte nach Bekanntgabe der Juryentscheidung, sie freue sich, dass der jetzt noch sehr unübersichtliche Ort durch den Entwurf zu einem einladenden Entrée Berlins werden könne.

Des prämierte Entwurf im Detail

Rehwaldt Landschaftsarchitekten orientieren sich grundsätzlich am städtebaulichen Raum. Unter dem Leitbild „Entrée Berlin“ schlagen sie einen urbanen, einladenden Platzraum in der Mitte der Stadt vor, der eine gute Orientierung sowie atmosphärische Aufenthaltsorte bieten soll. Dazu setzen sie vorrangig auf eine großzügige, offene Platzfläche, durch welche sich die ankommenden Reisenden direkt in der Stadt Willkommen fühlten. Diese Platzfläche erstreckt sich vom Bahnhofsgebäude bis zur Invalidenstraße als durchgängige Oberfläche ohne Stufen oder Bordanlagen. Als Material wird ein Asphalt mit geschliffener Oberfläche vorgeschlagen. Dieser soll nicht nur einen hohen Komfort bieten, sondern in seiner Farbgebung mittels heller Zuschlagstoffe auch einen warmen und gleichsam lebhaften Gesamteindruck schaffen. Rehwaldt Landschaftsarchitekten ließen sich in der Gestaltung dabei von Terrazzobelag inspirieren.

Der Offenheit steht als Kontrast und weiteres Element der „Grüne Schirm“ gegenüber. Als  unregelmäßige Pflanzung hochstämmiger Bäume bildet er sozusagen ein Gegenstück zum Bahnhofsgebäude. Durch die Aufastung der Gehölze bleibt einerseits ein durchlässiger Raum bestehen, während andererseits eine Abschirmung zur Invalidenstraße entsteht. Durch das lockere Blätterdach kann sich ein atmosphärischen Aufenthaltsort ausbilden.

Weiterhin fungiert der Bereich unter dem „Grünen Schirm“ als Speicherrigole. Das Regenwasser, das auf der Platzfläche anfällt, wird dazu in Schlitzrinnen aufgefangen und in den nördlichen Bereich geführt, wo es gesammelt werden kann. Die Bäume werden dann das Wasser über die Wurzeln aufnehmen und es über die Baumkronen wieder verdunsten. So kann zum einen ein angenehmer,  kühlender Effekt für die unmittelbare Umgebung entstehen. Zum anderen wird die Kanalisation entlastet und das Regenwasser vor Ort genutzt, statt es umgehend über Kanäle abzuführen. Für Dr. Almut Neumann, Bezirksstadträtin des Bezirks Mitte für Ordnung, Umwelt, Natur, Straßen und Grünflächen ein wichtiger Punkt: „In Zeiten der Klimakrise ist es besonders wichtig, dass wir das Regenwasser des Platzes sammeln und über Rigolen den neuen Bäumen zuleiten. Dazu liefert das Konzept innovative Ideen, die wir umsetzen wollen.“

Ergänzt wird die Gestaltung des Europaplatzes durch eine funktionale Ausstattung. Dazu werden Fahrradparken und die Jelbi-Station – eine Bündelung von Sharing-Angeboten –  sowie eine öffentliche Toilette am östlichen Platzrand situiert. Dort sind sie für Nutzer*innen gut sichtbar und verdecken den Bauzaun im Bestand. Das Gebäude mit begrüntem Dach soll dabei als einfache Konstruktion ausgeführt werden, die später ggf. demontier- und umsetzbar ist.

