15.03.2021

Projekt

The Line: Neues Mega-City-Projekt in Saudi-Arabien 

von Arian Schlichenmayer

Advertorial Artikel Parallax Article

Wie eine linienförmige Oase soll sie sich durch die saudi-arabische Wüste ziehen: „The Line“ ist der erste Schritt in einem futuristischen Entwicklungsprojekt namens „NEOM“. Die utopisch geplante Bandstadt hat aber bereits die ersten Opfer gefordert. 

The Line wird als eine "Revolution des urbanen Lebens" beschrieben. (Grafik: NEOM)

Erdöl machte über Nacht reich

„Die zeitgenössische Stadt braucht eine komplette Neugestaltung“, sagt die Stimme aus dem Off. „Was wäre, wenn wir Autos beseitigen? Was wäre, wenn wir Straßen loswerden? Was wäre, wenn wir um die Natur herum bauen, anstatt über sie drüber?“, geht es im kürzlich erschienenen Ankündigungsvideo für „The Line“ weiter. Die vorgeschlagene Lösung zu diesen und anderen im Video aufgeworfenen Fragen ist dann auch eben das, was der Name verspricht: eine Bandstadt.

Keine Autos, keine Straßen, keine Kohlenstoffemissionen. Wohnung, Natur, Supermarkt, Arbeitsplatz – alles zu Fuß innerhalb von fünf Minuten erreichbar. Das sind die Visionseckpunkte einer zukünftigen Millionenstadt mit dem Namen „The Line“. Vorgestellt hat sie der Kronprinz Mohammed bin Salman, der de-facto-Regierende des Landes. Ganz dem Namen gerecht werdend, soll die Stadt sich über 170 Kilometer wie eine schnurgerade Linie durch die Tabuk-Provinz im Nordwesten Saudi-Arabiens ziehen.

Bis zu 200 Milliarden US-Dollar soll The Line kosten. Die Stadt ist Teil eines Entwicklungsprojektes mit dem Namen „NEOM“, für das insgesamt 500 Milliarden Dollar investiert werden sollen. Neom soll dereinst eine Fläche von 26 500 Quadratkilometern einnehmen. Zum Vergleich: Ganz Mecklenburg-Vorpommern kommt gerade mal auf etwas über 23 000 Quadratkilometer. Das Stadtgebiet von Berlin würde fast 30 Mal in Neon hineinpassen.

Es ist ein in vielerlei Hinsicht gigantisches Projekt, nicht nur finanziell und geografisch. Saudi-Arabien will und muss die Abkehr vom Erdöl schaffen, will es sich zukünftig nicht wirtschaftlich abgehängen lassen.

Als in den späten 1930er-Jahren zum ersten Mal das schwarze Gold aus dem Wüstenboden der Arabischen Halbinsel sprudelte, machte das Saudi-Arabien quasi über Nacht von einer der ärmsten Ländern der Welt zu einem der reichsten. Die Erdölerlöse erlaubten es dem Land einen gewaltigen Staatsfond aufzubauen. Dieser ist  mittlerweile etwa eine halbe Billion Dollar schwer ist und soll in den nächsten Jahren auf mehr als das Doppelte anwachsen. Dieses Geld soll nun dazu dienen, die saudi-arabische Wirtschaft auf ein erdölfreies Fundament zu hieven.

Man schielt in dabei ein wenig neidisch auf Dubai. Die östliche Nachbarstadt wurde ebenso aus dem ansonsten wenig hergebenden Wüstenboden gestampft, durch Öl reich und ist dabei, seine seine Wirtschaftseinkünfte erfolgreich zu transformieren. Wenn auch manche*r die Stadt als substanzarme Zurschaustellung geradezu obszönen finanziellen Reichtums sehen mag, so hat Dubai geschafft, was man in Saudi-Arabien auch hinkriegen möchte: Es ist zum Tourist*innenmagneten geworden und es lockt mit ausländischen Investor*innen weitere Devisen in die Vereinigten Emirate.

