„Durch die IBA Basel versteht sich die Region noch mehr als Gemeinschaft.“

Verkehr

„Es ist eben nicht selbstverständlich, dass man über die Länder- und Gemeindegrenzen hinweg zusammenarbeitet.“

Als IBA im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz ist die IBA Basel 2020 die erste wahrhaft Internationale Bauausstellung. Mit ihrer Hilfe sind auf politischer, institutioneller, raumplanerischer und kultureller Ebene neue, grenzüberschreitende Verbindungen entstanden, die den Metropolitanraum Basel noch näher zusammengebracht haben. Ihr Weg war nicht immer einfach, ein Abenteuer für alle Beteiligten. Warum hat es sich dennoch gelohnt? Das haben wir in vier Gesprächen ausgewählte, langjährige IBA-Wegbegleiter gefragt. Darunter auch die Direktorin des Bundesamts für Raumentwicklung ARE Maria Lezzi. Sie war diejenige, die in einem Fachartikel Anfang der 2000er-Jahre erstmals offiziell die Idee einer Internationalen Bauausstellung für die Region Basel ins Spiel brachte.

Im Jahr 2008 veröffentlichte der TEB, der Trinationale Eurodistrikt, gemeinsam mit dem Baudepartement des Kanton Basel-Stadt den ersten Memorandumsentwurf zur IBA Basel 2020 und läutete somit diese IBA ein. Maria Lezzi, Sie leiteten damals die Hauptabteilung Planung im Hochbau- und Planungsamt Basel-Stadt und waren Mitverfasserin des Papiers. Begonnen hat der Entscheidungsprozess für die IBA Basel weit vor 2008. Wie lief das genau ab?
Eigentlich begann damals alles im Jahr 1999 mit der Schlusspräsentation der IBA Emscher Park. Diese hatten wir im Hochbau- und Planungsamt Basel-Stadt aufmerksam verfolgt und führten mit dem damaligen Kantonsbaumeister Fritz Schumacher viele Fachdiskussionen über eine IBA in Basel. Eher so beiläufig erwähnte ich die Idee auch mal in einem Fachartikel. Wirklich losging es dann Anfang der 2000er-Jahre. Wir waren in der trinationalen Agglomeration Basel an einem Punkt, an dem wir uns fragen mussten, wie wir nun weitergehen, wie man die Region nun weiterdenkt. Aus diesem Grund beauftragte ich Ende 2004, Anfang 2005 ein Zürcher Planungsbüro damit, uns einen Überblick über mögliche Formate zur Raumweiterentwicklung zu erstellen, wie IBA, Regionalen, Gartenschauen oder Großprojekten. Auf Basis diesen Inputs machten wir dann mit den Akteuren aus der trinationalen Agglomeration Basel eine Fachexkursion nach Nordrhein-Westfalen zur IBA Emscher Park. Im Oktober 2006 folgte die Exkursion mit politischen Vertreterinnen und Vertretern zur IBA nach Hamburg. Und mit diesen Eindrücken im Gepäck, entschieden wir anschließend eine IBA umzusetzen.

Aber warum wurde es das Format IBA? Und nicht zum Beispiel eine Landesgartenschau?
Es gab lange Diskussionen, ob wir eine Regionale oder eine IBA durchführen sollen. Für das Format IBA haben wir uns schlussendlich entschieden, weil es international relevant und damit von der Ambition her größer ist. Außerdem – und das war der zweite Moment – wussten wir: Die IBA Basel wird die erste effektiv international durchgeführte Bauausstellung. Damit sprach alles für eine IBA.

Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten Sie damals an die IBA?
Die Erwartung war, dass man mittels einer Internationalen Bauausstellung, die ja immer auf Zeit angelegt ist, das Zusammenwachsen der trinationalen Agglomeration Basel einen riesen Schub bekommt. Ganz bewusst wählten wir dabei das Format der IBA und kein formelles Instrument, das in bestehende Prozesse eingebunden ist. Wir wollten einen neuen Prozess initiieren, der neue Akzente setzt und andere Projekte auslöst, als die, die wir bislang kannten. Man hat sich vorgestellt, dass es 2020 ein Datum gibt, bei dem man dann alles zeigt. Wie bei einer Theateraufführung: Man arbeitet darauf hin und dann kommt der große Tag, an dem man sein Können beweist. So, wie wir uns das vorgestellt haben, ist das aus ganz verschiedenen Gründen zwar nicht gelungen, aber zusammengewachsen sind wir nichtsdestotrotz.

