Klimawandel Deutschland: Neue Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes

Dan Gold

Cluster Land

Am 14. Juni 2021 stellte Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt die Ergebnisse der Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA) des Bundes vor. Die Message: Wenn es so weiter geht, werden die Risiken durch Hitze, Trockenheit und Starkregen durch den Klimawandel in Deutschland stark ansteigen. Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse hier nochmal für Sie zusammengefasst.

Zum zweiten Mal seit 2015 wurden mit der Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 die durch den Klimawandel in Deutschland verursachten zukünftigen Risiken genauer unter die Lupe genommen. Sind bisher nur wenige Gebiete in Deutschland mit den Auswirkungen des Klimawandels wie Dürren oder Überschwemmungen betroffen, könnte das schon zur Mitte des Jahrhunderts ganz anders aussehen. Im Folgenden fassen wir Ihnen die Erkenntnisse der KWRA in den drei Clustern „Land“, „Wasser“ und „Infrastruktur“ zusammen:

Handlungsfeld Biologische Vielfalt

Der Klimawandel in Deutschland habe für eine Mehrzahl der Lebewesen eine Veränderung der Vegetationsperiode und Phänologie zur Folge. Asynchronitäten dieser Veränderungen zwischen verschiedenen Spezies führen dazu, dass Nahrungsketten durcheinander geraten und dadurch die Bestäubung und das Aufkommen von Schädlingen beeinflussen. Wärmeliebende Invasivarten können sich durch die Folgen des Klimawandels in Deutschland stärker ausbreiten, wovon folglich besonders urbane und verkehrsträgernahe Räume betroffen seien. Auch die Zusammensetzung heimischer Arten werde vom Klimawandel zugunsten der wärmeliebenden beeinflusst. Sowohl Feuchtgebiete, alpine Lebensräume als auch der Wald werden durch die Klimaerwärmung degradiert.

Handlungsfeld Boden

Sich durch den Klimawandel in Deutschland verändernde Niederschlagsmuster mit extremeren Trockenperioden, Starkregen- und Starkwindereignissen verstärken die Bodenerosion und wirken sich negativ auf die Wasserkapazität des Oberbodens aus.

Handlungsfeld Landwirtschaft

Der Klimawandel beeinflusse die landwirtschaftliche Produktionsleistung. Höhe und Qualität des Ertrages hingen davon ab, wie gut das Klima sich innerhalb eines für jedes Lebewesens unterschiedlichen Optimums bewege. Die Milchleistung und -qualität von Kühen ginge schon bei geringem Hitzestress zurück. Ebenso zurück ginge das Wachstum von Schweinen und die Legeleistung von Hühnern. Pflanzen litten sowohl unter Hitzestress als auch unter der folgenden Trockenheit, wohingegen Schädlinge von höheren Temperaturen profitieren würden. Zukünftig könnte der Klimawandel nach der KWRA häufigere Ernteausfälle und eine geringere Qualität mancher landwirtschaftlicher Produkte zur Folge haben.

Handlungsfeld Wald-und Forstwirtschaft

Hitze und Trockenstress erhöhten die Empfindlichkeit von Bäumen gegenüber anderen Stressoren wie Starkwind, Waldbrand oder Schädlingsbefall (mehr zur Situation deutscher Wälder hier). Qualität und Preis von Holz können sich zukünftig durch den Klimawandel negativ verändern. Als immer beliebter werdender Freizeit- und Zufluchtsort bei Hitzetagen könne der Nutzungsdruck auf gesunde Wälder steigen.

Cluster Wasser

Handlungsfeld Fischerei

Als wechselwarme Tiere seien Fische stark von ihrer Umwelt abhängig. Gesundheit und Zuwächse bei fischereilich bedeutenden Arten können durch den Klimawandel in Deutschland beeinflusst werden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten einige kälteliebende Arten wie die Bachforelle aus deutschen Gewässern verschwunden sein. Dazu kämen Krankheitserreger und Parasiten, die von steigenden Temperaturen profitieren.

Handlungsfeld Küsten-und Meeresschutz

Der Klimawandel beeinflusse die Temperatur und dadurch auch die Qualität des Wassers. Steigende Nährstoffkonzentrationen im Meer führen zu Sauerstoffmangel und Versauerung mit negativen Folgen auf marine Ökosysteme. Steigende Meeresspiegel erhöhten die Belastung auf Küstenschutzsysteme, küstennahe Siedlungen und Infrastruktur schützen. Kritische Entwässerungssituationen werden künftig häufiger auftreten.

