Grünes Herz

Der Dschungel ist zurück in der Großstadt: Das „Green Heart“, gestaltet von den Landschaftsarchitekten Gustafson Porter + Bowman, bildet die Mitte des neuen Hochhauskomplexes Marina One in Singapur von Ingenhoven architects. Das Konzept lehnt sich an die natürlichen Klima- und Höhenveränderungen eines Regenwaldes an: Der dreidimensionale Garten erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Über 350 verschiedene Baum- und Pflanzenarten sowie große, den Himmel reflektierende Wasserflächen bieten auf rund 3 700 Quadratmetern einen naturnahen Aufenthaltsraum für Anwohner und Besucher und tragen dazu bei, das Mikroklima zu verbessern und die Biodiversität zu erhöhen.

Kathryn Gustafson, Landschaftsarchitektin und Mitbegründerin von Gustafson Porter + Bowman, sieht eine Begrünung von Gebäuden jedoch nicht für jedes Klima, jede Umgebung oder Situation als zwangsläufig sinnvoll. „Es hängt sehr davon ab, wo die Pflanzen angelegt, wie sie eingesetzt und gepflegt werden“, sagt sie. In Singapur wachse allerdings alles sehr gut, weshalb es ein durchaus geeigneter Ort sei, um Pflanzen in Gebäude zu integrieren.

Die Grundidee von Marina One ergab sich unter anderem aus der „100 % Greenery Replacement“-Regel der singapurischen Baubehörde URA, die praktisch jeden Architekten dazu zwingt, eine „grüne“ Idee zu haben. Landschaftsarchitekten und –planern ist es zwar nicht möglich, Natur nachzuahmen; sie können aber Umgebungen schaffen, durch die sich der Mensch in der Natur aufhalten und sich mit natürlichen Dingen umgeben kann. Die Architekten des Marina One haben ein Gebäude geschaffen, das nicht nur eine grüne Mitte besitzt, sondern dessen Stockwerke und Dach ebenfalls begrünt sind. Sie haben eine Landschaft in das Gebäude integriert, welche darüber hinaus sehr überraschend wirkt: Wer den Komplex von außen ansieht, würde nicht auf die Idee kommen, dass sich ein solch grüner lebendiger Raum in der Mitte verbirgt.

Eine natürliche Vegetation

Das grüne Herz ist wie ein botanischer Garten konzipiert – mit der Intention einer natürlichen Vegetation und weniger einer gekünstelten Exotik. Es handelt sich um eine Vielfalt, die bis zu einem gewissen Grad – und trotz Gärtnerei – sich selbst überlassen ist. Im gesamten Gebäudekomplex gibt es insgesamt 717 Bäume mit 42 Baum- sowie 271 Sträucher- und Palmenarten mit einer Laub-Gesamtfläche von 137 925 Quadratmetern. Tiere, die sich in dieser Diversität niederlassen, sind unter anderen Fledermäuse, Grashüpfer, Spinnen, Spechte, Bienen und Eichhörnchen.

In den verschiedenen offenen Terrassen finden sich als soziale Begegnungsstätten für die Anwohner und Besucher Restaurants und Cafés, Einzelhandelsflächen, ein Fitnessclub, Pool, Supermarkt, Food Court und Eventbereiche. Marina One und sein grüner Mittelpunkt sind der Beweis dafür, dass die Verbindung von Architektur und Landschaft nicht nur ästhetisch reizvoll, sondern auch wegweisend für die Zukunft ist. Es dient als internationales Vorbild für grünes Wohnen und Arbeiten und setzt einen neuen Maßstab für verdichtetes Bauen in tropischen Megacities.