Aber ist das nicht auch okay, weil eine IBA auch immer ein Labor ist?
Ja, aber die Ambition war schon höher. Es dauert einfach alles länger, als wir gedacht haben.

Und es wird immer wieder gemunkelt, dass der politische Rückhalt stärker sein könnte…
Es sind ganz unterschiedliche Punkte, warum die IBA Basel nicht so weit fortgeschritten ist, wie man es sich gewünscht hat: finanzielle Fragen, zum Beispiel Probleme mit der Liquidität, aber auch praktische Fragen wie die der Umsetzung.

Seit 2008 sind zwölf Jahre vergangen. Haben sich in der Zeit die Ziele der IBA verändert?
Nein, das Grundanliegen der IBA Basel ist das Zusammenwachsen einer Stadtregion, die aufgrund von 230 Gemeindegrenzen stark fragmentiert ist. Das Zusammenwachsen über Grenzen hinweg soll dabei helfen, im übertragenen, aber auch im baulichen Sinne zusammenzuwachsen. Dieser Auftrag besteht bis heute.

Und dieser unterscheidet sich auch stark von den bisherigen IBA.
Im Gegensatz zur IBA Emscher Park oder auch den ostdeutschen IBA ist die IBA Basel aus keiner Notsituation heraus entstanden. Damit war auch der Auftrag ein anderer. Dieser Tatsache mussten wir uns immer wieder stellen und uns fragen, ob es eine IBA in einer vergleichsweisen reichen Stadtregion so überhaupt braucht. Unsere Antwort: Ja. Der Leidensdruck in der Region Basel war ein ganz anderer als in den bisherigen IBA-Regionen. Aber das heißt nicht, dass man sie nicht trotzdem weiterentwickeln muss.

Manche sagen, dass die IBA Basel einen Strukturwandel auf Prozessebene angestoßen hat.
Ja, das kann man so sehen. Die Agglomeration Basel ist ein Raum mit jahrzehntelanger Erfahrung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Gleichwohl merkt man vor Ort immer wieder, dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass man über die Länder- und Gemeindegrenzen hinweg zusammenarbeitet. Die Fragmentierung ist immer noch da und die strukturelle Zusammenarbeit immer noch ein Handicap. Dieses äußert sich zwar nicht a priori in einem wirtschaftlichen Niedergang, aber die Potenziale können gleichwohl nicht voll ausgeschöpft werden.

Video: Auf der Swissbau Focus Basel am 15. Januar 2020 spricht Maria Lezzi ab Minute 53:00 über die IBA Basel und wie mit dieser Experimentierräume geschaffen werden sollen.

Die IBA ist eine Tochter des TEBs, eine Institution, die sich für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit einsetzt. Warum hat man mit der IBA noch einen Akteur ins Leben gerufen, der das gleiche Thema bearbeitet?
Eine IBA und damit auch ihre Geschäftsstelle ist auf Zeit angelegt. Der TEB ist auf Dauer angelegt. Das sind zwei komplett verschiedene Logiken. Wenn man es einfacher aufgleisen möchte, könnte man sagen: Die IBA ist ein befristetes Projekt des TEB und dieses muss sich – da bin fest von überzeugt – nach Projektende auflösen. Es wäre viel einfacher gewesen, einen Schweizer Verein zu gründen, aber dann wäre die Unterstützung durch EU-Interreg-Fördergelder nicht möglich gewesen.

