Nachruf auf Hannelore Kossel

Ende letzten Jahres ist die bekannte Landschaftsarchitektin Hannelore Kossel nach schwerer Krankheit in Berlin verstorben. Dr.Ing. Klaus-Henning von Krosigk, einer ihrer Weggefährt*innen, sammelte Stimmen und Anekdoten von Kolleg*innen und Freund*innen von Hannelore Kossel, um sie in einem Nachruf zu ehren.

 

Am 27. Oktober 2020 ist Hannelore Kossel mit 79 Jahren nach schwerer Krankheit in Berlin verstorben. Ihr viel zu früher Tod gibt Veranlassung dieser wunderbaren Kollegin und beeindruckenden Persönlichkeit in einem Nachruf ein ehrendes Gedenken zu setzen. Man hat mich gebeten, diesen Nachruf zu verfassen und ich möchte hier eingangs sagen, dass ich diese Zeilen nur schreiben konnte, weil mir zahlreiche Kolleg*innen, aber auch ihre über ganz Europa verstreuten Freund*innen mit wertvollen Hinweisen, Berichten und Fotomaterial geholfen haben, dieser ehrenden Pflicht nachzukommen.

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Man möge es mir nachsehen, wenn ich in Anbetracht der überwältigenden Materialfülle manches kürzen, oder gar vernachlässigen musste. Ich hoffe dennoch, dass dieser Nekrolog einer bewunderungswürdigen Frau und Kollegin einigermaßen gerecht wird und vor allem auch etwas über ihre Person aussagt.

Über Berlin hinaus bekannt

Am 1. Juli 1941 in Berlin geboren, hat Hannelore Kossel ihr ganzes Leben in der deutschen Hauptstadt verlebt. Als einziges Kind von Hans und Else Kossel wuchs sie in einem behüteten Elternhaus in Berlin-Westend auf, in dem ihr Vater auch seine erfolgreiche Zahnarztpraxis führte. Ihre charakteristische Unabhängigkeit in Denken und Handeln sollte sich schon in früher Jugend zeigen: Wie mir ihre Patentochter Afra M. Rapold aus St. Gallen schrieb, hatte sie zu ihrem Vater kein sehr inniges Verhältnis „lehnte sie doch als junge Frau alles Bürgerliche und die gesamte Bourgeoisie vollkommen ab. Es war ja auch die Zeit des Umbruches in der Gesellschaft der 68er-Bewegung“.

Ihrem großen Interesse an der Natur folgend, machte Hannelore Kossel nach ihrem Abitur 1961, eine 1,5-jährige Gärtner*innenlehre in der Stadtgärtnerei Berlin-Charlottenburg und studierte dann vom Wintersemester 1962/63 bis zum Sommersemester 1970 am Institut für Gartenkunst und Landschaftsplanung der Technischen Universität Berlin – u.a. bei Hermann Mattern und bei Günter Nagel – Garten- und Landschaftsarchitektur.

Sie beendete ihr Studium mit dem Diplom-Ingenieur im August 1970 und trat direkt anschließend eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Landschaftsarchitekturbüro Professor Günther Nagel an. Sieben Jahre später erfolgte schließlich ihre eigene Bürogründung. Später folgten eine Gastprofessur an der Hochschule der Künste, Lehraufträge an der Technischen Universität Berlin und an der Kunsthochschule Weißensee sowie zahlreiche Mitwirkungen bei Preisgerichten und Gutachterverfahren und Gestaltungsbeiräten. Nicht zuletzt hat sich Hannelore Kossel viele Jahre im Deutschen Werkbund engagiert.

Der Berliner „Block- oder Schmuckplatz“

Sie selber gehörte im Berlin der Jahre um die Wende unbestritten zu den erfolgreichsten Garten- und Landschaftsarchitekt*innen, und feierte insbesondere in der klassischen Objektplanung schon sehr früh Erfolge, die sie dann auch bald über Berlin hinaus bekannt machten. So gestaltete, bzw. bearbeitete sie wunderbare Gärten, zahlreiche Stadtplätze, öffentliche Grünanlagen, Außenanlagen an Gewerbeobjekten, Schulen und Kindertagesstätten, Gartenhöfe und Dachgärten, Grün an Wohnungsbau und nicht zuletzt auch gartendenkmalpflegerische Projekte.

