„Am Zoll Lörrach Riehen wollen wir aus Verkehrsraum Lebensraum schaffen“

Mobilität und Umwelt in der Gemeindeverwaltung Riehen (von links) © Stadt Lörrach.

Unter dem Namen „Am Zoll Lörrach Riehen“ entsteht im Zuge der IBA Basel ein neues, modellhaftes Quartier zwischen Deutschland und der Schweiz. Das Planungsverfahren? Komplex. Als Projektareal an einer EU-Außengrenze müssen sich die Projektverantwortlichen mit übergeordneten Abhängigkeiten, unterschiedlichen Planungssystemen sowie Grundstücksverhältnissen auseinandersetzen. Wir haben uns mit Monika Neuhöfer-Avdić, Bürgermeisterin in Lörrach, und Ivo Berweger, Abteilungsleiter Bau, Mobilität und Umwelt in der Gemeindeverwaltung Riehen, über die Herausforderungen des Projekts unterhalten.

Den 16. März 2020 wird in der Region Basel wohl niemand so schnell vergessen. Dort, wo sonst rund 35 000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger täglich die Zölle passieren, kommt am besagten Montag der Grenzverkehr zum Erliegen. So auch am Zoll Lörrach Riehen, einem Projektort der IBA Basel. Hier entsteht im Zuge der Internationalen Bauausstellung ein neues Modellquartier – zwischen den Gemeinden Lörrach (D) und Riehen (CH). Mit diesem möchten die verantwortlichen Gemeinden neue Alltagsorte für die Bevölkerung des Zollquartiers beiderseits der Grenze schaffen sowie mit der Aufwertung der Basler Straße und der Verbindung der beiden wichtigen trinationalen Naherhohlungsräume Tüllinger Berg und Maienbühl hochwertige Freiräume und neue Lebensqualität erzeugen. Außerdem ermöglicht die angedachte Konzeption der Basler Straße die spätere Einführung einer Tram und den Ausbau des Bahnhofs Lörrach-Stetten zu einer binationalen Mobilitätsdrehscheibe.

Das Planungsverfahren hierzu ist komplex. Das Projektareal liegt an einer EU-Außengrenze, und ist somit unterschiedlichen Planungssystemen sowie Grundstücksverhältnissen unterworfen. Die Vielzahl der beteiligten Akteure sowie die unterschiedlichen Interessenlagen machen das Projekt zur Herausforderung. Außerdem ist das Projekt Teil des Förderprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat (BMI). Entsprechend hoch sind die Ambitionen hinsichtlich Gestaltungs- und Prozessqualität. Man merkt: Alles in allem keine leichte Aufgabe. Doch zwischen beiden Kommunen hat sich im Zuge der IBA Basel in den vergangenen Jahren eine gute Zusammenarbeit etabliert, die die integrierte Projektentwicklung beflügelt hat. Wir haben uns mit den verantwortlichen Projektenträgern Monika Neuhöfer-Avdić, Bürgermeisterin in Lörrach, und Ivo Berweger, Abteilungsleiter Bau, Mobilität und Umwelt in der Gemeindeverwaltung Riehen, über ihre Zusammenarbeit und künftige Herausforderungen unterhalten.

„Das gemeinsame IBA-Projekt am Zoll hat dazu geführt, dass enger über die gemeinsame Grenze hinaus zusammengearbeitet wurde.“

Monika Neuhöfer-Avdić, Ivo Berweger: Seit mehr als zehn Jahren setzt sich die IBA Basel aktiv für grenzüberschreitende Zusammenarbeit ein. Hat die IBA Basel ihre beiden Gemeinden näher zusammengebracht?

Monika Neuhöfer-Avdić: Ganz klar: Ja. Fakt ist, dass mit dem Beginn der IBA Basel 2020, also seit rund zehn Jahren, eine stärkere Verzahnung der Region sowohl auf politischer, vor allem aber auf fachlicher Ebene untereinander und miteinander Realität geworden ist. Wir haben uns und unsere Bedürfnisse, Sichtweisen und Systeme über die IBA noch besser kennengelernt. Sich zu kennen ist die Basis, sich zu vertrauen und genau dieses Vertrauen ist die Grundvoraussetzung für eine gute Kooperation. Mittlerweile begleiten wir die grenzüberschreitenden Planungsprozesse ganz selbstverständlich Seite an Seite. Genau diese Selbstverständlichkeit ist das Besondere unserer speziellen Region. Daran hat die IBA einen ganz großen Verdienst.

Die IBA Basel ist eine IBA der Prozesse. Haben Sie in Ihren Verwaltungen die Prozesse in den letzten Jahren umgestellt? Lässt sich eine Transformation feststellen?