Lageplan des prämierten Entwurfes. credits: Rehwaldt Landschaftsarchitekten, via Senatsverwaltung für Stadt­ent­wicklung, Bauen und Wohnen
Lageplan des prämierten Entwurfes. credits: Rehwaldt Landschaftsarchitekten, via Senatsverwaltung für Stadt­ent­wicklung, Bauen und Wohnen

Stimmen des Preisgerichtes

Laut Senatsbaudirektorin Prof. Petra Kahlfeldt hätten die offene und einladende Geste, das grüne Baumdach entlang der Invalidenstraße und die klare Kante mit Fahrradabstellmöglichkeiten und weiterer Infrastruktur nach Osten hin die Jury überzeugt. Weiterhin sagt sie: „Der Entwurf zeigt, dass auch mit der Weiternutzung von vorhandenem Material nachhaltig, barrierefrei und mit einer guten Aufenthaltsqualität der Europaplatz Süd künftig das Entrée Berlins vom Hauptbahnhof werden kann.“ Auch Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ist überzeugt, nun den richtigen Entwurf gefunden zu haben: „Mit dieser Variante schaffen wir eine deutliche Aufwertung und mehr Struktur auf dem Bahnhofsvorplatz an der Invalidenstraße.“

Weitere Schritte

Nun gilt es, den Entwurf in die Realität zu übersetzen. Dafür wird das Büro Rehwaldt Landschaftsarchitekten mit der weiteren Planung beauftragt. Derzeit ist vorgesehen, die Planungen bis zum Sommer des kommenden Jahres abzuschließen und anschließend mit der baulichen Umsetzung zu beginnen. Wenn der Zeitplan wie angestrebt umgesetzt werden kann, dann könnte die Fertigstellung der anspruchsvollen Bauaufgabe bis Ende 2025 realisiert werden. Und damit zukünftig das Ankommen und Abreisen am Berliner Hauptbahnhof zu einem ganz anderen Erlebnis machen.

Lust auf mehr Wettbewerbsnews? Am 15. Dezember 2023 entschied sich der Wettbewerb zur Gartenschau Vaihingen. Der freiraumplanerische Entwurf eines Büros überzeugte die Jury dabei eindeutig. Alles dazu lesen Sie hier.

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NATÜRLICH HAMBURG: Naturschutzgroßprojekt in Planten un Blomen

Flowery Mead in Planten un Blomen. Bildquelle: NATÜRLICH HAMBURG!
Flowery Mead in Planten un Blomen. Bildquelle: NATÜRLICH HAMBURG!

In Planten un Blomen, dem wohl bekanntesten Park in Hamburg, soll in den nächsten zehn Jahren das Naturschutzgroßprojekt NATÜRLICH HAMBURG! stattfinden. Internationale Landschaftsarchitekt*innen werden ihre Visionen ästhetischer und ökologischer Gestaltung präsentieren. Wir stellen Ihnen hier das Projekt „Flowery Mead“ von Anouk Vogel vor. Die Gartengestalterin legte eine ornamentale Pflanzung mit kleinwüchsigen Wildkräutern an, die sich nach und nach über die ganze Rasenfläche ausbreiten werden. Mehr dazu hier.

Die Biennale NATÜRLICH HAMBURG!

Das Naturschutzgroßprojekt NATÜRLICH HAMBURG! ist ein Ideenwettbewerb in Form einer kuratierten Biennale. Dabei werden Projekte zur ökologischen Gartengestaltung in Planten un Blomen gesucht. Internationale Landschaftsarchitekt*innen präsentieren ihre Vision naturnah gestalteter Themengärten. Die Wiener Landschaftsarchitektin Maria Auböck kuratiert die Biennale. Der Bund unterstützt das Projekt bis 2031 mit 22 Millionen Euro. Weitere Infos zum Projekt gibt es auf der Homepage der Stadt Hamburg.

Im Juli 2022 würdigte die Biennale in Planten un Blomen die „Flowery Mead“, das Projekt der ersten Preisträgerin von NATÜRLICH HAMBURG!. Gewinnerin Anouk Vogel ist Landschaftskünstlerin. Ihre runde, ornamentale Pflanzung besteht aus einer Vielzahl blühender Wildkräuter. Schon seit 2021 ist die Flowery Mead zu besichtigen. Sie hat sich seit ihrer Pflanzung zu einem Insektenmagneten entwickelt.