Der IBA Basel wird immer wieder fehlende Bauaktivität vorgeworfen. Wie stehen Sie zu der Kritik?
Es war von Anfang an klar, dass das „B“ von „IBA“ bei dieser IBA nicht im Sinne von „physisch Bauen“ steht, dass es kein Bauprogramm ist. Das haben wir auch immer deutlich so deklariert. Zusammenwachsen bedeutet nicht automatisch zusammenbauen. Gleichzeitig muss Bauen aber auch nicht immer Hochbau bedeuten, sondern kann auch Freiraumentwicklung meinen. In diesem Bereich hat die IBA Basel einen großen Mehrwert in der Region gestiftet. Ich denke da an die IBA Projektgruppe Rheinliebe oder an das Projekt Birspark Landschaft. Hier hat die IBA Basel verschiedene Projektträger miteinander verbunden und immer wieder daran erinnert, dass Projekte am besten gemeinsam mit den Nachbarn gedacht werden sollen. Das hat sehr viel ausgelöst und es ist meine Hoffnung, dass dieser „IBA Reflex“, auch nach 2020 weiter fortbesteht. Unter „IBA-Reflex“ verstehe ich mit dem Nachbarn zusammenzuarbeiten, Projekte gemeinsam zu denken, sich über Qualitätsstandards auszutauschen und versuchen, gemeinsam zu definieren und anzuwenden oder auch mal jemanden aus der Nachbarschaft jenseits der Landesgrenze an eine Jury-Sitzung einladen.

„Man muss es zumindest ausprobiert haben. Und das haben wir und darauf bin ich stolz.“

2020 endet die IBA Basel offiziell. Welche Erfolge hat die IBA Basel der Region gebracht?
Für mich hat die IBA Basel dazu geführt, dass das Gemeinsame, das Verbindende ins Zentrum gestellt wurde. Die Region versteht sich nun noch mehr als eine Gemeinschaft. Hier hat die IBA Basel wirklich einen Schub erreicht.

Welchen Herausforderungen muss sich die Region nun im Zuge der Verstetigung stellen? Wie gelingt dies?
Ich denke, ein sauberes Abschließen im Jahr 2021 ist nun sehr wichtig und dass man das, was die IBA Geschäftsstelle in den letzten zehn Jahren gelernt hat, gut dokumentiert. Außerdem muss die Idee der IBA, das Zusammenwachsen über Grenzen hinweg, bei den lokalen Akteuren verankert werden. Denn das sind die Akteure, die den IBA Gedanken auch nach 2020 bzw. 2021 weitertragen.

Zum Abschluss: Was denken Sie, hat sich das IBA Abenteuer gelohnt?
Die Antwort darauf zu geben, ist zu früh. Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich der Ablauf des IBA Abschlussjahrs vollkommen verändert. Die IBA Expo findet nicht wie geplant im Sommer 2020, sondern im Frühjahr 2021 statt. Ob sich das Abenteuer langfristig gelohnt hat oder nicht, das wird man mit einem gewissen zeitlichen Abstand definieren können. Aber ich sage immer: Man muss es zumindest ausprobiert haben. Und das haben wir und darauf bin ich stolz.

Maria Lezzi ist seit Juli 2009 Direktorin des Bundesamts für Raumentwicklung ARE. Sie ist promovierte Geografin und leitete acht Jahre lang die Hauptabteilung Planung im Hochbau- und Planungsamt des Kantons Basel-Stadt. Maria Lezzi gehört dem Kuratorenteam der IBA Basel an.

Warum wir eine IBA-Basel-Serie gestartet haben? Das lesen Sie hier.

Sämtliche Beiträge zur IBA Basel 2020 finden Sie hier.

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Thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans

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Stimmungsvolles Stadtpanorama mit Gebäudereihe und bewölktem Himmel, fotografiert von Wolfgang Weiser

Hitzewellen, tropische Nächte, überhitzte Plätze: Die Klimakrise macht unsere Städte zum Härtetest für Mensch, Material und Stadtgrün. Wer heute resilient planen will, braucht valide Daten zu thermischen Belastungen – und zwar nicht irgendwann, sondern am besten sofort. Thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans bietet genau das: präzise, dynamisch und überraschend alltagstauglich. Aber wie funktioniert das Verfahren? Wo wird es eingesetzt? Und wie verändert es die Praxis von Stadtplanung und Landschaftsarchitektur? Zeit, dem Thema auf den Grund zu gehen – und dabei die Stadt wortwörtlich in einem neuen Licht zu sehen.

