Lichtverschmutzung

Wenn die Sonne untergeht, heißt das schon lange nicht mehr, dass es auch dunkel wird. Neueste Lichtsysteme lassen auch zur Schlafenszeit Fassaden, Wege und ganze Viertel gleißend hell erstrahlen. Was zum Sicherheitsgefühl beiträgt, hat auch eine Kehrseite: Tier und Mensch kommen aus dem Rhythmus, Lebenszyklen werden ausgehebelt. Wer Licht plant, muss sich bewusst sein, welch große Verantwortung er hat. 

Die moderne Beleuchtungstechnologie eröffnet Landschaftsarchitekten immer neue Möglichkeiten: Leuchtdioden, sogenannte LED, sind klein, flexibel in Einsatz und Farbgestaltung und auch noch höchst energieeffizient. Organische LED, die OLEDs, passen sich in ihrer Form exakt dem zu beleuchtenden Objekt an und ermöglichen so eine farblich individuelle Beleuchtung von Flächen. Für die Gestaltung mit Licht scheint es keine Schranken mehr zu geben.

Wie alles hat aber auch diese Medaille eine Kehrseite. Wie steht es mit der Wirkung, die  das abgestrahlte Licht hat, wenn es direkt in den Himmel scheint, oder von Boden, Häuserwänden oder Glasfassaden reflektiert, von atmosphärischen Partikeln gestreut, in riesigen Lichtglocken über unseren Städten akkumuliert wird? Kann es unsere Umwelt verändern? Oder ist es harmlos? Für Astronomen ist die künstliche Erhellung der Atmosphäre, die mit jährlichen Rate von drei bis sechs Prozent unaufhaltsam voranschreitet, schon lange ein Ärgernis. Sie nimmt den Blick auf die Sterne und behindert die Erforschung unseres Universums.

Licht dient nicht nur dem Beleuchten und Inszenieren von Schönheit auf der einen und der Sicherheit auf der anderen Seite. Es enthält auch Informationen und sendet Signale, die unseren Tagesrhythmus bestimmen. Das Konzert des Lebens ist abgestimmt auf den 24-Stunden-Tag-Nacht-Rhythmus unseres Planeten. Licht steuert neben der Temperatur das zeitliche Zusammenspiel aller Lebewesen. Die Sexualreifung und Paarungsfindung muss mit dem höchsten Nahrungsangebot für die Brut korrelieren, Winterschlaf und Laubabwurf müssen schon beginnen, lange bevor Frost die Nahrung knapp werden lässt oder das noch offene Zellgewebe schädigt.

Der Zug vieler Lebewesen in wärmere Gegenden während des Winters ist wichtig, um das magere Nahrungsangebot der Wintermonate nicht überzustrapazieren. Wie genau sich wandernde Arten orientieren, ist heute noch nicht gänzlich geklärt, die Navigation anhand von Himmelslichtern ist aber ein wichtiges Mittel. Zugvögel folgen künstlichen Lichtquellen – gefangen zwischen den Strahlen, die sie weg von ihren eigentlichen Flugrouten führen. Sie verschwenden Energie, werden zur leichten Beute für Räuber oder sterben, weil sie mit Gebäuden kollidieren.

Künstliches Licht verzerrt Ökosysteme

Künstliches Licht irritiert aber nicht nur wandernde Arten. Viele andere Lebewesen verändern ihr Verhalten durch die Nachtbeleuchtung. Mit dieser Veränderung wiederum ändern sich ökologische Bedingungen und dadurch schließlich kaskadenartig die Bedingungen für Lebewesen, die von den Ökosystemen abhängen. Künstliches Licht verzerrt Ökosysteme, verdrängt empfindliche Arten. Ungefähr ein Drittel aller Wirbeltiere und über die Hälfte aller Wirbellosen haben sich an die Nische der Nacht adaptiert und sind damit direkt durch eine Veränderung ihrer Habitate betroffen. […]

Welche Krankheiten inzwischen mit dem künstlichen Licht in der Nacht in Verbindung gebracht werden, erfahren Sie in Garten+Landschaft 03/2015 – Licht im Freiraum.

Im Video sehen Sie die Erde bei Nacht, aufgenommen an über 300 Orbit-Tagen um Sicht auf jeden Quadratkilometer Land zu gewährleisten: