Klimawende: Wie gelingt sie?

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Göttingen, 14. Februar 2021: Die Niedrigsttemperatur beträgt minus 23,8 Grad. Göttingen, eine Woche später, 21. Februar 2021: Die Höchsttemperatur liegt bei plus 18,1 Grad. Innert einer Woche stieg die Temperatur um 41,9 Grad. Ein historischer Temperaturanstieg – und leider nicht der einzige wetterbezogene Rekord der letzten Zeit. Die Rekorde reihten sich bereits letztes Jahr aneinander: Wir hatten weltweit den wärmsten ­September seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, den heißesten Oktober Europas und weitere Temperaturrekorde im November. Gleichzeitig verzeichnete Deutschland das dritte Dürrejahr in Folge, während die Starkregenereignisse weiterhin zunahmen. Wie reagiert die Planung auf den Klimawandel? Und was müssen wir tun, um die Klimawende zu unter­stützen? ­Stimmen aus der Profession und Projektbeispiele geben Antworten.

Klimawende in Friedrichshafen: ­ klimaneutral bis 2050

„Wir haben gesehen, wie das Eis der Arktis stirbt.” Das sagte Markus Rex, der Expeditions­leiter der Polarstern, Mitte Oktober, nachdem sein Team und er fast ein Jahr im Eis des Nordpolarmeers verbracht hatten. Ein eindrücklicher Satz, der hängen bleibt. Und es ist nicht nur das Polareis, das schmilzt – so weit muss man nicht reisen. Auch die Gletscher in den Alpen werden zu Wasser. Die Pasterze am Großglockner, der größte Gletscher Österreichs, wird wahrscheinlich in 40 Jahren nicht mehr existieren. Sind wir also die letzte Generation, die Gletscher kennt?

Fest steht: Es wird wärmer auf der Erde. Und das ist weder nur ein Gefühl noch die Beobachtung eines Jahres. Beides taugt nicht, um eine handfeste Aussage zu treffen. Sehr wohl aber der Temperaturvergleich mit einem zurückliegenden Zeitraum. Inter­national üblich ist, sich auf die Referenz­periode von 1961 bis 1990 zu beziehen. Und da zeigt sich: Es gab immer Ausreißer nach oben und nach unten, aber die Temperaturkurve stieg beständig an. 2019 lag die Durchschnittstemperatur laut Bundes­umweltamt bereits um 0,74 Grad über dem Mittelwert des Referenzzeitraums.

Die Auswirkungen reichen von Hitze­sommern über Starkregen bis hin zu steigendem Meeresspiegel. Erst jüngst meldete der Spiegel, dass der kleine Küstenort Fairbourne in Wales umgesiedelt wird – es ist zu aufwendig, die Menschen dort langfristig vor dem Wasser zu schützen. Und wie unter einem Brennglas zeigen sich die Auswirkungen in unseren Städten, wo in heißen Sommern die Hitze über dem Asphalt flirrt und in regnerischen Früh­jahren das Wasser die Kanalisation zum Überlaufen bringt.

Es geht daher darum, die Städte resilient zu machen, also widerstandsfähig: um Anpassungsstrategien. Nicht um Klimaschutz? „Die Übergänge von Klimaanpassung zu Klimaschutz sind fließend“, sagt Edith Schütze von faktorgruen. Im Klimaschutz geht es vor allem darum, Emissionen zu vermeiden, das sei weniger das Metier der Landschafts­architekten. Anders sieht es bei der Klima­anpassung aus. „Und letztlich trägt jeder Baum, der gepflanzt wird, um Schatten zu spenden, auch zum Klimaschutz bei“, konstatiert Schütze.

Klimawende planen: Gelungene Beispiele existieren

Seit drei Jahren erarbeitet das Freiburger Büro Anpassungskonzepte für Kommunen. Immer wieder höre sie, dass Anpassung zu defensiv sei. Doch auch diese Maßnahmen reichen in die Zukunft: „Sie wirken sich unmittelbar auf unsere gebaute Umwelt aus, auf alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Und können Impulse geben.“ So wie in Friedrichshafen. Die von Industrie geprägte Stadt am Bodensee hat die Klimastrategie gerade verabschiedet. Ihr Ziel: bis 2050 klimaneutral werden. In allen Bereichen, von Verkehr über Bauen bis hin zu Wohnen, geht in der Stadt künftig nichts mehr, ohne die Auswirkungen für das Klima zu beachten. Dafür wurden drei neue Stellen geschaffen. 

