Neutra Siedlung Walldorf – eine grüne Oase

Das Bild zeigt einen eingeschossigen Bungalow mit Glasfassade. Er steht hinter Hecken und von Bäumen umgeben.
Bungalow in der Neutra Siedlung Walldorf, © Tmhpr, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Mit der Neutra-Siedlung in Walldorf erschuf Richard Neutra eine grüne Oase. Ganz nach seiner Entwurfsphilosophie bezieht er die Natur erkennbar ein. Dabei ist die Siedlung eine der wenigen Arbeiten im Lebenswerk des Architekten, in der er ein städtebauliches Gesamtkonzept entwickelte. Die denkmalgeschützte Siedlung gilt als einzigartig in der Nachkriegsmoderne.

Die Neutra-Siedlung Walldorf als architektonischer Anziehungspunkt

Wer vom alten Ortskern Walldorfs aus den Bahndamm in Richtung Osten überquert, den umfängt plötzlich Ruhe. Viel Grün prägt das Wohnviertel. Kleine Gassen ziehen sich durchs Gelände. Sie tragen wohlklingende Namen wie Finkenweg, Meisenweg oder Drosselweg. Die Anlehnung an Vogelarten ist nicht das einzige Relikt, das die Natur hinterlassen hat. Einst stand hier im Süden Frankfurts ein Waldgebiet. Daran erinnern noch heute die mächtigen Bäume mit ihren schattigen, hohen Kronen und den ausladenden Stämmen. Die sogenannte Bewobau-Siedlung liegt idyllisch im Landschaftsraum. Vor etwas über 50 Jahren erschuf der Architekt Richard Neutra diesen besonderen Ort.

Heute dient der Ort nicht nur den zumeist betuchteren Anwohner*innen als atmosphärisches Zuhause. Für Studierende der Architektur und Designinteressierte gleichermaßen gilt er als Anziehungspunkt. Vor einigen Jahren stellte die Richard J. Neutra-Gesellschaft für Besucher*innen zwei Informationsstelen vor Ort auf. Sie verkünden nun in englischer und deutscher Sprache den Leitsatz, dem Neutra in seinen Entwürfen folgte.

Bungalow in der Neutra Siedlung Walldorf, © Tmhpr, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Bungalow in der Neutra Siedlung Walldorf, © Tmhpr, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Verbindung mit der Natur als Entwurfsphilosophie

„Man stelle den Menschen in eine Verbindung zur Natur. Dort hat er sich entwickelt, und dort fühlt er sich besonders zu Hause.“, hatte der Architekt Richard Neutra einst verkündet. Er zählt zu den bekanntesten Gestaltern der Nachkriegsmoderne. Vor allem zu Beginn seiner Schaffensphase realisierte er viele Projekte in den Vereinigten Staaten. Unter anderem seine kalifornischen Villen machten ihn bereits zu Lebzeiten weltberühmt. Die Siedlung in Walldorf ist eine der wenigen Arbeiten im Lebenswerk des Architekten, in der Neutra ein städtebauliches Gesamtkonzept entwickelte. Die Bewobau-Siedlung – oftmals auch Neutra-Siedlung Walldorf genannt – steht heute unter Denkmalschutz. Die Bewohner*innen schätzen und pflegen das architektonische Erbe mit viel Hingabe. Denn die Gestaltung spiegelt Neutras einzigartigen Stil in jedem Detail wider.

Merkmale von Neutras Architektur

Die kleinen Bungalows sind mit hellen Holzdecken und Parkettböden ausgestattet. Zudem fällt durch großzügige Glasschiebefenster viel Licht in die Innenräume. Das Ineinanderfließen vom Innen- und Außenraum, das Neutras Architektur auszeichnet, ist hier par excellence zu beobachten. Auch an anderer Stelle ist der für Neutra typische Einbezug der Natur erkennbar. Beispielsweise erstreckt sich vor der Glasfassade ein rechteckiger Teich. Die imposanten Bestandseichen spiegeln sich in der Wasseroberfläche. Ebenso wird der Himmel von dem Wasserbecken reflektiert. Außerdem ergeben sich durch die transparenten Glaswände Blickachsen in den Garten. Während die Einrichtung im Originalzustand minimalistisch in den Hintergrund tritt, übernimmt die Interaktion mit der Natur die Hauptrolle. Hohe Hecken umstehen die Terrasse und schirmen den Blick zum Nachbargrundstück ab. So entsteht für die Bewohner*innen des Bungalows der Eindruck, ihr Haus läge beinahe isoliert im Wald.

