AUF DEN GRUND GEGANGEN

Im Jahr 2017 erreichte der Edersee in Nordhessen, Deutschlands drittgrößter Stausee, den niedrigsten Wasserstand seit jeher. Den Rekordniedrigwasserstand nahm das Institut für Landschaftsarchitektur an der Leibniz Universität Hannover unter der Leitung von Katja Benfer zum Anlass, das Phänomen im Rahmen einer Entwurfsarbeit zu untersuchen. Mit ihrer Masterarbeit entwickelte die Absolventin Kerstin Wagener neue Ideen für das negativ besetzte Bild eines trockenen Sees. Hier fasst sie ihre Arbeit zusammen.

Berich Niedrigwasser
Kerstin Wagener beschäftigte sich in ihrer Masterarbeit mit dem Edersee in Hessen. Deutschlands drittgrößter Stausee offenbart bei Niedrigwasser regelmäßig seinen Grund – und damit eine ganz neue Landschaft. (Bild: Kerstin Wagener)

Bei Niedrigwasser ist vom eigentlichen Edersee stellenweise nichts mehr zu sehen. Es ist ein beeindruckendes Bild, das die Landschaft dann zeichnet. Mit der Trockenheit kommen die sonst verborgenen, ehemals bewohnten und landwirtschaftlich genutzten Flächen zum Vorschein. Am Grund des Sees wachsen Gräser und wilde Stauden, Boote und Bojen liegen offen auf dem Grund auf und der Wasserstand des Vollstaus lässt sich nur noch anhand der gegenüberliegenden Felshänge erahnen.

Bezüge zwischen Stausee und Seegrund

Natürlich kommt es auch an anderen Stauseen zu niedrigen Wasserständen. Die Wasserschwankungen am Edersee sind jedoch besonders markant. Das liegt zum einen an den morphologischen Ausprägungen des Talraumes, den klimatischen Einflüssen auf das Wasserangebot im Einzugsgebiet und zum anderen an der eigentlichen Zweckbestimmung der Edertalsperre. Die Sperre dient als Bundeswasserstraße in erster Linie der Niedrigwasseraufhöhung, also der Schiffbarmachung der Oberweser sowie des Mittellandkanals. Außerdem hat die Edertalsperre in den vergangenen Jahrzehnten eine zunehmende Bedeutung für den Tourismus, insbesondere den Wassersport, erlangt. Die gesamte Region hat sich heute wirtschaftlich darauf eingestellt. Die räumlichen Auswirkungen der Bewirtschaftung in Form von schwankenden Wasserständen bedeuten ein enormes Konfliktpotenzial. Je nach Jahreszeit entstehen am und im Edersee völlig neue Landschaftsbilder.

In meiner Masterarbeit setzte ich mich mit der Frage auseinander, wie man gestalterisch mit dem Niederwasserstand umgehen kann sowie welche Qualitäten die temporär brachliegenden Flächen bieten. Hierfür entwickelte ich Entwurfsideen für vier Areale am Edersee, darunter für den Flügeldamm Herzhausen und für die Dorfstelle Alt-Berich. Dabei achtete ich darauf, sensibel mit der Landschaft umzugehen, damit die Funktion der Talsperre oder das Stauvolumen nicht grundlegend beeinträchtigt werden. Im Entwurf setzte ich auf die vorhandenen Strukturen der früheren Nutzungen und versuchte, Bezüge zwischen den unterschiedlichen Welten herzustellen – der des Stausees und der des Seegrunds.

Wasserränder mit Höhenwegen zeichnen

Der Flügeldamm in Herzhausen befindet sich direkt am achen Zulauf der Talsperre. Bereits leichte Wasserschwankungen machen sich hier besonders schnell bemerkbar. Der Flügeldamm ist nur dann überstaut, wenn der See nahezu vollständig gefüllt ist. Bei Niedrigwasser zieht sich das Wasser weit zurück und die Eder mäandriert wieder in ihrem alten Flussbett durch den Talraum. Die riesige brachfallende Fläche verwandelt sich dann in ein Gräsermeer, inmitten dessen eine Weide zu erkennen ist. Mein Entwurf soll diese besondere Qualität herausstellen. Hierfür setze ich entlang zweier Höhenlinien Wege, die die unterschiedlichen Wasserstände des Aufstauens sichtbar machen.