  • Thermische Resilienzmessung als Schlüssel für klimaangepasste Stadtplanung
  • Funktionsweise und Vorteile von Infrarot-Scans im urbanen Raum
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Integration von Thermodaten in digitale Stadtmodelle und Planungsprozesse
  • Herausforderungen, Datenschutz und Interpretation von Infrarot-Messwerten
  • Bedeutung für nachhaltige Quartiersentwicklung und urbane Freiräume
  • Innovative Ansätze für Monitoring, Beteiligung und adaptive Planung
  • Ausblick: Wie Infrarot-Scans die Zukunft der Stadtgestaltung prägen werden

Thermische Belastung sichtbar machen: Was leisten Infrarot-Scans wirklich?

Die Suche nach effizienten Methoden zur Messung urbaner Hitzeinseln beschäftigt Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Umweltämter seit Jahren. Doch während klassische Wetterstationen punktuelle Daten liefern und aufwändige Simulationen oft an der Komplexität scheitern, eröffnen Infrarot-Scans einen ganz neuen Zugang: Sie machen die thermische Realität des Stadtraums unmittelbar sichtbar. Mit modernster Sensorik – meist auf Drohnen, Fahrzeugen oder sogar zu Fuß getragen – werden Oberflächentemperaturen im Stadtraum großflächig und hochauflösend aufgenommen. Die dabei entstehenden Thermogramme zeigen in Echtzeit, wo sich Asphaltflächen aufheizen, wo Fassaden Hitze speichern oder welche Grünflächen tatsächlich kühlen. So lässt sich das Mikroklima in einer bislang unerreichten Detailtiefe erfassen und analysieren.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Jede Oberfläche sendet in Abhängigkeit ihrer Temperatur Infrarotstrahlung aus. Infrarot-Kameras detektieren diese Strahlung und übersetzen sie in Farbbilder, die Temperaturunterschiede auf wenigen Grad genau abbilden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Messung zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern der Vergleich über verschiedene Tageszeiten, Wetterlagen und sogar Jahre hinweg. Dadurch entsteht ein dynamisches Bild der städtischen Wärmeverteilung, das weit über die Möglichkeiten klassischer Messverfahren hinausgeht.

Doch wie werden diese Daten genutzt? In Pilotprojekten etwa in München, Basel oder Wien dienen Infrarot-Scans längst nicht mehr nur der wissenschaftlichen Analyse. Sie helfen, gezielt Maßnahmen zu planen: Wo lohnt sich die Nachrüstung von Verschattungen? Welche Straßen sollten entsiegelt oder begrünt werden? Wo sind Fassadenbegrünungen besonders wirkungsvoll? Die Thermogramme liefern dafür eine objektive Grundlage, die Planungsentscheidungen belegbar und nachvollziehbar macht. Für Förderanträge, Bürgerbeteiligung und politische Kommunikation sind diese bildhaften Daten oft Gold wert.

Ein weiterer Vorteil: Infrarot-Scans sind flexibel einsetzbar. Sie lassen sich sowohl im Bestand als auch in Neubauquartieren durchführen. Sogar temporäre Effekte – etwa nach Starkregen oder während Hitzewellen – können gezielt erfasst werden. Damit werden Planer in die Lage versetzt, die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Steigerung der thermischen Resilienz direkt zu überprüfen und bei Bedarf nachzusteuern. Die Technologie ist dabei keineswegs Zukunftsmusik, sondern in der Praxis angekommen – sofern man sie richtig einzusetzen weiß.

Nicht zuletzt sind Infrarot-Scans ein mächtiges Instrument, um die Diskussion um Stadtklima aus der Grauzone abstrakter Zahlen in die sinnlich erfahrbare Realität zu holen. Sie machen sichtbar, was sonst verborgen bleibt – und liefern damit nicht nur Planern, sondern auch Bürgern und politischen Entscheidern ein überzeugendes Argumentarium für eine klimaresiliente Stadtentwicklung.

Von der Messung zur Planung: Integration von Thermodaten in urbane Prozesse

Die eigentliche Kunst beginnt nach der Messung: Wie werden die gewonnenen Thermodaten in den Planungsalltag integriert? Hier zeigt sich, dass Infrarot-Scans ihren vollen Wert erst im Zusammenspiel mit digitalen Stadtmodellen, GIS-Systemen und partizipativen Prozessen entfalten. Moderne Infrarot-Sensorik ist heute in der Lage, Daten punktgenau zu verorten und mit bestehenden Geodaten zu verschneiden. So entstehen Layer, die sich mit Informationen zu Vegetation, Versiegelung, Gebäudenutzung oder Verkehrsaufkommen kombinieren lassen. Für Planer eröffnen sich dadurch ganz neue Analyseoptionen: Wo entstehen Hotspots in dicht bebauten Quartieren? Wie verändert sich die Temperatur nach Umgestaltungsmaßnahmen? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Grünflächen und angrenzender Bebauung? Die Antworten liefern nicht länger Mutmaßungen, sondern messbare Fakten.

