„Man traut der Eigenverantwortung der Bürger nicht“

Das Thema der G+L 06/2020: Lebensqualität Fluss: Urbane Wasserkanten richtig gestalten. (Foto:© Lucía deMosteyrín)

Barbara Buser vom Baubüro in situ mit Sitz in Basel, Zürich und Liestal hat die Swim-City-Ausstellung mitkuratiert. Wir haben uns mit der Architektin über Flussschwimmen als urbanes Phänomen unterhalten und sie gefragt, warum man sich in Deutschland – man denke an die Initiativen Berlin oder München – so schwer mit seinen Flussbädern tut.

Schnittstelle zwischen Land und Wasser

2017 wurde der Münchner Stadtaktivist Benjamin David medial für seinen Arbeitsweg bundesweit gefeiert. Er schwimmt. Für Deutsche ungewöhnlich, für Schweizer alltäglich. In Basler Sommer lassen sich selbst Anzugsträger vom Rhein zur Arbeit befördern. Barbara Buser, welche Bedeutung hat Wasser für die Lebensqualität in einer Stadt?

Wasser ist ein wichtiges Element in jeder Stadt, sei es in Form von Brunnen, See- oder Meernähe, Bach oder Fluss. Das Wasser definiert die mögliche Bebauung, oft gar die Form einer Stadt. Am Wasser erlebt man die Jahreszeiten intensiv, man spaziert am Wasser, ruht sich aus oder treibt Sport. In Basel ist der Rhein der größte zusammenhängende Stadtraum. Sich im Fluss durch die Stadt treiben zu lassen und diese so aus einer ungewohnten Perspektive zu erleben, ist eine großartige Sache.

Sie haben die Ausstellung „Swim City“ mitkuratiert. Was war das Ziel der Ausstellung?

Das Ziel der Ausstellung war es, bei den Stadtbewohnern die Lust zu wecken, die urbanen Gewässer zurückzuerobern und zu nutzen. Die Basler, Berner, Genfer und Zürcher*innen wollten wir darauf hinweisen, welches Glück sie haben, dass man hier im Fluss mitten durch die Stadt schwimmen darf.  Es ging aber auch darum, die verschiedenen nationalen und internationalen Initiativen in Berlin, Paris oder New York City zu unterstützen und zu ermutigen, weiter für das Recht zu kämpfen, im Fluss zu schwimmen.

Welche Erkenntnisse haben Sie durch Swim City für Ihre eigene Arbeit als Architektin sammeln können?

Es ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie prägend das Wasser für eine Stadt ist, wie wichtig die Schnittstellen zwischen Land und Wasser sind, und dass diese äußerst sorgfältig gestaltet werden müssen.

Politische Aufgaben und mangelnde Wasserqualität

An Flussschwimmen ist in deutschen Metropolen kaum zu denken. Die mühsamen Diskussionen um die Flussbäder in Berlin und München sind hierfür ein gutes Beispiel. Woran hakt es Ihrer Meinung nach?

An drei Punkten. Erstens, dassman der Eigenverantwortung der Bürger nicht traut: Es ist einfacher, das Schwimmen zu verbieten, als Regeln auszuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Zweitens, dass die Wasserstraßengesetze angepasst werden müssten – eine mühsame politische Aufgabe. Und drittens an der Wasserqualität – diese ist zum Beispiel nach starken Regenfällen in Berlin oder Paris vielfach ungenügend.

Europaweit sind dennoch einiges Fluss-Projekt in der Mache. Auf welche freuen Sie sich besonders?

Auf jedes Projekt, das es schafft, das Flussschwimmen (wieder) selbstverständlich in den Alltag zu integrieren. Mein Badkleid habe ich auf Reisen immer dabei, um jede sich bietende Gelegenheit zum Schwimmen nutzen zu können.

 

In der G+L 06/2020 zum Thema Wasser in der Stadt erschien ein ausführlicher Artikel zur Ausstellung Swim City, die Flussschwimmen als urbanes Phänomen in der Schweiz ausmacht.

Barbara Buser ist diplomierte Architektin ETH und Energiefachfrau. Sie machte 1992 als erste Frau die Prüfung als Kapitän der Rheinfähren in Basel und steuert seither regelmässig die Münsterfähre über den Rhein hin und zurück. Seit Oktober 2014 bringt sie mit einem engagierten Team unter dem Motto „essen, trinken, geniessen“ neues Leben in die Markthalle und ins KLARA in Basel. Seit Jahren ist sie mit „die Zusammenarbeiter“ in verschiedenen Projekten in Berlin engagiert. Und seit dessen Gründung Mitglied im Verein Flussbad Berlin.

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Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.