Interdisziplinäres Arbeiten als Zukunftsaufgabe

Die Bundesstiftung Baukultur hat sich mit ihrem ambitionierten Baukulturwerkstatt-Format zum zweiten Mal „on the road“ begeben und so lud Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, nach dem diesjährigen Auftakt in Kassel (siehe Garten + Landschaft 5/2015) nun in die bayerische Donaustadt Regensburg.

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Regensburg mit Dom an der Donau. Foto: Thomas M. Krüger

 

Zum Auftakt der Werkstatt stellte der 2014 gewählte Bürgermeister Joachim Wolbergs sichtlich stolz seine Stadt vor, die als größte unzerstörte Altstadt in Deutschland mit Dom und Geschlechtertürmen ein geradezu italienisches Flair verströmt. 32.000 Studenten, von denen ein großer Teil in der Innenstadt wohnt, sorgen dafür, dass die 150.000-Einwohner-Stadt dabei nicht zur leblosen Touristenkulisse verkommt.

Die daraus entstehenden Konflikte, die das Nebeneinander von innerstädtischen Wohnen und ausgiebiger Feierkultur in den zahllosen Cafés und Bars hervorruft, geht Wolbergs kreativ an. Die Baustelle des leerstehenden Deggingerhauses mitten in der mittelalterlichen Altstadt diente nicht nur als Ort für den Empfang für die Baukulturwerkstatt. Anstatt es an einen weiteren Filialisten zu vermieten, wird es nun temporär öffentlich genutzt und zu einem örtlichen Kreativzentrum entwickelt. Dem wachsenden Fahrradverkehr kommt der Bürgermeister entgegen, indem er alle Fußgängerzonen und -gassen für Drahtesel öffnet – nicht ohne Widerstand aus der Bürgerschaft, wie man sich vorstellen kann. Regensburg ist eine Hochburg der Baukultur. Das liegt auch an dem auf private Initiative entstandenen Architekturkreis und dem daraus folgenden Gestaltungsbeirat. Diese sind zu Vorbildern für ähnliche Kommissionen im ganzen Land geworden.

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Neubau einer Wohnanlage an der Wöhrdtstraße von Blasch Architekten. Foto: Thomas M. Krüger

 

Beispiele für die Transformation von Industriebrachen waren das ehemalige Zuckerfabrikgelände „Candis-Areal“ (Auer + Weber/ Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten) und die Umnutzung des innerstädtischen Hafen- und Schlachthofgeländes für ein -gemischtes Quartier mit hochwertigen Wohnungen „La Prima -Marina“ (ASTOC Architects and Planners/realgrün Landschafts-architekten). Daneben war vor allem der Hochwasserschutz ein bestimmendes Thema des Workshops. Der Vorsitzende des Architekturkreises Thomas Eckert aus dem Büro Dömges erläuterte gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten Wolfgang Weinzierl auf Fahrradtouren und Spaziergängen die neuen Hochwasserschutzmaßnahmen in Form von klugen Uferbefestigungen und der Gestaltung von grünen Überflutungszonen mit Kiesstränden, Treppen und gestalteten Befestigungsmauern.

Ein besonderer Erfolg sind drei einfühlsam eingefügte, mit dem Architekturpreis ausgezeichnete Wohnbauten auf der Donauinsel am Unteren Wöhrd (Blasch Architekten). Statt eines einfachen abschottenden Schutzdeiches wurde dort-eine auf das private Grundstück zurückgezogene Hochwasserschutzmauer kreativ integriert. Die Häuser stehen teilweise auf Stelzen und bilden gemeinschaftlich nutzbare Terrassen zu den Flussauen hin.

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Die Donau-Insel Oberer Wöhrd. Foto: Thomas M. Krüger

 

Weitreichende Veränderungen

Die Baukulturwerkstatt selbst fand auf der Donauinsel Oberer Wöhrd in der schön sanierten Sporthalle der Regensburger Turnerschaft (RT-Halle) aus dem Jahr 1928 statt und gab das passende Ambiente für die bewährten Kurzvorträge und Diskussionen.