Besonders spannend ist die Verknüpfung der Thermodaten mit Urban Digital Twins – also digitalen Zwillingen der Stadt. Hier werden Infrarot-Scans zum Herzstück eines datengetriebenen Planungsprozesses. Sie ermöglichen Simulationen, in denen verschiedene Varianten der Flächengestaltung, Begrünung oder Materialwahl auf ihre Wirkung hin getestet werden können. Was passiert, wenn ein Parkplatz entsiegelt wird? Wie stark kühlt ein neuer Stadtpark tatsächlich? Welche Dachbegrünung bringt messbare Effekte? Solche Fragen lassen sich im Digital Twin nicht nur hypothetisch, sondern unter Einbeziehung realer Messdaten beantworten.

Auch für das Monitoring thermischer Resilienz sind Infrarot-Scans ein Quantensprung. Wiederholte Messungen im Jahresverlauf oder nach Umsetzung von Maßnahmen ermöglichen eine objektive Bewertung der Entwicklung. So kann überprüft werden, ob ein neues Baumdach tatsächlich für kühlere Oberflächentemperaturen sorgt – oder ob zusätzliche Eingriffe notwendig sind. Die Thermodaten werden so zu einem Steuerungsinstrument, das adaptive Planung und kontinuierliche Optimierung erlaubt.

Ein weiterer Aspekt ist die Kommunikation: Thermogramme sind anschaulich, leicht verständlich und eignen sich hervorragend für Bürgerbeteiligung sowie politische Entscheidungsprozesse. In Beteiligungsverfahren können sie genutzt werden, um Betroffenheit zu visualisieren, Handlungsoptionen zu diskutieren und die Wirkung von Maßnahmen zu vermitteln. Damit wird die oft abstrakte Debatte um Stadtklima und Resilienz konkret und nachvollziehbar.

Die Integration von Infrarot-Scans in urbane Planungsprozesse ist allerdings kein Selbstläufer. Sie erfordert Know-how, geeignete Schnittstellen und eine strategische Einbettung in bestehende IT- und Dateninfrastrukturen. Wer jedoch die Chancen erkennt und systematisch nutzt, verschafft sich einen entscheidenden Vorsprung in der klimaresilienten Stadtentwicklung.

Praxisbeispiele: Wie Städte im DACH-Raum auf Infrarot-Scans setzen

Werfen wir einen Blick auf die Praxis: In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es mittlerweile zahlreiche Kommunen, die Infrarot-Scans als festen Bestandteil ihrer Klimaanpassungsstrategien nutzen. Ein Vorreiter ist die Stadt Wien, die bereits 2020 das gesamte Stadtgebiet mit mobilen und stationären Infrarot-Sensoren kartiert hat. Die daraus entstandenen Hitzekarten werden für die Planung neuer Parks, die Begrünung von Straßen und die gezielte Förderung von Gründächern genutzt. Besonders in dicht bebauten Gründerzeitquartieren liefern die Daten wertvolle Hinweise, wo Schatten und Verdunstung dringend fehlen.

Auch die Stadt Basel hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Thermoscans durchgeführt. Hier lag der Fokus auf Schulhöfen, Spielplätzen und öffentlichen Plätzen – mit teils überraschenden Ergebnissen. So zeigte sich, dass nicht nur Asphaltflächen, sondern auch bestimmte Arten von Kunststeinbelägen zu massiven Hitzeinseln werden können. Die Stadt reagierte prompt: Materialvorgaben wurden angepasst, Beschattungen nachgerüstet und Pilotflächen begrünt. Die Wirkung wird durch regelmäßige Nachmessungen überprüft – ein Paradebeispiel für evidenzbasierte, adaptive Planung.