Hannelore Kossel war es immer wichtig, für den ihr anvertrauten Stadt- oder Gartenraum ganz spezielle, auf die örtliche Situation, auf spezifische Nutzungsanforderungen, aber auch die Geschichte des Ortes bezogene Antworten zu finden. „Achtung vor Vorhandenem, behutsames Weiterentwickeln, ist wichtiger als modische Überformung“, wie sie selbst immer wieder sagte. Hier mag man unwillkürlich an Goethe denken, der sprach „Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet, und die echte Sehnsucht muss stets produktiv sein, ein neues Besseres erschaffen.“

Einer der frühen Stadtplätze in Berlin, der nach den Entwürfen von Hannelore Kossel als Landschaftsarchitektin sowie den Hochbau Architekten Urs Müller und Thomas Rhode in besonders sensibler Weise Anfang der 1980er-Jahre in einem historischen Stadtquartier als Neuanlage im Stil der Postmoderne angelegt worden ist, ist der Los-Angeles-Platz in Berlin-Charlottenburg.

Dieser Patz mit seiner hohen Aufenthaltsqualität, der ästhetischen Qualitäten vergangener Epochen, seiner Gestaltungsvielfalt und Detailliebe, aber auch den klar geometrisch geformten Gartenräumen mit dem dominierenden Pergolengarten, steht für die Aufwertung der Innenstädte – nach einer deutlichen Abkehr der unsere Städte zerstörenden Idee einer Autogerechten Stadt – sowohl in Bezug auf das Wohnumfeld als auch für die „City“ des damaligen West-Berlins. Der später wegen seiner herausragenden städtebaulichen Qualitäten und damit auch für die charakteristische Handschrift Hannelore Kossels bis heute sehr geschätzte klassische Berliner „Block- oder Schmuckplatz“ wurde dann sogar als Gartendenkmal unter Denkmalschutz gestellt.

Wiederherstellung des Savignyplatz

Ohne Zweifel steht auch in dieser Tradition der 1998 von Hannelore Kossel nach der Wende nach ihrem Entwurf in Berlin Hellersdorf angelegte „Fritz Lang-Platz“, ein Platz von dem Hans Stimmann in dem von ihm 2001 herausgegebenen Fachbuch „Neue Gartenkunst in Berlin“ schreibt: „ […] es ist gerade die Einfachheit dieses Stadtplatzes, die seine Qualität ausmacht.“ Zu erwähnen wären hier aber auch der 1996-97 realisierte „Hamburger Platz“ in Berlin-Weissensee, für den sie in einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Architekten Gerd Neumann die Außenanlagen entworfen hat. In ihrem Oeuvre finden sich zahlreiche weitere Stadtplätze, wie der Friedensplatz Hanau, der Graf -Wilhelm-Platz in Solingen, der Willy-Brandt-Platz in Hamm, oder der Konrad -Adenauer-Platz in Gütersloh.

Schon bald wurde die herausragende Arbeit Hannelore Kossels als Garten- und Landschaftsplanerin mit Preisen und Auszeichnungen gewürdigt. Hier sind u.a. 1984 die Verleihung mit einer Goldplakette des Bundesministers für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau für „Städtebauliche Leistungen im Bezirk Wedding, Sanierungsgebiet Brunnenstraße im Bereich der Swinemünder Straße und des Vineta Platzes“ zu nennen oder die schon 1983 erfolgte Verleihung des BDLA-Preises für das Projekt „Landschaftspflegerischer Begleitplan zum Ausbau des Teltow-Kanals“ , den sie und Kolleg*innen ihres Planungsbüros erhielten

Bereits 1986 gelang es Hannelore Kossel, gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Bettina Bergande ­– auf Veranlassung der Berliner Gartendenkmalpflege – den 1926 von Erwin Barth angelegten Savignyplatz an der Kantstraße, ebenfalls in Berlin-Charlottenburg, in seiner hohen denkmalpflegerischen Bedeutung minutiös wiederherzustellen. Aufgrund der im Grünflächenamt Charlottenburg vollständig erhaltenen originalen Entwurfszeichnungen von Erwin Barth konnten nicht nur die den Platz dominierende beeindruckende Traillage-Architektur für die großartigen Sitznischen, sondern auch alle Beleuchtungskörper rekonstruiert, das wertvolle Schmuckpflaster sorgfältig erhalten, aber auch die wunderbaren Staudenbeete vollständig neu angelegt werden.

Instandsetzung des Gartens an der Rehwiese

Dieser denkmalgeschützte wertvolle Schmuckplatz Berlins ist nicht nur ein kostbares Erbe der reformorientierten Barth-Zeit der Nach-Jahrhundert-Wende, sondern auch Zeugnis einer erfolgreichen Denkmalpflegepolitik der Berliner Gartendenkmalpflege , ist aber auch ein Dokument des hohen planerischen Könnens von Hannelore Kossel und ihrem leistungsfähigen Planungsbüro sowie einer in jenen Jahren engen „Arbeitsgemeinschaft“ der großen Garten- und Landschaftsarchitektin mit dem Berliner Landesdenkmalamt und dem Autor dieser Zeilen.