Erster Bauabschnitt der Neutra-Siedlung Walldorf

Insgesamt acht eingeschossige Bungalows und ein zweigeschossiger Bau bilden das Herzstück der Siedlung. Ursprünglich war die Planung eine andere gewesen. Denn Anfang der 60er Jahre erteilte die Bewobau den Auftrag für 104 Häuser. Zwischen der Bundesstraße B44 und der Bahntrasse, einen Katzensprung von Frankfurt entfernt, sollte Richard Neutra das Baugebiet im Wald realisieren. Doch das Interesse an den Immobilien war gering. Durch die besonderen Materialien und Technik in den Häusern, hatten diese einen vergleichsweise hohen Kaufpreis. Deshalb fanden sich nur wenige Abnehmer*innen. Im ersten Bauabschnitt entstanden deshalb zunächst nur die 42 genannten Bungalow-Bauten. Allerdings stehen gerade dieses Ensemble sowie einige Einzelhäuser heute unter Denkmalschutz.

Weiterentwicklung über die Jahrzehnte

In den 70er Jahren realisierte die Bewobau schließlich einen zweiten Bauabschnitt. Dort reihen sich in schmalen Stichstraßen L-förmige Bungalows aneinander. Die Erweiterung basiert auf Neutras Konzeption. Als Beispiel finden sich auch hier die typischen, großen Glasfronten. Weiterhin geschieht der Übergang von Fußböden und Terrassen stufenlos. Die Baufirma führte die Erweiterung jedoch in preisgünstigeren Varianten aus. Bis in die 90er Jahre hinein, kam es dann zu weiteren Veränderungen. Denn es wuchs der Bedarf zur Unterbringung mehrerer Generationen. Durch die neuen Anforderungen kam es zu nicht unerheblichen Umbauarbeiten. Daraufhin drohte der Charakter der Siedlung verloren zu gehen. Schließlich formierte sich jedoch eine Initiative, die sich für den Erhalt des ursprünglichen Erscheinungsbildes einsetzte. Durch ihren Einsatz gelang es, die feine Entwurfskunst Richard Neutras zu bewahren.

Anwohner wahren Neutras Erbe

Heute sind Neutras moderne Bauten bei Designliebhaber*innen heiß begehrt. Auch die Grundstücksgröße dürfte ein Grund für die Wertsteigerung sein. Denn die Grundstücke sind nach heutigen Maßstäben riesig. Sie umfassen im Durchschnitt zwischen 800 und 1.000 Quadratmeter. Vor allem aber Neutras architektonische Haltung ist es, welche die Siedlung zu etwas Besonderem macht. Seine offene Designsprache scheint sich auch auf den Geist der Anwohner*innen zu übertragen. Einmal im Jahr im September findet der Tag des offenen Denkmals statt. Zu diesem Anlass öffnen einige Bewohner*innen ihre Pforten für Interessierte.

Darüber hinaus bietet die 2006 gegründete Neutra-Stiftung auch Führungen an. Zahlreiche Besucher*innen nutzen das Angebot. Der Vorsitzende der Gesellschaft begründet das Interesse mit der Einzigartigkeit der Siedlung in der europäischen Nachkriegsmoderne. Als städtebaulich und architektonisch durchgängig konzipierten Wohnanlage sei sie ein ganz besonderes Zeugnis ihrer Epoche. Und die diversen Akteur*innen vor Ort bemühen sich, dieses zu bewahren.

Bebauungsplan sichert den ursprünglichen Charakter

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Siedlung als grüne Oase zu erhalten. Außerdem investieren sie in Wiederherstellungsarbeiten und Projekte zur Weiterentwicklung. All dies geschieht stets im Sinne der ursprünglichen Konzeption Neutras. Das garantiert auch der seit 1997 geltende „Bebauungsplan mit integriertem Landschaftsplan „Treburger Oberwald“. Er besagt beispielsweise, dass freiwachsende Hecken zu entwickeln und Altbaumbestände zu erhalten sind. Weiterhin ist festgelegt, dass die nicht überbauten Grundstücksflächen mindestens zu 70 Prozent gärtnerisch anzulegen oder zu begrünen sind. Darüber hinaus wird untersagt, Mauern oder massive Zäune zu errichten. Durch die Regularien wollen die Anwohner*innen die Attraktivität des naturnahen Wohnens auch in der Zukunft garantieren.