In München setzt das Referat für Stadtplanung und Bauordnung auf eine Kombination von Drohnenbefliegungen und bodengestützten Infrarot-Scans. Hier werden neben Oberflächentemperaturen auch Daten zu Luftfeuchtigkeit und Strahlungsfluss erfasst. Die so entstandenen Modelle dienen nicht nur der Planung neuer Grünflächen, sondern auch der Priorisierung von Maßnahmen zur Entsiegelung und Verschattung. Besonders im dicht besiedelten Innenstadtbereich helfen diese Daten, gezielt die am stärksten belasteten Hotspots zu entschärfen.

Ein weiteres Beispiel liefert die Stadt Zürich: Dort werden Infrarot-Scans im Rahmen des Projekts „Stadtklima Zürich“ systematisch in die Stadtentwicklung integriert. Die Daten fließen direkt in den städtischen Digital Twin ein und werden mit Verkehrs-, Energie- und Biodiversitätsdaten kombiniert. Auf dieser Basis werden Szenarien für die klimatische Entwicklung ganzer Quartiere erstellt – und gezielt Maßnahmen zur Steigerung der thermischen Resilienz abgeleitet.

Diese Beispiele zeigen: Infrarot-Scans sind längst mehr als ein nettes Gimmick für Wissenschaftler. Sie sind ein praxistaugliches, vielseitiges Werkzeug, das die klimaresiliente Entwicklung urbaner Räume messbar, steuerbar und kommunizierbar macht. Wer sich heute damit beschäftigt, gestaltet die Stadt von morgen aktiv mit.

Herausforderungen und Grenzen: Was Planer beim Einsatz von Infrarot-Scans wissen müssen

So verlockend die Möglichkeiten auch sind: Der Einsatz von Infrarot-Scans in der Stadtplanung wirft eine Reihe von Herausforderungen auf, die es zu beachten gilt. Zunächst ist da die Frage der Datenqualität. Oberflächentemperaturen werden durch zahlreiche Faktoren beeinflusst – Sonneneinstrahlung, Wind, Materialeigenschaften, Verschattung oder Feuchtigkeit. Wer belastbare Aussagen treffen will, muss Messungen unter vergleichbaren Bedingungen durchführen und die Daten sorgfältig interpretieren. Ohne meteorologisches Know-how und Erfahrung mit Sensorik drohen Fehlinterpretationen, die schnell zu falschen Planungsentscheidungen führen können.

Ein weiteres Thema ist der Datenschutz. Gerade bei hochauflösenden Drohnenaufnahmen können sensible Bereiche wie private Gärten, Balkone oder Fenster versehentlich erfasst werden. Auch wenn Infrarot-Bilder keine Personen im klassischen Sinn abbilden, ist eine datenschutzkonforme Erhebung und Verarbeitung unerlässlich. Viele Kommunen setzen daher auf Transparenz, Information der Öffentlichkeit und technische Maßnahmen zur Anonymisierung betroffener Bereiche.

Die Integration in bestehende Planungsprozesse erfordert zudem eine offene IT-Infrastruktur. Datenformate müssen kompatibel sein, Schnittstellen zu GIS- und BIM-Systemen funktionieren und die Speicherung langfristig gesichert werden. In vielen Städten sind diese Voraussetzungen noch nicht flächendeckend gegeben – hier ist Pionierarbeit gefragt. Nicht zu unterschätzen ist auch der Schulungsbedarf: Planer, Behörden und Dienstleister müssen im Umgang mit Thermodaten geschult werden, um das Potenzial voll auszuschöpfen.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Skalierbarkeit. Während punktuelle Scans schnell und kostengünstig durchgeführt werden können, ist eine flächendeckende, wiederholte Messung des gesamten Stadtgebiets aufwendig. Hier sind Kooperationen zwischen Kommunen, Forschungseinrichtungen und Technologieanbietern gefragt, um Synergien zu nutzen und Ressourcen effizient einzusetzen. Auch Open-Data-Ansätze können dazu beitragen, die Verfügbarkeit und Nachnutzung der Daten zu erhöhen.

Trotz aller Herausforderungen ist klar: Infrarot-Scans sind kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug im Arsenal der klimaresilienten Stadtplanung. Wer ihre Stärken kennt und ihre Schwächen berücksichtigt, kann damit einen echten Beitrag zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels leisten.