Es folgten dann später verständlicherweise weitere Denkmalpflege-Projekte, wie ein Fachgutachten zum Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin-Wedding, oder das Projekt der 1994/95 realisierten Außenanlagen bei vier Stadtvillen am Lützowplatz in Berlin-Tiergarten, oder die Entwürfe für zwei Vorgärten am oberen Kurfürstendamm – die dann auch umgesetzt worden sind – aber auch Instandsetzungsplanungen für Villen- und Landhausgärten im Bezirk Zehlendorf von Berlin. Zu nennen sind hier vor allem das Fachgutachten für den Garten Marlier – der Villa der berüchtigten Wannseekonferenz  am Großen Wannsee 56/58 – das von Hannelore Kossel und ihrer Mitarbeiterin Bettina Bergande 1991 erstellt, die Grundlage für eine sorgfältige gartendenkmalpflegerische Wiederherstellung dieses der Hektar großen Villengartens der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg werden sollte .

Besonders erfolgreich hat sich Hannelore Kossel aber auch um eine wiss. konservatorisch anspruchsvolle schrittweise Instandsetzung des eigenen, ab 1906 von Hermann Muthesius selbst entworfenen Gartens an der Rehwiese in Berlin-Nikolassee bemüht. Hier hat es Hannelore Kossel geschafft, wiederum im Auftrag der Berliner Gartendenkmalpflege, sich mit großer Liebe zum Detail, einer hohen Material-, aber auch Pflanzenkenntnis – gemeinsam mit der gartenbegeisterten Hausherrin – in den Jahren von 1985 bis 2007 diese Inkunabel eines frühen Landhausgartens in alter Schönheit wieder herzustellen.

Hannelore Kossel ging sensibel auf das ein, was war

Vielfältig sind aber auch ihre zahlreichen Entwürfe – nicht zuletzt in vielen Wettbewerben – für Schulen, so 1995 für das Gymnasiumin Bernau, 1996 für das Gymnasium in Templin, 1998 für die Grund- und Sonderschule Buchholz -West und 1998 für die Grund-und Sonderschule Französisch-Buchholz, um 2000 Entwürfe für die Fachhochschule Magdeburg (Standort Herrenkrug), 2002 Planungen für die Freie Universität Berlin-Fu Campus Lankwitz, und zeitgleich für den Campus Jungfernsee, 2007 Entwürfe für den Hochschulcampus Bielefeld oder 2009 Entwürfe für den Neubau der Kronthal-Schule in Kronberg.

Unbedingt erwähnenswert sind aber auch ihre zahlreichen, Berlin seit dem 19. Jahrhundert kennzeichnenden Gartenhöfe, die sie immer wieder mit einer unbedingt minimalistischen Handschrift und klaren Form- und Materialsprache entwarf. Hier sind Gartenhöfe wie der 2007 fertiggestellte Gartenhof im Wohn-und Geschäftshaus in der Lietzenburger Straße 53, der 2003 angelegte Hof Podewil im Palais am Klostergarten in Berlin-Mitte oder die 2009 vollendeten Paul-Lincke-Höfe in Berlin-Kreuzberg zu nennen.

Zu den ganz herausragenden und auch höchst erfolgreichen Projekten Hannelore Kossels in „Westdeutschland“ gehören die Freiflächen-Planungen für das 2005 fertiggestellte „Kulturgut Haus Nottbeck“ in Oelde-Stromberg, ohne Zweifel aber die grundlegenden Planungen für eine Instandsetzung der weiträumigen Gartenanlagen von Kloster/Schloß Bentlage bei Rheine – Planungen, die 2000/2001 realisiert wurden . Auch hier gelang es ihr, wie es Werner Friedrich – Mitglied im Förderverein Kloster Bentlage – einmal schrieb „auf das was war, sensibel einzugehen“.

