Thesen zur Landschaftsarchitektur

Vor über 20 Jahren verfasste der Landschaftsarchitekt Dieter Kienast „10 Thesen zur Landschaftsarchitektur“. Das bewusst provokante Manifest hat nichts an Aktualität verloren, wie hier beispielhaft an zwei Thesen erläutert wird.

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Position: Dieter Kienast bei einer Exkursion in Picenza. Foto: Wolfram Müller

 

„Die Theorie gehört zum intellektuellen ­Teil unserer Arbeit. Wenn es nur darum geht, schöne Förmchen zu backen, brauche ich ­natürlich keine Theorie”, betonte Dieter Kienast und formulierte 1992 „10 Thesen zur Landschaftsarchitektur“ als „kleines theoretisches Fundament“ seiner landschaftsarchitektonischen Arbeit. Aus seiner Sicht war die Zeit reif für ein provokantes Manifest und ­eine kritische Auseinandersetzung mit dem konservativ-traditionell geprägten Selbst­verständnis seines Berufsstandes. In Kienasts Augen hatten sich die Landschaftsarchitekten viel zu bequem in ihren Rollen als ­Bewahrer, Verschönerer und Handwerker ­in Grün eingerichtet. Damit wurden sie aber ­ihrer Verantwortung für die Gestaltung ­moderner städtischer Lebensumwelten nicht mehr gerecht und gerieten bei wichtigen Diskussionen um die urbane Zukunft der Menschheit immer mehr in eine gefährliche Abseitsposition.

Die aktuellste Fassung der 10 Thesen erschien im November 1998 an der ETH Zürich, nur wenige Wochen vor Dieter Kienasts Tod. Sein fortschrittliches Natur- und Kultur­verständnis, basierend auf profundem Wissen in Ökologie und Gartenkunstgeschichte, die Begeisterung für die Heterogenität der Stadt und ihre soziokulturelle Vielfalt, das Bekenntnis zu aufgeschlossener Interdisziplinarität und der Respekt für den besonderen Ort – all das lässt das Manifest noch heute erstaunlich aktuell klingen, doch hier kann nur exemplarisch auf die ersten zwei Thesen eingegangen werden.

„1. Unsere Arbeit ist die Suche nach einer Natur der Stadt, deren Farbe nicht nur grün, sondern auch grau ist. Natur der Stadt heißt Baum, Hecke, Rasen, aber auch wasserdurchlässiger Belag, weiter Platz, strenger Kanal, hohe Mauer, offen gehaltene Frischluft- oder Sichtachse, das Zentrum und der Rand.“

Mit dieser Auffassung widersprach Dieter Kienast den gängigen Klischeevorstellungen von Natur, die vor allem in den frühen 80er-Jahren in der Landschaftsarchitektur verbreitet wurden. Nebenwirkungen der Ökologiebewegung waren eine ausgeprägte Stadtfeindlichkeit, Desinteresse an Gartenkunstgeschichte und die Ablehnung ­moderner Landschaftsarchitektur. Diese wurde prinzipiell als Missbrauch von Natur betrachtet. „Im Garten muss die Natur der Meister sein, und der Besitzer ist der Lehrling. Der Lehrling ist beim Meister zu ­Besuch. Als Gast unterwirft man sich den Regeln des Hauses.“ (Louis LeRoy)

Als Klaus Spitzer in seinem Handbuch „Grün in der Stadt“ 1981 für eine ökologische ­Ästhetik plädierte und gegen die „alten ­Regeln ­ästhetischer Gestaltung“ wetterte, argumentierte er auf der Basis eines normativen ökologischen Konzeptes. Im vorangegangenen Jahrzehnt hatte diese Ideologie bereits weltweit zu einem Paradigmenwechsel in Landschaftsarchitektur und
-planung geführt, unter anderem gefördert durch den Amerikaner Ian McHarg und den Niederländer Louis Le Roy, der 1973 forderte „let ­nature grow – nature will arrange things for herself”. In der europäischen Natur­gartenbewegung propagierte man die ­Verbannung fremdländischer Pflanzen aus Gärten und Parks.

 

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