Nachwuchspreis ausgezeichnet

Der bdla Bayern hat den bdla-Nachwuchspreis für herausragende Abschlussarbeiten 2015 verliehen. Die vier Preisträger sind Alexandra Bauer, Felix Dreßler, Dihang Lin, Yudi Gaor Köhler und Leon Plahuta. Die Preisträger werden ihre Arbeiten auf der bdla-Mitgliederversammlung vorstellen und dort ihre Auszeichnung erhalten. Der Nachwuchspreis wird jedes Jahr an Abschlussarbeiten vergeben, die neue Aufgabenfelder für Landschaftsarchitekten beschreiben, richtungsweisende gestalterische Lösungen oder wissenschaftliche Methoden aufzeigen oder einen besonderen Anwendungsbezug für die Praxis haben.

Impossible Landscapes. A study of reclaiming leftover public spaces. Yudi Gao Köhler, Leon Plahuta,  Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

Im Wandel vieler gegenwärtiger moderner Städte entsteht nicht nur städtische Verdichtung, meist verbunden mit Ausbau der Infrastruktur, sondern es verbleiben auch Restflächen mit undefinierten Nutzungen. Diese Flächen werden innerhalb des Stadtgefüges vernachlässigt und bleiben oft lange ohne Weiterentwicklung. Ursachen dieser Entwicklungen können mangelnde ökonomischen Nachfrage, nicht nachhaltige Fehlplanungen und gesellschaftliches Scheitern in der Weiterentwicklung bestimmter Stadtteile sein. Es entstehen Flächen, die sich selbst überlassen und schließlich zu „unmöglichen Räumen“ im öffentlich städtischen Gefüge werden.

Derartige Orte sind nicht mehr Teil des städtischen öffentlichen Lebens und stellen als solche eine gesellschaftliche Herausforderung dar, die häufig ausschließlich mit den Mitteln der Landschaftsarchitektur bewältigt werden kann. Ziel dabei ist, den vernachlässigten Orten neue Aufmerksamkeit zu schenken und sie wieder in das Stadtgefüge zu integrieren. Um dies zu erreichen, muss dort eine neue Bedeutung mit Hilfe von raumbildenden Maßnahmen entstehen, die als Grundlage weitere Entwicklungen ermöglicht.

Das Ziel der in der Masterthesis verfolgten Studie ist zum einen, die Gründe für die Entstehung vernachlässigter Räume zu finden und zum anderen, einen tieferen Einblick zu gewinnen, welche gestalterischen und funktionalen Antworten es für unmögliche Orte geben kann. Dabei werden erfolgreiche Fallbeispiele untersucht, um Erkenntnisse für zukünftige Entwicklungen und Untersuchungen heranzuziehen. Zum Abschluss werden zwei beispielhafte „unmögliche“ Orte näher untersucht und jeweils ein gestalterischer Vorschlag erarbeitet.

Dabei handelt es sich um ein aus der Nutzung gefallenes Industrie-Quartier in Peking (China) und den Ort einer innerstädtischen Fehlplanung in Rijeka (Kroatien). Durch entsprechende Gestaltungs-konzepte wird beispielhaft versucht, vernachlässigte, „unmöglich“ gewordene Ort wieder ins Stadtbild und die urbane Nutzung zu integrieren.

Begründung der Jury

Die Masterarbeit der beiden IMLA-Studierenden Yudi Gao-Köhler (China) und Leon Plahuta (Kroatien) greift eine hochaktuelle und brisante Fragestellung der Stadtentwicklung und urbanen Freiraum-planung auf. Die Thematik der „unmöglichen Orte“ wird sowohl theoretisch, anhand einschlägiger Quellen, wie auch praktisch, mit Hilfe von Fallstudien und zwei Beispielprojekten, umfassend beleuch-tet. Der Grundlagenteil zeigt strukturelle Logik, methodische Sorgfalt und wissenschaftliche Tiefe. Kernstück und Ergebnis ist eine als Mindmap konzipierte Planungstoolbox, die wenig erfolgreiche Top-down-Planungsansätze und zielführendere Bottom-up-Konzepte gegenüber stellt.