Hannelore Kossel unglaubliche Durchsetzungskraft und Willensstärke

Gemeinsam mit Ulrich Eckardt, dem Intendanten der Berliner Festspiele und dem für die Berliner Bauausstellung verantwortlichen Architekten Josef Paul Kleihues sowie Repräsentant*innen aus Rheines Gesellschaft und Politik – wie Werner Friedrich ­– das „Memorandum für Bentlage“ zu erarbeiten, um die historische Bedeutung des Natur- und Kulturraumes Bentlage angemessen in die Gegenwart zu „übersetzen“ und zukunftsfähig fortzuschreiben. Über zehn Jahre blieb sie dem Kloster und der Stiftung als Mitglied des Kuratoriums verbunden und seit jenen Jahren verband Hannelore Kossel, bis zu ihrem Ableben, eine ganz besondere Freundschaft zu Werner Friedrich, und seiner Würdigung der lieben Verstorbenen habe ich im Übrigen manches an wertvollen Informationen zu verdanken.

Ein weiteres ansprechendes Projekt in Westdeutschland waren die Planungen die sie im Auftrag für Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff für die Neugestaltung der Außenanlagen im neu errichteten Eingangsbereich des „Gräflichen Park & Balance Resort“ in Bad Driburg entwerfen konnte – Planungen, die 2006/07 umgesetzt wurden und noch heute von Ihrem schönen Ideenreichtum und beherzten Handschrift zeugen. Das gilt natürlich auch für den in jenen Jahren, ebenfalls nach ihren Vorstellungen, neu angelegten, beeindruckenden Irrgarten im großen Gräflichen Kurpark zu Bad Driburg.

Zu den erfolgreichen Entwurfsplanungen jener Jahre gehört ohne Zweifel der gemeinsam mit Axel Schultes – dem Architekten des Berliner Kanzleramtes – verfasste Entwurf zu einer Neugestaltung des Hindenburgplatzes in Münster, oder auch die 1997 Aufsehen erregenden Entwürfe für den Bahnhofsvorplatz in Bremen. Die damals in Bremen stadtentwicklungspolitisch federführende Bau-Staatsrätin Ulla Luther war besonders vom preisgekrönten Entwurf der Planungsgemeinschaft „Büro Quick, Bäckmann und Kossel“ angetan und lernte Hannelore Kossel kennen und schätzen, besonders „ihre unglaubliche Durchsetzungskraft und Willensstärke“. Weitere erste Preise gewann Hannelore Kossel dann noch für die Bahnhofsvorplätze in Hamm und Oberhausen.

Parva, sed apta mia!

Zu den wichtigen städtebaulichen Planungen in Berlin gehören auch bis in kleinste Details sorgfältig durchgestaltete Projekte, wie die 1994 fertiggestellten Gartenanlagen an einem Bürohaus in der Spichernstraße in Berlin Wilmersdorf, die sehr ansprechenden, 2005 fertiggestellten Reihenhausgärten in einer weiträumigen großen Park- und Wohnanlage am Großen Wannsee, in Berlin-Zehlendorf. Es handelt sich hier um einen ursprünglichen Parkartigen Villen-Garten, der, von Gustav Meyer im 19.Jahrhundert entworfenen Colonie Alsen, dem heutigen Ortsteil Wannsee. Zu nennen sind hier aber auch Entwürfe zur Gartenstadt Falkenhöhe in Berlin-Falkensee: Entwürfe die 1992-1996 realisiert werden konnten und ihr 1999 den Deutschen Städtebaupreis einbrachte.

Ulla Luther war es auch, die gemeinsam mit Hannelore Kossel und Hinnerk Wehberg vor circa zehn Jahren eine Woche lang mit der CEU in Nador in dieser Tradition, einem kleinen Ort in Marokko, als Teilnehmerinnen einer einwöchigen internationalen Tagung verbrachten, in der man für diesen Ort neue Entwicklungsstrategien erarbeitete . Ulla Luther charakterisierte diesen Erfahrungsaustausch im französischsprachigen Marokko folgendermaßen: „Dort habe ich Hannelore mit ihren großen Fähigkeiten, Leute für sich zu gewinnen, Positionen selbstbewusst zu verteidigen, aber auch ihre große Lust die französische Sprache zu ‚leben‘, kennengelernt.“ Luther schrieb mir darüber hinaus „Hannelore bleibt für mich ein überaus liebenswerter und engagierter Mensch. Ihr Leben verlief nicht immer geradlinig, sie hat sich aber stets mit Engagement und der Lust an Selbständigkeit und Ungebundenheit (dabei häufig sehr bescheiden lebend) in ihrem Leben behauptet.“

Wie bescheiden, aber doch selbstbewusst und selbstbestimmt sie lebte, machen sicherlich ihre vielleicht schönsten Jahre in ihrem „Gartenheim“, wie Willy Lange, der große Gartenarchitekt im Berliner Wannseeraum, es um 1900 formuliert hätte, einem kleinen, denkmalgeschützten Reihenhaus am Poßweg in Zehlendorf deutlich, ein Haus, von dem der italienische Humanist Ariost gesagt hätte „Parva, sed apta mia!“ (klein, aber mein), mit einem zauberhaften, bis in letzte Detail, aber eigentlich unsichtbar durchgestalteten „Wildnisgarten“.

