Der bdla Bayern hat den bdla-Nachwuchspreis für herausragende Abschlussarbeiten 2015 verliehen. Die vier Preisträger sind Alexandra Bauer, Felix Dreßler, Dihang Lin, Yudi Gaor Köhler und Leon Plahuta. Die Preisträger werden ihre Arbeiten auf der bdla-Mitgliederversammlung vorstellen und dort ihre Auszeichnung erhalten. Der Nachwuchspreis wird jedes Jahr an Abschlussarbeiten vergeben, die neue Aufgabenfelder für Landschaftsarchitekten beschreiben, richtungsweisende gestalterische Lösungen oder wissenschaftliche Methoden aufzeigen oder einen besonderen Anwendungsbezug für die Praxis haben.

Impossible Landscapes. A study of reclaiming leftover public spaces. Yudi Gao Köhler, Leon Plahuta,  Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

Im Wandel vieler gegenwärtiger moderner Städte entsteht nicht nur städtische Verdichtung, meist verbunden mit Ausbau der Infrastruktur, sondern es verbleiben auch Restflächen mit undefinierten Nutzungen. Diese Flächen werden innerhalb des Stadtgefüges vernachlässigt und bleiben oft lange ohne Weiterentwicklung. Ursachen dieser Entwicklungen können mangelnde ökonomischen Nachfrage, nicht nachhaltige Fehlplanungen und gesellschaftliches Scheitern in der Weiterentwicklung bestimmter Stadtteile sein. Es entstehen Flächen, die sich selbst überlassen und schließlich zu „unmöglichen Räumen“ im öffentlich städtischen Gefüge werden.

Derartige Orte sind nicht mehr Teil des städtischen öffentlichen Lebens und stellen als solche eine gesellschaftliche Herausforderung dar, die häufig ausschließlich mit den Mitteln der Landschaftsarchitektur bewältigt werden kann. Ziel dabei ist, den vernachlässigten Orten neue Aufmerksamkeit zu schenken und sie wieder in das Stadtgefüge zu integrieren. Um dies zu erreichen, muss dort eine neue Bedeutung mit Hilfe von raumbildenden Maßnahmen entstehen, die als Grundlage weitere Entwicklungen ermöglicht.

Das Ziel der in der Masterthesis verfolgten Studie ist zum einen, die Gründe für die Entstehung vernachlässigter Räume zu finden und zum anderen, einen tieferen Einblick zu gewinnen, welche gestalterischen und funktionalen Antworten es für unmögliche Orte geben kann. Dabei werden erfolgreiche Fallbeispiele untersucht, um Erkenntnisse für zukünftige Entwicklungen und Untersuchungen heranzuziehen. Zum Abschluss werden zwei beispielhafte „unmögliche“ Orte näher untersucht und jeweils ein gestalterischer Vorschlag erarbeitet.

Dabei handelt es sich um ein aus der Nutzung gefallenes Industrie-Quartier in Peking (China) und den Ort einer innerstädtischen Fehlplanung in Rijeka (Kroatien). Durch entsprechende Gestaltungs-konzepte wird beispielhaft versucht, vernachlässigte, „unmöglich“ gewordene Ort wieder ins Stadtbild und die urbane Nutzung zu integrieren.

Begründung der Jury

Die Masterarbeit der beiden IMLA-Studierenden Yudi Gao-Köhler (China) und Leon Plahuta (Kroatien) greift eine hochaktuelle und brisante Fragestellung der Stadtentwicklung und urbanen Freiraum-planung auf. Die Thematik der „unmöglichen Orte“ wird sowohl theoretisch, anhand einschlägiger Quellen, wie auch praktisch, mit Hilfe von Fallstudien und zwei Beispielprojekten, umfassend beleuch-tet. Der Grundlagenteil zeigt strukturelle Logik, methodische Sorgfalt und wissenschaftliche Tiefe. Kernstück und Ergebnis ist eine als Mindmap konzipierte Planungstoolbox, die wenig erfolgreiche Top-down-Planungsansätze und zielführendere Bottom-up-Konzepte gegenüber stellt.