Schwammstadt im Schumacher Quartier

Doch natürlich ist es mit neuen Stellen nicht getan. Dass es einiges an Engagement braucht, um Klimaanpassung und Klimaschutz als Routine in den Abläufen einer Stadtverwaltung zu implementieren, weiß auch Carlo W. Becker von bgmr aus Berlin. Er sieht in Vorhaben wie dem STEP Klima 2.0, den das Büro derzeit für und mit der Stadt Berlin erarbeitet, daher vor allem auch eine Kommunikationsstrategie auf allen Fachebenen bis hinein in die Politik. Es gelte, sich in einem ersten Schritt erstmal auf Pilotprojekte zu verständigen, um die neuen Ansätze zu üben. Das sei insbesondere wichtig, weil Klimaanpassung die Oberfläche der gesamten Stadt betrifft und damit viele Fachdisziplinen ineinandergreifen.

Ge­lungene Beispiele, die das zeigen, gibt es bereits, zumal in Berlin: Dort entstand vor 20 Jahren das Urbane Gewässer am ­Potsdamer Platz, entworfen vom Büro Dreiseitl. Eines der ersten Regenwasser­projekte, das zeigt, wie es funktionieren kann, unabhängig von der Kanalisation zu entwässern. Ebenso der Stadtteil Adlershof, wo ein Großteil des Regenwassers nicht in die Kanalisation, sondern in Mulden fließt. 

Noch in der Planung befindet sich das Schumacher Quartier in Berlin-Tegel. Hier, auf dem ehemaligen Flughafengelände, will man noch weitergehen, soll ein weitgehend abflussloses Stadtquartier geschaffen werden. Das Schwammstadtprinzip soll par ­excellence greifen: Das Regenwasser wird gespeichert und verdunstet, um es für die Kühlung des neuen Stadtquartiers zu nutzen. Nur ein kleiner Teil des Wassers wird versickern, kein Wasser oberflächlich abfließen. bgmr Landschaftsarchitekten erarbeiteten den Regenwasserleitplan und entwerfen derzeit entsprechende Konzepte für die öffentlichen Quartierstraßen und Plätze.

Dass der Teufel im Detail liegt und es wichtig ist, solche Projekte fachübergreifend einzuüben, zeigt das Beispiel der Ver­dunstungsbeete. Die Berliner Stadtent­wässerung führt diese standardmäßig mit Rollrasen aus. Da sie jedoch im Schumacher Quartier wesentlicher Teil der Straßen­gestaltung sind, sollen dort nach dem Entwurf von bgmr Stauden wachsen. Was nicht mal eben so durchzusetzen ist. Kommunikation ist hier wieder das Stichwort. Nicht zuletzt, da es zwar DIN-Normen für Leitungen gibt, die DIN aber Versickerung nicht abbildet. Auch die Regeln der Technik müssen also fortgeschrieben werden.

Routinierter in solchen Dingen ist man bereits in Dänemark. gruppe f aus Berlin hat hier einige Regenwasser-Projekte umgesetzt. „Klimaanpassung“, sagt Antje Backhaus von gruppe f, „wird in Dänemark vor allem vom Wasser her gedacht.“ Hitzeinseln in den Städten sind weniger das Thema im europäischen Norden. gruppe f hat gemeinsam mit dem dänischen Büro Arkitema 2018 in einem bestehenden Wohngebiet in Aarhus ein solches Projekt fertiggestellt.