Besonders zu würdigen sind die darauf aufbauenden Beispielplanungen für zwei sehr unterschiedliche verlorene und damit „unmögliche“ Orte: Für ein postindustrielles Areal in Peking (China) wird durch die Verfasserin Yudi Gao-Köhler ein Konzept entwickelt, das aus einer sehr formalen Erschließungsstruktur Kraft und Ordnung schöpft, der vier Landschaftsoasen gegenüber gestellt werden, die den verlorenen Ort gleichermaßen inszenieren wie für die Menschen im Quartier zurückgewinnen.

Im Kontrast dazu steht der Entwurf, den Leon Plahuta für die Adriastadt Rijeka in Kroatien entwickelt. Er versucht, eine echte „Bausünde“, die Fläche auf der Tiefgarage eines nie fertig gestellten Gebäudes in zentraler Lage der Altstadt, als städtischen Platz in angemessener Maßstäblichkeit und mit geringem Investitionsbudget zu reaktivieren. Ihm gelingt dies durch eine sensible und auf historischen Spuren basierende Step-by-Step-Planung, die sehr konsequent den Bottom-up-Ansatz verfolgt.

Die beiden Verfasser zeigen durch ihre transnationale und interkulturelle Zusammenarbeit und ihren Ansatz „Research by Design“ bzw. „Design by Research“, dass die Landschaftsarchitektur städtebauliche Probleme auf allen Kontinenten und in ganz unterschiedlichen Maßstabsebenen lösen und den Menschen wertvolle Räume zurückgeben kann. Auf der gleichen planerischen Basis der Toolbox sprechen dabei beide jeweils eine ganz unterschiedliche Sprache im entwurflichen und darstellerischen Instrumentarium. Die Arbeit entspricht damit genau dem, was der International Master of Landscape Architecture erreichen will.

Management von Hangrutschungen und Schlammlawinen in einem integrierten städtebaulichen und landschaftsarchitektonischen Konzept , Dihang Lin, TU München

Am 8. August 2010 kommt es in der Stadt Zhouqu in der chinesischen Provinz Gansu zu Erdrutschen und Überschwemmungen in Folge derer mehr als 1.500 Menschen ums Leben kommen und mehr als 20.000 Menschen betroffen sind. Die Schlammflut zieht eine fünf Kilometer lange, 500 Meter breite Schneise durch das Tal und die Stadt. Ein Drittel der Stadt wird verwüstet, durch die Entstehung eines Abdämmungssees an der Mündung des Flusses Bailong entstehen verheerende Überschwemmungen im Stadtgebiet.
Für den Wiederaufbau und den Bau von Schutzinfrastrukturen in den Katastrophengebieten werden von der Zentralregierung rund 760 Millionen Euro bereitgestellt, zwei neu gebaute Abflusskanäle zerschneiden seither als technische Infrastruktur das Tal und die Stadt ohne im Freiflächenkonzept der Stadt eingebunden zu werden. Mangels eines landschaftlich, ingenieurstechnisch und sozial integrierten Risikomanagement-Plans ist die Stadt jedoch weiterhin von Überschwemmungen durch im Fluss abgelagerte Erdmassen bedroht.
Das Ziel der Arbeit ist es eine Stadtentwicklungsstrategie im Kontext von Schlammlawinen zu entwickeln. Dafür werden natürliche und anthropogene Ursachen von Hangrutschungen und Schlammlawinen analysiert und Schlussfolgerungen in ein Entwicklungskonzept für Zhouqu, ihre Freiflächen und naturräumlichen Elemente Fluss und Topographie zusammengeführt. Das vorgeschlagene Management von Hangrutschungen und Schlammlawinen in einem integrierten Landschaftskonzept enthält nicht nur ingenieurstechnische und städtebauliche Maßnahmen, sondern auch die Regeneration von Ökosystemen, eine nachhaltige Landnutzung und die Verbesserung städtebaulicher Infrastruktur und der Freiraumsysteme.
Begründung der Jury:
Dihang Lin zeigt in seiner Arbeit Risiko Landschaft Zhouqu eindrücklich, wie durch eine präzise technische, natur- und stadträumliche Analyse und reflektierte Auseinandersetzung mit Schlüsseltechnologien des Wasserbaus und der Ingenieursgeologie funktionale und landschafts- und stadträumlich ansprechende Entwicklungsstrategien für städtische Freiräume in Gefahrenzonen entwickelt werden können, die einerseits Infrastrukturen und Strategien zum Schutz vor Gefahren aufweisen aber andererseits zusätzlich intelligente Raumnutzungskonzepte integrieren, die zukünftigen Naturkatastrophen vorbeugen, indem sie deren Auswirkungen abmindern oder zeitlich verzögern.Lin entwickelt aufbauend auf einer regionalen Management-Strategie eine räumlich differenzierte, bis in den Quartiers-Maßstab hineinüberzeugende Landnutzungs- und Freiraumstruktur, die mit einfachen, aber wirkungsvollen landschaftsarchitektonischen Mitteln die Nutzungen des durch die Katastrophe entstandenen Uferraumes als städtischer Freizeit- und Erholungsraum und als ästhetischer, produktiver Landnutzungsraum mit ökosystematischem Mehrwert in Stadtnähe ermöglicht.

