Zukunft Wohnen – Planungsansätze zwischen Gemeinwohl und Marktlogik

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Urbaner Verkehrsalltag in der Schweiz, fotografiert von Bin White

Wohnen der Zukunft – Utopie oder Realität? Zwischen Gemeinwohl und Marktlogik tobt ein leiser, aber erbitterter Kampf um die DNA unserer Städte. Wer heute am Reißbrett sitzt, plant weit mehr als Quadratmeter: Es geht um Teilhabe, Klimaresilienz und die Frage, wie das Morgen für alle bezahlbar bleibt. Werfen Sie mit uns einen Blick hinter die Kulissen der zukunftsfähigen Wohnplanung – ungeschminkt, praxisnah und exklusiv für Profis.

  • Beleuchtet die aktuellen Herausforderungen und Zielkonflikte des Wohnens in Städten zwischen Gemeinwohlorientierung und marktwirtschaftlichem Denken.
  • Erklärt, warum klassische Modelle der Stadtplanung an ihre Grenzen stoßen und wie neue Paradigmen entstehen.
  • Stellt innovative Planungsansätze und internationale Best-Practice-Beispiele vor, die auf Nachhaltigkeit, soziale Mischung und Teilhabe abzielen.
  • Analysiert die Rolle von Bodenpolitik, kooperativen Wohnformen und Gemeinwohlbilanzierung im Kontext deutscher, österreichischer und Schweizer Städte.
  • Diskutiert die Bedeutung von Governance, Digitalisierung und partizipativer Planung für die Zukunft des Wohnens.
  • Setzt sich mit den Risiken einer Überkommerzialisierung und sozialen Spaltung auseinander – und zeigt Wege zu resilienten Quartieren auf.
  • Beschreibt, warum flexible Nutzungskonzepte, Kreislaufwirtschaft und klimagerechtes Bauen künftig Standard sein müssen.
  • Fasst zusammen, wie Planer, Kommunen und Investoren gemeinsam Verantwortung für lebenswerte urbane Räume übernehmen können.

Wohnen am Wendepunkt – zwischen Markt und Gemeinwohl

Die Wohnfrage hat sich im deutschsprachigen Raum vom Randthema zur zentralen gesellschaftlichen Herausforderung entwickelt. Während die einen von einer Renaissance des urbanen Lebens träumen, fürchten andere die soziale Spaltung und den Verlust bezahlbaren Wohnraums. Der Druck auf die Städte wächst – und mit ihm die Komplexität der Aufgaben, denen sich Planer, Verwaltungen und Investoren stellen müssen. Denn zwischen Gemeinwohl und Marktlogik verläuft längst kein klarer Graben mehr, sondern ein dynamisches Spannungsfeld, das neue Antworten verlangt.

Historisch betrachtet, war Wohnen stets mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Es ist Ausdruck von Teilhabe, sozialem Status und städtischer Identität. Doch in den letzten Jahrzehnten hat die Kommerzialisierung des Bodens, gepaart mit globalen Investmentströmen, das Wohnungsangebot verknappt und Preise in die Höhe getrieben. Besonders in den Metropolen sind Spekulation, Luxusmodernisierung und der Verkauf öffentlicher Flächen zur bitteren Realität geworden. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Nachbarschaft, Teilhabe und urbaner Lebensqualität.

Diese Entwicklungen stellen das klassische Selbstverständnis der Stadtplanung in Frage. Längst reicht es nicht mehr aus, Flächen zu parzellieren und Bebauungspläne auszuweisen. Moderne Planer müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sie gemeinwohlorientierte Ziele mit den Kräften des Marktes verbinden können. Dabei stehen sie vor einem Dilemma: Einerseits verlangt der Staat nach wirtschaftlicher Effizienz und Förderung privaten Engagements. Andererseits wächst der Druck von unten, für mehr soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Quartiere zu sorgen.