Parkplätze vermeiden und Grün fördern

Das Konzept für das Ein­familienhausareal Riisvangen hat sich inzwischen schon ein paar Jahre bewährt. Auch hier wurde sehr detailliert vorge­gangen. Für jedes Haus überprüfte das Team, wie und wie viel Wasser auf dessen Grundstück versickert werden kann. Alles, was über ein fünfjähriges Regenwasserereignis hinausgeht, wird in den Straßenraum geleitet. Das ist nicht selbstverständlich – in Deutschland gibt es häufig Probleme an der Schnittstelle von privat zu öffentlich. In Aarhus gibt es in den kleinen Quartierstraßen offene Regenwasseranlagen, die auch Regenwasser von Privatgrundstücken aufnehmen, in Parks und den großen Straßen Retentionsräume – zum Teil auch mit Spielmöglichkeiten, zum Beispiel abgesenkten Basketballplätzen. Es geht also auch immer darum, Flächen mehrfach zu kodieren, unterschiedliche Nutzungen ineinander zu verweben. 

Vernetzen ist ohnehin ein oft fallendes Stichwort im Zusammenhang mit Klima­anpassung, egal ob unterschiedliche Fach­disziplinen, unterschiedliche Nutzungen oder auch Stadt und Landschaft mithilfe von Grün. „Grünzüge sind eigentlich ein sehr altes und klassisches Landschaftsarchitektur-Thema“, lacht Peter Hausdorf von SINAI. Und nach wie vor aktuell. Auch in ­Heilbronn, wo SINAI für die Anlagen zur Bundesgartenschau 2019 die Möglichkeit hatten, ein neues Stadtviertel von der Landschaft her mit zu entwerfen.

Die Landschaftsarchitektur wurde früh in die Stadtplanung einbezogen. „Hier stimmten die Rahmenbedingungen, um den Klimawandel schon im Konzept mitzudenken”, betont Hausdorf. Die Berliner Landschaftsarchitekt*innen ergriffen die Möglichkeit, stellten die Aue wieder her und zogen die Natur bis in die Stadt, verknüpften innen mit außen. Die Landschafts­architekt*innen wählten helle Materialien und Oberflächen wie Sandstein und geschliffenen Asphalt, die weniger Hitze speichern als dunkle, achteten auf die Ausrichtung der Freiräume, schufen große Wasserflächen, die kühlen, und Retentionsflächen, die Regenwasser zurückhalten. Und natürlich: „So viel Grün wie möglich, so wenige oberirdische Parkplätze wie möglich.“ Denn überall, wo kein Auto steht, kann der Platz für den Freiraum genutzt werden. 

Zukunftstaugliche Konzepte aktiv mitgestalten

Überhaupt, die Mobilität ist vielleicht das schwierigste Thema im Klimawandel. Noch ist das eigene Auto der Standard. Doch auch hier denken die Kommunen um, berichtet Edith Schütze. Tiefgaragen sind nicht mehr gesetzt. Jüngst jurierte sie einen Wettbewerb mit, in dem dann der städtebauliche Entwurf gewann, der als einziger auf Tiefgaragen verzichtete und stattdessen simple Ständer-Parkhäuser vorsah. Sie können eines Tages wieder abgebaut und die Flächen zu Freiraum gestaltet werden, wenn das eigene Auto doch mal vom Tisch ist.

„Darum geht es“, sagt Schütze: Kommunen auf allen Planungsebenen vom Regional­plan bis hin zum Detail und zur Materialwahl sensibel machen für Themen wie alternative Mobilität, klimaangepasste Gehölze, Hitzeinseln und Verdunstung. „Ich möchte den Berufsstand ermuntern, die gesellschaftlich-politische Situation zu sehen und die Chance zu ergreifen“, konstatiert sie. Denn der Rahmen ist gesetzt: Die EU-Kommission postuliert, dass Europa bis 2050 klimaneutral sein soll. Die Kommunen brauchen also zukunftstaugliche Konzepte. Selten war die Chance so gut wie heute, die Klimawende aktiv mitzugestalten. 

Der Klimawende ist nur eine der vielen Herausforderungen, mit denen sich die Planung auseinandersetzen muss. Hier lesen Sie, womit Planer*innen in Zukunft sonst noch fertig werden müssen.

Diese Artikel erschien in der G+L 01/21 zum Thema Zukunft Planung.

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Wettbewerbsübersicht Juni 2019

Neugestaltung Stadtpark in Ahlen, 1. Rang scape Landschaftsarchitekten, Düsseldorf

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse.

