Schanitown

Statt Schickeria-City war München 2020 Schanitown. Überall schossen die Schanigärten aus dem Boden – Versuche der Gastronomie, corona-bedingte Einbussen aufzufangen. Gefühlt an jeder Ecke zu finden, gab es bald genügend Schanigärten, um damit ein Buch zu füllen. Buchstäblich. So entstand dann auch das Buch “Schanitown”, in dem der Architekt Alexander Fthenakis seine fotografisch festgehaltenen Schani-Funde sammelt und typologisch einordnet. Wir bieten Ihnen einen ersten Einblick und veröffentlichen exklusiv das Vorwort von Lukas Kubina.

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Foto: Alexander Fthenakis

 

Im Sommer 2020 wurde München botanisiert. An Orten des ruhenden Verkehrs entstanden Orte der Ruhe und Einkehr. Gebautes und Gelebtes verabredeten sich zu einer neuen Lebensweise und trafen in Parkbuchten aufeinander. Alte Konflikte im öffentlichen Raum lösten sich in einem verblüffend breiten Konsens unter Behörden, Anwohnern und Verkehrsteilnehmern auf. Die einfache Formel: Gastgärten statt Parkplätze, vorläufig befristet bis zum 30. September 2020.

Quasi informell zur offeneren Stadt

Die neue Welt lud ein, sich in seinen temporären Landschaften zu verlaufen und entdeckt zu werden. Automobile Privilegien verschoben sich zu Gunsten der Menschen und ihren Grundbedürfnissen (Never forget: Paris ist eine Frau, München ist Bier). Deren träge Verhaltensmuster wurden vitalisiert und manch neue gediehen, etwa die des Schanicharmeurs (im Drive By Flirt), des Schanisten (Dauergast, ursprüngliches Habitat war der Biergarten), des Schaniflâneurs (ein durstiger Peatonist) und des friedliebenden Schaninachbarns (einst Ruhestörungsquerulant). Improvisation wurde auch ein legitimes bauliches Mittel. Mit zum Teil, das werden die folgenden Seiten zeigen, einfachsten Mitteln. Stellenweise wurde die hermetische Stadt sogar etwas porös. Willkommen in Schanitown!

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Foto: Alexander Fthenakis

 

Zunächst aber einen Schritt zurück: Wie konnte das Unmögliche eintreten und das Unvorstellbare passieren? Die Erklärung ist banal. Krisen sind Wendepunkte und entfalten eine transformative Kraft. So auch in Zeiten der Covid-19 Pandemie. Die wirtschaftliche Nothilfe für Gastronomen entwickelte sich zum Glücksfall für die schmalen Bürgersteige und öden Straßenzüge Münchens. Nicht zuletzt auch für die Produktionsphase dieses Buchs – eine herrliche Zeit des Umherschweifens durch aufblühende Gegenden einer Stadt, die in diesem seltenen Sonderfall ihre quadratischen Gesetzmäßigkeiten und punktierte Asphaltpolitik überging und die Glaskuppel anhob, um durchzulüften. Natürlich verwandelte sich München nicht über Nacht in Garten Eden. Aber auf dem street level wurde sie eine offenere Stadt – trotz Abstandsregeln und Masken. Und das quasi informell.

Vom Schah zum Schani und zurück

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Foto: Alexander Fthenakis

 

Bei allem Pathos in den ersten Absätzen: Dieses Buch maßt sich nicht an, Manifest, Schablone oder Testament zu sein. Es ist eine Momentaufnahme. Für diese driftete der Architekt Alexander Fthenakis mit seiner Kamera durch die Stadt und fotografierte die fliegenden Bauten. Die repräsentative Auswahl gliedert und beschreibt er typologisch. Der Stadtplaner Jonas König steuert einen Essay über das Phänomen und seine Temporalitäten bei und wandert dabei vom Schah zum Schani und zurück. Zahlen, Fakten und das Antragsformular ergänzen die Zeitkapsel.

Am Ende verbleibt, doch gefühlig, oh Schanitown, und mit heftiger Quo Vadis Stimmung, Dein Sorry.

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