The Line als Stadtkonzept der Zukunft

The Line also, eine Stadt innerhalb Neoms, wie eine Linie ohne zentralen Stadtkern, bestehend aus aneinandergereihten „city modules“, innerhalb derer alle Bedürfnisse des täglichen Lebens durch einen maximal fünfminütigen Fußweg von der Wohnstätte aus erfüllt werden können. Der oberirdische Verkehr beschränkt sich auf Fußgänger*innen und Radfahrer*innen, während eine unterirdische Hochgeschwindigkeits-Bahn es erlauben soll, die 170 Kilometer zwischen den Endpunkten der Stadt innerhalb von 20 Minuten zurückzulegen. Ebenfalls unterirdisch soll eine U-Bahn für kürzere Entfernungen und eine Transportlösung für Fracht entstehen. 30 Prozent der Infrastrukturkosten einer herkömmlichen Stadt will man so sparen und zudem 100 Prozent des Stadtenergiebedarfs aus erneuerbaren Quellen decken. Künstliche Intelligenz soll das Verhalten der Bürger*innen in der Stadt beobachten und durch Daten- und prädiktive Modellierung die Lebensqualität verbessern.

Die Bandstadt soll drei verschiedene Ebenen für Fußgänger*innen, Dienstleistung und Transport haben. (Grafik: NEOM)

Die Bandstadt: bisher wenig erfolgreiches Konzept der Stadtplanung

Zu den etwas entfernteren Zukunftsvisionen dürften Taxidrohnen gehören, Roboterdiener, phosphoreszierende Sandstrände, ein Park mit Roboterdinosauriern, ein künstlicher Mond, der jede Nacht über der Stadt aufgehen soll oder gar medizinische Einrichtungen, die Gentechnik verwenden sollen, um „den Menschen stärker zu machen“.

Das Konzept der Bandstadt ist keine bahnbrechende Neuerung. Sie wird dem Spanier Arturio Soria y Mata zugeschrieben und ist dessen Versuch, den Problemen, die die Industrialisierung und die darauf folgende eilige Stadtentwicklung im späten 19. Jahrhundert mit sich brachte, entgegenzutreten. Dabei sollte, wie bei den in England etwa zum gleichen Zeitpunkt aufkommenden Konzepten der Gartenstadt, insbesondere die Wohnqualität gefördert werden, indem Pendelwege kurzgehalten, Dienstleistungen bequem zugänglich und Erholungsgebiete schnell erreichbar sein sollten.

Tatsächlich realisierte Bandstädte gibt es allerdings nur wenige. Teilweise wurde das Konzept beispielsweise in Wolgograd und Magnitogorsk vom russischen Städteplaner Nikolai Alexandrowitsch Miljutin implementiert. Auch Brasília, die 1960 gegründete Hauptstadt Brasiliens wurde als Bandstadt geplant. Hier sorgten allmählich steigende Preise im Bandbereich allerdings für die Entstehung zahlreicher Satellitenstädte rund um das zentrale Gebiet.

In so großem Maßstab und so konsequent wie bei The Line wurde eine Bandstadt bisher allerdings noch nicht geplant. Es ist auch zu erwarten, dass die Stadtentwicklung in einer Monarchie wie Saudi-Arabien rigoroser umgesetzt werden wird, als es in einer Demokratie möglich ist.

Juristische und gesellschaftliche Sonderzone Neom

Neom soll unabhängig von der staatlichen Rahmengesetzgebung Saudi-Arabiens agieren, eigene Steuergesetze erlassen können und über ein autonomes Justizsystem verfügen. So soll durch die Sonderverwaltung unter anderem sogar sichergestellt werden, dass die Bewohner*innen von The Linke Alkohol verkaufen und konsumieren dürfen – ein Zugeständnis an einen eher westlichen Lebensstil der erwarteten Investor*innen in der ansonsten streng an einer konservativ-wahabistischen Auslegung des Islams orientierten Monarchie.