In Ahlen bildet der Stadtpark den wichtigsten zentrumsnahen Freiraum der Innenstadt und ist elementarer Teil der Grünverbindung entlang der Werse. Der im Werkstattverfahren entwickelte Entwurf von scape setzt darauf, Fluss und Park wieder stärker als bisher miteinander zu verweben. Der Flusslauf  soll ein naturnahes, frei mäandrierendes Erscheinungsbild zurückerhalten. Die Wege orientieren sich dabei an der geschwungenen Formensprache des Wassers, ihre Führung jedoch am alten Wegeverlauf. Die vorgeschlagene Renaturierung der Werse wird laut Jury als Denkanstoß verstanden, da sie im Budget des Umgriffs bisher nicht eingeplant ist. Das Gehölzkonzept sieht im Norden eine offene, mit wenigen Bäumen bestandene Wiesenfläche vor. Im Süden prägt ein dichter Baumbestand den Übergang zum angrenzenden Museum. In der Parkmitte zeichnet der Entwurf das historische Oval nach: Er reduziert den Baumbestand bis auf wenige Einzelbäume und inszeniert die historischen Fragmente darin neu.

bdla Studentenwettbewerb Mitteldeutschland 2018/2019, „Stadtpark West – Arnoldi Park in Gotha“, 1. Preis Leonhard Seifert, Jonathan Simon, Erfurt

Alle Bilder: scape Landschaftsarchitekten

 

Der bdla Studentenwettbewerb Mitteldeutschland suchte nach einem Parkkonzept für den Arnoldi Park in Gotha. Dieser birgt als Stadtpark zwar viel Potenzial, deckt aber kaum die aktuellen und zukünftigen Freiraumansprüche. Leonhard Seifert und Jonathan Simon siegten mit der Vision eines durch den Park ziehenden Wandertheaters und greifen damit das Thema des traditionellen Theaterspiels in Gotha auf. Aufführungen finden dabei an bestimmten Punkten im Park statt – insbesondere an den Kulturdenkmalen, die gleichzeitig als Szenen und Kulissen dienen. Die Jury würdigte die schlüssige Herleitung und die Verknüpfung mit dem vorgefundenen Park und seinen Elementen. Orientiert am Theaterspiel, charakterisieren die Verfasser die stetig ansteigende Topografie des Parks als „Drama in drei Akten“: Exposition, Steigerung und Höhepunkt ordnen sie den jeweiligen Aufgaben „Informieren, Aktivieren und Zelebrieren“ zu, welche die Grundlage für die gestalterischen Eingriffe bilden. Dabei differenzieren sie zwischen unverhandelbaren Maßnahmen, die kurzfristig erfolgen sollen, und langfristigen, verhandelbaren Eingriffen.

Friedrich-Ebert-Platz mit Ideenteil Innenstadt Porz, Köln, 1. Preis club L94 Landschaftsarchitekten, Köln

Alle Bilder: Seifert u. Simon

 

Im Zentrum des Stadtbezirks Köln Porz entsteht am Friedrich-Ebert-Platz eine neue Mitte, deren Freiräume nach Plänen des Siegerentwurfs von club L94 Landschaftsarchitekten gestaltet werden sollen. 2018 erfolgte der Abriss des jahrelang leerstehenden, aber platzprägenden Herti-Gebäudes, was eine bauliche Neuordnung und die Aufwertung des zentralen Platzes ermöglicht. Der Freiraumentwurf überzeugt die Jury mit subtilem und klarem Raumkonzept, das die neue Mitte betont: Eine offene Achse mit einheitlichem Bodenbelag leitet vom Rhein über das Rathaus bis zum ÖPNV-Knotenpunkt. Wasserelemente begleiten die Achse und betonen die platzartigen Aufweitungen in unterschiedlichen Ausprägungen. Baumreihen heben zusätzlich die relevanten Wegeverbindungen als grünes Netz in Ost-West- und Süd-Nord-Richtung hervor. Der minimale Eingriff in die denkmalgeschützte Lindenallee schafft eine vergrößerte Platzfläche am Rheinufer, die zugleich Endpunkt der Wegeverbindung darstellt.

