Klimawandel Deutschland: Neue Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes

Dan Gold

Cluster Land

Am 14. Juni 2021 stellte Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt die Ergebnisse der Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA) des Bundes vor. Die Message: Wenn es so weiter geht, werden die Risiken durch Hitze, Trockenheit und Starkregen durch den Klimawandel in Deutschland stark ansteigen. Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse hier nochmal für Sie zusammengefasst.

Zum zweiten Mal seit 2015 wurden mit der Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 die durch den Klimawandel in Deutschland verursachten zukünftigen Risiken genauer unter die Lupe genommen. Sind bisher nur wenige Gebiete in Deutschland mit den Auswirkungen des Klimawandels wie Dürren oder Überschwemmungen betroffen, könnte das schon zur Mitte des Jahrhunderts ganz anders aussehen. Im Folgenden fassen wir Ihnen die Erkenntnisse der KWRA in den drei Clustern „Land“, „Wasser“ und „Infrastruktur“ zusammen:

Handlungsfeld Biologische Vielfalt

Der Klimawandel in Deutschland habe für eine Mehrzahl der Lebewesen eine Veränderung der Vegetationsperiode und Phänologie zur Folge. Asynchronitäten dieser Veränderungen zwischen verschiedenen Spezies führen dazu, dass Nahrungsketten durcheinander geraten und dadurch die Bestäubung und das Aufkommen von Schädlingen beeinflussen. Wärmeliebende Invasivarten können sich durch die Folgen des Klimawandels in Deutschland stärker ausbreiten, wovon folglich besonders urbane und verkehrsträgernahe Räume betroffen seien. Auch die Zusammensetzung heimischer Arten werde vom Klimawandel zugunsten der wärmeliebenden beeinflusst. Sowohl Feuchtgebiete, alpine Lebensräume als auch der Wald werden durch die Klimaerwärmung degradiert.

Handlungsfeld Boden

Sich durch den Klimawandel in Deutschland verändernde Niederschlagsmuster mit extremeren Trockenperioden, Starkregen- und Starkwindereignissen verstärken die Bodenerosion und wirken sich negativ auf die Wasserkapazität des Oberbodens aus.

Handlungsfeld Landwirtschaft

Der Klimawandel beeinflusse die landwirtschaftliche Produktionsleistung. Höhe und Qualität des Ertrages hingen davon ab, wie gut das Klima sich innerhalb eines für jedes Lebewesens unterschiedlichen Optimums bewege. Die Milchleistung und -qualität von Kühen ginge schon bei geringem Hitzestress zurück. Ebenso zurück ginge das Wachstum von Schweinen und die Legeleistung von Hühnern. Pflanzen litten sowohl unter Hitzestress als auch unter der folgenden Trockenheit, wohingegen Schädlinge von höheren Temperaturen profitieren würden. Zukünftig könnte der Klimawandel nach der KWRA häufigere Ernteausfälle und eine geringere Qualität mancher landwirtschaftlicher Produkte zur Folge haben.

Handlungsfeld Wald-und Forstwirtschaft

Hitze und Trockenstress erhöhten die Empfindlichkeit von Bäumen gegenüber anderen Stressoren wie Starkwind, Waldbrand oder Schädlingsbefall (mehr zur Situation deutscher Wälder hier). Qualität und Preis von Holz können sich zukünftig durch den Klimawandel negativ verändern. Als immer beliebter werdender Freizeit- und Zufluchtsort bei Hitzetagen könne der Nutzungsdruck auf gesunde Wälder steigen.

Cluster Wasser

Handlungsfeld Fischerei

Als wechselwarme Tiere seien Fische stark von ihrer Umwelt abhängig. Gesundheit und Zuwächse bei fischereilich bedeutenden Arten können durch den Klimawandel in Deutschland beeinflusst werden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten einige kälteliebende Arten wie die Bachforelle aus deutschen Gewässern verschwunden sein. Dazu kämen Krankheitserreger und Parasiten, die von steigenden Temperaturen profitieren.

