Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.

 

 

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Reykjavik experimentiert mit geothermischer Stadtmöblierung

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Atemberaubende Luftaufnahme nachhaltiger Stadtarchitektur in Nepal während des Lockdowns, fotografiert von Sanjay Hona.

Heiß, innovativ, ein bisschen verrückt – und dabei zukunftsweisend für das urbane Europa: Reykjavik macht ernst mit geothermischer Stadtmöblierung. Islands Hauptstadt nutzt ihre einmalige Lage auf dem Vulkan, um Straßenbänke, Bushaltestellen und sogar Outdoor-Arbeitsplätze mit warmer Energie zu versorgen. Was steckt hinter dieser urbanen Spielwiese? Wie funktioniert das System technisch, sozial, gestalterisch? Und welche Chancen – oder auch Risiken – bietet das Modell für die Städte Mitteleuropas? Willkommen zu einer Reise an die heißen Quellen urbaner Gestaltung!

  • Reykjavik nutzt seine geothermischen Ressourcen, um Stadtmöbel wie Bänke, Bushaltestellen und öffentliche Plätze zu beheizen.
  • Geothermische Stadtmöblierung ist ein Experiment, das Technik, Gestaltung und nachhaltige Stadtentwicklung verbindet – mit einzigartigen Resultaten.
  • Die Umsetzung fordert interdisziplinäres Know-how: von Energieplanung über Materialwahl bis zur urbanen Soziologie.
  • Reykjaviks Modell hat Potenzial für Klimaresilienz, soziale Teilhabe und neue Formen der Stadtgestaltung – auch für den deutschsprachigen Raum.
  • Gleichzeitig werfen die Versuche Fragen nach Ressourcenverbrauch, Gestaltungshoheit und Skalierbarkeit auf.
  • Stadtmöblierung wird in Reykjavik zum Labor für innovative Beteiligung und klimasensible Entwurfsstrategien.
  • Die geothermische Infrastruktur prägt die Identität Reykjaviks und fordert das traditionelle Verständnis von Urbanität heraus.
  • Übertragbarkeit: Welche technischen, klimatischen und kulturellen Voraussetzungen wären für ähnliche Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz nötig?
  • Fazit: Reykjaviks Pioniergeist liefert Inspiration und Diskussionsstoff für die Zukunft der Stadtmöblierung im Zeichen der Energiewende.

Heiße Quellen der Innovation: Reykjaviks geothermische Stadtmöblierung im Überblick

Wer Reykjavik im Winter besucht, erlebt eine Stadt, in der die Kälte nicht zwingend dominiert. Schon beim Verlassen des Flughafens weht ein Hauch von Schwefel durch die Luft – ein olfaktorischer Gruß aus dem Erdinneren, das hier nicht nur Strom produziert, sondern wortwörtlich Stadt gestaltet. Die isländische Hauptstadt verfügt über eine der leistungsfähigsten geothermischen Infrastrukturen der Welt. Fast der gesamte Wärmebedarf der Gebäude wird durch heißes Wasser gedeckt, das aus vulkanischen Tiefen gewonnen wird. Was als Grundlage fürs Badewasser und die Fußbodenheizung begann, hat sich in den letzten Jahren zu einem Experimentierfeld für urbane Innovation entwickelt: die geothermische Stadtmöblierung.

Stadtmöblierung – darunter versteht man gemeinhin die Ausstattung öffentlicher Räume mit Bänken, Sitzgruppen, Fahrradständern, Leuchten, Wartehäuschen und ähnlichem Inventar. In Reykjavik jedoch erhält dieser Begriff eine ganz neue Dimension. Hier werden Bänke in Parks und an Bushaltestellen nicht nur aufgestellt, sondern mit geothermischer Wärme versorgt. An frostigen Wintertagen laden sie zum Sitzen ein, wo andernorts Metall und Stein zum Kälteschock werden. Die ersten Pilotprojekte entstanden im Zuge der Modernisierung von Bushaltestellen, wurden aber rasch auf weitere Stadtmöbel ausgeweitet. Auch Outdoor-Arbeitsplätze mit beheizten Tischen und Sitzflächen tauchen im Stadtbild auf – eine Einladung zum Arbeiten im Freien, mitten im Winter.