Bilder 1-5: club L94

Kommunale Bodenpolitik und Klima – Wie Eigentum Nachhaltigkeit blockiert

Vogelperspektive einer dicht bebauten, strukturierten Nachbarschaft als Symbol für kommunale Bodenpolitik und Klimaschutz-Herausforderungen.
Dichtes Stadtviertel zeigt, wie privates Eigentum klimafitte Stadtentwicklung hemmt.

Wem gehört eigentlich die Stadt? Und warum tun sich Kommunen so schwer, ihre Böden im Sinne des Klimas zu nutzen? Die Antwort liegt nicht im fehlenden Willen oder mangelnden Konzepten, sondern im Eigentum selbst – ein Bollwerk gegen nachhaltige Stadtentwicklung. Wer wirklich klimafitte Städte will, muss sich an die kommunale Bodenpolitik wagen. Denn Eigentum ist das neue Nadelöhr der Nachhaltigkeit.

  • Analyse der zentralen Rolle von Bodenpolitik für Klimaschutz und nachhaltige Stadtentwicklung.
  • Kritische Betrachtung historischer Entwicklungen von Bodenrecht und Eigentum in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Erklärung, wie privates Eigentum und spekulative Bodenverwertung Nachhaltigkeit ausbremsen.
  • Ausführliche Beispiele aus Kommunen: Handlungsoptionen, Hemmnisse und innovative Ansätze.
  • Vertiefung der Wechselwirkungen von Bodenpolitik, Klimaresilienz und sozialer Stadtentwicklung.
  • Juristische, ökonomische und gesellschaftliche Barrieren für eine klimaorientierte Bodenpolitik.
  • Diskussion um Reformen: Erbbaurecht, Vorkaufsrechte, Bodenfonds und neue Allianzen.
  • Bewertung internationaler Vorbilder und ihrer Übertragbarkeit auf den deutschsprachigen Raum.
  • Fazit: Warum nachhaltige Stadtentwicklung einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Eigentum braucht.

Eigentum als Zwangsjacke – Wie Bodenpolitik das Klima blockiert

Wer heute durch deutsche Städte spaziert, sieht auf den ersten Blick: Der urbane Raum ist geprägt von Eigentum. Über Jahrzehnte wurde Grund und Boden privatisiert, parzelliert, veräußert und vererbt. Dieser Prozess ist historisch gewachsen und tief im bürgerlichen Selbstverständnis verankert. Doch genau hier beginnt das Dilemma der nachhaltigen Stadtentwicklung. Denn Eigentum ist nicht neutral – es ist ein Machtinstrument, das den Zugriff auf Flächen, deren Nutzung und damit auch deren Entwicklungsmöglichkeiten fundamental limitiert. Kommunen erleben tagtäglich, wie ihre planerischen Möglichkeiten an den Grenzen von Eigentum zerschellen.

Das deutsche Grundgesetz garantiert das Eigentum und schützt es in besonderem Maße. Doch was als Schutz vor Willkür und staatlicher Übergriffigkeit gedacht war, blockiert heute vielfach die Anpassungsfähigkeit der Städte an neue Herausforderungen. Klimawandel, Hitzewellen, Starkregen, Flächenverbrauch – all das verlangt eine flexible, vorausschauende und gemeinwohlorientierte Bodenpolitik. Doch der größte Teil der städtischen Flächen ist längst in privater Hand. Die Folge: Kommunen können Flächen für Parks, Frischluftschneisen, Retentionsräume oder nachhaltigen Wohnungsbau oft nur teuer zurückkaufen – wenn überhaupt. Spekulative Preissteigerungen und unübersichtliche Eigentümerstrukturen tun ihr Übriges.

Boden ist keine beliebig vermehrbare Ressource. Im Gegenteil: Seine Knappheit und seine zentrale Rolle für Klimaschutz machen ihn zur strategischen Schlüsselressource des 21. Jahrhunderts. Doch während fast alle anderen klimapolitischen Themen – von Energie über Mobilität bis Kreislaufwirtschaft – längst zu zentralen Handlungsfeldern avanciert sind, fristet die Bodenpolitik ein Nischendasein. Das liegt nicht am Desinteresse der Kommunen, sondern am System Eigentum selbst. Jede Umwidmung, jede Umnutzung, jeder Flächentausch wird so zum kleinteiligen Verhandlungskrimi. Die mächtigste Waffe gegen nachhaltige Stadtentwicklung ist nicht der fehlende politische Wille, sondern das Privateigentum am Boden.