Handlungsfeld Wasserhaushalt, Wasserwirtschaft

Hitze und Trockenheit beeinflussten die Wasserqualität und schränkten die Binnenschifffahrt und die Kühlwassernutzung von Kraftwerken ein. Durch den Klimawandel in Deutschland wird künftig folglich der Bedarf an bewässerten landwirtschaftlichen Flächen steigen. Angesichts der Tatsache dass nur ein Viertel des in Deutschland bezogenen Produktionswassers zur industriellen Produktion dient und der Rest zum Kühlen von KRaftwerken verbraucht wird, seien in diesem Handlungsfeld vor allem politische Entscheidung hinsichtlich der Weiterentwicklung der Industrieproduktion entscheidend.

Cluster Infrastruktur

Handlungsfeld Bauwesen

Durch den Klimawandel bedingte Stark- und Hochwasserereignisse könnten Gebäude häufiger beschädigt werden. Urbane Flächen würden sich demnach weiter verbreiten und so eine Ausdehnung städtischer Wärmeinseln zur Folge haben. Ohne bauliche Anpassung würde der Klimawandel also vermehrt zu höheren Innenraumtemperaturen führen. Künftig könnten Bautätigkeiten durch Starkwind und -regen sowie Hitze und UV-Strahlung erschwert werden.

Handlungsfeld Energiewirtschaft

Künftig seien ein steigender Bedarf an Kühlenergie und ein sinkender Bedarf an Heizenergie zu erwarten. Regional könnten demnach Lieferketten für fossile Energieträger durch Niedrigwasser beeinflusst werden und Kraftwerke müssten bei geringem Kühlwasserangebot ihre Produktion herunterfahren.

Handlungsfeld Verkehr, Verkehrsinfrastruktur

Hoch- und Niedrigwassereignisse könnten die Binnenschifffahrt zukünftig stärker beeinträchtigen. Durch den Meeresspiegelanstieg seien zudem auch Seefahrtsstraßen und maritime Infrastruktur betroffen. Straßen und Schienen sowie Verkehrsleitsysteme und Stromversorgungsanlagen würden folglich durch Hitze und andere Auswirkungen des Klimawandels unter einem höheren Beschädigungsrisiko leiden.

Cluster Wirtschaft

Handlungsfeld Industrie und Gewerbe

Zukünftig könnten bestimmte Rohstoffe, die aus klimavulnerablen Ländern stammen, schwerer für deutsche Unternehmen zu erhalten sein. Zusätzlich könnte der internationale Warenverkehr stärker durch extremes Wetter beeinträchtigt werden. Hitzewellen könnten außerdem zu Leistungseinbußen von Beschäftigten durch Unfälle oder gesundheitliche Belastungen führen.

Handlungsfeld Tourismuswirtschaft

Die Nutzung touristischer Infrastrukturen im Küstenraum oder auch Skigebiete würden außerdem durch den Klimawandel in Deutschland beeinträchtigt. Chancen hingegen ergäben sich zum Beispiel durch die zu erwartende Verlängerung der Badesaison.

Cluster Gesundheit

Handlungsfeld Menschliche Gesundheit

Die Hitzebelastung auf die Bevölkerung nehme künftig zu, ebenso extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Hagel. Die Pollensaison beginne früher und dauere länger an. Der Klimawandel würde zudem Krankheitserreger wie Vibrionen und Vektoren wie Mücken und Zecken begünstigen.

Die vollständige KWRA finden Sie auf der Homepage des BMU.

Dem Thema „Klimawandel“ widmete sich die G+L in der Maiausgabe 2018. Hier geht es zum Heft.

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Rigole: Innovative Entwässerungskonzepte

Rigolen dienen als unterirdische Speicherstrukturen, die das Regenwasser aufnehmen und langsam wieder abgeben. Credit: Wikicommons

Die zunehmende Urbanisierung und der Klimawandel stellen Städte weltweit vor enorme Herausforderungen im Bereich der Entwässerung. Starkregenereignisse und steigende Fluten gefährden die Infrastruktur und die Lebensqualität der Bewohner. Eine innovative Lösung zur Bewältigung dieser Herausforderungen sind Rigolen, die sich immer mehr als nachhaltige Entwässerungslösungen etablieren. Sie bieten eine umweltfreundliche Möglichkeit, überschüssiges Regenwasser zu speichern und kontrolliert abzuleiten.