Monika Neuhöfer-Avdić: Umgestellt haben wir unsere eigenen Prozesse nicht. Aber wir haben unsere Prozesse und vor allem unser Denken um die ständige Teilnahme der Kolleginnen und Kollegen aus den anderen projektbeteiligten Kommunen erweitert, die, wie im Fall von Lörrach und Riehen, nicht nur durch eine Landesgrenze, sondern durch eine EU-Außengrenze getrennt werden. Für deutsche Kommunen ist der Begriff der „Kommunalen Planungshoheit“ elementar. Dass wir die Mitsprache aber nicht mehr nur auf das eigene kommunale Planungsgebiet beschränken, sondern auch die angrenzenden Kommunen einbeziehen, ist die größte Transformation, die wir erfahren haben. Fachlich ist dies genau der richtige Weg. Denn, wenn man Lörrach und Riehen zusammen betrachtet, ergibt sich das Bild einer einzigen Stadt, zu welcher auch Basel gehört. Und diese Lörrach-Riehen-Basel-Stadt sollten wir auch gemeinsam planen.

Ivo Berweger: Das gemeinsame IBA-Projekt am Zoll hat dazu geführt, dass enger über die gemeinsame Grenze hinaus zusammengearbeitet wurde. Dies wiederum führte meines Erachtens zu größerem Verständnis der unterschiedlichen Planungsentscheidungsprozesse, die doch unterschiedlich sind. In der Schweiz sind Planungsentscheide referendumsfähig und müssen dann schnell mal in einer Volksabstimmung bestehen.

Ist die IBA Basel Ihrer Meinung nach an irgendwas gescheitert?

Ivo Berweger: Die IBA Basel war im Vergleich mit anderen IBAs sehr anspruchsvoll, weil drei Länder mit teilweise sehr unterschiedlichen Planungskulturen und Planungsrechtssystemen zusammengebracht werden mussten. Diese Ausgangslage machte die Projektabläufe teilweise komplexer und anspruchsvoller. Das Projekt am Zoll war dafür ein gutes Beispiel: Es waren beispielsweise Zollbehörden von Deutschland und Zollbehörden aus der Schweiz einzubeziehen, die Deutsche Bahn AG wie auch die SBB; und natürlich auch die Planungsvertreter sowie politische Vertreter von Lörrach und Riehen, nebst Vertretern der IB und des Agglomerationsprogramms Basel, des Landkreises Lörrach sowie des Kantons Basel-Stadt. Dies ergab dann insgesamt eine Vielzahl von Akteuren beidseits der Grenze, die einzubeziehen waren.

„Und genau davon träume ich, wenn ich an das Zollquartier denke.

Wenn Sie heute nochmal in die IBA starten würden, was würden Sie anders machen?

Monika Neuhöfer-Avdić: Wenn ich noch einmal neu starten dürfte, dann würde ich Wert darauflegen, dass durch kleine Projektverwirklichungen auch ganz frühzeitig ein solcher Prozess für alle Beteiligten und vor allem für die Bevölkerung sichtbar wird und schnell Mehrwerte entstehen. Durch positive Projektresonanzen entstehen auch positive Prozessresonanzen, die wichtig sind, wenn man wie wir, einen Planungsmarathon absolviert.

Ivo Berweger: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, im Raum Basel gibt es fast zu viele grenzüberschreitende Gremien, was zur Folge hat, dass es viele zusätzliche Schnittstellen gibt. Da war es für die IBA vielleicht nicht einfach, einen neuen Schwung für die grenzüberschreitende Planung einzubringen. Man müsste meiner Meinung nach versuchen, diese Kräfte zukünftig besser zu bündeln.

Was ist Ihre Vision für das Projekt „Am Zoll Lörrach/Riehen“?

Monika Neuhöfer-Avdić: Das IBA Projekt Zollquartier ist eine wunderbare Zukunftsaufgabe. Damit meine ich eine Aufgabe, die überall in Zukunft anstehen wird, nämlich: Aus der allerorts verfügbaren Ressource „Verkehrsraum“, Lebensraum zu schaffen. Unser Wettbewerbsverfahren aus dem vergangenen Winter hat nun erste Bilder erzeugt, die alle eine gute Zukunft für dieses Quartier zeigen. Und genau davon träume ich, wenn ich an das Zollquartier denke. Ein anderer Traum ist, dass uns andere Kommunen folgen und diese Flächenschätze heben. Dann haben wir mit diesem Projekt Strahlkraft erzielt, die für ein IBA Projekt auch wichtig ist.

Ivo Berweger: Ich hoffe, dass das Entwicklungspotenzial beidseits der Grenze aufgrund der Bilder so umgesetzt werden kann, dass Bebauungen und Quartiere entstehen, die eine gute Lebensqualität für die Bevölkerung aufweisen und dass für sie die Grenze keine Rolle spielt.