Besonders zu würdigen sind die darauf aufbauenden Beispielplanungen für zwei sehr unterschiedliche verlorene und damit „unmögliche“ Orte: Für ein postindustrielles Areal in Peking (China) wird durch die Verfasserin Yudi Gao-Köhler ein Konzept entwickelt, das aus einer sehr formalen Erschließungsstruktur Kraft und Ordnung schöpft, der vier Landschaftsoasen gegenüber gestellt werden, die den verlorenen Ort gleichermaßen inszenieren wie für die Menschen im Quartier zurückgewinnen.

Im Kontrast dazu steht der Entwurf, den Leon Plahuta für die Adriastadt Rijeka in Kroatien entwickelt. Er versucht, eine echte „Bausünde“, die Fläche auf der Tiefgarage eines nie fertig gestellten Gebäudes in zentraler Lage der Altstadt, als städtischen Platz in angemessener Maßstäblichkeit und mit geringem Investitionsbudget zu reaktivieren. Ihm gelingt dies durch eine sensible und auf historischen Spuren basierende Step-by-Step-Planung, die sehr konsequent den Bottom-up-Ansatz verfolgt.

Die beiden Verfasser zeigen durch ihre transnationale und interkulturelle Zusammenarbeit und ihren Ansatz „Research by Design“ bzw. „Design by Research“, dass die Landschaftsarchitektur städtebauliche Probleme auf allen Kontinenten und in ganz unterschiedlichen Maßstabsebenen lösen und den Menschen wertvolle Räume zurückgeben kann. Auf der gleichen planerischen Basis der Toolbox sprechen dabei beide jeweils eine ganz unterschiedliche Sprache im entwurflichen und darstellerischen Instrumentarium. Die Arbeit entspricht damit genau dem, was der International Master of Landscape Architecture erreichen will.

Management von Hangrutschungen und Schlammlawinen in einem integrierten städtebaulichen und landschaftsarchitektonischen Konzept , Dihang Lin, TU München

Konversion des Opel-Werks 1 in Bochum als stadtklimatische Anpassungsmaßnahme, Felix Dreßler, TU München

In seiner Masterthesis „Klima ab Werk“ untersucht Felix Dreßler sowohl entwerferisch als auch theoretisch fundiert die Möglichkeiten stadtklimatischer Verbesserungen an Konversionsflächen in Kombination mit einem anspruchsvollen städtebaulichen Entwicklungskonzept. Untersuchungsgegenstand ist das Opel-Werk in Bochum als aktuelles Beispiel für eine der größten Industriebarchen im Ruhrgebiet, deren Umgestaltung nach dem Willen der Stadt stadtklimatische Verbesserungen bringen soll.

Neben den ökonomischen und soziokulturellen Aspekten einer Konversion fokussiert sich die Masterthesis auf die ökologischen und insbesondere auf die stadtklimatischen Ansprüche an heutige Industriekonversionen. In den theoretischen Voruntersuchungen studierte Felix Dreßler die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Konversionsprojekten im Ruhrgebiet seit den 1980er Jahren mit dem Ziel, festzustellen ob damals im Unterschied zu heute besondere inhaltliche Schwerpunkte formuliert wurden. Dreßler weist nach, dass in ökologisch motivierten Stadtplanungen von Anfang an die Forderung nach Klimaanpassungen im städtischen Umfeld enthalten waren und in vielen Fällen erfüllt wurden. Konversionsprojekte aus der Mitte der 90er können daher bis heute als Best-Practice Beispiele für eine stadtklimatisch angepasste Planung gelten und sind nach wie vor wirksame Bestandteile stadtklimatischer Anpassungskonzepte.

Begründung der Jury

Das aktuelle Klimaanpassungskonzept der Stadt Bochum ist eine wichtige Grundlage für Felix Dreßlers Entwurf „Klima ab Werk!“. Dreßlers Entwurf weist in Plänen und im Modell sehr hohen gestalterische Qualitäten auf und beweist darüber hinaus, dass die Konversion einer großen Industriebrache zu einem Gewerbepark nicht nur zur Verbesserung des Stadtklimas beitragen, sondern auch stadtstrukturell tragfähig sein kann.