Die Antwort auf diese Herausforderungen kann nicht im Rückzug auf alte Modelle liegen. Weder die totale Regulierung noch der blinde Glaube an den Markt schaffen lebendige, zukunftsfähige Städte. Gefragt ist vielmehr ein kreatives Miteinander, das unterschiedliche Interessen ausbalanciert und neue Allianzen schmiedet. Dabei geraten klassische Instrumente wie die Mietpreisbremse, die Soziale Erhaltungssatzung oder das Erbbaurecht ebenso auf den Prüfstand wie innovative Ansätze etwa der kooperativen Stadtentwicklung oder des gemeinwohlorientierten Bauens.

Die Zukunft des Wohnens entscheidet sich an der Schnittstelle von Planung, Politik und Gesellschaft. Wer sie gestalten will, muss bereit sein, neue Wege zu gehen – und dabei liebgewonnene Gewissheiten zu hinterfragen. Die Frage ist nicht mehr, ob der Wandel kommt, sondern wie wir ihn gestalten.

Innovative Planungsansätze: Gemeinwohl, Kooperation und Nachhaltigkeit

Die Wohnungsfrage der Zukunft verlangt nach kreativen, oft unkonventionellen Lösungen. In vielen deutschen, österreichischen und Schweizer Städten entstehen derzeit Projekte, die zeigen, wie Gemeinwohlorientierung und wirtschaftliche Tragfähigkeit zusammengedacht werden können. Ein Schlüsselbegriff ist die kooperative Stadtentwicklung: Hier schließen sich Kommunen, Wohnungsunternehmen, Genossenschaften und zivilgesellschaftliche Akteure zusammen, um gemeinsam neue Quartiere zu planen und zu realisieren.

Ein Paradebeispiel dafür ist das Wiener Modell der geförderten Wohnbauentwicklung. Hier werden Grundstücke nach Qualitäts- und Gemeinwohlkriterien vergeben, nicht nach Höchstpreis. Die Resultate: durchmischte Nachbarschaften, hohe architektonische Qualität und eine dauerhaft moderate Mietpreisentwicklung. In Deutschland verfolgt etwa die Stadt Freiburg mit dem Quartier Dietenbach einen ähnlichen Ansatz – mit starker Bürgerbeteiligung, sozialer Mischung und klaren Nachhaltigkeitszielen.

Mehr und mehr setzen sich auch neue Eigentums- und Betriebsmodelle durch: Mietshäuser-Syndikate, genossenschaftliche Initiativen oder Community Land Trusts sichern Boden dem Spekulationskreislauf dauerhaft zu entziehen. Sie schaffen bezahlbare Wohnungen, fördern Nachbarschaften und geben den Bewohnern mehr Mitbestimmung. Für Planer ist dies eine Herausforderung – aber auch eine Chance, ihre Rolle als Moderatoren und Impulsgeber einer gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung neu zu definieren.

Ein weiteres zentrales Feld ist die Nachhaltigkeit. Klimagerechtes Bauen, Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und die Integration von Grün- und Freiräumen werden künftig zum Standard. Projekte wie das Hunziker Areal in Zürich oder das Prinz-Eugen-Park-Quartier in München zeigen, wie ressourcenschonendes Bauen, innovative Mobilitätskonzepte und soziale Infrastruktur intelligent zusammenspielen. Der Quartiersgedanke steht dabei im Mittelpunkt: Es geht nicht nur um einzelne Gebäude, sondern um das Zusammenspiel von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Versorgung auf engem Raum.

Wesentlich ist, dass all diese Ansätze nicht auf einen Gegensatz von Markt und Gemeinwohl setzen, sondern auf eine intelligente Kombination. Sie nutzen wirtschaftliche Anreize, um soziale und ökologische Ziele zu erreichen – und schaffen so Modelle, die auch in anderen Städten und Kontexten Schule machen können. Für die Fachwelt heißt das: Die Zukunft des Wohnens wird von Kooperation, Innovation und nachhaltigem Handeln bestimmt.