Handlungsfeld Küsten-und Meeresschutz

Der Klimawandel beeinflusse die Temperatur und dadurch auch die Qualität des Wassers. Steigende Nährstoffkonzentrationen im Meer führen zu Sauerstoffmangel und Versauerung mit negativen Folgen auf marine Ökosysteme. Steigende Meeresspiegel erhöhten die Belastung auf Küstenschutzsysteme, küstennahe Siedlungen und Infrastruktur schützen. Kritische Entwässerungssituationen werden künftig häufiger auftreten.

Handlungsfeld Wasserhaushalt, Wasserwirtschaft

Hitze und Trockenheit beeinflussten die Wasserqualität und schränkten die Binnenschifffahrt und die Kühlwassernutzung von Kraftwerken ein. Durch den Klimawandel in Deutschland wird künftig folglich der Bedarf an bewässerten landwirtschaftlichen Flächen steigen. Angesichts der Tatsache dass nur ein Viertel des in Deutschland bezogenen Produktionswassers zur industriellen Produktion dient und der Rest zum Kühlen von KRaftwerken verbraucht wird, seien in diesem Handlungsfeld vor allem politische Entscheidung hinsichtlich der Weiterentwicklung der Industrieproduktion entscheidend.

Cluster Infrastruktur

Handlungsfeld Bauwesen

Durch den Klimawandel bedingte Stark- und Hochwasserereignisse könnten Gebäude häufiger beschädigt werden. Urbane Flächen würden sich demnach weiter verbreiten und so eine Ausdehnung städtischer Wärmeinseln zur Folge haben. Ohne bauliche Anpassung würde der Klimawandel also vermehrt zu höheren Innenraumtemperaturen führen. Künftig könnten Bautätigkeiten durch Starkwind und -regen sowie Hitze und UV-Strahlung erschwert werden.

Handlungsfeld Energiewirtschaft

Künftig seien ein steigender Bedarf an Kühlenergie und ein sinkender Bedarf an Heizenergie zu erwarten. Regional könnten demnach Lieferketten für fossile Energieträger durch Niedrigwasser beeinflusst werden und Kraftwerke müssten bei geringem Kühlwasserangebot ihre Produktion herunterfahren.

Handlungsfeld Verkehr, Verkehrsinfrastruktur

Hoch- und Niedrigwassereignisse könnten die Binnenschifffahrt zukünftig stärker beeinträchtigen. Durch den Meeresspiegelanstieg seien zudem auch Seefahrtsstraßen und maritime Infrastruktur betroffen. Straßen und Schienen sowie Verkehrsleitsysteme und Stromversorgungsanlagen würden folglich durch Hitze und andere Auswirkungen des Klimawandels unter einem höheren Beschädigungsrisiko leiden.

Cluster Wirtschaft

Handlungsfeld Industrie und Gewerbe

Zukünftig könnten bestimmte Rohstoffe, die aus klimavulnerablen Ländern stammen, schwerer für deutsche Unternehmen zu erhalten sein. Zusätzlich könnte der internationale Warenverkehr stärker durch extremes Wetter beeinträchtigt werden. Hitzewellen könnten außerdem zu Leistungseinbußen von Beschäftigten durch Unfälle oder gesundheitliche Belastungen führen.

Handlungsfeld Tourismuswirtschaft

Die Nutzung touristischer Infrastrukturen im Küstenraum oder auch Skigebiete würden außerdem durch den Klimawandel in Deutschland beeinträchtigt. Chancen hingegen ergäben sich zum Beispiel durch die zu erwartende Verlängerung der Badesaison.

Cluster Gesundheit

Handlungsfeld Menschliche Gesundheit

Die Hitzebelastung auf die Bevölkerung nehme künftig zu, ebenso extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Hagel. Die Pollensaison beginne früher und dauere länger an. Der Klimawandel würde zudem Krankheitserreger wie Vibrionen und Vektoren wie Mücken und Zecken begünstigen.

Die vollständige KWRA finden Sie auf der Homepage des BMU.

Dem Thema „Klimawandel“ widmete sich die G+L in der Maiausgabe 2018. Hier geht es zum Heft.