Die geothermische Stadtmöblierung ist dabei mehr als ein technisches Gimmick. Sie basiert auf einem ausgefeilten Netzwerk aus unterirdischen Leitungen, intelligenten Steuerungen und speziell entwickelten Werkstoffen, die die Wärme effizient übertragen und speichern. Die Bänke sind so konstruiert, dass sie auch bei zweistelligen Minusgraden noch angenehme Temperaturen bieten, ohne Energie zu verschwenden. Sensoren regeln die Temperatur je nach Witterung und Nutzung. Die technische Raffinesse wird flankiert von einer gestalterischen Handschrift, die den rauen Charme der isländischen Landschaft aufnimmt und mit urbaner Klarheit verbindet.

Doch Reykjaviks Ansatz geht noch weiter: Die Stadt betrachtet die geothermische Stadtmöblierung als Teil einer ganzheitlichen Strategie zur Förderung der Aufenthaltsqualität und sozialen Inklusion. Öffentliche Plätze werden so gestaltet, dass sie das ganze Jahr über nutzbar sind – auch für Gruppen, die ansonsten vom Winterwetter ausgeschlossen wären. Senioren, Familien, Jugendliche und Berufspendler profitieren gleichermaßen von den warmen Inseln im öffentlichen Raum. Die Aufenthaltsdauer steigt, neue soziale Interaktionen entstehen. Die Stadt wird zum Wohnzimmer, zum Treffpunkt, zum kreativen Labor – unabhängig von der Außentemperatur.

Für die Stadtplanung und Landschaftsarchitektur ist Reykjavik damit ein Paradebeispiel für die Verbindung von Ressourcenmanagement, Innovation und sozialer Stadtgestaltung. Die geothermische Stadtmöblierung ist hier kein Nice-to-have, sondern ein Statement: Urbane Räume können – und müssen – mit den lokalen Gegebenheiten experimentieren, um neue Lebensqualitäten zu schaffen. Für Planer in Mitteleuropa wirft das spannende Fragen auf: Wie lässt sich die Idee übertragen? Welche lokalen Ressourcen könnten ähnlich genutzt werden? Und wie verändert sich die Wahrnehmung und Nutzung öffentlicher Räume, wenn Technik und Gestaltung Hand in Hand gehen?

Technik trifft Gestaltung: Wie funktioniert geothermische Stadtmöblierung in Reykjavik?

Der Erfolg der geothermischen Stadtmöblierung in Reykjavik beruht auf einer seltenen Allianz aus Ingenieurkunst, Materialinnovation und urbanem Design. Im Zentrum steht die Nutzung des geothermischen Potenzials, das durch ein weitverzweigtes Fernwärmenetz erschlossen wird. Dieses Netz versorgt nicht nur Wohnungen und Büros, sondern wurde gezielt erweitert, um auch öffentliche Plätze und Stadtmöbel anzuschließen. Die Herausforderung: Während Gebäude relativ einfach mit Heizkreisläufen ausgestattet werden können, erfordert die Beheizung von Stadtmöbeln eine viel feinere Steuerung.

Die Bänke und Sitzgelegenheiten sind mit integrierten Rohrleitungen ausgestattet, durch die heißes Wasser mit Temperaturen von bis zu 80 Grad Celsius zirkuliert. Dank intelligenter Ventile und Temperaturfühler wird die Wärmeabgabe an die tatsächlichen Bedürfnisse angepasst. So heizen sich die Sitze nur dann auf, wenn sie tatsächlich genutzt werden oder wenn die Außentemperatur einen gewissen Schwellenwert unterschreitet. In besonders exponierten Lagen – etwa an Bushaltestellen mit hohem Publikumsverkehr – sorgen zusätzliche Wärmespeicher dafür, dass die Sitzflächen auch bei heftigen Kälteeinbrüchen nicht auskühlen.