Was sind Rigolen?

Rigolen sind unterirdische Speicherstrukturen, die überschüssiges Regenwasser aufnehmen, speichern und langsam wieder abgeben. Sie bestehen aus einer Schicht von durchlässigem Material, das es dem Wasser ermöglicht, in den Boden zu versickern, statt es in die Kanalisation zu leiten. In vielen Fällen sind Rigolen als Teil eines versickerungsfähigen Entwässerungssystems konzipiert, das auch natürliche Ressourcen wie Boden und Pflanzen in den Wasserhaushalt mit einbezieht.

Im Wesentlichen handelt es sich bei Rigolen um versickerungsfähige Regenwasserspeicher, die in städtischen Gebieten als effiziente Lösung zur Entwässerung und Flutprävention dienen. Sie bestehen typischerweise aus folgenden Bestandteilen:

  1. Einlasssysteme: Diese leiten das Regenwasser in die Rigole. Das kann über Rinnen, Schachtabdeckungen oder Kanäle geschehen.
  2. Speicherbereich: Dieser Teil der Rigole besteht aus einem durchlässigen Material wie Schotter oder Kies, das das Wasser speichert und für die Versickerung vorbereitet.
  3. Filter- oder Geotextilschicht: Diese Schicht verhindert das Eindringen von Schmutz oder Sedimenten, die das System verstopfen könnten.
  4. Auslasssystem: Ein kontrollierter Ablauf ermöglicht die langsame und dosierte Abgabe des Wassers in den Boden oder in die Kanalisation, um Überlastungen zu vermeiden.

Wie funktionieren Rigolen?

Rigolen arbeiten nach einem einfachen, aber effektiven Prinzip: Sie sammeln überschüssiges Regenwasser und leiten es in den Boden, wo es entweder versickern kann oder nach und nach in das Grundwasser abfließt. Das Prinzip basiert auf der natürlichen Fähigkeit des Bodens, Wasser zu filtern und zu speichern.

  1. Wasseraufnahme: Regenwasser wird über die Einlasssysteme in die Rigole geleitet.
  2. Speicherung: Das Wasser wird in den durchlässigen Speicherschichten der Rigole gesammelt, die es vorübergehend speichern, während es auf die Versickerung wartet.
  3. Versickerung: Das Wasser versickert langsam in den Boden, wodurch der Druck auf die Kanalisation und die Gefahr von Überschwemmungen reduziert wird.
  4. Langsame Abgabe: Falls die Speicherkapazität der Rigole überschritten wird, sorgt der Auslass dafür, dass das überschüssige Wasser kontrolliert abfließt.

Die Geschwindigkeit der Versickerung hängt von der Bodenbeschaffenheit und der Kapazität der Rigole ab. Durch diese langsame und gezielte Abgabe wird der Wassermengenabfluss reguliert und gleichzeitig das Risiko von Erosion und Überschwemmungen minimiert.

Vorteile von Rigolen für die nachhaltige Entwässerung

Die Nutzung von Rigolen zur Entwässerung städtischer Gebiete bietet zahlreiche Vorteile:

  1. Vermeidung von Überschwemmungen: Rigolen verringern die Belastung der städtischen Kanalisation, da sie einen Teil des Regenwassers aufnehmen und die Abflüsse verzögern. Dadurch wird das Risiko von Überschwemmungen nach Starkregenereignissen verringert.
  2. Förderung der Grundwasserneubildung: Durch die Versickerung des Regenwassers wird das Grundwasser aufgefüllt, was besonders in Gebieten mit Wasserknappheit von Bedeutung ist.
  3. Reduzierung der Belastung für die Kanalisation: Rigolen verringern die Notwendigkeit, teure und energieintensive Abwassersysteme auszubauen, da sie den Wasserabfluss effizient steuern und die Belastung der Kanäle mindern.
  4. Förderung der Biodiversität: Die Speicherung von Regenwasser kann zur Begrünung von städtischen Flächen und zur Förderung von Grünflächen führen, was das Stadtklima verbessert, und die Lebensqualität erhöht.
  5. Kosteneffizienz: Im Vergleich zu herkömmlichen Entwässerungssystemen sind Rigolen kostengünstiger, da sie wenig Wartung benötigen und einfach in städtische Infrastrukturen integriert werden können.

