„Ich schätze das konfliktive Zusammen­arbeiten“

Martin Rein-Cano und Barbara Steiner unterhalten sich in der gastkuratierten G+L über das Verhältnis von Landschaftsarchitektur und Kunst – und noch viel mehr. Hier zeigen wir Ihnen einen Ausschnitt aus dem Gespräch: Von Gleichungen wie Barock=Bauhaus, über Rein-Canos Bedürfnis nach einer „Grundnervosität“ bis hin zum Projekt „Bahn­deckel Theresienhöhe“, das Topotek 1 gemeinsam mit der Künstlerin Rosemarie Trockel umsetzten.

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Rosemarie Trockel wollte ursprünglich eine echte Wanderdüne haben: die Theresienhöhe in München. Foto: Schlaier / Wikimedia Commons)

 

Barbara Steiner: Als wir uns noch nicht so gut kannten, haben mich solche Überspitzungen, wie etwa Barock = Bauhaus, sehr irritiert, weil sie einen Aspekt herausgreifen und Zeit sowie Kontext ausblenden. Aber ich habe inzwischen verstanden, dass es dir bei dieser und ähnlichen Aussagen tatsächlich um Überspitzung und wohl auch um Provokation geht.

Martin Rein-Cano: Mich interessiert es generell, einen Zusammenprall von Perspektiven, Elementen und Materialien zu erzeugen – in unseren Arbeiten und in meinen Aussagen. Es ist aber auch eine bewusste Provokation. Das Herstellen von Kollisionen ist für mich ein künstlerischer Ansatz per se. Denn so entstehen Zusammenhänge und Bezüge, wo sie auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.

Streben nach Ordnung

Die von dir vorgenommene Gleichsetzung erzeugt in jedem Fall ein starkes Bild, und das setzt eine Reaktion in Gang. Ich würde sogar sagen, es fordert geradezu den Widerspruch heraus.

Wenn ich Architekten ärgern wollte, dann sagte ich: „Unser Bauhaus ist 200 Jahre vor eurem passiert (…).“ Das ist eine Provokation, ja! Doch tatsächlich ist der Barockgarten viel mehr reine Vernunft als das Bauhaus. Es ist nur viel schwieriger, Vernunft in eine Pflanze zu prügeln als in Beton. Da schwingt schon ein Stückchen Scheitern mit. Auch wenn ich als Agent Provocateur gelten mag: Es geht mir mit diesen Aussagen um mehr als nur Provokation. Am Barock, und das sehe ich beim Bauhaus ebenso, erkenne ich besonders das Zwangsneurotische, dieses unbedingte Streben nach Ordnung.

Konkurrenz Landschaftsarchitektur und Architektur

Das Bauhaus war wohl de facto weniger orthodox als manche Publikation der Bauhäusler suggerierte. Vielleicht schlägt sich das Zwangsneurotische sogar in erster Linie in den Schriften des Bauhauses nieder? In jedem Fall fände auch ich es interessant, das Bauhaus hinsichtlich dieses Aspekts zu untersuchen.

Mitunter stoße ich durch Zufall auf bestimmte Themen. Ich habe das Gefühl, dass sich mir in meinem unmittelbaren Umfeld ein unendlicher Reichtum bietet, den ich nutzen kann. Alles, das auf meinem Weg liegt, und jede Person, die mir begegnet, ist für mich potenziell wertvoll. Die Gleichsetzung Barock = Bauhaus hatte auch damit zu tun, dass das Bauhaus durch meine damalige Freundin eine gewisse Präsenz entwickelte. Sie studierte Architektur, und ich studierte quasi ein Stück weit mit ihr mit. Aufgrund der Konkurrenz von Landschaftsarchitektur und Architektur begann ich mich zu fragen, wo es Parallelen und wo es Unterschiede in den Bereichen gibt. Auch zur Kunst hin. 

Zusammenarbeit mit Rosemarie Trockel

An der Architektur habt ihr euch immer ­wieder abgearbeitet – bis zum heutigen Tag. Das geht so weit, dass ihr 2017 zusammen mit Dan Budik ein eigenes Architekturbüro gegründet habt und auch eure Junior-Partnerin, Francesca Venier, ist ­Architektin. Doch lass uns über euer Verhältnis zur Kunst, zu Künstlerinnen und Künstlern ­sprechen. Die erste Künstlerin, mit der ihr gearbeitet habt, war Rosemarie Trockel. 

2002 waren wir praktisch Babys und Rosemarie Trockel bereits eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen. In einer Chicagoer Galerie sah ich 1988 zum ersten Mal ein Strickbild von ihr, und ein Freund, Wolfram Sachs, hat mich weiter an ihre Arbeit herangeführt. Ich fand es zunächst einfach cool, dass sie Bilder „strickt“. Ich mag die Unmittelbarkeit in der Wahl ihrer Arbeitsmittel und die plakative Darstellung der Motive: vom Playboy-Häschen über Hammer und Sichel bis hin zum Wollsiegel als Qualitätszeichen. 