Die „Infrastrukturlandschaft“ bestehend aus notwendigen technischen Retentions- und Überflutungsschutzbauwerken wird als identitätsstiftendes Rückgrat gekonnt aufgewertet und mit funktionalen ästhetischen, sozialen und  technischen Komponenten versehen. Dadurch entwirft Lin eine vielfältig lesbare und anpassungsfähige Parklandschaft, in der sowohl soziale und technische Komponenten eines Frühwarnsystems mit Evakuierungsrouten und zentralen Notunterkünften in sicherer Lage eingebettet liegen, wie auch Orte der Erinnerung, Retentionsflächen, naturräumlich angepasste Landnutzungssysteme und Freizeitflächen.

Der inhaltlich und grafisch herausragende Entwurf zeigt, wie eine trennende Infrastruktur durch kluge Integration Disziplinen übergreifende Strategien und Maßnahmen zu einem Stadtteil-verbindenden Freiraum entwickelt werden kann.

Konversion des Opel-Werks 1 in Bochum als stadtklimatische Anpassungsmaßnahme, Felix Dreßler, TU München

In seiner Masterthesis „Klima ab Werk“ untersucht Felix Dreßler sowohl entwerferisch als auch theoretisch fundiert die Möglichkeiten stadtklimatischer Verbesserungen an Konversionsflächen in Kombination mit einem anspruchsvollen städtebaulichen Entwicklungskonzept. Untersuchungsgegenstand ist das Opel-Werk in Bochum als aktuelles Beispiel für eine der größten Industriebarchen im Ruhrgebiet, deren Umgestaltung nach dem Willen der Stadt stadtklimatische Verbesserungen bringen soll.

Neben den ökonomischen und soziokulturellen Aspekten einer Konversion fokussiert sich die Masterthesis auf die ökologischen und insbesondere auf die stadtklimatischen Ansprüche an heutige Industriekonversionen. In den theoretischen Voruntersuchungen studierte Felix Dreßler die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Konversionsprojekten im Ruhrgebiet seit den 1980er Jahren mit dem Ziel, festzustellen ob damals im Unterschied zu heute besondere inhaltliche Schwerpunkte formuliert wurden. Dreßler weist nach, dass in ökologisch motivierten Stadtplanungen von Anfang an die Forderung nach Klimaanpassungen im städtischen Umfeld enthalten waren und in vielen Fällen erfüllt wurden. Konversionsprojekte aus der Mitte der 90er können daher bis heute als Best-Practice Beispiele für eine stadtklimatisch angepasste Planung gelten und sind nach wie vor wirksame Bestandteile stadtklimatischer Anpassungskonzepte.

Begründung der Jury

Das aktuelle Klimaanpassungskonzept der Stadt Bochum ist eine wichtige Grundlage für Felix Dreßlers Entwurf „Klima ab Werk!“. Dreßlers Entwurf weist in Plänen und im Modell sehr hohen gestalterische Qualitäten auf und beweist darüber hinaus, dass die Konversion einer großen Industriebrache zu einem Gewerbepark nicht nur zur Verbesserung des Stadtklimas beitragen, sondern auch stadtstrukturell tragfähig sein kann.