Seit 2019 laufen die Planungen für NATÜRLICH HAMBURG! und seit 2021 ist das Projekt aktiv. Insgesamt fünf Schaugärten sollen in den nächsten zehn Jahren zeigen, wie Gartenräume naturnah und kreativ gestaltet werden können. Dafür lädt der Hamburger Umweltsenat alle zwei Jahre jeweils drei Landschaftsarchitekt*innen und Gartenkünstler*innen ein. Die Ideenskizzen dienen der Neugestaltung einer vorgegebenen Parkfläche. Die Jury, bestehend aus Behördenvertreter*innen und externen Fachleuten, ermittelt den Gewinnerbeitrag im jeweiligen Folgejahr des Wettbewerbs. Wichtig ist, dass die verschiedenen Gestaltungsbeispiele heimische Wildpflanzen nutzen, um das Parkbild zu bereichern und Besucher*innen Inspiration für den eigenen Garten zu geben.

Anouk Vogel erklärt das Projekt „Flowery Mead“. Bildquelle: Maria Auböck
Anouk Vogel erklärt das Projekt „Flowery Mead“. Bildquelle: Maria Auböck

NATÜRLICH-HAMBURG, Pilotprojekt Flowery Mead

Die Flowery-Mead-Wiese befindet sich am Sievekingplatz innerhalb von Planten un Blomen. Es handelt sich um eine ornamentale Pflanzung mit zahlreichen kleinwüchsigen, blühenden Wildkräutern. Beispielsweise gehören Gänseblümchen, Veilchen, Wilder Thymian, Hornklee, Rotklee, Ehrenpreis, Kriechender Gürtel und die Kleine Braunelle dazu. Diese werden im Volksmund oft als Unkraut bezeichnet – völlig zu Unrecht, wie Anouk Vogel zeigt.

Denn der Schaugarten ist innerhalb kurzer Zeit zu einem Paradies für Insekten geworden. Er ist von einem artenarmen Scherrasen umgeben, sodass der Unterschied seh- und hörbar ist. Besucher*innen der Flowery Mead sollen Inspirationen für den eigenen Garten mitnehmen. Insbesondere möchte Anouk Vogel zeigen, wie es möglich ist, mit minimalem Einsatz die Artenvielfalt zu fördern.

Auf den ersten Blick mutet die Pflanzung formal an. Mit der Zeit soll sich Flowery Mead jedoch laut NATÜRLICH HAMBURG! in einen naturnahen Blührasen mit Wildkräutern ausbreiten. So werden auch die umliegenden Rasenflächen profitieren. Die Künstlerin Anouk Vogel hat das Bild mittelalterlicher Tapisserien oder Wandteppiche genutzt, um den vielfältigen Garten anzulegen. Die ausgebildete schweizerisch-niederländische Gartenkünstlerin und botanische Zeichnerin hat zudem Aquarelle der verwendeten Wildkräuter erstellt.

Bild der Flowery Mead. Bildquelle: NATÜRLICH HAMBURG!
Bild der Flowery Mead. Bildquelle: NATÜRLICH HAMBURG!

Kunst wird zu Natur

Jonas Reif von der Fachhochschule Erfurt sagte zum Projekt NATÜRLICH HAMBURG!, dass hier Kunst zu Natur werden darf. Dabei vergleicht er den Rasen mit antiken Bauwerken und Skulpturen, deren heutige Sichtweise sehr einfarbig ist. Genau wie ein „guter Rasen“ meist aus uniformen, grünen Gräsern bestehen soll, kennzeichnet sich die Antike heute durch das weiße Baumaterial Stein. Jedoch war beides in der Vergagenheit ganz anders. Schon seit dem 19. Jahrhundert weiß man, dass die Griechen polychrome Bauten und Bildnisse erstellten, deren Farben mit der Zeit verschwunden sind.

Laut Reif sind perfektionierte grüne Grasflächen künstliche Produktionen, die aus einer Kombination aus Technik und optimierter Nährstoffzufuhr bestehen. „In freier Wildbahn wäre solch ein Rasen genau überlebensfähig wie ein Albino-Kaninchen aus Flaschenaufzucht“, so der Experte. Er verweist auf mittelalterilche Gemälde, die blütenübersäte, bunte Wiesen und Gärten zeigen. Werke von Künstler*innen wie Albrecht Dürer bezeugen ebenfalls, dass Grünflächen früher deutlicher bunter waren.