Integration von Rigolen in den urbanen Raum

Die Integration von Rigolen in den urbanen Raum erfordert eine sorgfältige Planung und Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten. In Städten, in denen der Boden wenig durchlässig ist oder in denen der Platz begrenzt ist, müssen alternative Lösungen wie Rigolen mit wasserdurchlässigen Betonplatten oder speziellen Materialien erwogen werden, die eine gute Wasseraufnahme ermöglichen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kooperation zwischen Stadtplanern, Ingenieuren und der Bevölkerung. Oftmals müssen Rigolen in Kombination mit anderen nachhaltigen Entwässerungslösungen wie Gründächern, Regentonnen oder Versickerungsmulden eingesetzt werden, um eine umfassende Lösung für die Regenwassernutzung zu schaffen.

Beispiele erfolgreicher Rigolen-Installationen

  1. Köln, Deutschland: In Köln wurden Rigolen in verschiedenen Stadtteilen installiert, um die Kanalisation zu entlasten und Überschwemmungen bei Starkregen zu verhindern. Ein besonders erfolgreiches Beispiel ist das „Grüne Band“ in Köln, wo Rigolen Teil eines umfassenden Entwässerungskonzepts sind, das auch Grünflächen und nachhaltige Stadtentwicklung berücksichtigt.
  2. New York City, USA: In New York wurden Rigolen in mehreren Stadtteilen als Teil des Projekts „Green Infrastructure“ integriert. Dies hat zu einer erheblichen Reduzierung der Oberflächenabflüsse geführt und dabei geholfen, die Kanalisation in Spitzenzeiten zu entlasten.
  3. London, Großbritannien: In London wurde das „Sustainable Drainage Systems (SuDS)“-Programm ins Leben gerufen, bei dem Rigolen in mehreren Neubaugebieten und öffentlichen Plätzen installiert wurden. Dies trägt dazu bei, den Wasserabfluss zu steuern und die Auswirkungen von Starkregen zu mildern.
  4. Singapur: Singapur hat Rigolen als Teil seiner umfassenden Strategie zur Verbesserung des urbanen Wassermanagements eingeführt. Hier werden Rigolen oft mit anderen Lösungen wie Regenwasserspeichern und Gründächern kombiniert, um die Stadt gegen Überschwemmungen zu wappnen.

Fazit

Rigolen sind eine vielversprechende Lösung für die nachhaltige Entwässerung von Städten, die durch Starkregen und Urbanisierung zunehmend mit Überschwemmungen zu kämpfen haben. Sie bieten nicht nur ökologische Vorteile, indem sie die Wasseraufnahme und -speicherung im Boden fördern, sondern tragen auch zur Verringerung der Belastung von Kanalisation und Infrastruktur bei. Die Integration von Rigolen in städtische Entwässerungssysteme ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer nachhaltigen und klimaresilienten Stadtentwicklung.

Mehr zum Thema und unserer Kampagne STOP THE FLOOD hier. 

„The Invisible Street“ von Vogt Landschaftsarchitekten

Ausstellungseröffnung am 5. Mai

Ausstellungseröffnung am 5. Mai (Foto: © Till Budde)

Vogt Landschaftsarchitekten kuratieren Ausstellung in Berlin: In der Architektur Galerie Berlin findet noch bis zum 11. Juni die Ausstellung „The Invisible Street“ statt. Die große Frage der Ausstellung lautet: Was ist eine Straße? Präsentiert werden Ergebnisse explorativer Erkundungen in Paris, Berlin, London und Zürich.

Die Straße ist ein öffentlicher Raum des Alltags. Jeden Tag nutzen ihn tausende Menschen auf vielfältige Weise. Dabei ist die Straße weit mehr als nur eine verknüpfende Linie von A nach B. Auch wenn sie beim täglichen Gang zur Arbeit – gerade im motorisierten Straßenverkehr – diese Transitfunktion einnehmen mag. Die Bedeutung der Straße für das Stadtbild und somit auch für das soziale Gefüge einer Stadt wird auf vielen Ebenen unterschätzt. Vogt Landschaftsarchitekten wollen das mir ihrer Ausstellung „Die unsichtbare Straße“ ändern. Darin tragen sie Kamera- und Tonaufnahmen zusammen, aus denen die Komplexität des Systems Straße sich zusammensetzt. Es wird die wechselseitige Beziehung diverser Faktoren wie Flora, Fauna, Geräusch und Geruch beleuchtet. Die Eröffnung der Sammlung fand am Donnerstag, den 05. Mai, mit einer Einführung durch den Soziologen und Stadtforscher der ETH Zürich, Christian Schmid, statt. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum Samstag, den 11. Juni in der Architektur Galerie Berlin.