Die konzeptionelle und entwerferische Komplexität der Aufgabenstellung wird der Arbeit ebenso herausragend bewältigt wie die Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen zu klimatischen Anpassungen im urbanen Kontext.

Entwicklung und Untersuchung des öffentlichen Raumes in den Rändern und Nischen Istanbuls,  Alexandra Bauer, TU München

In der Arbeit über den öffentlichen Raum Istanbuls werden die Ränder und Nischen, also informell entstandene und historisch gewachsene Stadtviertel, als Potenzialräume zur Weiterentwicklung der Stadt betrachtet. Gegenwärtig werden diese Viertel dem Erdboden gleichgemacht, um Strukturen nach neoliberalistischem Modell zu errichten. Die neuen, gentrifizierten Stadtviertel bedingen Grenzen und erzeugen eine Trennung von kulturellen und sozialen Schichten.

Mit dem vorgeschlagenen Konzept wird an Stelle einer sozialen und kulturellen Segregation das Aufeinandertreffen und die Durchmischung von Kulturen im öffentlichen Raum geschaffen. Die Durchmischung von dominanter Kultur und Partikularkulturen in einer Metropole bildet die Grundlage für Zusammenleben und Urbanität.

Der erste Teil der Thesis beschäftigt sich mit Theorien von Soziologen zur Beziehung zwischen städtischem Raum und Mensch. Die Erkenntnisse aus dem theoretischen Teil werden im Folgenden anhand des bestehenden öffentlichen Raums der vier informellen Stadtviertel „Ayvansaray“, „Kustepe“, „Kuzguncuk“ und „Burhaniye“ überprüft. Im nächsten empirischen Schritt wird das räumliche Konzept im Sinne der Durchmischung von Kulturen im öffentlichen Raum erarbeitet und für „Ayvansaray“ exemplarisch entworfen. Hierfür wird zunächst ein am Bestand orientiertes Netzwerk für den öffentlichen Raum eingerichtet, welches das Stadtviertel zugänglicher und erfahrbarer macht. Es kann sich mit punktuellen Eingriffen im Laufe der Zeit aufbauen und erhält so Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Zudem heben die impulsartigen Eingriffe bestehende räumliche und kulturell bedingte Charaktere und Qualitäten „Ayvansarays“ hervor und entwickeln diese weiter.

Begründung der Jury:

Istanbul ist eine Stadt, die aufgrund seiner Geschichte seit jeher von verschiedenen Kulturen und Flüchtlingsströmen beeinflusst wird. Im Zuge der Flüchtlingswelle gewinnt die Frage des Umgangs und Zusammenlebens zwischen dominanter Kultur und Partikularkulturen nicht nur in Metropolen wie Istanbul, sondern auch hierzulande in Städten und ländlichen Räumen immer mehr an Bedeutung.

Die Arbeit zeigt, wie wir als Landschaftsarchitekten urbane Räume und Stadtviertel beeinflussen und mitentwickeln können. Die Verantwortung als Landschaftsarchitekt im Hinblick auf die Gestaltung des öffentlichen Raums sieht sie als Möglichkeit das gegenseitige Wahrnehmen verschiedener Kulturen zu ermöglichen. Dies kann über eine Integration von Kulturen hinausgehen und zur Bildung einer Fähigkeit des Zusammenlebens in Diversität beitragen.

Selten gelingt es in einer Abschlussarbeit, Theorie und Entwurf derart konsistent zusammenzuführen, wie es in dieser Arbeit gelungen ist. Die Arbeit ist in ihrer sozialen Aufgabenstellung, ihrer interkulturellen Kompetenz, in ihrer theoretischen Tiefe als auch in ihrer entwerferischen Qualität herausragend. Sie ist für die in vielen Teilen Europas in den nächsten Jahren anstehenden urbanen Integrations- und Kohäsionsaufgaben richtungs­weisend.

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Musikfilm als GaLaBau-Kooperation mit Musikerin Die Nowak

Die Nowak präsentierte Ende Mai ihr neues Musikvideo „Der Schottergärtner“ (Foto ©kwerbild4)
Die Nowak präsentierte Ende Mai ihr neues Musikvideo „Der Schottergärtner“ (Foto ©kwerbild4)

Die Nowak, Künstlerin aus Regensburg, singt über Schottergärten und Alibi-Buchsbäume und kritisiert die Geschmacksverirrungen manch eines Gartenbesitzers. Drei GaLaBau-Landesverbände kooperieren mit der Musikerin.