„Für ein gutes Gelingen des gemeinsamen Lebensraumes ist und wird die Zusammenarbeit aller erforderlich sein.“

Mit welchen Herausforderungen kämpfen Sie bei der Umsetzung?

Monika Neuhöfer-Avdić: Auf deutscher Seite werden wir damit zu kämpfen haben, einen anscheinend fertig gebauten Raum, umgestalten zu dürfen. Damit meine ich die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen, vor allem das Personal, durch die Politik. Der öffentliche Raum ist leider der, den wir als Planerinnen und Planer am meisten verteidigen müssen, wenn der Gürtel enger geschnallt wird. Dabei sind es die Zukunftsorte unserer Gesellschaft, Orte, an denen man sich treffen kann in einer Gesellschaft, deren Hauptkrankheit der Zukunft die Einsamkeit sein wird.

Ivo Berweger: Auf Riehener Seite ist die Entwicklung des angrenzenden 17 Hektar großen Stettenfelds eine Herausforderung. Die Bebauung von bisher wenig genutzten Flächen war in der jüngsten Vergangenheit bei der Bevölkerung von Riehen jeweils umstritten.

Wie geht es nach der IBA mit dem Projekt weiter? Welchen Herausforderungen muss sich die Region mit ihrem Abschluss stellen?

Monika Neuhöfer-Avdić: Im Alltäglichen sind wir eine überaus vernetzte Region. Denken Sie an die vielen Pendlerinnen und Pendler, sei es im Arbeits-, Wohn- oder Handelssektor. Anders herum ist es aber immer noch nicht jedem in der Region klar, wie sehr für ein gutes Gelingen unseres gemeinsamen Lebensraumes unser aller Zusammenarbeit erforderlich ist und sein wird. Leider bemerken wir auch in unserer Region, dass das Kirchturmdenken zunimmt. Dies ist auf der anderen Seite aber auch Ansporn, sich immer wieder unterzuhaken. Denn eins ist klar: Gemeinsam gestalten wir unsere Zukunft noch besser. Und dabei ist die IBA weit mehr als die Summe ihrer Projekte.

Ivo Berweger: Eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft ist auch aus meiner Sicht selbstverständlich und wichtig, denn die Grenze ist räumlich immer weniger spürbar. Für mich ist die wichtigste gemeinsame Infrastruktur die Regio-S-Bahn, dessen Ausbau aufgrund der Grenzlage mit drei Ländern, drei involvierten Bahngesellschaften und drei Rechtssystemen leider nur sehr schleppend vorankommt. Der weitere Ausbau der Regio-S-Bahn wäre für mich für die Agglomeration Basel von hoher Priorität.

Warum wir eine IBA-Basel-Serie gestartet haben? Das lesen Sie hier.

Sämtliche Beiträge zur IBA Basel 2020 finden Sie hier.

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Am 8. Oktober wird an der Universität EPFL in Lausanne im Rolex Education Centre der diesjährige Topos Landscape Award verliehen. Dies geschieht im Rahmen einer von Archizoom veranstalteten Konferenz zum Thema „The Narrative of Landscape“. Der Schwerpunkt wird auf der Bedeutung des Bodens für die Landschaft liegen, die Betrachtung wird interdisziplinär sein. Zu den eingeladenen Referenten zählen Richard Sennett, Saskia Sassen, Adriaan Geuze und David R. Montgomery. Näheres zum Programm und zur Anmeldung unter http://archizoom-nls.epfl.ch.

Der Topos Landscape Award 2014 geht an die Landschaftsarchitekten von LOLA aus Rotterdam/Niederlande. Das 2006 gegründete Büro beschäftigt sich konzeptionell mit großmaßstäblichen Ökosystemen und entwickelt Ideen zu Raum und Natur, realisiert aber auch Projekte im urbanen und ländlichen Kontext. LOLA begibt sich, nach eigener Darstellung, auf die Suche nach innovativen und sublimen Landschaften (www.lolaweb.nl).
Der Topos Landscape Award wird seit 2002 von der Redaktion der Zeitschrift Topos verliehen. Geehrt wird mit dieser Auszeichnung ein Landschaftsarchitekturbüro, das mit seinen Projekten wesentlich zur qualitätvollen zeitgemäßen Gestaltung von Stadt und Landschaft beiträgt und durch innovative Ideen die Landschaftsarchitektur-Szene bereichert und dessen Werk stellvertretend für die Arbeit zeitgenössischer Landschaftsarchitekten steht. Der Topos Landscape Award will auf die Lebendigkeit und Dynamik sowie auf die Vielschichtigkeit der landschaftsarchitektonischen Aufgaben hinweisen.
Bisher ging die Auszeichnung an Stig L. Anderssons Tegnestue (Kopenhagen), Karres en Brands (Hilversum), Gross.Max. (Edinburgh), McGregor and Coxall (Sydney), Stoss LU (Boston), Antje Stokman (Hamburg), Taktyk (Brüssel/Paris).