Gleichzeitig zeigt sich: Dort, wo Kommunen noch über nennenswerte Flächen verfügen, können sie klimaorientiert und sozial steuern. Von München bis Wien, von Freiburg bis Zürich – überall dort, wo gemeindeeigene Flächen im Spiel sind, entstehen innovative Quartiere, Grünzüge, Schwammstadtkonzepte und leistbarer Wohnraum. Doch das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Historische Fehler – wie die massenhafte Veräußerung kommunaler Grundstücke in den 1990er- und 2000er-Jahren – rächen sich heute bitter. Kommunale Bodenpolitik ist deshalb zur Schicksalsfrage für die klimafitte Stadt geworden.

Die zentrale Erkenntnis: Eigentum ist kein natürliches Recht, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion – und damit gestaltbar. Wer den Bodenmarkt allein den Kräften von Angebot und Nachfrage überlässt, riskiert die Steuerungsfähigkeit der Städte. Kommunen brauchen neue Instrumente, Mut zur Rückeroberung und vor allem ein radikal anderes Verständnis von Eigentum: als Verpflichtung zum Gemeinwohl und zur Klimagerechtigkeit.

Bodenrecht, Spekulation und Klimaziele – ein toxisches Dreieck

Die historische Entwicklung der Bodenpolitik im deutschsprachigen Raum ist eine Geschichte verpasster Chancen. Schon im Kaiserreich wurde über die Bodenfrage gestritten, die Weimarer Republik diskutierte Enteignungen zugunsten des Wohnungsbaus, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bodenreform ein zentrales Thema. Doch stets triumphierte das private Eigentum über gemeinwohlorientierte Ansätze. Mit der Liberalisierung der Märkte und der Globalisierung des Immobiliensektors seit den 1990er-Jahren hat sich diese Schieflage weiter verschärft. Boden wurde zur Ware, zur Spekulationsmasse, zum Renditeobjekt.

Speziell im urbanen Kontext wirkt sich diese Entwicklung fatal aus. Die Preise für Grundstücke steigen schneller als jede Baukostensteigerung, die Renditeerwartungen privater Eigentümer kollidieren mit den Anforderungen an preiswerten Wohnungsbau, soziale Infrastruktur oder Grünflächen. Kommunen geraten in einen Teufelskreis: Sie müssen immer höhere Summen für den Rückkauf von Flächen ausgeben, was wiederum den Bodenpreis weiter nach oben treibt. Der Markt reguliert hier gar nichts – er produziert Knappheit, Ausschluss und soziale Spaltung.

Die Klimaziele von Bund, Ländern und Kommunen sind ambitioniert. Doch sie bleiben Makulatur, solange die Bodenpolitik nicht nachzieht. Wer Schwammstadt-Strategien, hitzeresiliente Quartiere, urbane Landwirtschaft oder die großflächige Entsiegelung will, braucht Flächen. Und zwar solche, auf die die Kommune tatsächlich Zugriff hat. Privateigentümer jedoch haben kein Interesse an kurzfristigen Erträgen aus öffentlichen Nutzungen. Ihre Logik ist die Wertsteigerung, nicht das Gemeinwohl. Klimaresilienz wird so zur Verhandlungsmasse – oder bleibt ganz auf der Strecke.

Juristisch sind den Kommunen enge Grenzen gesetzt. Das Baugesetzbuch bietet zwar Instrumente wie das Vorkaufsrecht, städtebauliche Verträge oder den Umlegungsparagrafen. Doch diese Tools sind oft zahnlos: Sie greifen nur, wenn bestimmte enge Voraussetzungen erfüllt sind, werden durch gerichtliche Verfahren verzögert oder durch Lobbyinteressen auf Bundesebene abgeschwächt. Gerade in Boomregionen lassen sich Eigentümer ihre Zustimmung teuer bezahlen oder blockieren Projekte über Jahre hinweg. Die Folge: Klimapolitik bleibt im Dickicht des Bodenrechts stecken.

