Baukultur: Gebaute Lebensräume der Zukunft

Quelle: Bundesstiftung baukultur

Baukultur ist wesentlich, um eine lebenswerte Umwelt zu schaffen. Ihre Herstellung, Aneignung und Nutzung ist ein gesellschaftlicher Prozess, der auf einer breiten Verständigung über qualitative Werte und Ziele beruht. Um diese Werte und Ziele festzulegen und zu diskutieren legte die Bundesstiftung Baukultur nun erstmals einen Baukulturbericht zur Lage der Baukultur in Deutschland vor. Der Bericht fokussiert sich für 2014 und 2015, aufgrund des breiten Themenspektrums und der Komplexität im Bezug auf die gebaute Umwelt, auf Fragestellungen zur Stadt. Er nimmt hier insbesondere drei Schwerpunkte unter die Lupe: Gemischte Quartiere, Öffentlichen Raum und Infrastruktur, sowie Planungskultur und Prozessqualität. Zu den Schwerpunkten stellt der Bericht jeweils den Status Quo, aktuellen Entwicklungen, Spielräume und Potenziale dar. Die Ausführungen sind durch eine Forsa-Ufrage und zwei statistische Erhebungen fundiert. Die Ergebnisse wurden in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Urbanistik und der Technischen Universität Berlin erarbeitet und vom Beirat der Stiftung sowie einem fachübergreifenden Begleitkreis beraten. Der Bericht mündet in konkrete Anregungen und Handlungsempfehlungen, die sich an Regierung und Parlament, Planer und andere Akteure zur Förderung der Baukultur in Deutschland richten.

Die Empfehlungen reichen von Vorschlägen zur Verbesserung von Projektstrukturen und Planungsprozessen über Hinweise zur Förderung und Vermittlung von baukulturellen Themen bis hin zu Anregungen für die Formulierung von Leitbildern und Leitlinien im Bau- und Planungsprozess. Konkret wird etwa eine „Phase Null“ zur Stärkung der Grundlagenermittlung und Klärung der Bauaufgabe vor dem Beginn der Planung gefordert, die gründliche Voruntersuchungen und die Einbindung der Öffentlichkeit ermöglichen soll. Zudem könne laut Bericht durch eine ebenfalls vorgeschlagene, zusätzliche „Phase Zehn“ nach Fertigstellung der Baumaßnahme Schwachstellen nachgebessert und bei künftigen Planungen vermieden werden.  Weiterhin werden neben vielen anderen Punkten eine hohe Gestaltungsanforderung auch an Ingenieurbauten, eine Etablierung von Kommunikations- und Partizipationsprozessen, sowie Experimentierklauseln, die Freiräume für Innovationen schaffen sollen, verlangt.
Der Bericht bietet damit umfangreiche Vorschläge, die sich auf die Bereiche „Neuer Umgang mit Planungs- und Baukultur“, „Vorbildfunktion“ und „Förderung und Vermittlung von Baukultur“ beziehen. Außerdem spricht er Empfehlungen aus, die sich auf spezielle Akteursgruppen wie die Öffentliche Hand, private Bauherren, Kammern und Verbände und an die Stiftung Baukultur selbst richten.

Bei der öffentlichen Konventversammlung, die als zentrales Forum der Meinungsbildung für die Stiftung fungiert, waren Mitglieder und Gäste aufgefordert, in drei Werkstätten die im Bericht festgelegten Handlungsempfehlungen praxisnah zu reflektieren und zu diskutieren. Schließlich wurde in einer interaktiven Befragung die Empfehlungen des Baukulturberichts bewertet und für die konkrete Umsetzung priorisiert.

Der nächste Konvent 2016 wird sich mit ländlichen Räumen und Mittel- und Kleinstädten befassen. Bis dahin kann man hoffen, dass der diesjährige Baukulturbericht nicht nur vielfach Gehör findet sondern den Worten auch Taten folgen.

