fand Ende Mai 2017 auf dem IGA-Gelände in Berlin-Marzahn statt. (Foto: Dominik Butzmann)
Der öffentliche Raum in der wachenden Stadt
Klimawandel, anhaltendes Wachstum, Sicherheit, eine immer multikulturellere und diversifiziertere Gesellschaft, der Wunsch der Bürger nach Teilhabe an der Gestaltung ihrer Stadt, ein verändertes Mobilitäts- und Gesundheitsbewusstsein: All das sind Herausforderungen, denen sich unsere Städte und ihre Planungsverantwortlichen heute stellen müssen.
Bei all diesen Themen kann sich schon mal Ratlosigkeit breitmachen. Die Teilnehmer der Konferenz „metropolitan open space“, die Mitte Mai auf dem IGA-Gelände in Berlin stattfand, bekannten sich ganz offen dazu. Dass der öffentliche Raum in den wachsenden Städten noch mehr an Wert gewinnt, ist unbestritten. Ideen und Ansätze, um diesen auch in Zukunft zu wahren, gibt es viele. Ganz vorne dabei ist die Qualifizierung des Freiraums. Neue Mobilitätskonzepte und die Umgestaltung von der auto- zur fußgängerfreundlichen Stadt sind derzeit nicht nur in Paris ein Thema. Der frühzeitige Dialog mit allen Beteiligten, auch den „leisen“ Stimmen, und diversifizierte Angebote zu schaffen sind ebenso wichtige Schritte auf dem Weg zu öffentlichen Räumen, mit denen sich (nahezu) alle identifizieren können, wie eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen und Verwaltungen. Nur so lassen sich, insbesondere bei den anstehenden Infrastrukturaufgaben, wirklich sinnvolle Lösungen finden.
Ratlosigkeit als Berater
Irgendwie aber scheint noch die große, übergreifende Strategie zu fehlen. Auf dem Weg dorthin ist Ratlosigkeit vielleicht gar kein so schlechter Berater. Sie kann in einem solchen Prozess auch zu Lösungen führen, so Ursula Renker von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, nämlich indem man merkt, wie groß der Prozess wirklich ist. Und große Aufgaben geht man bekanntlich besser an, wenn man sie in kleine Pakete unterteilt. Das ermöglicht auch, Entwicklungen zuzulassen und nachzusteuern – zwei wesentliche Aspekte bei langfristigen Prozessen.
Veranstaltet wurde die internationale Fachtagung von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, der IGA Berlin 2017 GmbH in Kooperation mit dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) vom 18. bis 21. Mai 2017 im Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum (ZKR) Schloss Biesdorf und auf dem Gelände der Internationalen Gartenausstellung (IGA) in Marzahn-Hellersdorf.
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Bernd Albers Architekten und Vogt Landschaftsarchitekten gewinnen mit ihrem Entwurf
Der Molkenmarkt in Berlin soll neugestaltet werden. Nach dem Planungswettbewerb stehen nun zwei Gewinnerteams fest. Dazu zählen auch Vogt Landschaftsarchitekten. Was die Jury-Entscheidung nun für den Molkenmarkt bedeutet, lesen Sie hier.
Der Molkenmarkt in Berlin ist ein besonderer Ort für die Hauptstadt. Bereits vor der ersten Erwähnung Berlins bezeugen Quellen die Relevanz des Molkenmarktes als Handelsplatz. Die Stadt selbst betitelt ihn als Ort der Berliner Stadtgründung. Und er zählt als ältester Platz der Stadt. Die wechselhafte Geschichte der letzten Jahrhunderte hat ihn gezeichnet.
Molkenmarkt in Berlin: Wettbewerbsgewinner*innen gehen in die zweite Runde
Bereits in den 1930er-Jahren fielen einige anliegende Gebäude dem Ausbau des Mühlendammes zum Opfer. Im zweiten Weltkrieg wurden dann beinahe alle noch umstehenden Häuser zerstört. Nur das Palais Schwerin und das Alte Stadthaus widerstanden den Angriffen. Nach den Kriegshandlungen überprägte der Umbau zur autogerechten Stadt den Molkenmarkt in Berlin. Seither bestimmen Fahrspuren und Verkehrskreuzungen das Bild dort. Eine Asphaltdecke hat sich über die Spuren der Geschichte gelegt. Das zentral in Berlin Mitte gelegene historische Stück Stadt soll zukünftig wieder zu einem lebendigen Quartier entwickelt werden. Dazu hatte die Stadt im vergangenen Jahr einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben und gleich zwei erste Preise vergeben.