Hinzu kommt die Internationalisierung der Märkte. Immer mehr Flächen befinden sich in den Portfolios institutioneller Anleger, globaler Investmentfonds oder anonymer Zweckgesellschaften. Für Kommunen wird es dadurch fast unmöglich, überhaupt noch Kontakt zu den Eigentümern herzustellen – geschweige denn, strategisch zu steuern. Der Bodenmarkt hat sich von der Stadtgesellschaft entkoppelt. Die Machtfrage lautet deshalb: Wem gehört die Stadt – und wer entscheidet über ihre Zukunft?

Innovative Ansätze: Kommunale Handlungsspielräume und ihre Grenzen

Trotz aller Hemmnisse gibt es beeindruckende Leuchtturmprojekte, die zeigen, wie kommunale Bodenpolitik anders und besser funktionieren kann. Die Stadt München etwa verfolgt seit Jahren eine konsequente Bodenbevorratung: Wo immer möglich, kauft die Kommune Flächen an, um sie nach gemeinwohlorientierten Kriterien zu entwickeln. Das Instrument des Erbbaurechts verhindert, dass strategische Grundstücke dauerhaft aus der öffentlichen Hand verschwinden. So entstehen bezahlbare Wohnungen, soziale Infrastruktur und klimaangepasste Freiräume – und das dauerhaft.

Ein weiteres Beispiel liefert die Stadt Wien. Hier wird der kommunale Bodenfonds aktiv genutzt, um Flächen für soziale und ökologische Projekte zu sichern. Die Vergabe erfolgt nicht an den Meistbietenden, sondern nach klaren Qualitätskriterien. Die Folge: Es entstehen urbane Quartiere mit hoher Durchmischung, großzügigen Grünräumen und innovativen Mobilitätskonzepten. Gleichzeitig werden Spekulation und Preissteigerungen gezielt eingedämmt. Wien gilt nicht umsonst als Vorbild für viele deutsche Städte.

Doch auch kleinere Städte und Gemeinden entwickeln zunehmend kreative Strategien. In Tübingen etwa setzt man auf das Konzept der Konzeptvergabe: Grundstücke werden nicht nach dem höchsten Gebot verkauft, sondern nach der Qualität der eingereichten Nutzungskonzepte. Kriterien wie Klimaschutz, soziale Mischung oder gemeinwohlorientierte Trägerschaft stehen im Vordergrund. Das Ergebnis sind Quartiere, die sich an den Bedürfnissen der Stadtgesellschaft orientieren – und nicht an den Renditeinteressen von Investoren.

All diese Ansätze zeigen: Kommunale Bodenpolitik kann ein Schlüssel für nachhaltige, klimaorientierte Stadtentwicklung sein. Doch sie stößt schnell an juristische und finanzielle Grenzen. Die Mittel der Kommunen sind begrenzt, die Marktdynamik übermächtig. Ohne eine tiefgreifende Reform des Bodenrechts und ohne Unterstützung von Bund und Ländern werden diese Leuchtturmprojekte die Ausnahme bleiben. Der Flächenmarkt ist kein normales Marktsegment – er ist der Nerv der urbanen Transformation.

Vor allem aber braucht es einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Eigentum. Nur wenn das Gemeinwohl Vorrang vor individuellen Profitinteressen erhält, können Städte klimafit, sozial gerecht und zukunftsfähig werden. Das erfordert Mut – und ein neues Selbstverständnis der kommunalen Planung.

Wege aus der Eigentumsfalle: Reformen, Allianzen und internationale Perspektiven

Um die Blockade durch Eigentum zu überwinden, braucht es mehr als lokale Initiativen. Gefordert ist ein Bündel an Maßnahmen, das den Handlungsspielraum der Kommunen systematisch erweitert. An erster Stelle steht die Reform des Bodenrechts. Das kommunale Vorkaufsrecht muss gestärkt, entschlackt und entbürokratisiert werden. Auch die Einführung eines gemeinwohlorientierten Bodenfonds auf Landes- oder Bundesebene könnte den Kommunen ermöglichen, strategisch Flächen zu sichern – unabhängig von kurzfristigen Haushaltszwängen. Die Idee: Nicht der Markt, sondern die Gesellschaft entscheidet, wie Flächen genutzt werden.

