Verantwortung für die Stadt übernehmen

Der Park am Gleisdreieck in Berlin von Atelier Liodl ist ein beliebter Treffpunkt. Foto: Julien Lanoo

Was macht einen Park zu einem lebendigen Ort? Oft sind es Orte in der Stadt, die garnicht als klassische Aufenthaltsbereiche geplant waren, die zu belebten Treffpunkten werden. In München sind das zum Beispiel die großen Treppenstufen zur Glyptothek, auf die im Frühling die ersten Sonnenstrahlen fallen. Sie sind Rückzugsort, Treffpunkt, und Bühne zugleich. Völlig ungeplant. Wie sich solche lebendigen Orte planen lassen, damit setzen sich Leonard Grosch und Constanze A. Petrow in ihrem Buch auseinander: Parks entwerfen. Berlins Park am Gleisdreieck oder die Kunst, lebendige Orte zu schaffen.

Leonard Grosch analysiert im ersten Teil des Buch unter der Überschrift „Learning from Gleisdreieck“ ausführlich, welche Strategien er für den Park am Gleisdreieck verfolgte, um ihn zu einem lebendigen Ort zu machen. Unter „Parks als lebendige Orte entwerfen“ leitet Constanze A Petrow im hinteren Teil des Buchs allgemeingültige Prinzipien daraus ab. Die beiden Teile des Buchs trennt eine lange Fotostrecke „Park am Gleisdreieck – Facetten eines Freiraums in Berlin“, die die erklärten Punkte bilderreich untermauert. Das Buch schließt mit einer Zusammenfassung einer empirischen Studie zum Gleisdreieck-Park.

Das wichtigste Anliegen der Autoren sollte zugleich der selbstverständlichste sein: den Menschen, in den Mittelpunkt zu stellen. Doch das ist es längst nicht – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Leonard Grosch, der mit dem Atelier Loidl für den Park am Gleisdreieck verantwortlich zeichnet, gibt gleich am Anfang des Buch selbst zu, dass es ihm erst „mittlerweile“ (…) „um die Menschen geht, um ihr Wohlfühlen, ihr Gemeinschaftsgefühl und darum, ihre Bedürfnisse vorherzusehen“. Es ist dieser Satz, der aufhorchen lässt: Grosch reflektiert offen seine Idee von Landschaftsarchitektur und sieht im Rückblick seine Haltung gegenüber der Ideen der Bürger für das Gleisdreieck als oft zu starr. Solche Sätze sind selten in Büchern über eigene Werke. Spiegelt aber ehrlich wider, dass er nur zögerlich akzeptierte, die Bedürfnisse der Bürger in den Mittelpunkt zu stellen. Wie die meisten Landschaftsarchitekten. Zumindest, wenn Bürgerwünsche dem Design zu wider laufen könnten. Doch beides, Profi-Entwurf und Laien-Begehren, zu verbinden und zuzulassen, diese Erkenntnis erschließt sich aus dem Buch, das ist die wahre Kunst und wird künftig zur entscheidenden Herausforderung für Landschaftsarchitekten.

Das Beispiel Gleisdreieck zeigt, wie es zu schaffen ist. Essenziell, um viele Ansprüche an eine Park aufnehmen zu können, ist ein starkes Gerüst, das Halt und Orientierung gibt. Es sichert auf Dauer die Grundidee des Parks, „selbst, wenn sich Inhalte einzelner Räume im Laufe der Zeit ändern.“ Für Grosch bedeutet Grundgerüst: Raumgerüst, Wegegerüst und Flächengliederung. Dieser starke Rahmen trägt die verschiedenen Funktionen, die der Park erfüllen soll – und ist im Idealfall so stark, dass er sogar Bürgerwünsche aushalten kann, die nicht im Entwurf vorgesehen sind. Im Park am Gleisdreieck wurden zum Beispiel auf den Wunsch der Anwohner Kleingärten integriert, ein interkultureller Garten und ein Abenteuerspielplatz. Für Petrow machen genau diese Möglichkeitsräume Parks heute aus. Sie definiert sie als Bürgerparks des 21. Jahrhunderts, in denen eine aktive Bürgergesellschaft Mitsprache einfordert und im Gegenzug bereit ist, „für die Verwirklichung ihrer Freizeitinteressen und Lebensentwürfe Verantwortung zu übernehmen”. In Berlin tragen diese Stadtaktivisten mit Orten wie den Prinzessinnengärten und dem Tempelhofer Feld inzwischen sogar wesentlich zum Image der Stadt bei.

Damit das Programm des Parks nicht zu einer stupiden Aneinanderreihung der Wünsche und Funktionen führt, setzt Grosch auf Mehrfachkodierung. Zum Beispiel die Tanzfläche im Ostpark, eine Asphaltfläche, eingelassen in eine Platz aus Kopfsteinpflaster. Während das Kopfsteinpflaster verhindert, dass dort geskatet wird, wird der glatte Bereich auch genutzt, um ferngesteuerte Autos fahren zu lassen. Es gibt Möglichkeiten zum Zuschauen, dass der Platz nach Süden ausgerichtet ist, befördert dies. Das Atelier Loidl schafft konkrete Angebote, ermöglicht gleichzeitig aber auch alternative Nutzungen. Grosch betont, dass Mehrfachkodierung nichts mit Nutzungsoffenheit zu tun hat, ja gerade eben das Gegenteil einer leeren Fläche ist.