Zwar war der Flächeneindruck so weniger einheitlich, aber die wichtigste Eigenschaft eines Rasens war erfüllt: Er war begehbar. Genau darauf konzentriert sich auch Anouk Vogel mit ihrer Aufwertung einer artenarmen, von Gräsern dominierten Fläche. Sie möchte der Fläche zu ihrer früheren Schönheit und Vielfalt zurück verhelfen.

Zurück zum Ursprünglichen?

Zugleich ist es nicht immer so leicht, zurück zum Ursprünglichen zu gehen. Ein artenreicher Blumenteppich ist manchmal sehr schwer zu erzielen. Die in Planten un Blomen bestehenden Rasengräser wurden über Jahrhunderte ausgelesen. Somit sind sie konkurrenzstärker und standorttoleranter als die Wildformen von früher.

In ihrem Kunstwerk erinnert Anouk Vogel an ornamentale Formen und Pflanzenteppiche aus Mittelalter und Frührenaissance. So entstehen natürliche Wiesengesellschaften in Patchwork-Mustern auf Basis einer kleinflächigen Standort-Heterogenität. Dabei sind die Muster nicht beständig und manche Arten werden verloren gehen. Dennoch wünscht sich die Künstlerin, etwas Verlorenes neu zu finden.

Der Planten un Blomen Park. Bildquelle: Holger.Ellgaard, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Der Planten un Blomen Park. Bildquelle: Holger.Ellgaard, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Über Planten un Blomen

Planten un Blomen ist die wohl bekannteste und beliebteste Parkanlage von Hamburg. Nur wenige Meter vom Bahnhof Dammtor gelegen findet sich diese 47 Hektar große Grünfläche. Der Name ist niederdeutsch und bedeutet so viel wie „Pflanzen und Blumen“. Früher war Planten un Blomen Teil eines Grüngürtels, der die ganze Innenstadt umschloss. Der 6. November 1821 gilt als Gründungsdatum des Parks.

Der Park ist wegen seiner zentralen Lage und den vielfältigen Erholungsmöglichkeiten ein beliebtes Ausflugsziel in Hamburg. Im Sommer gibt es hier kostenlose Kindertheatervorstellungen, Wasserlichtkonzerte und Musikdarbietungen. Mit der Biennale NATÜRLICH HAMBURG! hat der Park nun eine weitere Attraktion.

Übrigens finden Sie hier ein ausführliches Porträt des Parks: Planten un Blomen

Wie Addis Abeba Fußwege als Primärinfrastruktur aufwertet

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Menschen auf dem Gehweg neben einem braunen Betongebäude am Tag in der nachhaltigen Stadt. Foto von Miguel A Amutio.

Wer glaubt, Fußwege seien nur schmales Beiwerk der Stadt, irrt gewaltig: In Addis Abeba gilt der Trottoir als sozialer und ökonomischer Hauptschlagader – und ist auf dem besten Weg, zur Primärinfrastruktur einer neuen, nachhaltigen Stadtentwicklung zu avancieren. Was steckt hinter dieser urbanen Fußweg-Offensive? Und was können deutschsprachige Städte davon lernen?

  • Fußwege in Addis Abeba werden erstmals als strategische Primärinfrastruktur behandelt – mit politischer Rückendeckung und umfassender Investition.
  • Historische und soziale Hintergründe: Warum Fußwege in der äthiopischen Hauptstadt eine Schlüsselrolle spielen.
  • Innovative Planungsansätze, die Fußgänger priorisieren und nachhaltige Mobilität fördern.
  • Technische und gestalterische Lösungen: Von der Materialwahl bis zur Integration von Grünflächen und urbaner Möblierung.
  • Soziale, wirtschaftliche und ökologische Effekte einer aufgewerteten Gehweginfrastruktur.
  • Die Herausforderungen: Flächenkonkurrenz, Finanzierung und kulturelle Akzeptanz.
  • Vergleich mit Entwicklungen im DACH-Raum – und Impulse für eine neue Fußwegkultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Schlussfolgerungen für Planer, Stadtverwaltungen und Entscheidungsträger.