Die konzeptionelle und entwerferische Komplexität der Aufgabenstellung wird der Arbeit ebenso herausragend bewältigt wie die Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen zu klimatischen Anpassungen im urbanen Kontext.

Entwicklung und Untersuchung des öffentlichen Raumes in den Rändern und Nischen Istanbuls,  Alexandra Bauer, TU München

In der Arbeit über den öffentlichen Raum Istanbuls werden die Ränder und Nischen, also informell entstandene und historisch gewachsene Stadtviertel, als Potenzialräume zur Weiterentwicklung der Stadt betrachtet. Gegenwärtig werden diese Viertel dem Erdboden gleichgemacht, um Strukturen nach neoliberalistischem Modell zu errichten. Die neuen, gentrifizierten Stadtviertel bedingen Grenzen und erzeugen eine Trennung von kulturellen und sozialen Schichten.

Mit dem vorgeschlagenen Konzept wird an Stelle einer sozialen und kulturellen Segregation das Aufeinandertreffen und die Durchmischung von Kulturen im öffentlichen Raum geschaffen. Die Durchmischung von dominanter Kultur und Partikularkulturen in einer Metropole bildet die Grundlage für Zusammenleben und Urbanität.

Der erste Teil der Thesis beschäftigt sich mit Theorien von Soziologen zur Beziehung zwischen städtischem Raum und Mensch. Die Erkenntnisse aus dem theoretischen Teil werden im Folgenden anhand des bestehenden öffentlichen Raums der vier informellen Stadtviertel „Ayvansaray“, „Kustepe“, „Kuzguncuk“ und „Burhaniye“ überprüft. Im nächsten empirischen Schritt wird das räumliche Konzept im Sinne der Durchmischung von Kulturen im öffentlichen Raum erarbeitet und für „Ayvansaray“ exemplarisch entworfen. Hierfür wird zunächst ein am Bestand orientiertes Netzwerk für den öffentlichen Raum eingerichtet, welches das Stadtviertel zugänglicher und erfahrbarer macht. Es kann sich mit punktuellen Eingriffen im Laufe der Zeit aufbauen und erhält so Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Zudem heben die impulsartigen Eingriffe bestehende räumliche und kulturell bedingte Charaktere und Qualitäten „Ayvansarays“ hervor und entwickeln diese weiter.

Begründung der Jury:

Istanbul ist eine Stadt, die aufgrund seiner Geschichte seit jeher von verschiedenen Kulturen und Flüchtlingsströmen beeinflusst wird. Im Zuge der Flüchtlingswelle gewinnt die Frage des Umgangs und Zusammenlebens zwischen dominanter Kultur und Partikularkulturen nicht nur in Metropolen wie Istanbul, sondern auch hierzulande in Städten und ländlichen Räumen immer mehr an Bedeutung.

Die Arbeit zeigt, wie wir als Landschaftsarchitekten urbane Räume und Stadtviertel beeinflussen und mitentwickeln können. Die Verantwortung als Landschaftsarchitekt im Hinblick auf die Gestaltung des öffentlichen Raums sieht sie als Möglichkeit das gegenseitige Wahrnehmen verschiedener Kulturen zu ermöglichen. Dies kann über eine Integration von Kulturen hinausgehen und zur Bildung einer Fähigkeit des Zusammenlebens in Diversität beitragen.

Selten gelingt es in einer Abschlussarbeit, Theorie und Entwurf derart konsistent zusammenzuführen, wie es in dieser Arbeit gelungen ist. Die Arbeit ist in ihrer sozialen Aufgabenstellung, ihrer interkulturellen Kompetenz, in ihrer theoretischen Tiefe als auch in ihrer entwerferischen Qualität herausragend. Sie ist für die in vielen Teilen Europas in den nächsten Jahren anstehenden urbanen Integrations- und Kohäsionsaufgaben richtungs­weisend.