Warum? Vordergründig gibt es nur Argumente, die für das Projekt sprechen. (Grafik: NEOM)

Nicht nur Sonnenseiten am Projekt

Ebenfalls fällt auf, dass in den Präsentationsvideos häufig Frauen in für saudi-arabische Verhältnisse ungewöhnlicher Weise dargestellt werden. Sie betreiben Sport in westlicher Kleidung und viele von ihnen tragen keinen Kopfschleier, während sie Seite an Seite, anscheinend gleichberechtigt, mit Männern zusammenarbeiten. Sollte Neom den gezeigten Ansprüchen gerecht werden, so wäre das eine massive Veränderung der Art und Weise wie Frauen in einem Land leben, in dem sie in der Öffentlichkeit Kleidungsvorschriften unterliegen oder Rechtsgeschäfte nicht ohne Zustimmung eines männlichen Vormundes tätigen können.

Bei aller funkelnder Vision steht das Projekt auch in der Kritik. Bis zu 20 000 Menschen, Angehörige des Beduinenstamms der Howeitat, leben derzeit im zukünftigen Stadtgebiet von The Line und müssen ihre Heimat verlassen. Wer sich von ihnen querstellt, kann auf keinen langen Prozess hoffen, wie das Beispiel von Abdul Rahman al-Hwaiti zeigt. Der Bauer, dessen Heimatdorf Al-Khuraybah den Plänen von The Line im Wege steht, weigerte sich, sein Grundstück aufzugeben und wurde kurz darauf von saudischen Spezialkräften erschossen.

Oder aber Alya al-Hwaiti. Die saudi-arabische Aktivistin erhält nach einem Bericht des Spiegels in ihrem Londoner Exil Todesdrohungent, seitdem sie kritisch über das Neom-Projekt berichtet. Dabei vermute sie die Herkunft der Drohungen aus dem Umfeld des Kronprinzen bin Salman. In London könne ihr das gleiche Schicksal wie jenes von Jamal Khashoggi drohen. Er – Journalist und einer der profiliertesten Kritiker des Kronprinzen – wurde 2018 während einer anscheinend vom Kronprinzen persönlich angeordneten Operation im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet.

Neom und The Line – voller Visionen, wenig Konkretes

Neom strotzt vor ambitionierten Visionen und vielleicht bleibt ein Teil dieser Visionen auch auf der Strecke. Das wäre nicht gerade ungewöhnlich, zieht man in Betracht dass es immer wieder Pläne für Megastädte in Saudi-Arabien gegeben hat. In der jüngsten Vergangenheit waren dies Pläne für nicht weniger als sechs Städte, von denen lediglich die King Abdullah Economic City sich aktuell in der Realisierung befindet.

Von großer Bedeutung wäre die gesellschaftliche Dimension, die Neom in seiner jetzigen Planung durch die juristische Sonderzone hätte. Durch die Abkehr vom konservativen Scharia-Rechtssystem könnte das Projekt als Beispiel für die Stärkung der Menschenrechte im Land dienen, die bis heute unter gravierenden Problemen leiden.

Wie genau The Line so nachhaltig, effizient und umweltschonend werden soll, darüber gibt es von saudischer Seite noch keine Angaben. Überhaupt fehlen an jeder Ecke konkrete Informationen. Ob urbaner Verkehr tatsächlich nachhaltiger und Transferzeiten kürzer werden können, wenn die Wege in einer 170 Kilometer langen Stadt unter Umständen länger sind, ist auch noch nicht geklärt. Es ist jedoch recht schwer zu akzeptieren, dass eine Stadt, dessen Image-Video behauptet, sie solle nicht über die Natur hinweg, sondern um sie herum gebaut werden, in ihrer äußeren Gestaltung das genaue Gegenteil macht und sich wie ein Strich, ungeachtet der geologischen Begebenheiten die sich während der 170 Kilometer in den Weg stellen (unter anderem ein ganzes Gebirge), durch die Landschaft zieht.

Es wäre nur schön, wenn auch viel Gutes herauskommt bei The Line und beim Projekt Neom. Gutes für die Umwelt und Gutes für den Menschen. Potenzial und Geld sind vorhanden. Eine Vision gibt es auch. Vertreibungen von Ureinwohner*innen passen aber ganz klar nicht zum vom Kronprinzen selbst vorgetragenem Anspruch einer „zivilisatorischen Revolution, die den Menschen an erster Stelle stellt“.

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