Religion und Stadt – Moderne Sakralbauten

Religion ist in die öffentliche Debatte zurückgekehrt. Kruzifixe gehören – zumindest in Bayern– auch in öffentlichen Gebäuden zum Inventar. Gleichzeitig lehnen manche Bürger Religionen, wie den Islam, als Teil der modernen deutschen Identität ab. Mit diesen Debatten muss sich die Architektur moderner Sakralbauten auseinandersetzen.

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Ansgar und Benedikt Schulz (Hg.): „Religion und Stadt Positionen zum zeitgenössischen Sakralbau in Deutschland“, 2018, Jovis

Religion und Stadt

Religion beeinflusst seit je Stadtbilder auf der ganzen Welt. Heute prägen vor allem mehrere Religionszugehörigkeiten die deutschen Großstädte. Diese sind nicht mehr zwingend mit geografischen Gegebenheiten oder nationale Grenzen verknüpft. Bewohner sehen bestehende Sakralbauten als gegebener Teil des Stadtbildes, als angenommen Realität. Neue Sakralbauten hingegen, wie die „Zentralmoschee“ in Köln, lösen nicht selten hitzige gesellschaftliche und politische Debatten aus. Ein günstiger Moment also, für eine Publikation, die den Zusammenhang zwischen Religion und Stadt erörtert.

Ein persönlicher Sichtwinkel

In dem Buch „Religion und Stadt“ stellen die Leipziger Architekten Ansgar und Benedikt Schulz fünf Positionen zeitgenössischer Sakralbauten in Deutschland vor. Dafür führen sie Gespräche mit den Architekten Paul Böhm, Jost Haberland, Wilfried Kühn und Andreas Meck. Ein persönliches Vorwort der beiden Herausgeber leitet die Auswahl ein und beschreibt ihren Weg zu „Religion und Stadt“. Die Architekten sprechen über ihre Kindheit in einer katholischen Gemeinde und über professionelle Erfolge, wie die Realisierung der Probsteikirche in Leipzig 2015. Ansgar und Benedikt Schulz kommen unter anderem zu dem Schluss, dass das Sakrale innerhalb eines Typus nicht eindeutig bestimmbar ist. Stattdessen haben alle untersuchten Projekte ein gemeinsames Merkmal: Sie spielen eine bedeutende Rolle für Geschichte und Identität der jeweiligen Stadt.

Verschiedene Gotteshäuser

Anschaulich führen Ansgar und Benedikt Schulz den Leser anhand von Visualisierungen und Zeichnungen von Kuehn Malvezzi’s religionsübergreifendes Konzept „House of One“, welches in Berlin Mitte realisiert werden soll. Außerdem stellen sie die Kirche „Seliger Rupert Mayer“ in Poing bei München von Meck Architekten vor. Außerdem wird das nicht realisierte Projekt „Neue Synagoge“ in Potsdam des Berliner Büros Haberland Architekten vorgestellt, sowie kürzlich viel diskutierte „Zentralmoschee“ der Architekten Gottfried und Peter Böhm in Köln. Auch die „Probsteikirche“ in Leipzig, geplant von Ansgar und Benedikt Schulz selbst, findet mit einem anerkennenden Beitrag des Schweizer Architekt Mario Botta seinen Weg in das Buch.

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Die Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig von Schulz und Schulz Architekten. Foto: Simon Menges

Begleitet von anschaulichen Perspektiven, technischen Zeichnungen und Fotografien gibt das Buch einen spannenden Einblick in die Vielfalt zeitgenössischer Sakralbauten in Deutschland. Ansgar und Benedikt Schulz illustrieren einprägsam, wie Architektur dazu beitragen kann, Religion wieder zu einem öffentlichen Thema zu machen. Die Projekte prägen auf verschiedene Arten die Identität ihrer Städte. So vollendet die Kirche „Seliger Rupert Mayer“ in Poing das Bild eines neuen Ortszentrums und wird zu einem beliebten Anlaufpunkt der Ortschaft. Weniger städtebaulich als symbolisch prägt die „Zentralmoschee“ in Köln städtische Identität. Der Bau einer Moschee in Innenstadtlage wird zu einem Symbol für den Beginn, weitere Religionen in die lokale Identität zu integrieren. Grund genug, dass Mario Botta moderne Sakralbauten ganz anders bezeichnet: „Zeichen unserer Zeit“ eben.