Kurz vor Jahresende verkündete die Jury im Dezember die Entscheidung. Aus den zehn Teams, die an der Ausschreibung teilgenommen hatten, blieben am Ende zwei übrig. So verlieh die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einerseits dem Team um den Berliner Architekten Bernd Albers mit Vogt Landschaftsarchitektur aus Zürich einen ersten Preis. Andererseits erhielt auch das dänische Büro OS Arkitekter aus Kopenhagen gemeinsam mit Czyborra Klingbeil Architekturwerkstatt aus Berlin den Zuspruch. Der offene Wettbewerb hatte von Beginn an eine weitere Bearbeitungsphase vorgesehen. So verpflichteten sich die Büros mit ihrer Teilnahme im Falle einer Prämierung am anschließenden Werkstattverfahren mitzuwirken. Bereits im Februar steht der erste Termin für eine offene Bürgerwerkstatt an. Im April folgt dann das zweite öffentliche Beteiligungsverfahren. Dabei sind die Bürger*innen gefragt, ihre Bedenken und Anregungen vorzubringen. Im Abschlusskolloquium am Ende der zweiten Bearbeitungsphase wird die Jury sich dann endgültig entscheiden müssen. Das ausgewählte Projekt dient als Grundlage für die zukünftig geplante Umsetzung.
OS Architekter mit Czyborra Klingbeil Architekturwerkstatt – Radikal nachhaltig
Durch die weitere Ausarbeitung erhofft sich das Preisgericht eine eindeutige Tendenz. Die prämierten Entwürfe setzen auf unterschiedliche Konzepte sowie Gestaltungsprinzipien. Das Team um OS Architekter fordert einen modernen Ansatz. Sie wollen den Molkenmarkt in Berlin als klimaneutrales und innovatives Viertel radikal neu denken. Dabei stehen Überlegungen zur Nutzung alternativer Baumaterialien sowie die Entwicklung nachhaltiger Gebäudestrukturen im Vordergrund. Es entsteht ein nach außen durch große Baukörper gefasstes und dadurch eher geschlossenes Bild.
Im Inneren entwickelt sich eine differenzierte Bebauung in Holzbauweise. Die historisch bedeutsame Ruine der Franziskaner Klosterkirche wird durch einen neu angelegten Kulturpfad für Fußgänger*innen mit dem Kulturstandort an der Alten Münze verbunden. Vor dem Alten Stadthaus entsteht analog ein sogenannter Kulturhof. Er schließt an den Kulturpfad an. So sollen die archäologischen Funde auf dem Areal integriert und erfahrbar werden. Neben den Straßen sowie Plätzen, die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen vorbehalten sind, entstehen neue Grünflächen. Für die Freiraumqualität sind diverse Baumpflanzungen vorgesehen.
Büro Albers mit Vogt – Historisch interpretiert
Die Büros Albers und Vogt verfolgen hingegen einen anderen Ansatz. Sie schlagen eine traditionelle Blockrandbebauung vor. Eine kleinteilige Parzellierung der Baublöcke erinnert an die Situation, wie sie historisch im Molkenmarkt-Viertel vorzufinden war. Der Entwurf zeichnet eine eher traditionelle Stadtvision und bildet daher einen klaren Kontrast zur Radikalität von OS Architekter.
Am Jüdenhof sehen Albers und Vogt eine Varianz an Fassaden vor. Sowohl Neuinterpretationen als auch exakte Fassadenrekonstruktionen würde um das Bodendenkmal des Jüdenhofes entstehen. Der Ort soll als Denkmal jüdischen Lebens im Mittelalter in Szene gesetzt werden. Auch die ehemalige Französische Kirche wird als Bodendenkmal lesbar bleiben. Dazu schlägt der Entwurf vor, die Abmessungen des Kirchenschiffs als Innenhof nachzuzeichnen. Die beiden charakteristischen Höfe werden über einen Weg durch den gesamten Block verbunden. Das Büro Albers konnte in der Vergangenheit bereits an anderer Stelle in der Hauptstadt Erfahrungen sammeln. Die Architekt*innen realisierten Bauvorhaben am Stresemann-Quartier und am Potsdamer Platz.
Molkenmarkt in Berlin und seine vielen Gesichter
Für den Molkenmarkt bedeutet der Wettbewerb ein neues Gesicht. In den Entwurfsarbeiten waren klare Aussagen zur Art der Bebauung und Ausgestaltung der Erdgeschosszonen gefordert. Weiterhin ein Freiraumkonzept, das ökologische, nutzungsstrukturelle und denkmalpflegerische Anforderungen einbezieht. Bereits 1999 schrieb das viel diskutierte Planwerk Innenstadt fest, das Areal als Neuinterpretation des mittelalterlichen Stadtgrundrisses zu rekonstruieren. Der 2016 festgesetzte und weiterhin gültige B-Plan fußt auf einer Überarbeitung jenes Planwerks. Unter Berücksichtigung all dieser Vorgaben galt es, eine neue Identität für den Molkenmarkt in Berlin zu entwickeln. Eine Identität, welche durch Vielschichtigkeit geprägt ist. Das Quartier gilt als Nadelöhr des Verkehrs.