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Planen mit Biodiversitätszielen – was neue Ökostandards bedeuten

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Grüne Pflanzen auf weißem Beton-Zaun in urbaner Umgebung, fotografiert von Danist Soh.

Mit Biodiversität planen – das klingt nach ökologischer Pflichtübung? Von wegen! Neue Ökostandards sind längst mehr als ein grüner Anstrich für Bebauungspläne. Sie krempeln das Selbstverständnis von Stadt- und Landschaftsplanung um, stellen tradierte Routinen auf den Kopf und fordern ein neues, datenbasiertes Denken. Wer heute mit Biodiversitätszielen arbeitet, plant nicht nur für Artenvielfalt, sondern für lebenswerte, resiliente Städte. Doch was bedeuten die neuen Standards konkret? Welche Chancen, Hürden und Fallstricke bringt der Paradigmenwechsel? Willkommen bei G+L – hier gibt es Antworten, die weitergehen als das übliche Blätterrauschen.

  • Verständnis der Biodiversitätsziele und aktueller Ökostandards in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Analyse der Auswirkungen neuer Standards auf die Praxis von Stadtplanung und Landschaftsarchitektur
  • Einblicke in innovative Planungsinstrumente und Methoden zur Förderung der Artenvielfalt
  • Relevanz von Monitoring, Datenmanagement und digitalen Tools für die Umsetzung von Biodiversitätszielen
  • Herausforderungen durch rechtliche Vorgaben, Zielkonflikte und wirtschaftliche Zwänge
  • Best-Practice-Beispiele aus deutschsprachigen Städten und Gemeinden
  • Diskussion von Governance, Beteiligung und Kooperationsmodellen in der Biodiversitätsplanung
  • Fazit: Warum Biodiversitätsziele die DNA zukunftsfähiger Stadtentwicklung sind

Die neue Agenda: Biodiversitätsziele als Planungsmaßstab

Wer in Deutschland, Österreich oder der Schweiz heute eine Stadt plant oder ein Quartier entwickelt, kommt an einem Begriff nicht mehr vorbei: Biodiversität. Was vor wenigen Jahren noch als Nischenthema von Ökologen und Umweltämtern galt, ist inzwischen zur Leitlinie für die gesamte Planungspraxis avanciert. Biodiversitätsziele sind längst mehr als eine moralische Empfehlung – sie stehen im Zentrum neuer Ökostandards, werden in Landesbauordnungen, Normen und Förderprogrammen verankert und sind Voraussetzung für Fördergelder und Projektzulassungen. Der Handlungsdruck ist hoch: Der dramatische Verlust an Arten und Lebensräumen ist wissenschaftlich belegt und politisch anerkannt. Die EU-Biodiversitätsstrategie, die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt, die Novellierungen des Bundesnaturschutzgesetzes und zahlreiche kommunale Biodiversitätsstrategien setzen verbindliche Ziele – und erwarten deren Umsetzung vor Ort.

Doch was steckt konkret hinter diesen Anforderungen? Biodiversitätsziele meinen nicht bloß den Schutz von seltenen Arten – sie fordern die Sicherung, Entwicklung und Vernetzung von Lebensräumen, die Erhöhung der Strukturvielfalt, die Förderung heimischer Pflanzen und Tiere sowie die Wiederherstellung ökologischer Funktionen im Stadtraum. Städte, Gemeinden und Regionen werden damit zu Akteuren einer groß angelegten ökologischen Transformation. Ökostandards wie die DGNB-Zertifizierung, das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB), das Schweizer Label „Natur & Wirtschaft“ und neue kommunale Satzungen setzen diese Ziele in prüfbare Kriterien um: Anteil naturnaher Flächen, Vernetzung, Habitatqualität, Nutzung heimischer Gehölze, Reduktion von Pestiziden – die Liste wächst stetig.