Ökologische Aspekte der Neutra-Siedlung

Das Konzept der grünen Neutra Siedlung Walldorf ist nicht nur ästhetisch begründet. Die Hecken und Bäume bieten für Singvögel ein Habitat. Gleichzeitig dienen sie der akustischen Abschirmung vor dem Fluglärm des nahegelegenen Frankfurter Flughafens. Außerdem übernehmen die zahlreichen Freiflächen eine kühlende Funktion im Stadtklima. Schließlich entstehen durch die durchgehende Vernetzung der einzelnen Flächen Korridore für eine Vielzahl an Tierarten. Es gilt, sowohl die ästhetischen, als auch die ökologischen Qualitäten zu bewahren.

Der Neutra Park als Herz der Siedlung

Veränderungen, die dem Geiste Neutras zuträglich sind, können hingegen realisiert werden. 2013 etwa veranstalteten die Anwohner*innen das erste Neutrafest. Es fand im Wäldchen im Zentrum der Siedlung statt. Aufgrund des großen Zuspruchs aller Beteiligten, wurde die Veranstaltung von diesem Zeitpunkt an jährlich ausgetragen. Die Bespielung des Wäldchens führte nach und nach zu einer sanften Umgestaltung. Heute ist der Baumhain ein öffentlicher Park. 2017 erhielt die Freifläche auch offiziell den Namen Neutra-Park. Bänke und ein Brunnen ergänzen die Anlage. Den Parkweg, der sich durch das Grün windet, haben die Anwohner*innen gemeinsam mit der Stadt Mörfelden-Walldorf selbst gebaut.

Bedeutung für die Zukunft

In der Neutra Siedlung Walldorf ist das Zusammenspiel von Individuum, Architektur und Natur überall spürbar. Was Richard Neutra angelegt hat, wird heute von Mensch und Umwelt gleichermaßen angenommen und mitgestaltet. Dem Architekten ist es mit der Bewobau-Siedlung gelungen, in Walldorf-Mörfelden einen Wohn- und Lebensraum zu gestalten, der dort auch rund 50 Jahre später noch als einzigartig gelten kann. Zukünftig werden sich nachfolgende Generationen mit neuen Bedürfnissen den Ort aneignen. Durch den Bebauungsplan und den Status als Denkmal ist jedoch gesichert, dass der Geiste Neutras erhalten bleibt. So können sich auch in einigen Dekaden Anwohner*innen, Besucher*innen sowie Flora und Fauna am harmonischen Miteinander erfreuen.

Richard Neutra ist einer der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Mehr zu ihm in unserem Richard Neutra Porträt.

Das könnte Sie auch interessieren
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Co-Produktion in der Planung – wie echte Beteiligung gelingen kann
Bürogründer Klaus-Dieter Bendfeldt 1962 am Zeichenbrett.
BHF Landschaftsarchitekten veröffentlichen Comic
Ein Buch, das zusammenbringt was zusammengehört
strassenszene-mit-gebauden-verkehr-und-fussgangern-ktj6lJ1_Pb8
Künstliche Intelligenz in der Ampelsteuerung – was wirklich adaptiv ist
Reiseziel: New Orleans
Luftaufnahme der modernen Skyline von Shenzhen mit Hochhäusern und digitalem Stadtbild.
Wie Shenzhen Planungsprozesse mit KI orchestriert – Echtzeit-Entscheidungen im Urbanismus
Privatgärten auskömmlich planen
Hacking Urban Furniture
G+L im Januar 2020: IBA Basel 2020
Wettbewerb zum Alten Leipziger Bahnhof in Dresden entschieden

Berliner Seilfabrik verbindet Alt und Neu für Klein und Groß

 

ANZEIGE

Die Berliner bauen riesige neue Kletterlandschaft auf einem Spielplatz in Reinickendorf

Auf 1500m² erstreckt sich im Berliner Norden, angrenzend an das Sportgelände des Vereins Füchse Berlin, eine neue Kletterlandschaft. In Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Reinickendorf und der Berliner Seilfabrik erarbeitete Landschaftsplanerin Alena Kniesche das umfassende Konzept und berücksichtigte dabei die verschiedensten Themen, wie Bestandsgeräte, U3, Inclusive Play oder das benachbarte Sportzentrum.

