Fliegerhorst Erding: Städtebaulicher Wettbewerb entschieden

Wenn die Bundeswehr 2024 den bayerischen Erdinger Fliegerhorst verlässt, soll hier auf 380 Hektar ein neuer Stadtteil entstehen. Nun stehen die Gewinner*innen für den städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerb „Fliegerhorst Erding“ von 190 Hektar fest. Alles zum Projekt lesen Sie hier.

Nur einen Steinwurf vom heutigen Münchner Flughafen entfernt, prägt die etwa zweieinhalb Kilometer lange Piste des Fliegerhorsts seit 1935 das Erdinger Luftbild. Im zweiten Weltkrieg nutzte die Wehrmacht den rasch erbauten Flugplatz als Drehkreuz für den militärischen Nachschub bis nach Nordafrika. Nach Kriegsende – der Fliegerhorst und die Erdinger Innenstadt lagen mittlerweile in Trümmern – fand das Areal im Nordosten der Herzogstadt als „Airfield R.91“ seine neue militärische Bestimmung unter dem Kommando der US Air Force.

Vom Fliegerhorst Erding starteten Rosinenbomber

Schon bald nach der Kommandoübergabe sollte dem Fliegerhorst Erding erneut eine wichtige Nachschubaufgabe zukommen. Dieses Mal jedoch standen auf den Frachtlisten der Transportflugzeuge weder Waffen noch Munition, sondern Milchpulver, Mehl und Kohle. Von Erding aus starteten im Rahmen der Berliner Luftbrücke fortan die Rosinenbomber Richtung Norden, um die hungernden und frierenden Bürger*innen der geteilten Stadt mit dem Nötigsten zu versorgen.

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Alle Zeichnungen: Hähnig | Gemmeke Architekten

Bis heute finden sich in Erding Spuren dieser Zeit. Eine ganze Siedlung nahe des Fliegerhorsts, erbaut für Angehörige des US-amerikanischen Militärs, trägt den Namen des Luftbrückenpiloten Leland V. Williams, der auf dem Weg von Frankfurt nach Berlin mit seinem Flugzeug im Taunus verunglückte. Und so findet sich hier, mitten im oberbayerischen Erding, ein so gar nicht bayerisch klingender Ortsteil namens „Williamsville“.

Militärische Nutzung passé

Die militärische Nutzung des Fliegerhorsts Erding ist seit ein paar Jahren Geschichte. Nachdem die Anlage 1957 an die Luftwaffe übergeben wurde und zwischenzeitlich als Basis für Versorgungsregiments und verschiedene Fluggeschwader diente, startete 2014 der letzte Tornado in den Luftraum über Erding. Seitdem nutzen die Piste nur noch die Leichtflugzeuge des Fliegerclubs Erding, der hier im Rahmen einer zivilen Mitbenutzung seit 1968 beheimatet ist.

2024 wird die Bundeswehr den Erdinger Standort schließen. Die rund 380 Hektar des Areals sollen dann in eine zivile Nutzung überführt werden. Es ist aktuell die größte zusammenhängende Konversionsfläche in Bayern. Wo heute noch Stacheldrahtzaun und Warnschilder abweisen, will Erding künftig einen ganz neuen Stadtteil entstehen lassen.

Erding plant neuen Stadtteil auf dem Fliegerhorst-Areal

Etwa 190 Hektar, also ungefähr die Hälfte der frei werdenden Liegenschaft, umfasst das Planungsgebiet, dass nun nach den Plänen des Architekturbüros Hähnig + Gemmeke entwickelt werden soll. In einem Planungswettbewerb setzte sich die Einreichung des Tübinger Büros gegen neun weitere Vorschläge durch. Das Motto des Entwurfs: „fest verankert – am Nabel der Welt“. Über sein südwestliche Ende ist das Areal mit der Erdinger Altstadt verbunden. Williamsville begrenzt das Areal im Süden. Im Norden setzt die Start- und Landebahn die Grenze. Der Entwurf beinhaltet im westlichen Bereich einen zentrumsnahen Kreuzungsbahnhof, an dem sich S-Bahn- und Regionalbahnlinien treffen und von dort auf einer gemeinsamen Strecke den lange geplanten Ringschluss bis zum nahegelegenen Flughafen München zurücklegen können.

Alle Zeichnungen: Hähnig | Gemmeke Architekten

Zwischen diesen Grenzen spannt sich nach den Planungen künftig ein Bereich kleinteiliger, autofreier Quartiere, in denen Orte zum Einkauf und Arbeiten auf kurzen Wegen ab der Wohnstätte erreichbar sind. In den Quartieren sind Gemeinschaftsräume vorgesehen, zentrale Paketstationen und Mobilitätszentren, in denen die Bürger*innen ihre Autos parken und aufs Fahrrad umsteigen können. Die geschichtliche Herkunft des neuen Erdinger Stadtteils soll dabei nicht in Vergessenheit geraten. Charakterprägende Bauwerke wie das Offiziersheim oder die Flugzeughangars sollen als Zeitzeugen erhalten bleiben und Bürger*innen an den ehemaligen Fliegerhorst erinnern.

Liegenschaft glänzt durch alten Baumbestand

Besonderer planerischer Leckerbissen dürfte der reiche Baumbestand der Liegenschaft gewesen sein. Hunderte von ihnen, mittlerweile 60, 70 Jahre alt, stehen hier und formen in Teilen des Erdinger Fliegerhorsts bereits heute parkähnliche Landschaften. Der Entwurf aus Tübingen greift das erstens auf und bewahrt zweitens einen Großteil des Baumbestandes. „Grüne Fugen“ ziehen sich der Länge nach durch den neuen Erdinger Stadtteil, während ein grüner „Klimaboulevard“ sich über dessen Breite erstreckt. Ergänzt werden die Grünzüge durch großzügige Wiesen und Parkflächen nördlich des Kerngebiets.

Wenn es dann fertig ist, wird das neue Erdinger Stadtviertel hochwertigen Wohnraum für bis zu 3 500 Menschen bieten. Bis das letzte Gebäude fertiggestellt ist, wird es allerdings noch Jahrzehnte dauern.

Mehr Informationen zur Konversion des Erdinger Fliegerhorsts finden Sie in der Broschüre zum Planungswettbewerb Fliegerhorst Erding und bei Hähnig + Gemmeke.

Interessiert an weiteren aktuellen Wettbewerbsergebnissen? Welchen Entwurf die Jury im Gutachterverfahren für den Vorplatz des Zentralfriedhofs Friedrichsfelde als Sieger auszeichnete, lesen Sie hier.