Am 27. Mai 2022 veröffentlichte die Regensburger Sängerin und Künstlerin Die Nowak eine neue Single namens „Der Schottergärtner“. Außerdem gibt es einen dazugehörigen Musikfilm. Darin kritisiert sie den Schottergarten, den sie als „geschlossene Anstalt mit Alibibäumchen“ beschreibt. Auch die postmoderne Gartenkunst stellt sie mit der Zeile „Wenn im Dorf die Schotterblumen blüh‘n, dann wird alles wieder schön“ in Frage.

Bepflanzte Gärten für die bunte Vielfalt

Das dazugehörige Musikvideo wurde dabei von den Garten- und Landschaftsbauverbänden VGL Baden-Württemberg, VGL Bayern und VGL-Nordrhein-Westfalen unterstützt. Es handelt sich um das erste Mal, dass GaLaBau-Verbände in dieser Form mit einer Musikerin kooperieren.

Zu dem Musikvideo gehören vier jeweils 30 Sekunden lange Kurzvideos, die auf den Social-Media-Kanälen der Landesverbände veröffentlicht wurden. In diesen verwandten Videos verdeutlicht Die Nowak sowohl die Schattenseiten, als auch Missverständnisse und Probleme rund um die Gartengestaltung mit Schotter und Stein.

„Steinwüsten tragen nicht zu einer Zeitersparnis bei der Gartenarbeit bei. Auch leisten sie keinen positiven Beitrag zur Artenvielfalt, sind schlecht für das Kleinklima rund um das Haus und bieten keine Wohlfühlatmosphäre. In bepflanzten Gärten, Dach- und Fassadenbegrünungen dagegen lebt die bunte Vielfalt“, erläutert Die Nowak.

 

Der Songtext

Geschlossene Anstalt mit Foltergarten
wo einst die Weiden standen
da ist jetzt Kies in allen Arten
geometrisch akkurat

Spritzbetont und fest versiegelt
totenstill und frisch foliert
ich fühl mich schlecht
ich fühl mich fiebrig
hilft mir mal einer von der Gabionenwand

Schottert euch die Gärten zu
pflastert euch die Flächen dicht

Das kleine Alibi-Buchsbäumchen
hat sich hierher wohl einst verirrt
träumt zwischen Ying und Yang ein Träumchen
von einem Leben, fernab der Gabionenwand

Keine Flora keine Fauna
ganz allein mit seinem Trauma
sitzt er da der Schottergärtner
vor seinem dunkelgrauen Backofenquartier

Schottert euch die Gärten zu
pflastert euch die Flächen dicht

All die Pfade führen ins Nichts
doch das ist hier egal
Irgendwann verirrt sich hierher mal ein Kind
und wirft den Ball vor Neugier
über die Gabionenwand

Schottert euch die Gärten zu
pflastert euch die Flächen dicht
riegelt euch hermetisch ab
und bitte gebt danach den Löffel ab.

Und wenn im Dorf die Schotterblumen blühn´
dann wird alles wieder gut
dann wird alles wieder schön
dann wird alles wieder schön
dann wird alles wieder schön

Über Die Nowak

Die Nowak ist die Kunstfigur von Rebekka Maier, einer preisgekrönten Sängerin, deren Stil sich zwischen deutschem Piano-Pop und Chanson bewegt. Die Regensburgerin stellt bei ihrer Musik ihre Stimme sowie das Klavier in den Vordergrund. Neben emotionalen biografischen Liedern schreibt Die Nowak auch gesellschaftskritische Songs.

In einem Interview mit der Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau erläutert die Musikerin zudem die Vorteile einer Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau. Denn Landschaftsgärtner*innen arbeiten im Team und verrichten sinnvolle Arbeit im Freien. In den Kurzvideos, die das Musikvideo begleiten, ruft sie zu einer naturnahen Gartengestaltung unter Einbeziehung von Fachbetrieben auf. Dabei weist sie auf das Qualitätsmerkmal „Signum“ hin.