Vom Nebenschauplatz zur Lebensader: Die Renaissance der Fußwege in Addis Abeba

In Addis Abeba, der dynamisch wachsenden Metropole am Horn von Afrika, erleben Fußwege ein unerwartetes Comeback. Was jahrzehntelang als Restfläche am Rande von Straßen wahrgenommen wurde, rückt nun ins Zentrum der Stadtplanung. Der Wandel beginnt mit einer schlichten Erkenntnis: In einer Stadt, in der ein Großteil der Bevölkerung auf das Zufußgehen angewiesen ist, dürfen Gehwege keine nachrangige Infrastruktur sein. Sie sind das Rückgrat des urbanen Alltags, die Bühne für sozialökonomische Interaktion und Mobilitätsgrundlage für Millionen.

Die Geschichte der Fußwege in Addis Abeba ist eng verknüpft mit der kolonial geprägten Stadtentwicklung und den Herausforderungen der rasanten Urbanisierung. Jahrzehntelang galt der motorisierte Individualverkehr als Leitbild moderner Mobilität, während Fußgänger auf improvisierte, oft unzusammenhängende Trampelpfade verwiesen wurden. Das Resultat: Verkehrschaos, Unfallhäufigkeit und eine fragmentierte Stadtstruktur, die den Alltag vieler Menschen erschwerte.

Mit dem Regierungswechsel der letzten Jahre und wachsendem internationalem Interesse an nachhaltigen Mobilitätslösungen vollzieht Addis Abeba nun eine radikale Kehrtwende. Fußwege werden gezielt als Primärinfrastruktur eingeordnet – nicht als kosmetische Ergänzung, sondern als zentrale Komponente der städtischen Daseinsvorsorge. Diese Neubewertung drückt sich in politischen Programmen, Fördermitteln und ambitionierten Masterplänen aus, die den öffentlichen Raum neu denken.

Der Paradigmenwechsel ist dabei alles andere als symbolisch. Die Stadt investiert systematisch in die Sanierung, Erweiterung und Gestaltung von Gehwegen, verfolgt eine eng getaktete Umsetzung und setzt auf messbare Verbesserungen der Lebensqualität. Fußwege werden als Orte der Begegnung, des Handels, der Bewegung und des sozialen Austauschs verstanden – und das mit einer Ernsthaftigkeit, die in europäischen Städten oft noch fehlt.

Gleichzeitig eröffnet diese Entwicklung neue Chancen für die Stadtgesellschaft. Fußwege avancieren zu multifunktionalen Räumen, in denen Mobilität, Klimaanpassung, lokale Ökonomie und soziale Inklusion Hand in Hand gehen. Addis Abeba zeigt, dass die Aufwertung des Gehwegs weit mehr ist als Stadtbildpflege: Sie ist ein politisches Bekenntnis zur nachhaltigen, inklusiven und resilienten Stadt.

Planung mit Weitblick: Innovative Strategien und technische Lösungen für urbane Gehwege

Die Aufwertung der Fußwege in Addis Abeba ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer strategisch angelegten, komplexen Planung. Im Zentrum stehen dabei die Integration von Fußwegen in sämtliche Ebenen der Stadtentwicklung und die konsequente Priorisierung nicht-motorisierter Mobilität. Wo andernorts noch das Auto dominiert, wird in Addis Abeba gezielt in die Infrastruktur für Zufußgehende investiert – von der politischen Willensbildung bis hin zu konkreten baulichen Maßnahmen.

Die Planer setzen dabei auf einen systemischen Ansatz. Fußwege werden nicht isoliert gedacht, sondern als Teil einer vernetzten, multimodalen Mobilitätsstrategie. Sie bilden die Verbindung zwischen Wohnquartieren, Arbeitsplätzen, Märkten, Schulen und öffentlichen Verkehrsknoten. Dieser Verknüpfungslogik liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Mobilität erst dann nachhaltig und gerecht ist, wenn sie für alle funktioniert – unabhängig von Einkommen, Alter oder physischen Voraussetzungen.