Explorationen in Paris, London, Zürich und Berlin

Um sich dem Thema anzunähern, wählten Vogt Landschaftsarchitekten vier exemplarische Untersuchungsräume aus, die sie anschließend bis ins kleinste Detail zu erfassen versuchten. Die Standorte liegen in den Hauptstädten Frankreichs, Großbritanniens, der Schweiz und Deutschlands. Die Auswahl kommt dabei nicht von ungefähr. In allen Städten unterhält Vogt Landschaftsarchitekten Büroniederlassungen. Vor Ort wählten sie bekannte Straßenzüge aus, die sie mit Lupe, Fernrohr, Kamera und Mikrofon im Sinne eines Field-Trips dokumentierten. Vogt Landschaftsarchitekten spricht von einer provokativen Exploration des Straßenraumes. Und auch Besucher*innen in der Ausstellung können die Avenue des Champs-Élysées in Paris, die Whitechapel Road in London, die Bahnhofstrasse in Zürich und die Karl-Marx-Allee in Berlin auf ungewöhnliche Art und Weise erfahren. Im wahrsten Sinne des Wortes soll das Publikum einen Blick hinter den Vorhang werfen, um so das primär nicht Sichtbare selbst zu entdecken. Die Herangehensweise und der Ausstellungsaufbau verdeutlichen die Haltung und Arbeitsweise von Vogt Landschaftsarchitekten.

Fusion von Wissenschaft und Gestaltung

Dabei steht der Austausch zwischen verschiedenen Disziplinen ebenso im Vordergrund wie ein wissensbasierter Entwurfsprozess. Seit 2005 lehrt und forscht Günther Vogt an der ETH Zürich. Die Zusammenkunft von Wissenschaft und Praxis im Büro verleiht Projekten eine sinnhafte Tiefe. Im Vogt Case Studio finden Forschung und Ausstellung zueinander. In der Vergangenheit konnten bereits andere spannende Expositionen kuratiert werden. Die neue Ausstellung will nun ein Licht auf den Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung des Straßenraumes werfen. Obwohl die Straße einst als Repräsentation der Vielseitigkeit und Intensität des urbanen Lebens galt, fände sie in der zeitgenössischen Planung kaum mehr Beachtung. Nach 1945 lag der Fokus auf dem Wiederaufbau, daran anschließend kam das Paradigma der autogerechten Stadt auf.  Die Gestaltung und Nutzbarkeit für den Menschen außerhalb des Automobils war dabei Nebensache. Nun sei die Zeit gekommen, den Raum neu zu bewerten. Als wesentliches Element der Stadt müssten die innewohnenden Potentiale zukünftig deutlich mehr ausgeschöpft werden.

Vogt Landschaftsarchitekten wollen Wahrnehmung schärfen

Der Straße sollten wieder die Aufgaben eines sozialen Raumes zugestanden werden.  Das Freiraumgefüge der Stadt besteht schließlich nicht nur aus Parks, Grünanlagen und Plätzen. Das feine Netz aus Wegen, das alle diese Komponenten verbindet, ist ebenso bedeutsam. Die Ausstellung versucht, den Besucher*innen diese Bedeutsamkeit wieder bewusst zu machen. Klimangepasste Planung sieht Vogt Landschaftsarchitekten dabei als wesentliches Schlagwort. Nur durch einen Wandel in der Ausgestaltung des Straßenraumes könne das Ziel einer nachhaltigen und lebenswerten Stadt erreicht werden. Die Position des Büros vertritt Günther Vogt auch bei einer Diskussion vor Ort, am Donnerstag, den 09. Juni, gemeinsam mit der Architektin Silvia Malcovati von der FH Potsdam und dem Verleger Lars Müller. Ein Besuch der Ausstellung ist Dienstag bis Freitag von 14 bis 19 Uhr und Samstags von 12 bis 18 Uhr möglich. Zeit, sich selbst ein Bild zu machen und die unsichtbare Straße in der eigenen Wahrnehmung um das primär nicht Sichtbare zu erweitern.

Das könnte Sie ebenfalls interessieren? Fest, Flüssig, Biotisch – ein Buch mit Beiträgen von Vogt Landschaftsarchitekten im Rahmen der Architekturbiennale 2021 in Venedig.