Hundert Jahre Hamburger Stadtpark

 

„Der Hamburger Stadtpark hat aufgrund seiner Entstehung, seiner Gestaltung und seiner architektonischen Raumbildung in der Fachwelt einen festen Stellenwert“, schreibt Heino Grunert als Herausgeber dieses Buches zum Jubiläum des Renommierparks der Hansestadt. In der Tat kreuzten sich hier viele städtebauliche, gartenkünstlerische, kulturelle und soziale Interessen. Nach langen Debatten und behördeninternen Entwürfen, einem detaillierten Funktionsprogramm und schließlich einem reichsweiten Wettbewerb gelangte man zu einer Synthese, als Fritz Schumacher zum Leiter des Hochbauamtes berufen wurde. Leberecht Migge hatte die meisten der prämiierten Wettbewerbsentwürfe „praktisch unbrauchbar und geistlos“ bezeichnet. Auch Carl Heicke, Gartendirektor der Stadt Frankfurt und Schriftleiter der Gartenkunst (heute Garten + Landschaft) forderte eine bahnbrechende großzügige Schöpfung, die allen neuzeitlichen Anforderungen genüge. Schumachers Entwürfe verbanden den viel kritisierten landschaftlichen Gartenstil mit architektonisch formaler Gestalt. Große Bedeutung kam der ­Architektur zu: Stadthalle und Stadtparkcafé, beide im Krieg zerstört. Wie sehr die Gebäude am Stadtparksee das ganze Ensemble prägten, spürt man heute, wo man ratlos ist angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeit, das Verlorene durch zeit­gemäße Architektur zu ersetzen.

Barbara Engelschall, Frank-Pieter Hesse, Ursula Kellner, Ivo Krings, Elke von Kuick und Thomas Vesting beleuchten in diesem prächtigen Werk in sehr ­lesenswerten Texten wohl alle Facetten dieses Gartendenkmals, von der Entstehungsgeschichte über die (Miss-)nutzungen im Dritten Reich und die Kriegsschäden bis zum heutigen Stand. 400 Abbildungen, darunter bisher unveröffentlichte Schrägluftbilder und historische Ansichtskarten dokumentieren die geschichtlichen Veränderungen. Dieses Buch sollten sich nicht nur Hamburger zulegen.

Heino Grunert (Hrsg.): Betreten erwünscht. Hundert Jahre Hamburger Stadtpark. Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs Band 32. Dölling und Galitz Verlag, München Hamburg, 2014. 39,90 Euro

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CopenHill von BIG ist World Building of The Year

Blick auf die Fassade vom Bauprojekt CopenHill mit abfahrenden Skifahrer*innen davor.

Das BIG Projekt Copenhill ist World Building of The Year 2021 (Foto: Rasmus Hjortshoj).

Anfang Dezember zeichnete das 14. World Architecture Festival (WAF) das Projekt von Bjarke Ingels und Co. in der Kategorie „Produktion, Energie und Recycling“ mit dem Award aus. Hier stellen wir das Projekt vor.

Vom 1. bis 3. Dezember 2021 fand das World Architecture Festival statt. Diesjährig wurde die Preisverleihung virtuell abgehalten. Dabei prämierte die Jury aus illustren Persönlichkeiten der internationalen Architekturszene bereits realisierte Bauprojekte und zukünftige Planungen. Eine Auszeichnung als World Building of The Year gewann das Projekt CopenHill des dänischen Büros BIG Architects. Es ist damit das beste Bauprojekt in der Kategorie Production, Energy & Recycling. Als Begründung benannte die Jury den herausragenden Umgang mit Themen wie Recycling und Zero Carbon. Paul Finch, Programm Direktor des Awards, formulierte es, wie folgt: Dank CopenHill wünschten sich die Menschen plötzlich ein Infrastrukturprojekt dieser Größe in ihrer direkten Nachbarschaft. Üblicherweise würde eine Müllverbrennungsanlage nach Möglichkeit am Stadtrand versteckt. Hier werde es zum Aushängeschild einer Stadt. Gleichzeitig inspiriere CopenHill auch andere Designer*innen dazu, in Bauprojekten einen sozialen Mehrwert mitzudenken. Dies sei bei CopenHill auf einzigartige Weise gelungen. BIG entwarf und baute eine Müllverbrennungsanlage, die Spaß mache.