Technisch spiegelt sich die neue Wertschätzung in der Wahl robuster, lokal angepasster Materialien wider. Betonplatten, Naturstein und innovative Versickerungslösungen sorgen für Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber klimatischen Belastungen. Gleichzeitig wird großer Wert auf Barrierefreiheit gelegt: Niveaugleiche Übergänge, taktile Leitsysteme und ausreichend breite Gehwege sind Standard in neuen Planungsrichtlinien. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Inklusion geleistet und das städtische Leben für alle zugänglich gemacht.

Ein weiteres zentrales Element ist die Integration von Grünstrukturen. Bäume, Hecken und bepflanzte Mulden übernehmen nicht nur gestalterische Funktionen, sondern verbessern das Mikroklima, reduzieren die städtische Hitzeinselwirkung und fördern Biodiversität. In Kombination mit urbaner Möblierung – von Sitzbänken bis zu Beleuchtungslösungen – entstehen attraktive Aufenthaltsräume, die den öffentlichen Raum aufwerten und zur sozialen Belebung beitragen.

Gleichzeitig nutzt Addis Abeba digitale Werkzeuge zur Bedarfsanalyse und Planung. GIS-basierte Erhebungen, partizipative Mapping-Projekte und die Integration von Echtzeitdaten zu Fußgängerströmen ermöglichen es, gezielt Engpässe zu identifizieren und Maßnahmen nach Dringlichkeit zu priorisieren. Der Einsatz solcher Technologien steigert die Effizienz der Umsetzung und macht die Fußwegplanung resilient gegenüber zukünftigen Herausforderungen.

Die soziale, wirtschaftliche und ökologische Dimension der neuen Fußwegkultur

Die Aufwertung der Gehwege in Addis Abeba wirkt weit über den reinen Mobilitätsaspekt hinaus. Sie verändert das soziale Gefüge der Stadt und bringt neue Impulse für die lokale Wirtschaft. Fußwege sind in Addis Abeba traditionell nicht nur Verkehrsflächen, sondern auch soziale Treffpunkte, Marktplätze, Orte der informellen Ökonomie und kultureller Ausdruck. Ihre systematische Verbesserung erschließt diese Potenziale neu und stärkt die urbane Gemeinschaft.

Soziale Teilhabe ist ein zentrales Ziel der neuen Fußwegstrategie. Barrierefreie, sichere und durchgängig gestaltete Gehwege ermöglichen es auch Kindern, Senioren und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, am städtischen Leben teilzuhaben. Die Präsenz von Fußgängern erhöht wiederum die soziale Kontrolle und trägt zur Reduzierung von Kriminalität bei. Aufenthaltsqualität, Sichtbarkeit und soziale Interaktion werden gezielt gefördert – ein wichtiger Beitrag zu einer offenen und lebendigen Stadtgesellschaft.

Auch wirtschaftlich sind die Effekte beachtlich. Der Einzelhandel profitiert von erhöhter Passantenfrequenz, informelle Händler finden neue, bessere Rahmenbedingungen und der öffentliche Raum wird zum Katalysator für lokale Wertschöpfung. In Addis Abeba zeigt sich, dass gut gestaltete Fußwege nicht nur Kosten verursachen, sondern als Wirtschaftsfaktor fungieren, der Investitionen, Arbeitsplätze und Innovationen anzieht.

Ökologisch leisten die neuen Gehwege einen Beitrag zur Klimaanpassung und zur Reduktion des motorisierten Verkehrs. Durch die Förderung des Zufußgehens werden CO₂-Emissionen gesenkt, Lärm und Luftverschmutzung reduziert und die Lebensqualität insgesamt gesteigert. Insbesondere die Integration von Grün- und Versickerungsflächen hilft, städtische Überhitzung zu vermeiden und die Resilienz gegenüber Extremwetterereignissen zu stärken.

Die Transformation der Fußwege befördert damit eine neue, ganzheitliche Perspektive auf urbane Infrastruktur. Sie verdeutlicht, wie eng Mobilität, Soziales, Ökologie und Ökonomie im öffentlichen Raum miteinander verwoben sind – und wie vielschichtig die Wirkung von Investitionen in scheinbar unscheinbare Infrastrukturelemente sein kann.