Für Planer bedeutet das: Biodiversität ist nicht länger ein „Nice-to-have“, sondern ein integraler Bestandteil jeder Entwurfs- und Umsetzungsphase. Die Zeiten, in denen Biodiversität in einem kurzen Absatz des Umweltberichts abgehandelt wurde, sind vorbei. Heute entscheidet sie über die Genehmigungsfähigkeit von Projekten und über die Akzeptanz in der Bevölkerung. Wer hier nicht liefert, läuft Gefahr, Projekte zu verzögern oder gar zu verlieren. Die neuen Standards provozieren ein Umdenken – weg von der reinen Flächenproduktion, hin zur Schaffung funktionaler urbaner Ökosysteme.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig – und sie reichen weit über reine Naturschutzbelange hinaus. Biodiversitätsreiche Städte sind klimaresilienter, gesünder, attraktiver und sozial integrativer. Sie bieten Lebensräume für Mensch und Tier, puffern Hitze, fördern das Wohlbefinden und steigern die Standortqualität. Kurz gesagt: Wer Biodiversität plant, plant Zukunftsfähigkeit. Das hat sich auch in der Politik herumgesprochen – und damit wächst der Erwartungsdruck auf Planungsbüros, Kommunen und Investoren, Biodiversitätsziele nicht nur plakativ zu proklamieren, sondern tatsächlich umzusetzen.

Doch wie funktioniert das konkret? Was bedeuten die neuen Ökostandards für den Alltag von Landschaftsarchitekten, Stadtplanern und Bauträgern? Welche Instrumente, Methoden und Werkzeuge stehen zur Verfügung? Und wie lassen sich Zielkonflikte zwischen Naturschutz, Nutzungsdruck und Wirtschaftlichkeit lösen? Die Antworten darauf bestimmen die Qualität und Wirksamkeit der Biodiversitätsplanung für das nächste Jahrzehnt – höchste Zeit, genauer hinzuschauen.

Ökostandards im Wandel: Von der Checkliste zur systemischen Planung

Die neuen Ökostandards markieren einen Paradigmenwechsel. Während frühere Regelwerke oft auf Einzelmaßnahmen setzten – wie die Pflanzung bestimmter Gehölze oder die Anlage von Blühstreifen – fordern aktuelle Vorgaben einen systemischen Ansatz. Biodiversität wird nicht mehr als additive Maßnahme am Rand betrachtet, sondern als Leitprinzip für die gesamte Planung. Das zeigt sich in der Entwicklung neuer Bewertungssysteme, Zertifizierungen und kommunaler Vorgaben, die Biodiversitätsziele in messbare Indikatoren übersetzen.

Das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) etwa integriert Biodiversität als eigenes Kriterium, das über die reine Flächengröße hinausgeht. Es fragt nach der funktionalen Qualität von Lebensräumen, ihrer Vernetzung und ihrer langfristigen Sicherung. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat das Kriterium „Biodiversität“ in ihr Zertifizierungssystem aufgenommen und fordert unter anderem den Erhalt und die Entwicklung naturnaher Flächen sowie die Integration von Biodiversitätsförderung in den gesamten Planungsprozess. In der Schweiz setzt das Label „Natur & Wirtschaft“ auf die naturnahe Gestaltung von Firmenarealen – mit klaren Vorgaben für Strukturvielfalt, Artenreichtum und Pflegeintensität.

Diese Standards sind kein starres Korsett, sondern eröffnen neue Gestaltungsräume. Sie ermöglichen es, Biodiversitätsziele von Anfang an in die Planung zu integrieren – von der Standortanalyse über die Entwurfsphase bis zum Betrieb. Digitale Tools, wie GIS-basierte Habitatmodelle, Monitoringplattformen und Bewertungssoftware, erleichtern die Erfassung, Bewertung und Entwicklung von Biodiversität im urbanen Raum. Sie machen den ökologischen Fußabdruck von Projekten sichtbar, simulieren Szenarien und ermöglichen eine datenbasierte Steuerung. Der Wandel von der statischen Checkliste zur lernenden Systemplanung ist in vollem Gange – und verändert die Rollen aller Beteiligten.