Symbiose aus Funktion und Vergnügen

CopenHill, auch unter dem Namen Amager Bakke bekannt, ist ein 2017 erbautes Kraftwerk im Industrieareal Kopenhagens. Auf den Dachflächen haben BIG Architects und SLA Landschaftsarchitekten einen Rooftop-Freizeitpark angelegt. Eine Skipiste, ein Wanderpfad durch Bäume und Hecken und eine Kletterwand gehören zum ungewöhnlichen Raumprogramm. Die räumlichen Bedürfnisse des komplexen Strom- und Wärmekraftwerkes sind für die Ausbuchtungen der Bergtopografie mitverantwortlich. Die inneren Prozesse sind von außen kaum wahrnehmbar. BIG verbarg die technischen Anlagen hinter einer glänzenden Metallhülle. Die gestapelten Aluminiumelemente generieren eine elegante und gleichzeitig spannungsvolle Fassade. Durch die freibleibenden Zwischenräume fällt einerseits am Tag Licht nach innen. Nachts dringt andererseits aus den Öffnungen Licht nach außen und der gesamte Bau strahlt wie eine überdimensionale Laterne. Vom Dach aus können die Nutzer*innen zudem schließlich ins Innere des Gebäudes blicken. Aus einem gläsernen Aufzug heraus sind Röhren, Kessel und auch Stiegen zu sehen. Technik, Nachhaltigkeit und Spaß gehen bei CopenHill Hand in Hand.

CopenHill: 85 Meter hoch, 16 000 Quadratmeter Dach

Es ist unterm Strich ein Projekt der Superlative. Das Kraftwerk selbst ist erstens 41 000 Quadratmeter groß. Die Skipiste umfasst zweitens 9 000 Quadratmeter und hat drittens eine Länge von 490 Meter. Sie ist zudem der höchste künstliche Skihügel der Welt. An einer Fassadenseite ist eine Kletterwand installiert. Mit einer Höhe von 85 Meter ist sie die höchste künstliche Kletterwand der Welt. Die insgesamt circa 16 000 Quadratmeter große Dachfläche ist eine Parklandschaft über der Stadt. Gleichzeitig werden Wärme absorbiert und Luftpartikel gefiltert.

Menschengemachter grüner Berg

Unter der künstlichen Gebirgslandschaft verborgen, findet der eigentliche Betrieb des Gebäudes statt. Jährlich werden hier 440 000 Tonnen Müll in Energie umgewandelt. Die Anlage gehört dank modernster Abgasfilter zu den saubersten der Welt. Die dabei anfallende Energie versorgt 150 000 Haushalte mit Strom und Wärme. Die Anlage ersetzte eine veraltete Verbrennungsanlage am gleichen Standort. Baunetz berichtete, dass laut Entwurf auch an der Fassade Pflanzen ranken sollen. Auf lange Sicht soll so das gesamte Kraftwerk zu einem menschengemachten grünen Berg werden.

WAF Award für Scharfsinn und Witz

Zwei Jahre nach Fertigstellung bestätigt der Award 2021 diese Einzigartigkeit von CopenHill offiziell. Die Jury prämierte CopenHill als 14. Gebäude in der Kategorie World Building oft the Year seit der Award 2008 ins Leben gerufen wurde. Die Symbiose aus nachhaltiger Architektur, sozialem Mehrwert und sauberer Energieproduktion konnte überzeugen. Dabei stand am Anfang ein verrückt klingender Einfall. Doch die ungewöhnliche Idee einer Skipiste auf einer Müllverbrennungsanlage wurde realisiert. Stararchitekt Bjarke Ingels zeigt, wie den Herausforderungen der Zukunft mit Scharfsinn und Witz begegnet werden kann. Die Integration des Kraftwerks nicht nur in die städtische Silhouette, sondern auch in den Freizeitalltag der Kopenhagener*innen ist originell. Die Zusammenlegung von Zweckmäßigkeit und Spaß zeigt auf, wie Städte dichter und gleichzeitig lebenswerter werden könnten. Es ist ein Projekt, dass beispielhaft für Kopenhagen steht. Die dänische Hauptstadt will bis 2025 klimaneutral sen. Dabei sucht die Metropole die Verschmelzung aus Nachhaltigkeit und integrativer Gestaltung des Öffentlichen Raumes.