Schottergärten, Steingarten, Schotterpflanzungen und Schottermulch- wo liegt da eigentlich der Unterschied? Erfahren Sie es in dem Kommentar „Schottergarten ist kein Steingarten“!

Die resiliente Trinkwasserversorgung – Notfallplanung für urbane Systeme

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Luftaufnahme von Häusern und grünen Feldern in Tirol, Österreich, fotografiert von Sabrina Wendl.

Wer die urbane Resilienz ernst meint, kommt an der Notfallplanung für die Trinkwasserversorgung nicht vorbei. Klimawandel, Digitalisierung, Urbanisierung – unsere Städte werden auf die Probe gestellt wie nie zuvor. Doch was passiert, wenn plötzlich der Wasserhahn trocken bleibt? Die wirklich resiliente Stadt denkt weit über Redundanz hinaus: Sie plant voraus, integriert smarte Technologien und setzt auf eine Kultur der Vorsorge, die weit mehr ist als ein Notfallkoffer im Keller.

  • Warum Resilienz in der Trinkwasserversorgung für Städte essenziell ist und wie sie definiert wird
  • Welche Risiken und Szenarien urbane Trinkwassersysteme bedrohen – vom Stromausfall bis zur Dürre
  • Wie Notfallplanung konkret funktioniert: rechtliche Grundlagen, organisatorische Strukturen, technische Lösungen
  • Welche Rolle Digitalisierung, Sensorik und smarte Netzwerke für die Versorgungssicherheit spielen
  • Wie Städte wie Zürich, München oder Wien Krisen meistern und welche Best Practices sie etablieren
  • Welche Herausforderungen und Zielkonflikte bei der Umsetzung bestehen, etwa beim Datenschutz oder der Flächenkonkurrenz
  • Wie Partizipation, Kommunikation und Schnittstellen zu anderen Infrastrukturen gestaltet werden sollten
  • Warum resiliente Trinkwasserversorgung weit mehr ist als Notstromaggregate und Reservebrunnen
  • Was Planer, Verwaltungen und Betreiber jetzt tun müssen, um ihre Stadt wirklich krisenfest zu machen

Die neue Resilienz: Warum urbane Trinkwasserversorgung mehr als Technik braucht

Die urbane Trinkwasserversorgung ist ein Paradebeispiel für eine sogenannte kritische Infrastruktur. Ohne sie steht das gesellschaftliche Leben still. Doch Resilienz bedeutet für urbane Systeme weit mehr als bloße Redundanz oder das Vorhalten technischer Reservekapazitäten. Der Begriff Resilienz stammt ursprünglich aus der Ökologie und Psychologie und bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, nach Störungen schnell in einen funktionsfähigen Zustand zurückzukehren. In der Stadtplanung hat sich das Konzept weiterentwickelt: Heute steht Resilienz für die Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit urbaner Systeme angesichts vielfältiger, oft unvorhersehbarer Herausforderungen.

Trinkwasserversorgung ist dabei ein hochkomplexes Geflecht aus technischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Komponenten. Die Herausforderungen sind vielschichtig: Klimawandel führt zu längeren Trockenperioden, Starkregen kann Infrastruktur überfluten, Cyberangriffe bedrohen digitale Steuerungssysteme, politische Krisen oder Pandemien können Lieferketten und Personalverfügbarkeit beeinträchtigen. Hinzu kommt die zunehmende Urbanisierung, die den Druck auf Wasserressourcen und Verteilnetze weiter erhöht. Gerade in dicht besiedelten Ballungsräumen wird die zuverlässige Versorgung zur Achillesferse der Stadtentwicklung.

Doch Resilienz entsteht nicht durch Technik allein. Sie ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Weitsicht, Planungskultur und Innovationsbereitschaft. Eine resiliente Trinkwasserversorgung erkennt Risiken frühzeitig, plant Szenarien durch, schafft organisatorische Klarheit und vernetzt sich mit anderen Infrastrukturen. Sie lebt von transparenter Kommunikation, partizipativer Governance und der Bereitschaft, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen – etwa bei der Priorisierung von Wasserverbrauchern im Ernstfall.