Doch mit den neuen Standards wächst auch die Komplexität. Planer müssen ökologische Zusammenhänge verstehen, Zielkonflikte mit anderen Nutzungen erkennen und innovative Lösungen entwickeln. Die Integration von Biodiversitätszielen in die Planung erfordert interdisziplinäres Arbeiten, Zusammenarbeit mit Ökologen, Landschaftsplanern, Architekten und Bauherren. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Dokumentation und Monitoring: Nur wer den Nachweis von Biodiversitätsleistungen systematisch führt, kann Fördermittel akquirieren und Projekte erfolgreich abschließen.

Ein zentraler Aspekt ist die Berücksichtigung von Prozesshaftigkeit. Biodiversität entsteht und verändert sich über Jahre und Jahrzehnte. Neue Ökostandards fordern daher nicht nur punktuelle Maßnahmen, sondern langfristige Entwicklungsziele, Pflegekonzepte und Anpassungsfähigkeit. Monitoring wird zur Daueraufgabe – und zur Voraussetzung für adaptives Management. Wer hier digitale Instrumente wie Fernerkundung, Sensordaten und KI-basierte Auswertungen nutzt, verschafft sich einen Vorsprung in der Praxis.

Die Umstellung auf systemische Biodiversitätsplanung ist anspruchsvoll – aber sie eröffnet enorme Potenziale. Sie macht Städte resilienter, Projekte förderfähiger und Standorte attraktiver. Vor allem aber schafft sie neue Freiräume für kreative Lösungen: von artenreichen Dächern und Fassaden über urbane Wildnis bis zu multifunktionalen Freiräumen, die Ökologie, Soziales und Ästhetik verbinden. Der neue Standard ist nicht das Minimum – sondern der Möglichkeitsraum.

Planungsalltag unter neuen Vorzeichen: Chancen, Hürden und Werkzeuge

In der Praxis zeigt sich: Die Integration von Biodiversitätszielen in die Planung bringt neue Chancen – aber auch echte Herausforderungen. Einerseits eröffnen sich Planern neue Möglichkeiten, mit gestalteter Natur zu experimentieren, innovative Lebensräume zu schaffen und das Image von Projekten aufzuwerten. Biodiversitätsfördernde Maßnahmen sind längst ein Verkaufsargument, ein Standortvorteil und ein Beitrag zu Klimaanpassung und Lebensqualität. Wer heute ein Quartier mit durchdachten Grünstrukturen, artenreichen Freiräumen und naturnahen Wasserflächen plant, punktet nicht nur bei Behörden, sondern auch bei Investoren und Nutzern.

Andererseits stellen die neuen Ökostandards die Planungsdisziplinen vor erhebliche Herausforderungen. Die Nachweisführung verlangt detaillierte Kenntnisse über Arten, Lebensräume, ökologische Prozesse und deren Wechselwirkungen mit anderen Nutzungen. Besonders anspruchsvoll ist die Integration von Biodiversitätszielen in dichten, bereits stark genutzten Stadträumen. Hier konkurrieren Wohnungsbau, Verkehr, Freizeit, Gewerbe und Naturschutz um knappe Flächen. Zielkonflikte sind vorprogrammiert – und verlangen kreative, oft unkonventionelle Lösungen.

Ein weiteres Problem ist die Vielfalt der Vorgaben und Zertifizierungen. Unterschiedliche Standards, Zertifikate und Satzungen führen zu Unsicherheiten bei der Planung und Umsetzung. Kommunen setzen eigene Prioritäten, Förderprogramme verlangen unterschiedliche Nachweise, und nicht selten kollidieren ökologische Ziele mit wirtschaftlichen Interessen. Hinzu kommt der hohe Aufwand für Monitoring und Dokumentation: Biodiversität ist kein statischer Wert, sondern muss über Jahre hinweg gesichert, gepflegt und nachgewiesen werden. Das erfordert neue Kompetenzen, Ressourcen und Kooperationsmodelle.