Die Ausgangssituation
Schon lange befand sich auf dem Gelände ein „Spielplatz“, hier wurden Schritt für Schritt Geräte ersetzt bzw. hinzugefügt. Es ließ sich kein Gesamtkonzept erkennen. Durch die Vergabe von EU-Geldern für den Bezirk Reinickendorf ergaben sich neue Finanzierungsmöglichkeiten für dieses vernachlässigte Areal. Für die Sanierung und Neugestaltung des Spielplatzes wurde die Berliner Seilfabrik beauftragt.

Konzentration und Übermut
Frau Kniesche teilte das Spielareal in zwei Teilabschnitte auf. Es entstanden ein Bereich für Kleinkinder und einer für ältere Kinder. Für die größeren Kinder und Jugendlichen konzipierte sie einen Parcours, auf dem es möglich ist, von einem Ende des Spielplatzes zum anderen zu kommen, ohne den Boden zu berühren. Dabei geht es durch ein 9m hohes Mittelmastgerät, über diverse Niedrigseilgartenelemente in ein weiteres Raumnetzgerät, einen sogenannten Spaceball. Dieser fand bereits vor einigen Jahren Platz auf dem Gelände und führt über eine Seilbrücke auf ein Feld mit Gummimatten. „Dieser Teil des Spielplatzes war noch in einem so guten Zustand, dass er komplett erhalten bleiben konnte.“, so Frau Kniesche. „Das modulare System der Berliner Seilfabrik erlaubt es, die neuen Elemente des Parcours auf der einen Seite und die Spielhäuser auf der anderen Seite mit den alten Geräten zu verbinden.“ Der Teil mit den Gummimembranen ließ sich so einfach an die Spielhäuser anschließen. Von diesen „Triis“ führt eine lange Kurvenrutsche in Richtung der „Face-to-Face-Swing“, welche Platz für 6 Kinder bietet. Für die kleineren Kinder entstand im schattigeren Bereich des Geländes eine kleine Niedrigseillandschaft kombiniert mit kleinen Baumhäusern. Die Trii-Baumhäuser sind Spielhäuser mit Bambuspaneelen als Aufwertung. Bambus ist umweltfreundlicher als gewöhnliches Holz. Botanisch betrachtet handelt es sich um ein Gras und das wächst nach, wenn es geerntet ist und zwar in diesem Fall bis zu einem Meter am Tag.

Das Farbkonzept bezieht sich auf die Vereinsfarben der Füchse Berlin. Die Seile leuchten orange und rot zwischen den grünen Pfosten. Auf einem der 3m hohen Pfeiler prangt ein Schild in Form eines Fuchskopfes. Getreu dem Motto der Füchse Berlin: konzentriert hier und übermütig an anderer Stelle machen die kletternden Kinder klar: „Hier ist unser Revier“. Passend zur Location finden sich in und um die Anlage weitere Sportgeräte, wie Reck und Barren.

Inclusive Play
Inklusive Spielräume, bei denen Kinder mit und ohne Behinderung, junge und alte Kinder einander begegnen und erleben können, gewinnen an Bedeutung. Bei diesem Projekt befindet sich beispielweise eine Nestschaukel direkt am Weg. Die tellerförmigen, großen Schaukeln geben mehreren Personen gleichzeitig die Möglichkeit, diese zu nutzen, ob im Liegen, Sitzen oder Stehen. So kann ein echtes Wir-Gefühl entstehen.

Individuelle Planung
„Spannend sind die Projekte mit besonderen Gegebenheiten. Wenn bspw. alte Geräte wiederverwendet oder natürliche Vorkommnisse wie Hügel oder Baumbestand mit in die Planung einfließen müssen. In Medebach realisieren wir für Center Parcs gerade das vermutlich längste Spielgerät Europas. 160m schlängelt sich die Kletterlandschaft aus Türmen, Netzen, Brücken und Tunneln den Bromberg auf 500m hinauf.“, erklärt Kniesche. Seit 2012 ist sie festes Teammitglied des 10-köpfigen Berliner Creative Center der Berliner Seilfabrik.

