22.10.2019

Projekt

Kiez der Statistik: Stadtentwicklung endlich neu gedacht

von Svenja Binz
mehrere Leute sitzen davor. Auf dem Gebäude steht "Werkstatt. Haus der Statistik"

Schwärme von Touristen, Shoppingwütigen und ein paar Anwohnern tummeln sich am Alexanderplatz oder eilen hektisch zum nächsten Bahneingang. Der wohl wichtigste Verkehrsknotenpunkt des östlichen Berlins unterliegt ambitionierten Bauplänen: Wolkenkratzer renommierter Architekten sollen dem Platz zukünftig ein neues Gesicht verleihen. Ausgerechnet hier befindet sich ein besonderes Stück Freiraum und schlägt eine ganz andere Form der Stadtentwicklung vor: partizipativ und transparent. Entlang der Karl-Marx-Allee entsteht der „Kiez der Statistik“. „Allesandersplatz“ steht in großen Lettern auf dem Dach. Das Versprechen einer Stadt von Morgen?

„Allesandersplatz“ steht in großen Lettern auf dem Dach des „Haus der Statistik“. Das Versprechen einer Stadt von Morgen? (Foto: ZKB)
Das ZK/U und openBerlin e.V. haben im Innenhof des Hauses der Statistik einen alten Autoscooter für Aktivitäten aller Art aufgebaut. (Foto: Andreas Rochholl)
Die Werkstatt der Statistik ist die Mitmachzentrale rund um die Entwicklungen am Haus der Statistik (Foto: ZKB)
In Workshops ging es um Themen wie Initialnutzungen, Wohnmodelle, Bebauungsdichte, Bebauungsplan, nutzergetragene Stadtentwicklung und das Rathaus der Zukunft für Mitte (Foto: ZKB)
Der Bestand soll durch weitere 65.000 m2 Neubau ergänzt werden und Raum schaffen für Kunst, Kultur, Soziales und Bildung. Hinzu kommen bezahlbares Wohnen und ein neues Rathaus für den Berliner Bezirk Mitte. (Plan: Teleinternetcafe und Treibhaus)

Der graue DDR-Bau wird zum Raum für Kultur, Bildung und Soziales

Ende der 60er Jahre wurde das Haus der Statistik als Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik in der DDR erbaut. Nach der Wiedervereinigung zog schließlich das statistische Bundesamt und die Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen ein, und 2008 wieder aus. Seitdem steht das Gebäude leer. Der Verkauf an einen Investor war so gut wie sicher, bis es 2015 zum entscheidenden Wendepunkt kam: Die „Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser“ hisste einen Banner an der Fassade des Hauses, verkündete kurzerhand die Entstehung von „Räumen für Kultur, Bildung und Soziales“ und konnten schließlich den Verkauf und Abriss verhindern.

Engagierte Stadtakteure gründeten schließlich die „Initiative Haus der Statistik“ und machten den Weg frei für eine gemeinwohlorientierte Entwicklung auf dem Areal. Die „Koop5“, eine Kooperation aus Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung, möchte den Bestand durch weitere 65.000 Quadratmeter Neubau ergänzen und Raum schaffen für Kunst, Kultur, Soziales und Bildung. Hinzu kommen bezahlbares Wohnen und ein neues Rathaus für den Berliner Bezirk Mitte.

Das städtebauliche Werkstattverfahren als Alternative zu verstaubten Planungspraktiken

In einem städtebaulichen Werkstattverfahren arbeiteten drei Planungsteams ein halbes Jahr an Entwürfen und präsentierten ihren Arbeitsstand regelmäßig der Öffentlichkeit in der „Werkstatt Haus der Statistik“. Die Werkstatt dient als erste Anlauf-, Informations- und Mitmachzentrale. Hier sammelt das Werkstatt-Team alle Ideen aus der Stadtgesellschaft und stellt sicher, dass der aktuelle Planungsstand leicht verständlich für jeden zugänglich ist.

Überzeugen konnte der Entwurf von Teleinternetcafe und Treibhaus Landschaftsarchitekten. Die Planer schlagen einen Kiez der Statistik vor, eine „robuste Basis für einen kooperativen, gemeinwohlorientierten Prozess der Raumproduktion im Herzen Berlins“. Ein „Aktivitätenband“ bietet Raum für urbane Sport und Freizeitnutzungen aller Art. Deutlich geschützter, aber nicht weniger lebendig soll es im hofartigen „Stadtzimmer“ zugehen, als Ort für Aneignung und ein buntes Miteinander. Zwei „Kieznischen“ verknüpfen das neue Areal mit der bestehenden Nachbarschaft.

Sogar die Dachlandschaft könnte als öffentlich Freifläche und zum urbanen Gärtnern genutzt werden. Der Gemeinschaftsgarten sunseeker, ein Repaircafé und das Kunstprojekt STATISTA sind bereits als erste Pioniernutzungen eingezogen. Jeden Dienstag wird gemeinschaftlich aus Resten gekocht, die Theaterproduktionen mit dem Maxim-Gorki-Theater und der freien Oper proben fleißig und einen eigenen „Chor der Statistik“ gibt es auch schon.

Vielversprechende Alternative

Das Haus der Statistik ist mehr als ein Bauobjekt. Es steht symbolisch für eine “Stadt von Morgen” und dafür, dass künstlerische Interventionen politische Prozesse langfristig beeinflussen können. Das Projekt diskutiert aktuelle städtische Probleme, wie hohe Mieten, Verdrängung und veraltete Modelle des Zusammenlebens und setzt sich diesen aktiv entgegen. Urbane Pioniere, wie das Haus der Statistik, zeigen uns eine vielversprechende Alternative, wie wir Stadt endlich wieder gemeinsam gestalten können.

Die G+L 10/2019 befasst sich mit der Kreativen Stadt. Hier finden Sie das Heft.

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