Das hebt auch Petrow hervor, die schreibt, „dass es möglichst viele Gründe zum Aufenthalt geben und viele Dinge geben sollte, die man dort tun kann.“ Sie scheut sich auch nicht Beispiele zu nennen, wo dies misslungen ist: Zum Beispiel die große Holzfläche im Oerliker Park, die fast immer leer ist. Doch eben an der Nutzung muss sich Landschaftsarchitektur messen lassen. Mehrfach betonen Constanze A. Petrow und Leonard Grosch die soziale Verantwortung der Landschaftsarchitektur. Sie wollen mit dem Buch „eine Wertedebatte anstoßen, die sich gerade nicht im Ästhetisch-Räumlichen erschöpft“. Über eine Landschaftsarchitektur sprechen, die sich selbst emanzipiert „von einem der Architektur entlehnten elitären und kulturkonservativen Selbstverständnis“. In ihrem Fazit zieht Petrow die Linie zu Richard Sennetts Open City, „in der sich gerechtere, egalitärere und demokratischere Formen urbanen Lebens etablieren.” Sie spielt damit den Ball auch den Architekten zu. Landschaftsarchitekten sollten die Chance ergreifen, diese Debatte aktiv mitzugestalten.

Parks entwerfen
Berlins Park am Gleisdreieck oder die Kunst, lebendige Orte zu schaffen
Leonard Grosch, Constanze A. Petrow
192 Seiten mit 143 farb. und s/w Abb. und Plänen
Jovis Verlag
29.80

Das Buch ist auch in Englischer Sprache erhältlich.

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Das Haus der Statistik am Berliner Alexanderplatz stand 10 Jahre lang leer. Unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass in Berlin der Wohnraum knapp wird. Eine Initiative möchte das ehemalige Verwaltungsgebäude der DDR nun umnutzen: Studenten, Senioren, Künstler und Geflüchtete sollen darin wohnen. 

Haus der Statistik

Bilder: Raumlabor Berlin

Das Haus der Statistik am Berliner Alexanderplatz: Leerstand auf 40 000 Quadratmetern und das seit 10 Jahren. In Anbetracht der Wohnungsknappheit und der steigenden Mieten in Berlin ein verwunderlicher Zustand. Ursprünglich diente der Gebäudekomplex als Sitz für die staatliche Zentralverwaltung für Statistik der DDR. Obwohl das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, ist es ein kulturell wichtiger, geschichtsträchtiger Ort und viele Berliner fühlen sich emotional mit ihm verbunden. Auch städtebaulich liegt das Haus der Statistik an einem interessanten Ort: Der Alexanderplatz dient als Verbindungsstück zwischen den Bezirken Mitte, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg und ist einer der meist frequentierten Plätze Europas. Er vereint Wohngebiete mit Büroflächen und Einkaufszonen.

Neubewertung statt Abriss

Jahrelang diskutierte man, ob das Haus der Statistik abgerissen werden soll. Bis 2015 der Berliner Senat schließlich den Wert des Gebäudekomplexes erkannte und rief innerhalb eines öffentlichen Workshopverfahren dazu auf den Alexanderplatz neu zu bewerten. Im Zuge des Workshopverfahrens gründete sich die Initiative Haus der Statistik – ein bunt gemischtes Bündnis aus Politikern, kulturellen Einrichtungen, Künstlerkollektiven und Architekten. Zu den Gründern der Initiative gehören beispielsweise auch wichtige Berliner Institutionen wie das Zentrum für Kunst und Urbanistik und das Raumlabor Berlin. Und diese besondere Zusammensetzung soll sich auch im geplanten Konzept widerspiegeln.

Wohnraum für Geflüchtete

Ein Ziel der Initiative ist es, das Haus der Statistik zu einem Ort für vielfältige und zeitgemäße Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu machen. Die neuen Räume bieten einerseits Platz für die Verwaltung, wie beispielsweise das neue Rathaus für den Bezirk Mitte. Andererseits werden Wohnräume für Studenten, Geflüchtete und Senioren geschaffen. Gemeinsame Aktivitäten und offen gestaltete Räume sollen einen wechselseitigen Austausch zwischen den unterschiedlichen Parteien ermöglich. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Gebäudekonzepts sind Künstlerateliers sowie Arbeits- und Begegnungsräume für Kultur, Bildung und Kunst. 2023 sollen die ersten Mieter einziehen können. So soll in den nächsten Jahren ein Leuchtturmprojekt für Integration und Bürgerbeteiligung entstehen.

Landschaft Stimmung – Ein Stadtpark an der Donau

Eine Buchrezension

Mit dem Buch Landschaft Stimmung erschien nach der Ausstellung im Museum für konkrete Kunst und Design in Ingolstadt eine Dokumentation der Strategie Stadt-Park Donau und Donau-Loop, die das Ergebnis einer mehrjährigen Designstudie ist. Das Buch gibt einen kurzen und prägnanten Einblick in die detaillierte Studie. Untersucht wird das Potential der Donau als städtisches Verbindungsglied. Rückblenden erzählen die Geschichte der Donau in Ingolstadt. Daran schließen sich Analysen der Landschaft und ihrer Eigenheiten an, die Basis für das Konzept sind. Wie der Buchtitel bereits sagt, geht es vor allem um Atmosphäre, um Stimmung. So fand Oficinaa ihren ganz eigenen Zugang zur Donau-Landschaft. Das Ergebnis und den Weg dorthin zeigt und erzählt „Landschaft Stimmung“ – wie das ganze Projekt in Gold-Gelb gehalten.

Mehr zum Projekt Donau-Loop lesen Sie in Garten + Landschaft 02/2018

 

Bibliografische Daten:

Oficinaa – Silvia Benedito, Alexander Häusler (Hrsg.)

Landschaft Stimmung. Ein Stadtpark an der Donau

Actar, 2016

ISBN 978-1945150197