Setzen wir die Impulse oder verschlafen wir sie wieder?

Die Redaktion hat Herbert Dreiseitl gefragt: Wie kann sich die Profession über das Thema Klimawandel stärker in der Öffentlichkeit positionieren? Hier ist seine Antwort. 

Als ich Anfang dieses Jahres in Boston, USA vor unser neu gegründetes Büro trat, stand das Meerwasser einen halben Meter über der Uferstraße. Doch nicht nur das: Es war so kalt, dass stehen gebliebene Autos im Meerwasser einfroren. Diese Bilder gingen um die Welt und der Präsident der USA twitterte polemisch „Jetzt könnten wir Global Warming gebrauchen“. Die Wärme wurde im Laufe des Jahres leider zu viel – neue Hitzerekorde, Feuer und Dürre gingen dieses Mal durch die Presse. Und nicht nur in Kalifornien, auch hier in Deutschland. Wer meint diese Wetterextreme seien ein einmaliges Ereignis gewesen, ignoriert alle Beobachtungen und Forschungsergebnisse. Doch welche sind die Handlungsräume der Landschaftsarchitektur und wie nutzen wir diese?

Der zentrale Schlüssel: Wasser

Seit nunmehr vier Jahrzehnten arbeite ich mit internationalen Kollegen an einer nachhaltigen und resilienten urbanen Landschaftsarchitektur. Wasser ist bei allen Fragen des Klimaausgleiches der zentrale Schlüssel. Sowohl in überregionalen Maßstäben als auch in scheinbar zu vernachlässigenden kleinen Details. Wir wissen in unserer Profession, wie grüne und blau-grüne Infrastruktur wirkt. Und wir wissen, dass es notwendig ist, diese bereits sehr früh durch multifunktionale Abstimmungsprozesse in den Städten und im Landschaftsbau zu integrieren.

Schläft die grüne Branche?

Die Realität sieht jedoch leider anders aus. Gerade jetzt wo die Konjunktur auf Hochtouren läuft und der Bausektor boomt – im Wohnungsbau, Gewerbe und in Infrastrukturen der Mobilität und Energieversorgung – werden viele Chancen den Wasserhaushalt zu stabilisieren und Vegetation in neuen Formen einzubringen vergessen, vertan und nicht genutzt. Ist die Branche der grünen Berufe trotz einiger Aktiven wiedermal unfähig, zu leise, zu spät, zu verschlafen? Es ist beschämend, wenn das Thema von anderen Berufsgruppen wie Tiefbauingenieuren, Hochbauarchitekten, Stadtplanern, Soziologen oder Ärzten vermehrt aufgegriffen wird und sich in öffentlichen Debatten eher Vertreter aus Wissenschaft, Politik und aus den „Grauen Berufen“ zu Wort melden.

Wir hätten die besten Argumente zur Veränderung.

Dabei hätten gerade Landschaftsarchitekten, Ökologen und Gestalter der Grünbereiche die besten Argumente. Wenn, ja wenn, sie die Wertgewinne und die Kapitalbildung resilienter und als ökologisch nachhaltige Maßnahmen herausstellen. Es geht darum in der Herausforderung, eine Chance zu sehen. Eine Chance für einen gesellschaftlichen Gewinn. Kaum einer weiß, dass wir durch Maßnahmen wie Forest Bathing und Biophilia-Effekte auch die Gesundheit der Menschen fördern, zu mehr Bewegung animieren sowie zur Prävention von Burn-out und Depression beisteuern können. Wir als Landschaftsarchitekten aber wissen es. Würden wir den regenerativen Mehrwert grüner Projekte besser kommunizieren, würden wir mehr gehört und hätten einen größeren Impact. Das betrifft ebenso Kostenvergleiche. Denn die Kosten steigen extrem, wenn wir jetzt nicht handeln.

Wir müssen Farbe bekennen. Das heißt, sich öffentlich zu äußern, aber auch fachlich besser aufgestellt sein und gut gebaute Zeichen setzen, die Vertrauen schaffen und Mut machen. Dazu zählt auch die Ausbildung der nächsten Generationen in kreativer Adaption an den Klimawandel sowie die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen zu verbessern. Letztendlich geht es darum, statt Bürokratie und Normenverwaltung die Bürger mitzunehmen und den gesunden Menschenverstand wieder zu fördern.

Mehr Meinungen zu dem Thema Klimaanpassung in der Landschaftsarchitektur finden Sie in der Januarausgabe 2018 der G+L.