Dennoch gibt es eine wachsende Zahl von Best-Practice-Beispielen, die zeigen, wie Biodiversitätsziele erfolgreich in die Planung integriert werden können. In München etwa wurde das neue Quartier Freiham mit einem umfassenden Biodiversitätskonzept entwickelt, das Lebensräume für seltene Arten, extensive Dachbegrünungen und naturnahe Regenwassermanagementsysteme umfasst. In Zürich setzt die Stadt auf ein digitales Biodiversitätsmonitoring, das die Entwicklung von Grünflächen, Straßenräumen und Gebäudebegrünungen dokumentiert und steuert. In Wien wiederum fördern neue Bebauungspläne explizit die Vernetzung von Biotopflächen und die Begrünung von Innenhöfen, Fassaden und Dächern.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Verbindung von Fachwissen, Innovation und Partizipation. Wer Biodiversitätsziele in die Planung integriert, braucht ökologische Expertise, digitale Tools, interdisziplinäre Zusammenarbeit und offene Kommunikation mit allen Akteuren. Nur so lassen sich die Potenziale der neuen Ökostandards erschließen – und die Herausforderungen meistern, die mit ihrer Umsetzung einhergehen.

Governance, Beteiligung und Daten: Wer steuert die Biodiversitätswende?

Die Umsetzung neuer Biodiversitätsziele stellt nicht nur planerische, sondern auch organisatorische und politische Fragen. Wer trägt die Verantwortung für die Einhaltung der Standards? Wie wird die Qualität der Maßnahmen gesichert? Und wer kontrolliert die Entwicklung über die Lebensdauer eines Projekts hinweg? Die Antwort liegt in einer neuen Governance-Kultur, die klassische Zuständigkeiten überwindet und Biodiversität als Querschnittsaufgabe versteht.

Kommunen sind gefordert, klare Ziele zu formulieren, verbindliche Vorgaben zu machen und die Einhaltung systematisch zu überprüfen. Das gelingt nur mit einer Kombination aus rechtlichen Instrumenten, Förderprogrammen, Monitoring und Transparenz. Neue digitale Werkzeuge, wie Urban Data Platforms, Biodiversitätsdatenbanken und GIS-basierte Monitoringtools, ermöglichen es, Biodiversitätsleistungen zu erfassen, zu visualisieren und zu steuern. Sie machen Fortschritte sichtbar, dokumentieren Zielerreichung und schaffen eine Grundlage für adaptive Steuerung. Doch damit diese Instrumente wirken, braucht es klare Datenstandards, offene Schnittstellen und eine Kultur der Kooperation zwischen Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Beteiligung wird zum Erfolgsfaktor. Biodiversitätsplanung kann nur gelingen, wenn sie von Anfang an partizipativ gestaltet wird. Bürger, Nutzer, Vereine und lokale Akteure müssen in die Entwicklung, Umsetzung und Pflege eingebunden werden. Das stärkt die Akzeptanz, erhöht die Pflegebereitschaft und erschließt lokales Wissen, das in keiner Datenbank zu finden ist. Digitale Beteiligungsplattformen, Apps zur Artenkartierung und partizipative Monitoring-Initiativen sind hier wichtige Bausteine. Sie machen Biodiversität erlebbar, schaffen Transparenz und fördern ein gemeinsames Verantwortungsgefühl.

Eine besondere Herausforderung bildet der Umgang mit Daten: Datenschutz, Datenqualität, Aktualität und Zugänglichkeit sind zentrale Fragen. Wer die Biodiversitätswende erfolgreich steuern will, muss sicherstellen, dass Daten offen, nachvollziehbar und für alle relevanten Akteure nutzbar sind. Gleichzeitig gilt es, Missbrauch und Kommerzialisierung zu verhindern. Open-Source-Lösungen, offene Datenplattformen und klare Governance-Strukturen sind daher unverzichtbar.

Schließlich ist auch die Finanzierung ein zentrales Thema. Biodiversitätsfördernde Maßnahmen kosten Geld – ihre Finanzierung muss langfristig gesichert sein. Hier sind neue Modelle gefragt: von Biodiversitätsfonds über Kooperationsverträge bis zu öffentlich-privaten Partnerschaften. Wichtig ist, dass Biodiversität nicht als Kostenfaktor, sondern als Wertschöpfungstreiber verstanden wird. Studien zeigen: Biodiversitätsreiche Städte sind attraktiver, gesünder und wirtschaftlich erfolgreicher. Wer in Biodiversität investiert, investiert in die Zukunftsfähigkeit des eigenen Standorts.