Bodenpolitik, Governance und Partizipation: Die Werkzeuge für die Stadt von morgen

Ohne eine aktive und strategische Bodenpolitik bleibt jede gemeinwohlorientierte Planung ein Papiertiger. Denn die Verfügbarkeit und Preisgestaltung des Bodens entscheidet maßgeblich darüber, wer in der Stadt wohnen kann – und wer nicht. Kommunen, die langfristig Einfluss nehmen wollen, setzen deshalb verstärkt auf Instrumente wie das kommunale Vorkaufsrecht, die Vergabe nach Konzeptqualität oder die Gründung eigener Stadtentwicklungsgesellschaften.

Doch Bodenpolitik allein reicht nicht aus. Entscheidend ist ein Governance-Ansatz, der transparente Entscheidungsstrukturen, klare Zuständigkeiten und eine kontinuierliche Einbindung aller Akteure gewährleistet. Städte wie Basel oder Hamburg haben in den letzten Jahren vorgemacht, wie Planungsprozesse durch breite Beteiligung, digitale Werkzeuge und Open-Data-Plattformen demokratisiert werden können. Partizipative Planung ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit – nicht zuletzt, um Akzeptanz, Identifikation und Innovation zu fördern.

Ein unterschätztes, aber entscheidendes Werkzeug ist die Gemeinwohlbilanzierung. Sie bietet die Möglichkeit, soziale, ökologische und ökonomische Effekte von Projekten messbar zu machen – und diese Kriterien verbindlich in Entscheidungsprozesse zu integrieren. So entstehen Quartiere, die nicht nur technisch und wirtschaftlich, sondern auch sozial und ökologisch überzeugen.

Die Digitalisierung eröffnet hier ganz neue Möglichkeiten. Mit Urban Data Platforms, digitalen Zwillingen und partizipativen Online-Tools lassen sich Szenarien simulieren, Beteiligungsprozesse erleichtern und Planungsentscheidungen transparenter gestalten. Gleichzeitig wächst aber auch die Verantwortung: Wer Daten sammelt, muss sie fair, sicher und nachvollziehbar nutzen – und darf die digitale Spaltung nicht weiter vertiefen.

Die Herausforderung für Planer und Stadtverwaltungen besteht darin, diese Werkzeuge klug zu kombinieren und in eine langfristige Strategie einzubetten. Es geht darum, den Rahmen für ein Miteinander zu schaffen, in dem Gemeinwohl und Marktlogik nicht als Gegensätze, sondern als sich ergänzende Kräfte verstanden werden. Nur so können lebenswerte, resiliente und gerechte Städte entstehen.

Risiken, Nebenwirkungen und die Schattenseiten der Zukunftsplanung

So verheißungsvoll viele der neuen Ansätze klingen, so groß sind auch die Risiken und Nebenwirkungen, die mit einer Neuausrichtung der Wohnplanung einhergehen. Ein zentrales Problem ist die Gefahr der Überkommerzialisierung: Werden neue Quartiere primär als Investitionsobjekte entwickelt, drohen Gentrifizierung, Verdrängung und der Verlust sozialer Vielfalt. Die sozialen Versprechen der Planung laufen dann schnell ins Leere.

Ein weiteres Risiko ist die soziale Selektivität neuer Wohnformen. Wenn innovative Projekte vor allem für zahlungskräftige oder bildungsnahe Gruppen attraktiv sind, entsteht eine neue Form der Segregation. Die Herausforderung besteht darin, Inklusion zu fördern und gezielt auch benachteiligte Gruppen einzubinden – sei es durch Sozialquoten, geförderte Wohnungen oder flexible Nutzungskonzepte.

Auch die Partizipation ist kein Allheilmittel. Wenn Beteiligungsprozesse zu kompliziert, intransparent oder elitär gestaltet werden, droht eine Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung. Digitale Beteiligung kann den Zugang erleichtern, aber auch neue Ausschlüsse erzeugen. Entscheidend ist eine professionelle Moderation, die unterschiedliche Interessen und Kompetenzen berücksichtigt.