Die entstehenden „Höhenwege“ werden als Erweiterung an vorhandene Wanderwege angeschlossen und deren Streckenverlauf mittels Bojen markiert. Die Seezeichen markieren hier eigentlich die Untiefe des Flügeldamms für die Boots- und Personenschiffahrt und wirken bei Niedrigwasser durch das plötzliche Auftreten beinahe überwältigend. Inmitten des riesigen Pflanzenmeeres bekommt der Besucher eine Ahnung, welche gewaltigen Wassermassen hier zur Zeit des Vollstaus vorzufinden sind. Als weitere Entwurfsebene greife ich vorhandene Wassergräben aus früherer landwirtschaftlicher Nutzung auf und verstärke sie durch Vertiefungen, sodass sie als Wegeverbindungen, dem Wasser entgegen, genutzt werden können.

Wird die Talsperre aufgestaut, füllen sich zunächst die tiefergelegten Wassergräben sowie die tieferliegenden Bereiche mit Wasser. Ein abwechslungsreiches Bild entsteht, in dem höhergelegene Bereiche wie Inseln herausragen. Bei Vollstau werden sämtliche Interventionen überflutet und verbleiben auf dem Seegrund. Über der weiten Seefläche erhebt sich nun die Krone der Weide, welche durch die multicodierten Bojen ergänzt wird und die Neugestaltung auch bei Vollstau sichtbar machen.

Ein Grundriss aus Pflanzen und Bojen

Die Dorfstelle Alt-Berich liegt im vorderen Teil des Staubereichs auf einem schmalen Berghang. Hier kommt es vergleichsweise spät zum Niedrigwasserstand. Auch hier greife ich die Spuren des alten Dorfs auf und entwickle diese weiter. Leichte Aufkantungen umfassen dabei die verbliebenen Steinstrukturen und zeichnen die frühere Form der Gebäude nach. Sie halten das Wasser in den Gebäudegrundflächen zurück, sodass nach dem Trockenfall die Sukzession leicht verzögert einsetzt. Damit können die alten Gebäudestrukturen auch durch die veränderte Pflanzenentwicklung nachempfunden werden. Gleichzeitig wird der noch andauernde Prozess der Zerstörung der früheren Strukturen mit in die Neugestaltung integriert.

Sogenannte Sitzbojen markieren den früheren Ortsmittelpunkt sowie die bereits vorhandene Tauchzone. Die bei Vollstau als Raster angeordneten Bojen legen sich bei Niedrigwasser auf die freiwerdenden Flächen. Hier bleibt man als Besucher stehen, wird neugierig. Das belebt das frühere Dorf und bringt das öffentliche Leben zurück in die alte Dorfmitte. Die als Mobiliar modifizierten Bojen verteilen sich nach dem Zufallsprinzip jedes Jahr neu. Die Verankerung der Boje mit einer etwa 15 bis 16 Meter langen Kette symbolisiert die Wasserhöhe bei Vollstau. Steigt der Wasserstand, holt sich der Stausee damit das Dorf Stück für Stück zurück, bis die alten Strukturen nicht mehr sichtbar sind.

Fruchtbares auf trockenem Boden

Mit meiner Arbeit habe ich versucht, eine Entwurfshaltung einzunehmen, die mit sensiblen gestalterischen Eingriffen die Eigenart des Raumes verstärkt, anstatt sie zu verändern. Nur so kann es gelingen, die Landschaft mit ihren unterschiedlichen Wasserständen neu erlebbar zu machen. Mein Ziel war es, gestalterische Möglichkeiten zu entwickeln, die den Ort aufwerten und seine freiräumliche Nutzbarkeit in Wert setzen. Niedrigwasserstände wie 2017 werden in Zukunft immer wieder eintreten. Deswegen wollte ich übertragbare Strategien formulieren, die für weitere Talsperren oder Stauanlagen mit schwankenden Wasserständen angewendet werden können. Die thematische Auseinandersetzung lässt sich als Schnittstelle zwischen dem wasserbaulichen Ingenieurbauwerk Talsperre, künstlich erzeugter Wasserdynamik und daraus resultierender Freiraumqualität einordnen. Sie zeigt eine Möglichkeit auf, die negativ behafteten Niedrigwasserstände zu überdenken und freiraumplanerisch zu entwickeln, um diese nicht nur gesellschaftlich neu zu positionieren, sondern auch zu einem neuen Anziehungspunkt der Kulturlandschaft werden lassen.

Kerstin Wagener absolvierte ihren Bachelor in Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an der Hochschule Ostwestfalen Lippe in Höxter. Für ihr Masterstudium wechselte sie an die Leibniz Universität Hannover und schloss es 2018 ab. Sie ist aktuell für die Planergruppe Oberhausen tätig, wo sie bereits in ihrem Studium als Werkstudentin arbeitete.

Dieser Artikel erschien in der G+L 09/2019 mit dem Thema Studentische Arbeiten.