Die Steuerung der Biodiversitätswende ist komplex – aber sie birgt enorme Potenziale. Sie stärkt die Resilienz von Städten, fördert soziale Innovationen und schafft neue Freiräume für Gestaltung und Teilhabe. Die Frage ist nicht mehr, ob wir mit Biodiversitätszielen planen – sondern wie wir sie intelligent, wirkungsvoll und dauerhaft umsetzen.

Fazit: Biodiversitätsziele sind die neue DNA zukunftsfähiger Städte

Die Integration von Biodiversitätszielen und neuen Ökostandards in die Stadt- und Landschaftsplanung ist mehr als ein Trend – sie ist ein Paradigmenwechsel. Sie fordert ein neues Selbstverständnis der Planungsdisziplinen, neue Kompetenzen, neue Instrumente und neue Kooperationen. Wer heute mit Biodiversitätszielen plant, gestaltet nicht nur artenreiche Lebensräume, sondern schafft resiliente, attraktive und lebenswerte Städte für die kommenden Generationen.

Die neuen Ökostandards sind dabei Herausforderung und Chance zugleich. Sie verlangen mehr als das Abhaken von Listen – sie fordern systemisches Denken, interdisziplinäres Arbeiten und die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen. Monitoring, digitale Tools und partizipative Ansätze sind dabei ebenso unverzichtbar wie rechtliche Klarheit, offene Daten und neue Finanzierungsmodelle. Die Praxis zeigt: Wo Biodiversitätsziele ernst genommen werden, entstehen innovative Projekte, neue Allianzen und eine starke Identifikation mit dem Ort.

Natürlich gibt es Zielkonflikte, Unsicherheiten und Widerstände – aber sie sind kein Grund, die Transformation zu vertagen. Im Gegenteil: Gerade in der Verbindung von Ökologie, Gestaltung und Partizipation liegen die größten Potenziale für zukunftsfähige Stadtentwicklung. Die Biodiversitätsplanung ist kein Add-on, sondern ein zentrales Element nachhaltiger Transformation – und sie wird in den kommenden Jahren zum Maßstab für Qualität und Innovation.

Die Botschaft ist klar: Wer in der Planungspraxis auf Biodiversität setzt, gestaltet nicht nur grüne Oasen, sondern legt das Fundament für resiliente, gesunde und lebenswerte Städte. Die Zeit der Ausreden ist vorbei – jetzt ist die Zeit für echte, systemische Biodiversitätsplanung. G+L bleibt dran – und liefert die Expertise, die es dafür braucht.

Margitta Buchert: Landschaftlichkeit als Architekturidee – Buchrezension

Eine mit hellen Betonplatten belegte Platzfläche erstreckt sich vor einem blaugrauen Himmel, einem kleinen See und bewaldeten Hügeln, die zum Wasser abfallen. Margitta Buchert, Landschaftlichkeit als Architekturidee. Cover ©JOVIS
Margitta Buchert, Landschaftlichkeit als Architekturidee. Cover © JOVIS

In ihrem Buch setzt sich Margitta Buchert, wie auch der Titel verrät, mit Landschaftlichkeit auseinander – was sie bedeuten und wie sie in der Architekturpraxis angewendet werden kann. Welche Architekt*innen sich bei den Beispielprojekten finden und welchen spannenden Fakt das Buch zu Singapur bereithält, erfahren Sie in unserer Rezension.

Worum es geht: 

Das Buch spürt der Frage nach, was Landschaftlichkeit bedeutet und wie sie als Konzept  in der Architekturpraxis Anwendung finden kann. Unter den Überbegriffen Urbane Dimensionen, Grüne Architektur: Grüne Stadt und Raumformation und Material beschreibt Margitta Buchert unterschiedliche Interpretationen von Landschaftlichkeit. Zu den Themenkomplexen sammelt sie herausragende Beispielprojekte namhafter Architekt*innen. Dabei sind MVRDV ebenso vertreten wie Stefano Boeri Architetti oder Peter Zumthor. Durch die Varianz an Projekten und Entwurfshaltungen wird deutlich, wie vielfältig das Verständnis von Landschaftlichkeit ist. Buchert gelingt es so, die Relevanz und das Potential des Konzeptes herauszukehren.