Technologisch besteht die Gefahr, dass Digitalisierung und Smart City-Lösungen zu einem Selbstzweck werden. Wenn Stadtmodelle, Datenplattformen und digitale Zwillinge primär von der Privatwirtschaft kontrolliert werden, droht ein Verlust an demokratischer Steuerung und Transparenz. Die Stadt der Zukunft darf keine Black Box sein – sondern muss offen, nachvollziehbar und partizipativ gestaltet werden.

Nicht zuletzt ist auch die ökologische Dimension kritisch zu betrachten. Klimagerechtes Bauen und nachhaltige Quartiere sind nur dann glaubwürdig, wenn sie Lebenszyklen, Ressourcenverbrauch und Mobilitätsbedarfe ganzheitlich einbeziehen. Greenwashing ist keine Lösung, sondern verschärft nur das Problem. Hier sind Mut zur Ehrlichkeit und eine konsequente Umsetzung gefragt.

Wege in die resilient-urbane Wohnzukunft – Ausblick und Empfehlungen

Angesichts der vielfältigen Herausforderungen und Zielkonflikte ist klar: Die Zukunft des Wohnens lässt sich weder allein durch Marktmechanismen noch durch staatliche Regulierung gestalten. Es braucht vielmehr eine neue Kultur der Zusammenarbeit, die auf Vertrauen, Transparenz und Innovation setzt. Städte, die heute mutig vorangehen, können zu Laboren des guten Wohnens werden – und Vorbild für andere Regionen.

Die wichtigsten Stellschrauben sind eine aktive Bodenpolitik, die Förderung gemeinwohlorientierter Initiativen, die konsequente Einbindung von Nutzern und Nachbarschaften sowie der Einsatz digitaler Werkzeuge zur Transparenz und Beteiligung. Flexible Nutzungskonzepte, modulare Bauweisen und die Integration von Grün- und Freiräumen bleiben zentrale Erfolgsfaktoren – ebenso wie eine intelligente Mischung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit.

Für Planer bedeutet das: Sie sind künftig nicht mehr nur Gestalter von Räumen, sondern Moderatoren komplexer Prozesse. Sie müssen Allianzen schmieden, Zielkonflikte aushandeln und Lösungen entwickeln, die sowohl ökonomisch tragfähig als auch sozial und ökologisch verantwortbar sind. Das erfordert neue Kompetenzen, Offenheit für Experimente und den Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen.

Kommunen und Investoren sind aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen – für die Qualität des Wohnens, die soziale Mischung und die langfristige Resilienz ihrer Stadtteile. Das gelingt nur im Dialog, mit klaren Regeln und einer gemeinsamen Vision für das urbane Zusammenleben. Die Zukunft des Wohnens ist keine technokratische, sondern eine zutiefst gesellschaftliche Aufgabe.

Letztlich geht es um mehr als neue Gebäude und Quartiere. Es geht um die Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen – und wie wir Städte schaffen, die allen eine Perspektive bieten. Wer diese Herausforderung annimmt, gestaltet nicht nur Wohnraum, sondern Zukunft.

Fazit: Zukunft Wohnen braucht Mut, Kooperation und Haltung

Die Transformation des Wohnens steht am Anfang einer neuen Ära. Klassische Modelle stoßen an ihre Grenzen, während innovative Ansätze zwischen Gemeinwohl und Marktlogik neue Möglichkeiten eröffnen. Entscheidend ist, dass Planung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen – für lebenswerte, gerechte und nachhaltige Städte. Kooperative Modelle, aktive Bodenpolitik, Partizipation und digitale Werkzeuge sind dabei keine modischen Extras, sondern notwendige Bausteine einer resilienten Stadtentwicklung. Risiken wie soziale Spaltung, Überkommerzialisierung oder technokratische Steuerung lassen sich nur durch Transparenz, Inklusion und eine klare gemeinwohlorientierte Haltung begegnen. Die Zukunft des Wohnens ist offen – und sie wird dort entschieden, wo Mut, Kreativität und Zusammenhalt aufeinandertreffen. Wer heute handelt, gestaltet das urbane Morgen. Und das ist, Hand aufs Herz, die zentrale Aufgabe unserer Disziplin.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.