Ausblick: Die Zukunft der thermischen Resilienzmessung und ihre Rolle für die Stadt von morgen

Die Thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans steht erst am Anfang ihrer Möglichkeiten. Technologische Entwicklungen schreiten rasant voran: Neue Sensoren bieten noch höhere Auflösungen und Genauigkeiten, KI-gestützte Auswertung automatisiert die Interpretation der Messdaten, und mobile Anwendungen machen Thermogramme für Planer, Behörden und sogar Bürger direkt vor Ort verfügbar. In Verbindung mit digitalen Stadtmodellen entsteht so eine neue Generation von Echtzeit-Monitoring-Systemen, die eine bislang unerreichte Steuerbarkeit urbaner Hitzeinseln ermöglichen.

Besonders spannend ist die Kombination mit Citizen Science: In mehreren Städten werden bereits Pilotprojekte durchgeführt, bei denen engagierte Bürger mit einfachen Infrarot-Handscannern eigene Messungen beitragen. Die so entstehende Datenvielfalt erhöht die Genauigkeit der Modelle und stärkt die Akzeptanz von Klimaanpassungsmaßnahmen. Auch in der Bildungsarbeit eröffnen sich neue Möglichkeiten: Schulen, Universitäten und Umweltbildungszentren nutzen Thermogramme, um Stadtklima und die Bedeutung von Grünflächen anschaulich zu vermitteln.

Für Planer und Landschaftsarchitekten ergeben sich durch die zunehmende Verfügbarkeit von Thermodaten neue Rollen und Aufgabenfelder. Sie werden zu Datenmanagern, Moderatoren und Vermittlern zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Die Fähigkeit, Thermodaten zu interpretieren und in wirksame Maßnahmen zu übersetzen, wird zum zentralen Kompetenzfeld klimaanpassungsorientierter Stadtentwicklung.

Auch auf politischer Ebene zeichnet sich ein Umdenken ab: Förderprogramme und Richtlinien nehmen zunehmend Bezug auf objektive Messdaten. Die Integration von Thermoscans in Förderanträge und Planungsnachweise wird in vielen Ländern zum Standard. Damit steigt der Druck auf Städte und Gemeinden, die nötigen Kompetenzen und Infrastrukturen aufzubauen – eine Chance und Herausforderung zugleich.

Letztlich wird die thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans zur zentralen Schnittstelle zwischen Technologie, Planung und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie macht die oft unsichtbaren Folgen des Klimawandels sichtbar, steuerbar und verhandelbar. Wer diesen Weg frühzeitig einschlägt, gestaltet die Stadt von morgen nicht nur nachhaltiger, sondern auch lebenswerter – für alle, die in ihr wohnen, arbeiten und sich erholen wollen.

Fazit: Die thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans ist weit mehr als ein technisches Gimmick für Spezialisten. Sie ist ein Gamechanger für die klimaresiliente Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum – wissenschaftlich fundiert, praxistauglich und kommunikativ überzeugend. Sie ermöglicht es, Hitzeinseln zu identifizieren, Maßnahmen gezielt zu planen und die Wirkung objektiv zu überprüfen. Gleichzeitig eröffnet sie neue Wege für Beteiligung und adaptive Planung, stellt aber auch hohe Anforderungen an Datenmanagement und Interpretation. Wer sich als Planer, Stadt oder Landschaftsarchitekt heute mit Infrarot-Scans beschäftigt, investiert in die Zukunft der Stadt – und sichert sich einen entscheidenden Vorsprung im Rennen um die lebenswerte, resiliente Stadt von morgen. Und seien wir ehrlich: Wer möchte die Stadt nicht endlich in ihrer ganzen thermischen Wirklichkeit sehen?

Tipp Nr.1 Casa da arquitectura

Manchmal ist der Kopf leer, die wirklich guten Ideen kommen nur noch sporadisch und überhaupt sehnt man sich nach neuen Eindrücken. Uns in der Redaktion geht es da nicht anders. Unsere Lösung: Reisen. Auf der Suche nach Inspiration fliehen wir in die Weite. Unsere Planer-Brille legen wir dabei natürlich nie ganz ab. Hier berichten wir von unseren Lieblings-Reisedestinationen, Tipps für Planer inklusive. Fünfter Stopp: Porto.