CopenHill als Exempel

Der Süddeutschen Zeitung sagte Bjarke Ingels 2019, CopenHill sei der architektonische Ausdruck von etwas, das sonst unsichtbar geblieben wäre. Er nennt Amager Bakke zudem einen Ausdruck hedonistischer Nachhaltigkeit. Es sei zuallererst nachhaltig, weil es so den Bürger*innen diene. Der ökologische Mehrwert für die Umwelt sei in diesem Verständnis außerdem ein logischer Schritt. Das weltweit agierende Büro sorgt mit seinen Bauprojekten immer wieder für Aufsehen. Futuristische Visionen einerseits und ein spielerischer Umgang mit Belangen der Nachhaltigkeit andererseits sind für BIG Markenzeichen. Sie führten das Büro und seinen Gründer zur Berühmtheit. Seine Projekte verknüpfen oft verschiedene Funktionen und Ansprüche. Das Stadtbild von Kopenhagen der jüngeren Zeit prägte er mit diesem Ansatz entscheidend mit. CopenHill ist exemplarisch für Kopenhagen. Und es ist exemplarisch für BIG. Die Auszeichnung als World Building of the Year bescheinigt nun, dass dieser Ansatz auch von der breiteren Architekturszene als zukunftsweisen und inspirierend anerkannt wird.

Interesse an weiteren Projekten der Bjarke Ingels Group? Der Autohersteller Toyota will am Fuße des Mount Fuji in Japan auf 200 Hektar eine Smart-City-Modellmetropole bauen. BIG sind die verantwortlichen Architekt*innen der mit dem Namen „Woven City“.

Gärten des Grauens

Top Sechs meiner „Gärten des Grauens“

Seit Anfang 2019 postet der Botaniker und Biologe Ulf Soltau auf seinem Blog „Gärten des Grauens“ fast täglich Bilder zur Kiesgartenkultur in Deutschland. Warum Sie den „Gärten des Grauens“ unbedingt folgen sollten, erklärt G+L-Chefredakteurin Theresa Ramisch hier.

Für unsere August-2019-Ausgabe zum Thema „Artenvielfalt“ hat der Autor, Regisseur und Moderator Jens Haentzschel einen wirklich großartigen Kommentar zum Thema „Kiesgärten“ geschrieben. Er schreibt dabei von der „Gartenleidkultur 2.0.“. Er arbeitet heraus, warum so viele Eigenheimbesitzer*innen mehr und mehr auf grauen, weißen und schwarzen Kies in ihren Vorgärten setzen. Spoiler: angebliche Pflegeleichtigkeit und Zeitersparnis.
Feststeht: Deutschlands Kiesgärten sind ein Phänomen an sich. Ein Instagram-Account, dem ich seit längerem folge, ist „Gärten des Grauens“ vom Botaniker und Biologen Ulf Soltau (gibt es auch bei Facebook). Die Bilder, die Ulf Soltau hier fast täglich postet sollten mich vermutlich zum Weinen bringen. Tatsächlich muss ich immer lachen. So absurd sind die Schnappschüsse der versiegelten, geschotterten Kiesgärten, die Ulf Soltau hier zeigt. Der Account hat inzwischen knapp 90 000 Follower auf Instagram, bei Facebook sind es knapp 100 000.

Ulf Soltau gelingt es mit viel Witz und Charme das Ausmaß des spießigen deutschen Kiesgartentums bewusst zu machen. Gleichzeitig schärft er unseren Blick für das, was bei aller „Pflegeleichtigkeit“ aus dem Fokus gerät: die Artenvielfalt und damit wilde Gärten, die Lebensräume für Insekten und Tiere darstellen, die Natur zulassen anstatt sie zu verdrängen.
Um einen kurzen Einblick zu gewähren, habe ich meine Lieblingsbeispiele rausgesucht. Eigentlich sollten es nur drei werden, aber das war einfach nicht möglich.

Den Kommentar von Jens Haentzschel zum Thema Kiesgärten finden Sie in der G+L 08/2018 zum Thema Artenschutz.