In der Praxis bedeutet das: Es reicht nicht, ein paar Notstromaggregate zu installieren oder zusätzliche Brunnen zu bohren. Es braucht eine strategische Notfallplanung, die von der Gefahrenanalyse bis zur Wiederherstellung der Versorgung alles im Blick hat. Dazu gehören unter anderem die Identifikation kritischer Anlagen, die Definition von Eskalationsstufen und die klare Zuordnung von Verantwortlichkeiten. Ebenso entscheidend ist die Einbindung der Bevölkerung, denn ohne Akzeptanz und Mitwirkung verpuffen selbst die besten Pläne.

Die beste Technik nützt wenig, wenn sie im Ernstfall nicht bedient werden kann oder die organisatorische Abstimmung fehlt. Resilienz ist daher kein Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess – und eine Haltung, die gelernt und gelebt werden muss. Sie fordert Interdisziplinarität, Flexibilität und eine Portion Mut, Dinge neu zu denken. Für Städte und Kommunen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz wird die resiliente Trinkwasserversorgung damit zur Königsdisziplin der urbanen Daseinsvorsorge – und zur Nagelprobe für zukunftsfähige Stadtentwicklung.

Risikoanalyse und Notfallplanung: Von der Gefahrenmatrix zum Maßnahmenplan

Der Grundstein jeder resilienten Versorgung ist die systematische Risikoanalyse. Ohne fundierte Kenntnis über Schwachstellen, Gefährdungspotenziale und Wechselwirkungen bleibt jede Notfallplanung ein Blindflug. Die Analyse beginnt mit einer umfassenden Aufnahme der lokalen und regionalen Risiken: Naturgefahren wie Überschwemmungen, Dürre, Erdbeben oder Stürme gehören ebenso dazu wie technische Störungen, Sabotage oder Versorgungsausfälle durch Strommangel. Hinzu treten neue Bedrohungen durch Cyberkriminalität, die zunehmend die Steuerung und Überwachung der Wassernetze ins Visier nimmt.

Aus dieser Gefahrenmatrix leitet sich die Notfallplanung ab, die in Deutschland beispielsweise durch das DVGW-Regelwerk (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches) und die Trinkwasserverordnung rechtlich flankiert wird. Die Notfallplanung umfasst Maßnahmen zur Prävention, Detektion, Reaktion und Wiederherstellung. Prävention bedeutet, Risiken durch bauliche, technische und organisatorische Vorkehrungen zu minimieren – etwa durch räumlich getrennte Versorgungswege, redundante Pumpwerke und regelmäßige Überprüfungen der Leitungsnetze.

Im Ernstfall zählt jede Minute. Deshalb müssen Meldewege, Krisenstäbe und Kontaktlisten aktuell und erprobt sein. Die Notfallorganisation regelt, wer wann informiert wird, welche Eskalationsstufen greifen und wie die Kommunikation mit Behörden, Betreibern und der Öffentlichkeit abläuft. Ein häufig unterschätztes Problem: Die Koordination verschiedener Akteure – etwa zwischen Wasserwerken, Feuerwehr, Ordnungsamt und Gesundheitsbehörden – ist im Alltag oft etabliert, im Krisenfall hingegen schnell überlastet oder durch Kompetenzgerangel gehemmt. Hier entscheidet die Qualität der Vorbereitung über den Erfolg der Maßnahmen.

Technisch stehen eine Vielzahl von Werkzeugen zur Verfügung, von Notstromaggregaten über mobile Wasseraufbereitungsanlagen bis hin zu Reservebrunnen und Tankwagen. Doch Technik allein ist selten die Lösung. Entscheidend sind regelmäßige Übungen, Szenarientrainings und die ständige Überprüfung der Pläne auf Aktualität und Praxistauglichkeit. Nur so lassen sich Schwachstellen frühzeitig erkennen und beheben. Die besten Notfallpläne bringen wenig, wenn sie im Aktenschrank verstauben oder im Ernstfall niemand weiß, wo sie liegen.