Während Lissabon schon seit einigen Jahren von Touristen überrannt wird, ist Porto lange die Destination abseits der Touristenströme gewesen. Mittlerweile zählt Porto aber auch nicht mehr zu den Geheimtipps. Ein Besuch der zweitgrößten Stadt Portugals lohnt sich dennoch. Nicht nur wegen den malerischen Portweinkellern am Ufer des Douro oder der Casa da Musica des niederländischen Architekturbüros OMA.

Etwas nördlich von Porto liegt die Stadt Matonsinhos. Bekannt ist der Ort vor allem für seinen Strand, die Surfer und die vielen Fischrestaurants am Ufer. Dort liegt seit 2007 auch das portugiesische Architekturzentrum. Abgesehen von den Ausstellungen zur Architektur und Städtebau lohnt sich ein Besuch schon allein wegen des Ortes: einer alten Fabrik, die zwischen 1897 und 1901 von dem Sardinenhändler Menéres & Companhia gebaut wurde. Die ehemaligen Industriegebäude stehen in einem Innenhof, den man durch einen Torbogen betritt. 2017 begann der Architekt Guilherme Machado Vaz damit, das Gelände instand zu setzen und umzubauen. Die Bäume, die im Laufe der Jahre die Bauten erobert hatten, ließ der Architekt stehen.

An die Fassade der historischen Gebäude dockt neu eine skulpturale Betontreppe an: aus Feuerschutzgründen. mUm die bestehenden Strukturen nicht zu beschädigen, entschied der Architekt, sie nach außen zu verlagern. Aus dieser Not heraus, entstand ein massiver Blickfang, der die Besucher in den Innenhof zieht. Die Kunstinstallationen, die zwischen den Gebäuden stehen, spiegeln die Umgebung wider und eröffnen neue Blickwinkel, die alt und neu vereinen.

Ist man schon in Matonsinhos, empfiehlt sich ein Abstecher zum Roberto Ivens House, in dem das Architekturzentrum anfangs seinen Sitz hatte. Das Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert gehörte ursprünglich der Familie des Architekten Álvaro Siza. 1961 baute er das Einfamilienhaus um. Heute kann man das Gebäude in seinem Originalzustand besichtigen.

Fotos: Isa Fahrenholz

Tipp Nr.2 Architekturfakultät Porto

Auch die zweite Reiseempfehlung steht mit dem Architekten Alvaro Siza in Verbindung: Das Institut für Architektur am Stadtrand Portos. Das Institut besteht aus einem Hauptgebäude und vier Pavillons. Ein Innenhof – mittlerweile etwas verwildert – befindet sich zwischen den beiden Gebäudekomplexen. Die Pavillons beherbergen die Unterrichtsräume, das Hauptgebäude die kollektiven Einrichtungen. Die Öffnungen der Pavillons erinnern an Gesichter, die in den grünen Innenhof blicken. Durch die schießscharten-ähnlichen Öffnungen fällt das Licht in die Studios und Unterrichtsräume und manche der größeren Fenster lenken den Blick auf den verwilderten Hof. Das ganze Areal hat etwas Verwunschenes und man hofft, auch nur einen Tag hier Architektur studieren zu dürfen.

Tipp Nr. 3 Jardim das Oliveiras

Einkaufszentren stehen normalerweise nicht weit oben auf Reiselisten. Doch die Shopping-Passage Jardim das Oliveiras in Porto vereint auf beeindruckende Weise kommerziellen mit öffentlichem Raum. Denn auf dem organisch geformten Dach befindet sich ein öffentlich zugänglicher Olivenbaumgarten. Von der Fußgängereben kann man auf den Olivengarten laufen. Hier sitzen Einheimische unter den knorrigen Olivenästen und picknicken oder lesen. Wer nichts zum Verzehren dabei hat, kann sich in das Café setzten und von dort aus die Menschen beobachten. Unter den Füßen der Rastenden liegen die Läden. Die Passage teilt Dach in Zwei und wirft Tageslicht nach unten. Der Olivenhain eignet sich, um Energie zu tanken bevor man Porto weiter erkundet.

 

Porto ist zwar schön, aber steht dieses Jahr nicht auf Ihrer Reiseliste? Dann geht es hier nach München, hier nach Amsterdam, hier nach Stuttgart und hier nach New Orleans