Ein weiteres Highlight ist die Materialwahl: Statt klassischer Metallsitze kommen spezielle Verbundwerkstoffe, Steinbeton oder sogar Lavagestein zum Einsatz. Diese Materialien speichern die Wärme besonders effizient und geben sie langsam wieder ab. Gleichzeitig sind sie robust genug, um den harschen Witterungsbedingungen Islands zu trotzen. Die Oberflächengestaltung ist so gewählt, dass sie einerseits die Wärmeableitung optimiert, andererseits aber auch vandalismussicher und pflegeleicht bleibt. In den Designprozess flossen Erfahrungen aus der Architektur, dem Industriedesign und der Klimaforschung ein – eine interdisziplinäre Meisterleistung, die ihresgleichen sucht.

Die Steuerung der Systeme erfolgt zentral über die städtische Leitwarte. Hier laufen die Daten der Temperatursensoren, Nutzerfrequenzen und Wettervorhersagen zusammen. Algorithmen prognostizieren die Auslastung der Stadtmöbel und passen die Wärmezufuhr entsprechend an. So gelingt es, den Energieverbrauch zu minimieren, ohne den Komfort der Nutzer zu beeinträchtigen. Für die Stadt bedeutet das: Nachhaltigkeit und Aufenthaltsqualität müssen keine Gegensätze sein, sondern können sich gegenseitig beflügeln.

Das technische Grundprinzip ist dabei erstaunlich einfach, die Umsetzung jedoch voller Tücken: Die Leitungen müssen frostfrei verlegt, die Anschlüsse gegen Feuchtigkeit geschützt und die Steuerungen regelmäßig gewartet werden. Besonders anspruchsvoll ist die Integration in den öffentlichen Raum – schließlich sollen die Stadtmöbel nicht wie technische Apparate wirken, sondern als selbstverständlicher Teil des Stadtbildes erscheinen. Dies gelingt in Reykjavik durch eine enge Abstimmung zwischen Stadtwerken, Planungsämtern und Gestaltern. Die Folge: Die geothermischen Bänke fügen sich harmonisch in Parks, Plätze und Straßenräume ein, ohne ihre technische Raffinesse zur Schau zu stellen.

Abseits der Bänke experimentiert Reykjavik auch mit weiteren Anwendungen: Beheizte Fahrradständer, die das Festfrieren verhindern, Outdoor-Arbeitsplätze mit USB-Anschluss und Wärmefunktion sowie überdachte Sitzinseln, die als kleine Wintergärten fungieren. Die Stadt versteht die geothermische Möblierung als offenes System, das ständig weiterentwickelt wird. Innovationsgeist, Pragmatismus und eine Prise isländischer Nonchalance machen aus der technischen Infrastruktur ein urbanes Erlebnis – und setzen Maßstäbe für eine neue Generation von Stadtmöbeln.

Soziale Wärme: Stadtmöblierung als Werkzeug für Teilhabe und Lebensqualität

Die geothermische Stadtmöblierung ist in Reykjavik weit mehr als eine technische Spielerei. Sie ist ein Instrument zur Förderung sozialer Teilhabe, zur Steigerung der Aufenthaltsqualität und zur Schaffung inklusiver öffentlicher Räume. Im Mittelpunkt steht die Idee, dass alle Bürger unabhängig von Wetter, Alter oder Mobilität die städtischen Räume nutzen können. Gerade in einem Klima, das lange Winter und häufige Kälteeinbrüche kennt, ist dies ein Quantensprung für die urbane Lebensqualität.