2013 wurde, abweichend von den Kriterien, kein junges Büro geehrt, sondern ein erfolgreicher Landschaftsarchitekt mit internationaler Bedeutung: Peter Latz aus Kranzberg bei Freising in Bayern, Deutschland.
Konferenz und Würdigung von LOLA stehen im Kontext zu Lausanne Jardins, deren temporäre Landschaftsinterventionen noch bis 14. Oktober zu besichtigen sind.
http://lausannejardins.ch

Mit freundlicher Unterstützung der Baumschule Lorberg

„Wir wünschen uns, dass jemand Ecken und Kanten hat“

Advertorial Artikel Parallax Article

Seit 1985 plant das Büro TB MARKERT Stadtplaner * Landschaftsarchitekt haupt­sächlich für kommunale und private Auftraggeber*innen. Von Nürnberg aus arbeiten Teams aus Landschaftsarchitekt*innen und Stadtplaner*innen überwiegend an Projekten in Bayern. New Monday sprach mit Teamleiter und Büropartner Rainer Brahm über Herausforderungen im Homeoffice und die Arbeitskultur bei TB MARKERT.

Ecken und Kanten

Was ist für Sie wichtiger – Anschreiben, Lebenslauf oder Portfolio?

Es ist schwierig, da eine Abstufung zu finden. Das Portfolio ist jedoch gerade
bei Absolvent*innen weniger aussagekräftig, da diese häufig noch nicht so viel vorzuweisen haben. Der Lebenslauf ist wichtig, um zu sehen, wie die Bewerber*innen an dem Punkt angelangt sind, sich bei uns zu bewerben und was sie bisher gemacht haben. 

Gibt es beim Lebenslauf besondere Erfahrungen oder Kriterien, die den Bewerbenden für Sie besonders interessant machen?

Tatsächlich ist es häufig so, dass es die Brüche im Lebenslauf sind, die uns interessieren. Bewerber*innen, die eine glatte Laufbahn haben und zwischen Schule, Universität und ersten Berufserfahrungen nahtlos übergegangen sind, sind häufig weniger spannend. Wir möchten sehen, ob und wie jemand seine Persönlichkeit im Laufe seiner Vita entwickelt hat. Und dazu gehören häufig unkonven­tionellere Lebenswege. 

Was ist für Sie beim Bewerbungsgespräch wichtig?

Hauptsächlich geht es darum, dass sich Bewerber*innen authentisch darstellen. Diejenigen, die ehrlich und offen herüberkommen, bleiben am meisten im Gedächtnis und interessieren uns dadurch besonders. Wir wünschen uns, dass jemand Ecken und Kanten hat – und diese auch zeigt. 

TB MARKERT hat eine ausgeprägte Gesprächskultur

Thema Homeoffice: War das schon vor Corona üblich bei Ihnen?

Homeoffice war bei uns eher ein Randthema. Es gab natürlich Mitarbeiter*innen, die auch schon vor dem Lockdown im Homeoffice gearbeitet haben. Aber die meisten wollten das gar nicht. Und das merken wir auch jetzt: Fast alle unserer Mit­arbeiter*innen bedauern es, dass sie derzeit nicht ins Büro kommen können. Mich schließe ich da ein. 

Was macht Ihre Arbeitskultur aus?

Wir haben eine wertebasierte Unternehmenskultur. Bevor ich zu TB|MARKERT kam, habe ich selbst etliche Büros durchlaufen. Was mir hier gefällt, sind die flachen Hierarchien: Wir sind in drei Teams organisiert, die jeweils von einem Teamleiter betreut werden, und das Büro wird von vier Partnern geleitet. Aber das spielt in der täglichen Praxis eigentlich gar keine Rolle, da wir innerhalb der Teams sehr eng zusammenarbeiten. Außerdem gefällt mir die ausgeprägte Gesprächskultur unter den Kolleg*innen. Auch teamübergreifend sprechen wir sehr viel miteinander und tauschen uns aus. Deshalb fällt uns wahrscheinlich das Homeoffice auch so schwer. Wir vermissen einfach den Austausch untereinander.

Assessment Center für Landschaftsarchitekt*innen? Yes please, sagen Gaus Architekten.

Hier finden Sie das Gespräch mit Eik Kammerl von kammerl + kammerl zum Thema Lebenslauf.

Mehr Einblicke in Planungsbüros finden Sie auf www.new-monday.de.