Ausflüge in und um Berlin

Haus und Garten musste sie leider 2011 verkaufen und zog nach Berlin-Mitte. Wenn man Hannelore Kossel in ihrem innersten Gärtnerdasein begreifen will, dann war ihr Garten am Poßweg der Schlüssel zu diesem Verständnis, denn, wie es schon in der Beschreibung des Gartens der großen Dadaistin Hannah Höch, in Berlin-Heiligensee, im opus magnum zu „ artendenkmale in Berlin – Privatgärten“ , vom Verfasser dieser Zeilen im Jahr 2009 herausgegeben, heißt: „ Die Künstlerin integrierte alltägliche Gegenstände in den Garten, so dass diese als Dekoration zu Teilen einer sich ständig verändernden Garten-Collage aufgewertet wurden“. Der Garten war sozusagen eine Idylle und ein Reiseziel, von dem Hannah Höch sagte „Ich verreise in meinen Garten“.

Hannelore Kossel war daher der Verkauf und damit der Abschied von diesem geliebten Haus, vor allem aber von ihrem ganz persönlichen Garten – in dem sie außer wunderbaren Wildstauden, im Schatten einiger alter Kiefern des früheren Grunewaldes, auch mancherlei kuriose Gegenstände sammelte – ein besonders großer Kummer, den sie wohl nie ganz verwunden hat.

Hier, am Poßweg, lernten im Übrigen viele Hannelore Kossel als Mensch und liebenswürdige Gastgeberin und begnadete Köchin kennen und schätzen. So erging es nicht nur ihrer Patentochter Afra M. Rapold, aus Schaffhausen, sondern auch ihrem langjährigen Freund Pfarrer Klaus Stahlberger, aus St. Gallen stammend, mit denen sie bei Besuchen immer wieder gemeinsame herrliche Ausflüge „hier in der Schweiz, in und um Berlin“ ansteuerten. So wurden wiederholt das Landhaus Muthesius oder der Karl-Foerster-Garten in Potsdam-Bornim angefahren.

Den Himmel wohltuend gestalten

Sie zeigte auch gerne ihre vielen anderen Projekte und versteckte Sehenswürdigkeiten im Berliner Raum, brachte sich aber auch in ihrer großen Küche im Poßweg als glänzende und geübte Gastgeberin ein, wo „sie das Zepter übernahm, ihre Quiches und Baisers machte. Sie war dort die Chefin, wir nur Zudiener. Was haben wir bei Tisch nicht gelacht und gescherzt. Genuss und Lebensfreude pur“,wie mir Klaus Stahlberger schrieb, der sie noch wenige Tage vor ihrem Ableben in Berlin besuchen und mit seinem Freund Thomas Rutz sehen und sprechen konnte.

Ihre letzten Jahre verbrachte sie dann in einem alten – an der Spree gelegenen – Fabrikgebäude an der Köpenicker Straße, wo es ihr gemeinsam mit zahlreichen anderen Architekt*innen – wie Matthias Hoffend, der sie dann auch vorbildlich bis zuletzt betreute und mich in der Vorbereitung dieses Nekrologes wunderbar unterstützt hat – gelang, das weitläufige Backsteingebäude nicht nur zu erhalten, sondern durch kluge Nutzung zu qualifizieren. Heute ist es Sitz des DAZ, beherbergt mehrere Architekturbüros und ein renommiertes Modellbau-Atelier. Ihre früheren, auch in Berliner Fachkreisen sehr bekannten Bürostandorte waren – wie mir ihre langjährige Büroleiterin Cornelia Breda, die von 1987 bis Ende 2010 ihr Büro leitete, und der ich auch wichtige andere berufliche Informationen verdanke – am Kurfürstendamm 71, und in der Niebuhrstraße 77, in Berlin-Charlottenburg, die letzten Jahre dann in der Köpenicker Straße 48/49 in Berlin-Mitte.

Was von Hannelore Kossel bleibt, ist ein überragendes Garten-Oeuvre und zahlreiche Freund*innen, die sie geliebt und verehrt haben. Möge es ihr vergönnt sein in anderen Sphären weiter zu gärtnern, sie bringt beste Voraussetzungen mit auch den Himmel wohltuend zu gestalten.

Dr. Ing. Klaus-Henning von Krosigk