Die warmen Sitzgelegenheiten werden gezielt dort platziert, wo sie den größten sozialen Mehrwert stiften: an stark frequentierten Bushaltestellen, in Parkanlagen, auf Schulhöfen und an Plätzen mit hoher Aufenthaltsdauer. Hier fungieren sie als Katalysatoren für Begegnung und Austausch. Senioren, die sich sonst nicht mehr nach draußen trauen, können wieder am öffentlichen Leben teilnehmen. Familien nutzen die Bänke als Pausenstation beim Stadtbummel, Jugendliche treffen sich nach der Schule, Berufspendler warten entspannt auf den Bus. Die Statistik belegt: Die Aufenthaltsdauer an den beheizten Stadtmöbeln ist signifikant gestiegen – ein klarer Indikator für die soziale Wirksamkeit des Konzepts.

Auch für die Partizipation eröffnen sich neue Möglichkeiten. Die Stadt Reykjavik hat Bürger frühzeitig in die Planung der geothermischen Stadtmöblierung einbezogen. In Workshops, Online-Umfragen und Pilotprojekten konnten Anwohner ihre Wünsche und Ideen einbringen. Welche Orte eignen sich? Welche Funktionen werden benötigt? Wie sollen die Möbel gestaltet sein? Die Antworten flossen direkt in die Planung ein – ein Paradebeispiel für kooperative Stadtentwicklung. Die geothermische Infrastruktur wird so zum Medium, das Technik, Design und Bürgerinteressen miteinander verknüpft.

Ein spannender Nebeneffekt: Die geothermischen Stadtmöbel prägen das Selbstverständnis Reykjaviks als innovative, soziale und nachhaltige Hauptstadt. Sie werden zum Symbol für eine Stadt, die ihre natürlichen Ressourcen nicht nur effizient nutzt, sondern kreativ in die Gestaltung des Alltags einbindet. Das fördert den Stolz der Einwohner auf ihre Stadt und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Zugleich positioniert sich Reykjavik international als Vorreiterin für urbane Resilienz und innovative Stadtgestaltung – und zieht damit Aufmerksamkeit von Planern aus aller Welt auf sich.

Natürlich gibt es auch Herausforderungen: Die Wartung und Pflege der Systeme ist anspruchsvoll, der Energieverbrauch muss ständig optimiert werden, und nicht alle Standorte eignen sich für eine geothermische Anbindung. Trotzdem steht fest: Die soziale Dimension der Stadtmöblierung wird durch die Technik nicht verdrängt, sondern erweitert. Reykjavik zeigt, wie Infrastruktur, Gestaltung und soziale Innovation zu einem neuen Verständnis von Urbanität verschmelzen können – und liefert damit wertvolle Impulse für Städte im deutschsprachigen Raum.

Übertragbarkeit und Perspektiven: Was kann Mitteleuropa von Reykjavik lernen?

Die Faszination für Reykjaviks Modell ist groß – doch wie realistisch ist eine Übertragung auf Städte in Deutschland, Österreich oder der Schweiz? Klar ist: Die geologischen Voraussetzungen Islands sind einzigartig. Kaum eine mitteleuropäische Stadt sitzt auf einem derart ergiebigen geothermischen Reservoir. Dennoch gibt es durchaus Potenziale für eine Adaption – wenn auch in abgewandelter Form.

Technisch gesehen verfügen einige Städte im deutschsprachigen Raum längst über geothermische Anlagen, etwa in München, Unterhaching oder St. Gallen. Die Nutzung beschränkt sich meist auf Gebäudeheizung und Warmwasser, doch innovative Pilotprojekte könnten das Spektrum erweitern. Die Anbindung öffentlicher Plätze und Stadtmöbel an bestehende Netze wäre ein logischer nächster Schritt – vorausgesetzt, die Infrastruktur lässt sich kosteneffizient und ohne große Eingriffe erweitern. Auch alternative Wärmequellen – wie Abwärme aus Industrieprozessen oder Solarthermie – könnten ähnliche Effekte erzielen.