Gleichzeitig laufen vor Ort archäologische Ausgrabungen des Landesdenkmalamtes. Die Arbeiten der diversen Interessensgruppen bedeuten ein komplexes Gefüge an Eingriffen in die Stadtgestalt. Gesucht ist schließlich die Vision für ein Quartier, in dem man sich gerne aufhält. Dazu besitzen beide prämierten Projekte das Potential. Die Senatsverwaltung muss sich nun für eine Entwurfshaltung entscheiden, die zukünftig weiterverfolgt wird.
Die Siegerentwürfe des Ideenwettbewerbs können Sie zudem in einer digitalen Ausstellung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen sichten. Zur Ausstellung geht es hier.
Die Rue Vaugirard führt durch das sechste und 15. Arrondissement. Hier sollen Radwege ausgebaut werden. VISUALISIERUNG: Céline Orsingher
Paris bemüht sich derzeit um eine autofreie, umweltfreundliche Umgestaltung. Die Idee und Umsetzung einer „15-Minuten-Stadt“ soll unter anderem dabei helfen, den Autoverkehr in der französischen Metropole zu reduzieren. Warum das Konzept gutgemeint, jedoch nicht über alle Zweifel erhaben ist, erklärt Carolin Werthmann.
Mit der „15-Minuten-Stadt“ zu mehr Lebenszeit
Dass Corona Arbeit und Leben verändert, dürften die meisten Menschen ein Jahr nach dem ersten bundesweiten Lockdown im Frühjahr inzwischen realisiert haben. Homeoffice, Kontaktbeschränkungen, abgesagte Kulturveranstaltungen und geschlossene Restaurants werfen vor allem die Bewohner*innen einer Stadt auf einen überschaubaren Lebensraum zurück: die eigene Wohnung, das eigene Viertel.
Die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, hatte eine solche Situation bereits vor der Viruskrise im Visier und warb in ihrer Wahlkampagne Anfang 2020 mit der Idee der „15-Minuten-Stadt“.
Eine ville du quart d ’heure soll unter anderem dabei helfen, den Autoverkehr in der französischen Metropole zu reduzieren. Gastronomie, Freizeitangebote, Arbeitsplätze, Schulen, medizinische Versorgung, Lebensmittelläden sollen in den Vierteln geballt und innerhalb einer Viertelstunde von zu Hause aus mit dem Rad oder zu Fuß erreichbar sein.
Diese Überlegung stützt sich auf ein Konzept des Urbanistik-Professors Carlos Moreno von der Universität Sorbonne. Eine dezentralisierte Stadtorganisation, behauptet er, schenke den Bewohner*innen mehr Lebenszeit. Da mag er recht haben, fiele doch vermutlich das feierabendliche Stop-and-go durch den Auspuffdschungel nach einer solchen Umsetzung geringer aus. Nur lässt sich die Vielfalt einer ohnehin bereits extrem dicht bevölkerten Millionenstadt wie Paris nicht einfach in ihre Quartiere quetschen.
Stadt entzerren, Isolation vermeiden
Zweifelhaft ist, ob auf einem engen Raum, der den kulturellen, bildungspolitischen und sozialen Bedürfnissen der Bewohner*innen gerecht werden will und muss, genug Platz für Grünes bleibt, nach dem sich die Städter*innen in dieser Krise des Einsiedler*innentums zu sehnen gelernt haben. Anne Hildago hat gewiss den richtigen Weg eingeschlagen mit der Absicht, Paris grüner werden zu lassen, und gewiss sollten ihrem Beispiel weitere Stadt- und Staatsoberhäupter folgen.
Der konsequente Ausbau von Radwegen geschieht in der französischen Hauptstadt bereits, 60 000 innerstädtische Parkplätze will die Bürgermeisterin entfernen lassen und durch noch mehr Radwege sowie Spielplätze und Parks ersetzen. Plänen zufolge sollen die berühmten Champs-Élysées bald jeder Menge Bäume weichen. Doch gerade deshalb scheint es widersprüchlich, die Bewohner*innen in autark funktionierende Viertel zu locken. Die so begehrten, weitläufigen Grünflächen sind plötzlich kilometerweit weg. Und nicht nur die.
Man kann nicht davon ausgehen, dass Kinder auf die geografisch nächstgelegene Schule gehen wollen oder können. Oder dass der Arbeitsplatz für immer derselbe bleibt. Ziel sollte sein, die Stadt zu entzerren, anstatt die Menschen in eine Isolation zu drängen. Denn eigentlich wollen sie der gerade entkommen.