Die Regensburger Baurätin Christine Schimpfermann stellte das interdisziplinäre Wettbewerbsverfahren zur zuvor besichtigten Donauuferbefestigung vor. Architekten, Landschafts-architekten und Wasserbauer haben gemeinsam für die vor Jahrhunderthochwassern ungeschützten Stadtteile im Bürger-dialog vielfältige Lösungen für die starken notwendigen Veränderungen an den kilometerlangen Flussufern entwickelt und realisiert.

Unter der Überschrift „Infrastruktur und Landschaft“ prognostizierte die Kulturwissenschaftlerin Andrea Hartz weitreichende Veränderungen unserer Kulturlandschaften, die zum großen Teil zwar geplant, aber nicht gestalterisch begleitet ablaufen. Mehr und mehr bestimmen Windenergiefelder, Photovoltaik-Landschaften, Stromtrassen und Fernverkehrskorridore unser Landschaftsbild. Sören Schöbel, Professor für Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume an der TU München, forderte mehr Baukultur bei der Gestaltung von erneuerbaren Energieanlagen und landschaftsgerechte Integration.

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Strandbar vor dem it-Speicher am Marina Quartier im Donauhafen. Foto: Thomas M. Krüger

 

Best Practice

Beim Pilotprojekt Raststätte „Lange Berge“ in Nordbayern gab es erstmalig einen gemein-samen Wettbewerb mit Verkehrsplanern und Landschaftsarchitekten. Für die Straßenbaubehörden, die sich sonst isoliert mit Autobahn- und Brückenbauwerken oder zum Beispiel mit dem fortschreitenden Flächenfraß für den Neubau von LKW-Stellplätzen auf Autobahn-Raststätten beschäftigen, war das echtes Neuland. Die beiden ersten Preisträger Brugger Landschaftsarchitekten/Ingenieurbüro Mayr und realgrün mit Dr. Brenner überzeugten mit ihren Arbeiten alle Beteiligten.

Als Best-Practice-Beispiel für eine gelungene postindustrielle Landschaftsnutzung wurde der Schiefererlebnis-Park Dormettingen von Siegmund Landschaftsarchitekten und Atelier Dreiseitl vorgestellt. Auch die Bundesgartenschau in Koblenz (Stephan Lenzen, RMP Landschaftsarchitekten) gilt als Vorbild. Sie bescherte der Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Mosel neue Verbindungen ans Rheinufer und infrastrukturelle Dauereinrichtungen. Besucher und Bewohner können die Festung Ehrenbreitstein samt eines grünen Parks nun leichter erreichen: mit einer den Fluss überquerenden Seilbahn.

Impulse für integrierte Planung

Das Baukulturwerkstatt-Format hat sich mit dem Wechsel von Impuls- und Kurzvorträgen, sowie den Werkstatt-Tischen, an denen die angerissene Themen in kleineren Gruppen vertieft werden können und nicht zuletzt durch Führungen zu bemerkenswerten Orten der Baukultur am Veranstaltungsort bewährt und wird im September in Frankfurt am Main fortgesetzt.

Reiner Nagel zog das Fazit, dass bei der Beschäftigung mit der Landschaftsarchitektur in unseren fortwährend technisierten Kulturlandschaften, die eher defensiv agierenden Ingenieure nicht vergessen werden dürfen. Die Notwendigkeit integrierter Planung sei zwar überall Konsens, die Realität zeige aber eher sektorales Denken. Ausnahmen wie der Brückenbeirat der Deutschen Bahn AG oder die integrierte Planung beim Hochwasserschutz an der Donau müssen Schule machen. Vorausschauende Rahmenplanungen und die Aktivierung aller Beteiligten erfordern neben gutem Willen auch verbindliche Regularien. Dann kann man am Ende sogar in der Donau baden: Mitten in der Stadt.

Die nächste Baukulturwerkstatt findet am 10. und 11. September 2015 in Frankfurt am Main statt.

Dieser Text erschien in Garten + Landschaft 8/2015.