Gestalterisch und organisatorisch bietet Reykjaviks Ansatz eine Fülle von Anregungen. Die Integration technischer Innovationen in urbane Gestaltungsprozesse, die enge Zusammenarbeit von Ingenieuren, Architekten, Designern und Stadtverwaltungen, sowie die frühzeitige Einbindung der Bürger – all das sind Erfolgsfaktoren, die auch in Mitteleuropa übertragbar sind. Entscheidend ist die Bereitschaft, Infrastruktur nicht nur als technische Notwendigkeit, sondern als gestalterische Chance zu begreifen. Stadtmöbel werden so zu Schnittstellen zwischen Technik und Alltag, zwischen Nachhaltigkeit und Lebensqualität.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kommunikation: Die geothermische Stadtmöblierung lebt davon, dass ihre Funktionsweise und ihr Mehrwert sichtbar und nachvollziehbar sind. Informationskampagnen, partizipative Aktionen und eine offene Fehlerkultur sind essenziell, um Akzeptanz und Identifikation zu schaffen. Gerade in Deutschland, wo technologische Großprojekte oft mit Skepsis betrachtet werden, ist Transparenz der Schlüssel zum Erfolg.

Natürlich gibt es auch Grenzen. Die flächendeckende Umsetzung geothermischer Stadtmöblierung bleibt in Mitteleuropa eine Vision, solange die natürlichen Ressourcen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht passen. Doch einzelne Pilotprojekte – etwa beheizte Sitzgelegenheiten an zentralen Plätzen, Outdoor-Arbeitsinseln oder smarte Bushaltestellen – könnten als Testfelder dienen, um Technik, Gestaltung und soziale Wirkung im lokalen Kontext zu erproben. Die Erfahrungen aus Reykjavik zeigen: Es lohnt sich, mutig zu experimentieren und dabei die Eigenheiten des Standorts kreativ zu nutzen.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Innovation in der Stadtmöblierung weit mehr ist als eine Frage der Technik. Sie ist ein Spiegelbild der urbanen Kultur – und ein Werkzeug, um gesellschaftliche, ökologische und gestalterische Ziele miteinander zu verbinden. Reykjavik liefert dafür das beste Beispiel: Eine Stadt, die aus ihrer geologischen Lage nicht nur Strom, sondern auch Lebensqualität gewinnt – und damit Maßstäbe für die Stadtentwicklung von morgen setzt.

Fazit: Heiße Impulse für die urbane Zukunft

Reykjaviks Experiment mit geothermischer Stadtmöblierung ist mehr als ein origineller PR-Coup. Es ist ein mutiges, ganzheitliches Konzept, das Technik, Gestaltung und soziale Teilhabe auf neuartige Weise verknüpft. Die isländische Hauptstadt zeigt, wie lokale Ressourcen kreativ genutzt werden können, um das urbane Leben zu bereichern und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum spürbar zu erhöhen. Die Beheizung von Bänken, Bushaltestellen und Outdoor-Arbeitsplätzen ist dabei nicht bloß ein Komfort-Feature, sondern ein Ausdruck von Innovationsgeist, Pragmatismus und sozialer Verantwortung.

Für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Reykjavik Vorbild und Herausforderung zugleich. Die geothermischen Voraussetzungen sind hier selten vergleichbar, doch die Grundidee – die Verschmelzung von Energieinfrastruktur, Gestaltung und sozialer Innovation – lässt sich übertragen. Pilotprojekte, die auf lokale Ressourcen, intelligente Technik und partizipative Prozesse setzen, könnten die Stadtmöblierung auch in Mitteleuropa revolutionieren. Entscheidend ist der Mut, Infrastruktur nicht nur funktional, sondern als gestalterische und soziale Ressource zu denken.

Die geothermische Stadtmöblierung eröffnet neue Perspektiven für die klimaresiliente, inklusive und lebenswerte Stadt. Sie fordert Planer heraus, interdisziplinär zu arbeiten, urbane Räume als dynamische Systeme zu verstehen und Technik als Teil des sozialen Miteinanders zu begreifen. Reykjavik liefert nicht nur ein technisches Modell, sondern einen Impuls für ein neues urbanes Selbstverständnis – und damit jede Menge Diskussionsstoff für die Stadtplanung der Zukunft.