Eine besondere Herausforderung stellt die Priorisierung der Wasserversorgung im Krisenfall dar. Wer bekommt im Ernstfall Wasser – Krankenhäuser, Schulen, Feuerwehr, kritische Betriebe? Wie werden die Verbraucher informiert, wie kann Missbrauch verhindert werden? Diese Fragen sind politisch sensibel und verlangen eine breite Abstimmung, die im Idealfall schon vor der Krise erfolgt. Hier zeigt sich, dass Notfallplanung ein Querschnittsthema ist, das weit in andere Bereiche der Stadtentwicklung hineinwirkt – von der sozialen Infrastruktur bis zur Wirtschaftsförderung.

Technik trifft Digitalisierung: Intelligente Systeme für mehr Versorgungssicherheit

Die Digitalisierung eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die resiliente Trinkwasserversorgung. Sensorik, IoT (Internet of Things) und datenbasierte Steuerungssysteme machen es möglich, Netze in Echtzeit zu überwachen und Störungen frühzeitig zu erkennen. Intelligente Sensoren erfassen etwa Druckverluste, Wasserqualitätsparameter, Temperaturänderungen oder Leckagen und melden diese automatisiert an die Leitstelle. So können Schäden nicht nur schneller behoben, sondern auch präventiv verhindert werden, bevor sie großflächig eskalieren.

Digitale Zwillinge – also virtuelle Abbilder der realen Versorgungsinfrastruktur – erlauben es, Szenarien durchzuspielen und die Auswirkungen von Ausfällen oder Extremereignissen zu simulieren. Damit können Planer und Betreiber nicht nur besser auf den Ernstfall vorbereitet werden, sondern auch die laufende Optimierung der Netze vorantreiben. In Verbindung mit Künstlicher Intelligenz lassen sich Muster erkennen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben – etwa schleichende Leckagen oder ungewöhnliche Verbrauchsspitzen, die auf illegale Entnahmen oder Rohrbrüche hindeuten könnten.

Eine zentrale Herausforderung bleibt die Integration dieser neuen Technologien in bestehende Systeme. Altsysteme und moderne Steuerungstechnik sprechen oft unterschiedliche „Sprachen“ und sind nicht ohne weiteres kompatibel. Die Harmonisierung von Schnittstellen, die Sicherstellung der Cybersicherheit und der Schutz sensibler Daten werden zur Daueraufgabe für alle Beteiligten. Gerade im Bereich der kritischen Infrastrukturen ist der Schutz vor Hackerangriffen heute mindestens ebenso wichtig wie der Schutz vor Hochwasser oder Stromausfall. Die EU-Richtlinie NIS 2 und nationale IT-Sicherheitsgesetze verschärfen die Anforderungen an Betreiber deutlich.

Doch auch die beste Technik braucht qualifiziertes Personal. Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt in den Wasserwerken grundlegend. Betriebspersonal muss geschult werden, um mit neuen Tools und Systemen nicht nur umgehen, sondern sie auch kritisch hinterfragen zu können. Denn Technik ist nur so gut wie die Menschen, die sie bedienen – und im Zweifel müssen auch analoge Notfallroutinen beherrscht werden, falls die smarte Steuerung doch einmal versagt.

Die intelligente Vernetzung der Trinkwasserversorgung mit anderen urbanen Infrastrukturen – etwa Strom, Verkehr oder Kommunikation – eröffnet zusätzliche Resilienzpotenziale. So können beispielsweise Versorgungsprioritäten automatisch angepasst werden, wenn ein Krankenhaus mit Notstrom betrieben wird oder bei einem Großbrand der Wasserbedarf kurzfristig steigt. Die resiliente Stadt der Zukunft denkt nicht mehr in Ressortgrenzen, sondern vernetzt ihre Systeme zu einer lernenden, adaptiven Infrastruktur.

Best Practices und Herausforderungen: Was Städte jetzt lernen (und umsetzen) müssen

Beispiele aus Städten wie Zürich, München oder Wien zeigen, wie resiliente Trinkwasserversorgung in der Praxis aussehen kann. In Zürich etwa werden seit Jahren Reservebrunnen in Betrieb gehalten, die im Krisenfall binnen Stunden aktiviert werden können. München setzt auf ein hochredundantes Quellnetzwerk, das im Notfall verschiedene Wasserquellen flexibel zuschalten kann. Wien arbeitet mit einem mehrstufigen Krisenmanagement, das von der technischen Überwachung bis zur Bürgerkommunikation reicht und regelmäßig in Planspielen erprobt wird.