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Entwurfsbasiert forschen in gestalterischen Disziplinen

In der letzten Zeit stellen sich gestalterische Disziplinen, darunter Landschaftsarchitektur, erneut und verstärkt die Frage, ob und wie sich das Entwerfen im Spektrum der wissenschaftlichen Betätigungen einordnen lässt. Die Gründe für diese Frage wurden ausgiebig besprochen; mehrheitlich sind sie banal: Das Ringen insbesondere um Drittmittel, Studienbewerber, hochschulinterne Leistungsnachweise und Kooperationspartner setzt voraus, das Entwerfen wissenschaftlich zu beschreiben. Was Entwerfern auf den ersten Blick lästig erscheinen mag, ist aber im Ergebnis durchaus sinnvoll: Entwerfer an Hochschulen müssen sich also mehr denn je erklären, manchmal auch Fachfremde aufklären, in jedem Fall ihr Handeln reflektieren.

Jürgen Weidinger, Leiter des Fachgebiets Entwerfen Objektplanung an der TU Berlin, führt diese Reflexion. Sie zeichnet sich unter anderem im Band »Entwurfsbasiert forschen« ab, der im letzten Jahr erschienen ist. In fünf Kapiteln finden sich Beiträge von Entwerfern und Theoretikern wie Wolfgang Jonas, Wolfgang Schäffner, Achim Hahn, Günther Vogt, Andre Kempe, Norbert Palz, Mike Schlaich, Volker Schmid und Jürgen Weidinger. Im zweiten Kapitel »Entwerfen und Wissenschaft« thematisiert Wolfgang Schäffner Forschungsformen von Wissenschaften anerkannten ›Typus‹ – zum Beispiel die von Natur- und Geisteswissenschaften. Dabei stellt er auch etwas heraus, das für Entwerfer selbstverständlich ist: »Das Forschen ist alles andere als ein geregeltes Handeln, dessen Schritte ebenso klar wie wiederholbar wären. Vielmehr ist der Zufall, das Finden und auch das ungerichtete Suchen, das trial & error nicht nur ein Unfall im Regelwerk des Forschens, sondern taucht immer dann auf, wenn es um Neues, um Forschen im eigentlichen Sinne geht.« (S. 62) Für Schäffner ist das Entwerfen also nicht nur eine Form von Forschung, sondern er macht auch in Arbeiten von Natur- und Geisteswissenschaften einen entwurflichen Charakter aus. Dieser werde gerade im »Labor« herausgefordert, indem etwas ausprobiert wird, von dem anfangs nicht klar ist, was genau herauskommt. Für Entwerfer ist das Alltag. Das wird zum Beispiel bei Günther Vogts Beitrag im dritten Kapitel »Atmosphären entwerfen« deutlich: Mit Hilfe von Werkzeugen wie Skizze, Diagramm und Modell, begibt sich das Büro auf eine Reise ins mehr oder weniger Unbekannte. Angefangen von der Analyse des Ortes, über erste Studien, entwickelt der Entwerfer letztlich Vorschläge für den Ort. Am Ende stehen aber nicht nur Konzepte auf Papier, sondern modifizierte Orte. Hilfreich ist hier Schäffners Verweis auf den Begriff der »Gestaltung«, der besser zum Ausdruck bringt, dass am Ende des Entwerfens eine »Gestalt«, nicht nur ein Konzept steht. Im vierten Kapitel »Entwerfen und Konstruieren« wird der experimentelle Findungsprozess zur »Gestalt« besonders deutlich, zum Beispiel wenn Tragwerke von Brücken im Modell simuliert werden. Der Band schließt mit »Forschungsreporte«, in denen Doktoranden ihre Untersuchungsstände vorstellen.

Praktizierende Entwerfer werden ihre Arbeitsweise im Band beschrieben wiederfinden und vielleicht staunen, dass sich auch Geisteswissenschaftler für ihre Arbeit interessieren. Das sollte Entwerfer an der Hochschule und in der Praxis ermutigen, einen Dialog zu den Geistes-, aber auch den Naturwissenschaften zu suchen. Was durch den Dialog in Aussicht stehen könnte ist nicht nur ein besseres gegenseitiges Verständnis, sondern auch etwas Neues, das zukünftige Freiräume vielleicht bereichern wird, von dem heute aber noch nicht gesagt werden kann, was und wie es ist.

Weidinger, Jürgen (Hg.): Entwurfsbasiert forschen. Berlin 2014.
ISBN 978-3-7983-2652-1, 15 Euro
http://www.ub.tu-berlin.de/universitaetsverlag-und-hochschulschriften/verlagsprogramm/isbn/978-3-7983-2652-1/