Was die Autorin auszeichnet:

Margitta Buchert wurde 2000 als Dozentin für Architektur und Kunst des 20./21. Jahrhunderts an die Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover berufen. Ihr Schwerpunkt liegt auf Inhalten zu Reflexivem Entwerfen, Urbaner Architektur sowie Ästhetik und Kontextualität von Architektur, Kunst, Stadt und Natur. Sie engagiert sich international, beispielsweise im Forschungsnetzwerk Communities of Tactit Knowledge.

Das ist eine tolle Aussage:

„So ist das Entwerfen vor Ort mit dem Wissen um viele andere Orte verbunden.“ (Seite 233)

Das ist eine Aussage, die nachhallt:

„Nicht skulpturale Objekthaftigkeit, vielmehr strukturell und materialästhetisch komplexe Relationen von Innen und Außen sowie unterschiedliche Grade von ‚zurückhaltender‘ Mannigfaltigkeit, Überschneidung und Intensivierung treten in den Vordergrund im Sinne von Raumformationen und Materialist, die den wahrnehmenden Menschen umgeben.“ (Seite 298)

Der Klappentext wird erfüllt, weil …

Der Klappentext verspricht eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Konzept der Landschaftlichkeit durch diverse Projekte und Architekturverständnisse. Dies erfüllt das Buch.

Mit diesem Wissen aus dem Buch kann man angeben:

Ein spannender Fakt ist, dass in Singapur eine sogenannte Landscape Replacement Strategie besteht. Diese schreibt vor, dass bei einem Bauvorhaben 100 Prozent der Grundstücksfläche direkt durch Grün im Gebäudekontext zurückgegeben werden muss.

Mehr Klassiker als Trend, weil …

…es einen guten Überblick zur Thematik der Landschaftlichkeit gibt. Die Ausführungen zu den Aspekten Urbane Assemblage, Nachhaltigkeit und Biophilie und Topologie und Atmosphäre vermitteln ein grundlegendes Verständnis.

In Kürze

Haptik: Das Buch mit hellblauem Softcover-Einband liegt stabil in der Hand. Die höhere Papierstärke erzeugt einen hochwertigen Eindruck.

Design: Das Layout ist klar gegliedert, die Texte jeweils auf Englisch und Deutsch mit den ergänzenden Bildinhalten übersichtlich angeordnet.

Lesefluss: Margitta Buchert findet eine verständliche, zuweilen wissenschaftliche, zuweilen poetische Sprache. Die Abfolge aus Büro- und Projektbeschreibungen mit allgemeinen Konzepterklärungen ermöglichen ein kurzweiliges Leseerlebnis.

Bildsprache: Grafiken und Bilder illustrieren die Projekte reichhaltig. So werden die jeweils besprochenen Interpretationen der Landschaftlichkeit erkennbar.

Information: Die Projektbeschreibungen werden jeweils durch Einleitungen und Resümees zu jeweiligen Themenkomplex ergänzt. So wird eine umfassende Sichtweise auf die Thematik möglich.

Was sonst noch wichtig wäre:

Das Buch spricht sich für neue Herangehensweisen in der Gestaltungspraxis aus. Landschaftlichkeit ist dabei keine finale Theorie oder Allzwecklösung, sondern kann als Prozess dienen, mit den Herausforderungen der Zukunft kontextgerecht umzugehen. Margitta Buchert gelingt damit eine inspirierende Besprechung.

Mehr spannender Lesestoff: In seinem Buch „Zweifellos“ geht Ton Matton auf generelle Entwicklungen sowie eigene Erfahrungen bei Stadtplanungsprozessen ein. Die Rezension zu dem Buch finden Sie hier.