Projekt Bahndeckel Theresienhöhe

Schon allein, dass Rosemarie Trockel ja nicht selbst strickte, sondern Maschinenstrickerei einsetzte, ist ein großartiger Schachzug. Der Einsatz der Wolle und die Vorstellung, dass Frauen stricken, stehen der Maschinenfertigung und damit der technisch-industriellen Produktion und Wertschöpfung gegenüber, die traditionell männlich besetzt ist. Es ist ein einfacher Twist, aber dieser hat es in sich. Wie kam es zur konkreten Zusammenarbeit mit Rosemarie Trockel?

Anfang 2002 waren wir zu einem Workshop in Westdeutschland eingeladen, an dem Lorenz teilgenommen hat. In der Parallelgruppe gab es eine kanadische Architektin, Catherine Venart, die damals Assistentin bei Rosemarie Trockel war. Sie hat uns letztlich zusammengeführt. Ende 2001 wurde Rosi im Rahmen eines freiraumplanerischen internationalen Kunstwettbewerbs nach München eingeladen – das war der „Bahn­deckel Theresienhöhe“. Die Vorgabe war, auf einem Bahntunnel einen öffent­lichen Raum für Spiel und Erholung zu schaffen. Rosi selbst hatte, glaube ich, damals noch nichts mit Landschaftsarchitekten zu tun gehabt. Jedenfalls fragte sie uns, ob wir das Projekt mit ihr machen wollen. Es war einer der ersten großen, eingeladenen Wettbewerbe, den wir gewonnen haben, und dann mit dieser großartigen Künstlerin. Wir schlugen – fast vorauseilend – alles Mögliche vor, und Rosi war offen für unsere Ideen. Künstler­innen und Künstler lieben ja auch den Unfall auf eine Art.

Reise vom Strand in die Berge

Der Bahndeckel sieht eigentlich sehr nach Topotek 1 aus. Hätte ich nicht gewusst, dass Rosemarie Trockel involviert war, wäre ich nicht unbedingt darauf gekommen.

Ohne sie hätten wir das Projekt so nicht umgesetzt. Uns verbindet das Interesse an Texturen und Oberflächen. Was ist ein-, zwei- oder dreidimensional? Das sind Grundfragen der Landschaftsarchitektur. Über das Thema des Reliefs haben wir uns schließlich ins Projekt hineingearbeitet. Die Idee mit dem Sand brachte Rosi ein. Das Konzept einer räumlich umgesetzten Reise – vom Strand in die Berge – kam von uns.

Wieso „Grundnervosität“?

Rosemarie Trockel wollte eine echte Wanderdüne haben. Dies hätte bedeutet, den Sand immer wieder von hinten nach vorne zu baggern. Links und rechts waren viereinhalb Meter hohe Einfassungen gedacht, so hoch wie die Seitenwände des darunterliegenden Bahntunnels selbst. Doch Aufwand und Erhalt wären für die Stadt München zu teuer gewesen. Ihr habt die Idee dann in eine „feste“ künstliche Dünenlandschaft übersetzt. Wenn man so will, wurde das Ganze von euch praktikabel gemacht. 

Ich würde sagen, wir haben uns die Bälle gegenseitig zugespielt. Die Umsetzung ist da eher als kreative Antizipation zu verstehen. Es gab auch noch ein weiteres Projekt, das wir mit ihr machten – die Marienkirche in Lübeck. Das Projekt war als künstlerische Studie angelegt, mit dem Ziel, ein architektonisches Konzept für ein Gemeindehaus auf dem Kirchplatz zu entwickeln. Leider verlief das Projekt, das über einen Sammler von Rosi finanziert wurde, im Sand. Im Rückblick muss ich selbstkritisch zugeben: Beim Bahndeckel waren wir sehr dominant.

Vor allem ich wollte unbedingt unsere Vorstellungen umsetzen. Das ging sogar so weit, dass Rosis Assistentin mitten im Projekt nach Kanada abgereist ist. Rosi selbst war hingegen offen für unsere klaren Ansagen und sehr großzügig. An sich schätze ich das konfliktive Zusammen­arbeiten, für mich braucht es immer eine Art „Grundnervosität“. Ich denke aber auch, dass jedes Projekt einen Modus Vivendi benötigt – das führt mitunter zu dessen Qualität. Aber es ist sicherlich eine Typfrage.

Das gesamte Gespräch zwischen Barbara Steiner und Martin Rein-Cano lesen Sie in der G+L 07/2020.