Ein Erfolgsfaktor ist in allen Fällen die konsequente Verzahnung von Technik, Organisation und Kommunikation. Notfallpläne werden nicht nur erstellt, sondern regelmäßig geübt und fortgeschrieben. Die Bevölkerung wird in Übungen eingebunden und über Informationskampagnen sensibilisiert. Digitale Tools wie Warn-Apps oder Bürgerplattformen ergänzen klassische Kommunikationswege und sorgen dafür, dass im Ernstfall niemand im Dunkeln tappt. Das Ziel ist klar: Keine Panik, sondern Handlungsfähigkeit – für Betreiber wie für die Bevölkerung.

Gleichzeitig stehen die Städte vor massiven Herausforderungen. Flächenkonkurrenz erschwert die Vorhaltung von Reservebrunnen oder Notfalllagerstätten. Der Datenschutz begrenzt die Möglichkeiten der Datenvernetzung. Die Finanzierung von Redundanzen und Innovationen ist angesichts knapper Haushalte oft ein Kraftakt. Und nicht zuletzt fehlt es vielerorts an Personal, das die steigenden Anforderungen stemmen kann. Der Fachkräftemangel trifft die Wasserwirtschaft ebenso wie andere Sektoren und macht gezielte Aus- und Weiterbildung unverzichtbar.

Ein weiteres Problem sind Schnittstellen zu anderen Infrastrukturen. Stromausfälle wirken sich unmittelbar auf die Wasserförderung und -verteilung aus. Kommunikationsnetze sind im Krisenfall oft überlastet oder fallen ganz aus. Hier braucht es robuste Backup-Lösungen und klare Vereinbarungen zwischen allen beteiligten Akteuren. Die Erfahrung aus vergangenen Krisen zeigt: Die beste technische Lösung scheitert, wenn die organisatorischen Abläufe nicht funktionieren oder Verantwortlichkeiten diffus bleiben.

Die größte Herausforderung aber bleibt die Unsichtbarkeit des Themas. Trinkwasser fließt im Alltag wie selbstverständlich aus dem Hahn – seine Versorgungssicherheit wird selten hinterfragt. Erst im Notfall zeigt sich, wie verletzlich das System ist. Umso wichtiger ist es, das Thema Resilienz aus der Nische zu holen und als zentralen Bestandteil der Stadtentwicklung zu verankern. Nur so entsteht eine Kultur der Vorsorge, die auch auf künftige Krisen vorbereitet.

Fazit: Resiliente Trinkwasserversorgung als Schlüssel urbaner Zukunftsfähigkeit

Die resiliente Trinkwasserversorgung ist weit mehr als eine technische Herausforderung. Sie ist ein Schlüsselfaktor für das Funktionieren urbaner Systeme, für Gesundheit, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer sie ernst nimmt, plant nicht nur für den Notfall, sondern gestaltet die Stadt von morgen proaktiv und vorausschauend. Das bedeutet: Risiken erkennen, Szenarien durchspielen, Technik und Organisation verzahnen, Digitalisierung intelligent nutzen, Personal qualifizieren und die Bevölkerung einbinden. Resilienz ist kein Zustand, sondern ein Prozess – und dieser Prozess beginnt jetzt.

Städte, die heute in ihre Versorgungssicherheit investieren, schaffen mehr als nur Redundanzen. Sie etablieren eine Kultur der Vorsorge, die Innovation, Partizipation und Verantwortung zusammenbringt. Sie machen sich unabhängig von kurzfristigen Störungen und gewinnen langfristig an Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Die resiliente Trinkwasserversorgung ist damit keine Option, sondern eine Notwendigkeit – und eine Einladung, Stadtentwicklung neu zu denken. Wer diese Chance nutzt, sorgt nicht nur für trockene Kehlen in der Krise, sondern für lebendige, zukunftsfähige Städte im Alltag.