Alpines Neuland

Das romantische Landschaftsbild weißer, von Gletschern bedeckter Alpen weicht zunehmend einer durch Schutt und Felsen als grau und leblos erscheinenden Landschaft aus jungen Moränenflächen und zum Teil steilen und erosionsgefährdeten Ufermoränen. Aber das Gletschervorfeld ist für die Landschaftsarchitektur vielseitig und dynamisch.

Der Klimawandel führt in den Alpen zu einer rasanten Landschaftstransformation. Die Gletscher sind besonders klimasensitiv und stellen ein bedeutendes Landschaftsphänomen dar. Der Gletscherschwund führt einerseits zum Verlust der identitätsprägenden Gletscherlandschaft und andererseits wächst gleichzeitig das Gletschervorfeld als alpines Neuland.
Die Gletscherschmelze und das Auftauen des Permafrostbodens führen zu weitreichenden hydrologischen und ökologischen Veränderungen. Da in den Alpen eine enge Verknüpfung zwischen Mensch und Landschaft besteht, sind zusätzlich die zunehmenden Naturgefahren, wie Steinschläge und Murgänge, sowie die Landschaftsbildveränderung in Hinblick auf das Tourismuspotenzial von planerischer Relevanz.

Im Fokus der Planung stehen der Gletscher und sein Gletscherbach, die durch Erosions-, Transport- und Ablagerungsprozesse die neu entstandene Landschaft formen. In Abhängigkeit von der individuellen Topografie und Geologie werden spezifische Raumsituationen geschaffen. Typisch sind die vom Gletscher geschliffenen Felsen und die sich durch das fließende Schmelzwasser verändernden Sedimentflächen. Zeitlich versetzt und abhängig von den Standortbedingungen beginnt die Vegetationsentwicklung. Besonders dynamisch sind die Auenbereiche mit der typischen Pioniervegetation. Die Sukzession führt zu einer Veränderung von Raumatmosphäre und Blickbeziehungen. Der offene Landschaftscharakter verändert sich durch das Aufwachsen von Sträuchern und Gehölzen zunehmend zu geschlossenen Raumsituationen. Der Landschaftsbildwandel wird über lange Sicht speziell durch die Vegetationsdynamik geprägt werden.

Dynamisches Gletschervorfeld
Foto: Johanna Großelümern

Als weitere Prozesse setzt durch den Gletscherschwund die Bodenbildung ein und das Neuland wird durch die alpine Fauna besiedelt. Gletschervorfelder gelten als komplexe Landschaften, die durch unterschiedliche Landschaftsprozesse und eine spezifische Dynamik charakterisiert werden.

Allgemeine Planungsziele waren die ökologischen Ressourcen sowie die ökonomischen Potenziale in Hinblick auf eine sanfte Tourismusnutzung. Die Konzeptplanung sieht eine Zonierung und Besucherlenkung vor, um einerseits Gefahrenzonen, wie erosionsgefährdete Ufermoränen, zu berücksichtigen und um andererseits in Ruhe- beziehungsweise Schutzzonen die Eingriffe durch den Menschen zu minimieren und Naturschutzziele zu fördern. Die Entwurfsideen werden für die Aktionszonen der Gletschervorfelder skizziert. In erster Linie sind dies die markanten Wasserräume, die der besonderen Dynamik des Schmelzwassers ausgesetzt sind.

Drei Raumbeispiele

„Neuland bewegt“ – Gletschervorfeld am Morteratschgletscher (Schweiz)

Morteratschgletscher
Entwurf: Johanna Großelümern

Die markante Mäanderbildung und Entstehung von Schwemmfächern deuten am Morteratschgletscher auf eine hohe Wasserdynamik. In der Planung entstehen neue Wegeverbindungen, die auf die Dynamik reagieren, sich stellenweise auflösen und verändern. Frei bewegliche Elemente können durch das Fließgewässer transportiert und abgelagert werden. Damit eine Blickbeziehung zum Gletscher erhalten bleibt, werden partiell aufwachsende Gehölze entfernt und damit die Sukzession herausgezögert.

„Neuland betreten“ – Gletschervorfeld an der Pasterze (Österreich)

Pasterze
Entwurf: Johanna Großelümern

Typisch für dieses Gletschervorfeld ist, dass in Abhängigkeit vom Gletscherschwund und der Topografie natürliche Seen- und Sanderbildung stattfinden. In der Planung werden die nicht betretbaren Flächen thematisiert, die sich außerhalb kritischer Gefahrenzonen befinden. Über frei schwimmende Stege kann das Neuland betreten werden. Inspiriert ist der Entwurf durch die Fragmentierung in der Landschaft.

„Neuland färbt ab“ – Gletschervorfeld des Gepatschferners (Österreich)

Gepatschferner
Entwurf: Johanna Großelümern

Im Gletschervorfeld des Gepatschferners werden die besonderen Verwitterungsprozesse des oxidierten Gesteins durch rostenden Stahl oder Cortenstahl aufgegriffen. Die Entwurfselemente sollen die Dynamik veranschaulichen und dafür durch den Gletscherbach innerhalb des sedimentreichen Schwemmfächers verlagert und transportiert werden. Anhand von fest installierten Stegen sowie mobilen Brücken werden die Besucher dazu angeregt, die Dynamik des Schmelzwassers zu entdecken.

Der Vergleich zwischen den Raumbeispielen zeigt, dass unterschiedliche Raumsituationen, Landschaftsformen und verschieden ausgeprägte Prozesse eine spezifische, ortsbezogene Planung notwendig machen. Abhängig von den unterschiedlichen Prozessen lassen sich verschiedene, erweiterbare Entwurfsstrategien für die Landschaftsarchitektur entwickeln. Grob können diese in flexible/bewegliche und fixierte/unbewegliche Entwurfselemente unterteilt werden.

Unter Berücksichtigung der individuellen Eigenart kann in Gletschervorfeldern die Landschaftswahrnehmung gefördert werden. Dies gilt als Ausgangspunkt für eine nachhaltige Identifizierung der Menschen mit den neu entstehenden Landschaften. Während der Schmelz- und Vegetationsperiode können die landschaftlichen Veränderungen besonders intensiv erlebt werden.
Eine Planung sollte regelmäßig überprüft und mit der Landschaftsentstehung erweitert werden. Die Landschaftsarchitektur muss in Gletschervorfeldern querschnittsorientiert mit den beteiligten Fachdisziplinen und Akteuren zusammenarbeiten. Zusammenfassend kann die Planung auf konzeptioneller und gestalterischer Ebene stattfinden, dafür sollten jedoch neue, flexible Planungsmechanismen entwickelt werden, die auf die unterschiedlichen Landschaftsprozesse reagieren und spezifisch an das jeweilige Gebiet angepasst sind.

Weitere Projekte junger Landschaftsarchitekten wie dieses sind in Ga+La 9/2019 zu finden.