Wer jetzt noch glaubt, Stadtmöbel seien nur Bänke und Papierkörbe, sollte dringend einen Flug nach Island buchen. Oder besser noch: den eigenen Stadtraum zum Labor für innovative, nachhaltige und soziale Stadtmöblierung machen. Die Zukunft ist heiß – und sie beginnt direkt vor unserer Haustür.

Außenanlagen sind bei der Nachhaltigkeitszertifizierung noch immer ein Randthema. Die existierenden Systeme der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und des Bundes (BNB) sind nach wie vor primär auf den Hochbau ausgerichtet. Um die Nachhaltigkeit kommunaler Freianlagen zu fördern, arbeitete die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) seit 2014 an einem Leitfaden. Seit Herbst 2018 liegt dieser nun vor.

Geht es um die Nachhaltigkeitszertifizierung von Freiräumen gab es bisher drei Systeme, alle mit Bezug zum Hochbau: Die Systeme der DGNB, das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) des Bundes und NaWoh (Nachhaltiger Wohnungsbau) erfassen vorrangig gebäude­bezogene Außenanlagen in unterschiedlichen Maßstäben.

Erst wenige Landschaftsarchitekturbüros verfügen über das notwendige Know-how, die ab einem Bauvolumen von 250 000 Euro bei Bundesprojekten verpflichtend ­durch­zuführenden Nachhaltigkeits­zertifizierungen zu begleiten. Das mag unter anderem daran liegen, dass es bis 2014 kein System für gebäude­unab­hängige Freianlagen, wie Parks und Plätze, gab.

 

Neue FLL-Broschüre: Leitfaden Nachhaltige Freianlagen

Daher gründete die FLL den Arbeitskreis „Nachhaltigkeit von Freianlagen“ mit dem Ziel, auch die Nach­haltigkeit kommunaler Freianlagen zu fördern. Nach vierjähriger Arbeit konnte der Arbeitskreis im September 2018 auf der GaLaBau in Nürnberg den „Leitfaden Nachhaltige Freianlagen“ vorstellen. Der Leitfaden, der sich zwar explizit nicht als Zertifizierungs­system versteht, enthält Kriterien zur Einstufung eines Projekts nach dem „Ampelmodell“ (Grün, Gelb, Rot), die aus der „Primärgrundlage“ BNB_AA entwickelt wurden. Dadurch lässt sich zwar keine „Gesamtnote“ einer Zertifizierung darstellen, es ergibt sich aber ein gutes Bild über die Stärken und Schwächen eines Projekts. Wenn man ein Projekt aus Sicht der Nachhaltigkeit beurteilen möchte, kann man entweder alle 55 Kriteriensteckbriefe durcharbeiten oder als Schnell- oder „Basiserfassung“ jeweils eine bis drei Kernfragen pro Kriterium beantworten. Ergänzt wird dies durch den Fragebogen einer „Vor-Ort-Erfassung“.

Nachhaltigkeit nachweisen

Auch wenn, mit Ausnahme von Bundesbauprojekten, aktuell noch keine Pflicht zur Zertifizierung besteht, sollten Landschafts­architekten in ihrem eigenen Interesse nicht nur erklären, dass sie nachhaltig planen und handeln, sondern dies mithilfe prüfbarer Kriterien auch nach­weisen. Sowohl für gebäudebezogene Außenanlagen als auch für kommunale Freianlagen liegen hierfür mittlerweile gut ausgearbeitete Kriterien­kataloge vor: wichtige und hilfreiche Instrumente, um die Qualität von Projekten zu verbessern und um in der Diskussion mit oft fach­fernen Auftraggebern, der Politik und der Öffentlichkeit die Akzeptanz zu fördern.

Literatur:

Den gesamten Artikel lesen Sie in Garten + Landschaft, Ausgabe 4/2019