Berliner Seilfabrik, 2015
www.berliner-seilfabrik.com

Die Luftaufnahme zeigt im Hintergrund mehrstöckige Gebäude. Davor einen hell belegten Platz, der Karen Blixen Plads, aus dem sich künstliche Hügel wölben. Im Vordergrund ein Übergang in die Landschaft mit grünen Pflanzinseln.
Der Karen Blixens Plads verknüpft die Universitäsgebäude. credit: Rasmus Hjortshoj COAST

Der Karen Blixens Plads in Kopenhagen bildet einen zentralen Außenraum für den Südcampus der Kopenhagener Universität. Neben einer hohen Aufenthaltsqualität galt es, eine optimale Lösung für das hohe Radaufkommen zu finden. COBE kreierte eine Landschaft aus Hügeln und Tälern. Und darüberhinaus Abstellmöglichkeiten für 2 000 Fahrräder.

Karen Plixens Plads integriert Radabstellplätze

Dänemark gilt nicht ohne Grund als Vorreiterland wenn es um nachhaltige Mobilitätskonzepte geht. Denn in der Hauptstadt wählen jeden Morgen 40 Prozent der Menschen das Fahrrad als Fortbewegungsmittel zur Arbeit. Dabei gilt wohl auch das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Denn Kopenhagens Infrastruktur ist für Radfahrer*innen optimiert. Sowohl breite Radwege als auch Möglichkeiten um das Zweirad abzustellen, sind in die Stadtlandschaft integriert. Und eben jene gestalterisch gelungene Integration zeichnet das Projekt von COBE aus. Mit dem Karen Blixens Plads ist es dem Architekturbüro gelungen, alle notwendigen Infrastrukturen von vornherein so mitzudenken, dass der fertiggestellte Platz wie ganz selbstverständlich daherkommt. Inmitten der Hochschulgebäude ist eine Hügellandschaft entstanden, die auf mehreren Ebenen funktioniert. Sie lädt als Treffpunkt zum Verweilen ein. Und bietet überdies großzügige Abstellflächen für die Räder hunderter Studierender und Hochschulmitarbeiter*innen. 

Die Fahrräder verschwinden unter der gewölbten Oberfläche. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST
Die Fahrräder verschwinden unter der gewölbten Oberfläche. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST

Ein prominenter Standort mit hohen Ansprüchen

Das Projekt nahm bereits 2014 seine Anfänge. Damals gewann COBE den Wettbewerb zur Gestaltung des Platzes. Das Areal liegt auf dem Süd Campus der Kopenhagener Universität. Zu drei Seiten ist es von den Gebäuden der Universität sowie der Universitätsbibliothek begrenzt. Nach Süden hin öffnet es sich in eine weite Parklandschaft. Und schließlich hin zum Naturschutzgebiet Amager Commons. Der Karen Plixens Plads nimmt somit eine wichtige Gelenkfunktion zwischen Stadt und Umland ein.

Doch nicht nur die städtebauliche Lage ist außergewöhnlich. Mit rund 20 000 Quadratmeter ist der Karen Plixens Plads weiterhin einer der größten öffentlichen Plätze Kopenhagens überhaupt. Der prominente Standort und die hohen Ansprüche an den Raum machten die Entwurfsaufgabe nicht einfach. Doch COBE konnte alle Zweifel beseitigen und überzeugte mit einem dreidimensional gut durchdachten Konzept. Die Architekt*innen schlugen dabei eine sich überlagernde Fläche aus Hügeln und Tälern vor. Den Mittelpunkt dominiert ein „urbanes Wohnzimmer“, das die drei Haupteingänge der Universität verbindet.

Die runden Öffnungen lassen viel Licht ein und fügen sich in die Formensprache ein. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST
Die runden Öffnungen lassen viel Licht ein und fügen sich in die Formensprache ein. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST

Kathedralen für Fahrräder

So weit, so naheliegend für die Gestaltung eines Campusareals. Im nächsten Schritt entschied sich COBE dann den Bedarf an Fahrradstellplätzen durch drei „Fahrradhügel“ zu decken. Diese Kuppeln haben eine Spannweite von 36 Metern sowie einen Gesamtdurchmesser von 40 Metern. Die gigantischen Höhlen wurden bestehen aus Segmenten von Kugelschalen, die oberhalb der Fundamente durch einen unterirdischen Ringbalken begrenzt werden. Die einzelnen Schalen wurden in Ortbeton erstellt. Durch die Konstruktion wurde es möglich, im Inneren auf Stützen zu verzichten. Somit entsteht der Eindruck, der Boden würde Wellen schlagen. Die Hügel wirken weich und verschmelzen mit den ebenen Bereichen zu einer Einheit. Und sie bieten außerdem über 2 000 Stellplätze für Fahrräder. Durch die großen Öffnungen sind die Innenbereiche tagsüber von Tageslicht erhellt. Nachts sieht das Lichtkonzept eine Beleuchtung des Inneren vor. So sind nicht nur die Stellplätze rund um die Uhr angstfrei betretbar. Auch die Außenwirkung ist atmosphärisch eindrücklich.

Von oben wirkt der Platz eindrücklich. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST
Von oben wirkt der Platz eindrücklich. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST

Karen Plixens Plads will vielfältig nutzbar sein

Durch das Spiel aus Hügeln und Tälern ergeben sich verschiedenste Aneignungsmöglichkeiten im Außenraum. So sind an den Rändern beispielsweise geschwungene Sitzstufen eingelassen, die zur Tribüne für die tieferliegenden Platzflächen werden. Die Gestaltung soll zu vielfältiger Nutzung verleiten. Sei es ein spontanes Konzert vor kleinem Publikum, die Arbeit in Projektgruppen an den Sitzgruppen oder die Erkundung des Areals mit dem Skateboard. Dem extravaganten Spiel mit der Topographie und den Formen stehen ein reduzierter Materialkatalog und ein zurückgenommenes Farbkonzept gegenüber. Der helle Platzbelage wird durch vereinzelte, runde Pflanzbereiche kontrastiert. Aus der Vogelperspektive entsteht somit ein artifizielles, geometrisches Bild. Der bis ins Detail durchkonzipierten Platzgestaltung steht die weite Landschaft im Norden entgegen. Zum Amager Commons hin sah COBE einen allmählichen Übergang von der Stadt zur Landschaft hin vor. Die Grünflächen werden hier ausladender. Die Wege schmiegen sich zudem organisch um die Pflanzbereiche. Ein geschwungener Kanal führt vom Universitätscampus bis zum kleinen See Grønjordssøen.

Nachts strahlen die Hügel sanft nach außen. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST
Nachts strahlen die Hügel sanft nach außen. Credit: Rasmus Hjortshoj COAST

COBE und die Räder

Das Projekt wurde 2019 fertiggestellt und eröffnet. Seitdem bevölkern hunderte Student*innen die Freiflächen jeden Tag und frequentieren die Radabstellflächen. Für die Stadt Kopenhagen ist durch den Karen Blixen Plads ein weiteres Projekt realisiert worden, dass ihren Status als Fahrradmetropole festigt. Und auch für COBE ist es dabei nicht das erste Projekt dieser Art. Bereits in der Vergangenheit entschieden sie sich die Nutzungsanforderungen, die durch das hohe Radaufkommen entstehen, als Ausgangspunkt für eine Gestaltung zu nehmen. An der Nørreport Station realisierten sie 2015 Abstellfächen, die leicht im im Belag eingelassen sind. Sie betitelten diese als „sunken bicycle beds“. Die Orientierung zwischen Parkplätzen sowie Fußwegen ist eindeutig, gleichzeitig rücken die Fahrräder durch die Terrainabsenkeung etwas aus dem Fokus. Weiterhin dienen die Mulden als Rückhaltebecken bei Starkregenereignissen. COBE gelingt es mit den Projekten Pragmatismus und Design zu vereinen.

„Copenhagen is one of the world’s leading bicycle cities, with more than 40 per cent of the city’s inhabitants riding their bike for their daily commute. That requires a new and flexible approach to bicycle parking. […] we have developed innovative bicycle parking solutions that form a natural element in the environment.“, beschreibt Dan Stubbergaar, Architekt und Gründer, den Ansatz. Die Erfindung von „Bicycle beds“ oder „Bicycle hills“ basiert darauf. Und sie kann außerdem im Stadtraum durch ihre inhärente Gestaltungslogik überzeugen. Man darf also durchaus gespannt sein, welche Formen der Integration COBE in der Zukunft noch entdeckt.

Ein weiteres spannendes Großprojekt von COBE ist übrigens Jernbanebyen in Kopenhagen.