Herausforderungen und Lehren für den deutschsprachigen Raum

Natürlich verläuft die Fußweg-Offensive in Addis Abeba nicht ohne Widerstände. Flächenkonkurrenz, begrenzte Haushaltsmittel, informelle Nutzungen und die Herausforderung, unterschiedlichste Interessen unter einen Hut zu bringen, stellen die Planer vor komplexe Aufgaben. Besonders die Umverteilung von Straßenraum zugunsten des Fußgängerverkehrs trifft auf Widerstände bei Autofahrern und etablierten Interessengruppen, die ihre Privilegien schwinden sehen.

Ein weiteres Problemfeld ist die nachhaltige Finanzierung. Während internationale Fördermittel und Entwicklungsbanken zu Beginn große Projekte unterstützen, bleibt die dauerhafte Unterhaltung und Pflege der Infrastruktur eine Herausforderung. Addis Abeba setzt hier auf neue Modelle der Public-Private-Partnership, lokale Steuerfinanzierung und eine stärkere Einbindung der Stadtgesellschaft in die Verantwortung für den öffentlichen Raum.

Kulturell gilt es, das Image des Zufußgehens aufzuwerten. In vielen wachsenden Metropolen wird das Auto nach wie vor als Statussymbol verstanden, während Zufußgehen mit Armut assoziiert wird. Hier ist ein Mentalitätswandel gefragt, der den öffentlichen Raum als Gemeingut und das Zu-Fuß-Gehen als erstrebenswerte, gesunde und moderne Mobilitätsform etabliert. Öffentlichkeitsarbeit, partizipative Projekte und sichtbare Erfolge sind Schlüsselfaktoren, um diese Transformation zu verankern.

Für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet die Entwicklung in Addis Abeba wichtige Impulse. Während der Fußverkehr in vielen europäischen Städten bereits einen hohen Stellenwert genießt, fehlt es oft an einer strategischen, stadtweiten Priorisierung und an Mut zur Flächenumverteilung. Das Beispiel Addis Abeba zeigt, dass der Fußweg nicht nur ein Nebenschauplatz, sondern ein zentrales Planungsfeld mit enormem Hebel für Nachhaltigkeit, Resilienz und soziale Integration sein kann.

Die Lehre für den deutschsprachigen Raum: Es braucht nicht nur punktuelle Verbesserungen, sondern eine neue Denkweise, die den Fußweg als Primärinfrastruktur begreift – mit eigener Strategie, eigenem Budget und politischer Rückendeckung. Nur so wird der öffentliche Raum zu einem Ort, an dem Mobilität, Teilhabe und Lebensqualität tatsächlich für alle möglich werden.

Fazit: Von Addis Abeba lernen – Fußwege als Schlüssel zur resilienten Stadt

Die Aufwertung der Gehwege in Addis Abeba ist mehr als ein Infrastrukturprojekt – sie ist ein urbanes Labor für zeitgemäße Stadtentwicklung. Die äthiopische Metropole demonstriert, dass nachhaltige Mobilität, soziale Inklusion und wirtschaftliche Vitalität nur dann gelingen, wenn der Fußweg ins Zentrum der Planung rückt. Mit innovativen Strategien, technischer Finesse und politischem Willen erhebt Addis Abeba den Gehweg zur Primärinfrastruktur – und setzt damit Maßstäbe, die bis nach Europa ausstrahlen.

Für Planer, Stadtverwaltungen und Entscheidungsträger im deutschsprachigen Raum ist das eine Einladung, den Blick zu weiten und den öffentlichen Raum neu zu denken. Es gilt, den Fußweg nicht länger als nachrangige Restfläche zu betrachten, sondern als Schlüssel zur nachhaltigen, resilienten und lebenswerten Stadt. Die Herausforderungen sind vielfältig – von der Flächenumverteilung über die Finanzierung bis zur kulturellen Akzeptanz. Doch das Beispiel Addis Abeba zeigt: Mit Mut, Kreativität und einer klaren Strategie ist eine urbane Zukunft möglich, in der der Fußweg mehr ist als nur ein Weg – sondern eine Lebensader für die Stadt von morgen.