Atmosphären in der Freiraumgestaltung

 

„Atmosphäre ist überall.“ So beginnt der Philosoph Prof. Michael Hauskeller von der University of Exeter/England seine Betrachtung in der jüngst erschienen Publikation „Atmosphären Entwerfen“. Der Band ist Teil einer Publikationsreihe zu aktuellen Forschungsvorhaben und versammelt, neben weiteren Beiträgen, die Vorträge einer Tagung gleichen Titels, die im Mai 2012 an der TU Berlin stattgefunden hat. Prof. Jürgen Weidinger, Lehrstuhlinhaber im Fachgebiet Landschaftsarchitektur Entwerfen Objektplanung an der TU Berlin hat die Tagung initiiert und nun das Buch herausgegeben.

Das Eingangszitat markiert den Schlüsselbegriff und wirft zugleich ein Schlaglicht auf ein Gestaltungsdilemma: Wie entsteht aus Wahrnehmung Verdichtung? Und wie aus Banalität Deutlichkeit? „Wir haben in den vergangenen Jahren den Begriff und das Konzept der Atmosphäre als Ansatz genommen, um damit qualitative Phänomene zu erfassen“, umschreibt der Herausgeber seine Motivation. Um diese – nicht messbaren – Qualitäten geht es im Freiraumentwurf; als notwendigen Gegenpol zur gängigen Praxis, sich primär auf Quantitäten zu fokussieren, die Programmen und Parametern aus Sozial- und Umweltwissenschaften entspringen. Angesichts des „Forschungsdefizits beim Atmosphärenbegriff in der Landschaftsarchitektur“ zielt die Publikation darauf ab Erkenntnisse und Diskurse aus anderen Fachgebieten für Entwerfen und Kritik in der Freiraumgestaltung zu nutzen. Den Aufsätzen aus Disziplinen wie Umweltpsychologie, Theater-, Kunst- und Literaturwissenschaft stehen Ausführungen renommierter Landschaftsarchitekten gegenüber, die sich anhand realisierter Entwürfe mit dem Atmosphärenbegriff auseinandersetzen.
Stig L. Andersson, A.W. Faust, Kathryn Gustafson, Michael Hauskeller, Burkhard Meyer-Sickendiek, Andreas Rauh, Rainer Schönhammer, Sabine Schouten und Jürgen Weidinger sind als Autoren in der Publikation vertreten.

Je tiefer man in die lesenswerten Beiträge eintaucht, desto plausibler erscheint es einem, den Begriff Atmosphäre konsequent in Wert zu setzen, um zeitgenössische Landschaftsarchitektur zu qualifizieren. Dem Buch „Atmosphären Entwerfen“ gelingt somit der „Brückenschlag von Theorie zu Praxis und vice versa“, der als Forschungsstrategie des Fachgebiets im Vorwort postuliert wird.
Zugleich wird deutlich, wie schwierig es ist Erkenntnisse aus Geistes- oder Naturwissenschaften direkt auf die Landschaftsarchitektur (als angewandter Kunst) zu übertragen: Über das bloße Beschreiben hinaus will diese ja Atmosphären erzeugen. Wie keine andere Raum gestaltende Disziplin ist Landschaftsarchitektur verpflichtet verschiedene räumliche, kulturelle und sensorische Aspekte zu integrieren. Vor dem Hintergrund, dass funktionale und programmatische Anforderungen immer schwieriger werden, birgt die wachsende Komplexität bei zugleich abnehmenden Budget- und Zeitressourcen die Gefahr das große Ganze aus dem Blick zu verlieren und stattdessen Einzelaspekte abzuarbeiten. Hier erscheint der Begriff Atmosphäre – gleichsam als poetische Hülle – gut geeignet, den Anspruch von Landschaftsarchitektur zu unterstreichen, Sinn und Synthese zu stiften. Und Raum zu bieten auch über „Gefühle zu reden“, wie es A.W. Faust in seinem Beitrag formuliert.

Der „Leitfaden für das Entwerfen und die Kritik von Atmosphären“ kann ein wichtiger Schritt in der landschaftsarchitektonischen Lehre werden. Es bedarf einiger Übung, Qualitäten im Entwurf zu artikulieren und dann auch erfahrbar zu machen. Jedoch zeigt gerade die wunderbare Strandpromenade (Promenade de bord de mer, St. Valery-en-Caux), gestaltet vom französischen Landschaftsarchitekten Jacques Coulon, die dem Leitfaden beispielhaft zugrunde gelegt wird: Nicht alle Entwurfsaufgaben – insbesondere im alltäglichen urbanen Kontext – können so viel Kraft aus ihrer Umgebung entwickeln und atmosphärisch verdichten. Damit aus einem gebauten Entwurf, wie Kathryn Gustafson es im Interview fordert, wirklich ein „Ort“ wird, bedarf es auch weiterhin Protagonisten, die sich die Mühe machen, Qualitäten zu ergründen. Leicht zu fassen wird das Atmosphärische nie sein. Aber auch darüber kann man reden.

Vorgestellt wird das Buch „Atmosphären Entwerfen“ am Freitag, den 5. Juni um 18.30 Uhr im „Bücherbogen“ am Berliner Savignyplatz im Rahmen einer Diskussion über städtische Atmosphären und Landschaftsarchitektur. Gäste auf dem Podium sind Hubertus Adam (Schweizerisches Architekturmuseum), Manfred Kühne (Berliner Senatsverwaltung), Gabriele Pütz (Gruppe F) und Jürgen Weidinger (TU Berlin).

 

Jürgen Weidinger (Hrsg.): Atmosphären Entwerfen
260 Seiten, Texte in Deutsch und ein Beitrag im englischen Original
Universitätsverlag der TU Berlin 2014, 15 Euro
ISBN: 978-3-7983-2732-0