Ein weiterer Hebel liegt im Ausbau des Erbbaurechts. Es verhindert, dass wertvolle Flächen dauerhaft in private Hände wandern, und sichert der Kommune langfristig die Steuerungshoheit. Hier bedarf es jedoch eines Mentalitätswandels – nicht nur bei Investoren, sondern auch in der Verwaltung und bei politischen Entscheidern. Das Narrativ vom „guten Eigentum“ muss durch das Leitbild vom „verantwortlichen Eigentum“ ersetzt werden.

Teilweise können Allianzen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, Wohnungsbaugenossenschaften und lokalen Initiativen helfen, Flächen der Spekulation zu entziehen. Modelle wie das Mietshäuser Syndikat oder Stiftungskonstrukte schaffen neue Trägerformen, die sich dem Gemeinwohl verpflichten. Auch die Vernetzung mit internationalen Vorreitern ist ein wichtiger Impulsgeber. Städte wie Zürich, Kopenhagen oder Amsterdam zeigen, wie konsequente Bodenpolitik nachhaltige Stadtentwicklung ermöglicht.

Gleichzeitig müssen Bund und Länder die Kommunen finanziell und rechtlich stärken. Förderprogramme, Bürgschaften und gezielte Steueranreize können die Rückgewinnung von Flächen erleichtern und die Umsetzung klimaorientierter Projekte beschleunigen. Die Digitalisierung bietet zusätzliche Chancen: Mit digitalen Bodenkataster-Systemen, datengestützter Flächenanalyse und transparenten Vergabeverfahren lassen sich Prozesse beschleunigen und Missbrauch verhindern.

Letztlich ist die Bodenfrage eine gesellschaftliche Frage. Welche Stadt wollen wir? Wer darf mitbestimmen? Und wie viel Gemeinwohl sind wir bereit, in Eigentumsrechte einzupreisen? Die Transformation zur nachhaltigen Stadt ist kein technokratischer Prozess – sie ist ein politischer Kraftakt. Wer das Klima retten will, muss den Mut haben, an die Grundfesten des Eigentums zu gehen. Nur so lassen sich die stummen Blockaden auflösen, die heute vielerorts jede echte Innovation verhindern.

Fazit: Ohne neue Bodenpolitik keine klimafitte Stadt

Kommunale Bodenpolitik ist der unterschätzte Hebel in der nachhaltigen Stadtentwicklung. Während Technologien, Energie und Mobilität viel Aufmerksamkeit erhalten, bleibt der Boden das stille Nadelöhr. Das Privateigentum am Boden blockiert vielerorts die notwendigen Anpassungen an Klimawandel, soziale Herausforderungen und neue Lebensmodelle. Die Beispiele aus München, Wien oder Tübingen zeigen: Wo Kommunen die Steuerungshoheit behalten, entstehen innovative, klimaresiliente und sozial gerechte Stadtteile. Doch das bleibt die große Ausnahme.

Der Weg in die klimafitte Stadt führt nur über eine radikale Neubewertung des Eigentums. Boden ist keine Ware, sondern die Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe und ökologischer Resilienz. Wer nachhaltige Stadtentwicklung will, muss den Mut haben, das Eigentum selbst neu zu denken – als Verpflichtung, nicht als Privileg. Dazu braucht es eine Reform des Bodenrechts, mutige Kommunen, starke Allianzen und den politischen Willen, das Gemeinwohl über kurzfristige Profitinteressen zu stellen.

Die Herausforderungen sind groß, die Widerstände mächtig. Doch die Alternativen sind ungleich teurer: zersiedelte Städte, soziale Spaltung, klimatische Kipppunkte. Die Zeit der Nischenlösungen ist vorbei. Es braucht eine neue, sozial-ökologische Bodenpolitik – als Fundament für die Stadt der Zukunft. Nur dann kann urbaner Raum wieder das werden, was er sein sollte: ein Gemeingut für alle, offen für Wandel und bereit für das Klima von morgen.