Vom Staub befreit

Basel ist für seine Kunst- und Kulturszene international bekannt. Die findet aber nicht nur im Vitra Design Museum, der Fondation Beyeler oder auf der ART Basel statt, sondern auch auf der Straße. Die lokale Stadtentwicklung zeigt, wie temporäre Aktionen auf dem Konversionsgebiet des Basler Hafens ein neues kulturelles Zentrum entstehen liessen.

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Die Zwischennutzung des Klybeckquais bediente sich nicht nur der gewohnten Prozesse. (Foto: Andreas Zimmermann)

 

Auf dem breiten, unbefestigten Weg zum Basler Klybeckquai knirscht der Schotter unter den Fahrradreifen. Die Stadt im Rücken, geht es an hohen, fensterlosen Hafengebäuden vorbei. Frachtschiffe fahren auf dem Rhein, rostrote, stillgelegte Bahntrassen kreuzen den Weg. Die dumpfen fernen Elektrobeats zeigen an, richtig zu sein. Aber das Gefühl, das der staubige Weg vermittelt, ist ein anderer: Hier sollte niemand sein. Eigentlich. Dieser Ort wurde für Maschinen geschaffen, nicht für Menschen. Trotzdem sind gerade viele Menschen hier. Aus gutem Grund.

Der Basler Hafen ist Konversionsgebiet und beherbergt seit 2012, versteckt hinter der Uferstrasse, ein Zwischennutzungsareal mit Freizeitmöglichkeiten aller Art. Der Klybeckquai lockt nicht nur Outdoor-Fans, Kreative und Feierwütige an. Er schafft auch eine neue, direkte Fuß- und Radwegverbindung entlang des Flusses nach Norden. Für die trinationale Agglomeration Basel eine wichtige Erschließung, weil sie die Basler Stadtmitte mit dem deutschen Nachbarn verbindet, der Stadt Weil am Rhein. Jahrhundertelang waren weite Teile des Basler Hafengebiets für die Öentlichkeit unzugänglich. Das änderte sich mit der Entscheidung der Stadtverwaltung für ein Zwischennutzungsareal im Basler Hafen. In den letzten fünf Jahren hat sich dieser so, ohne jeglichen dauerhaften baulichen Eingriff, vom unbekannten, rauen Fremdkörper am Rande der Stadt zu einem der kreativsten, zentralen Verbindungsräume in der Agglomeration Basel entwickelt.

Schlüssel: Kunst- und Kreativszene

Im Basler Hafen findet die wohl größte Entwicklungsmaßnahme der Agglomeration statt: Im Rahmen des Projekts 3Land der Internationalen Bauausstellung IBA Basel 2020 entsteht am Dreiländereck ein trinationales Wohnquartier. Am Rande des 3Land-Betrachtungsperimeters befindet sich auf Schweizer Seite der Klybeckquai. Während die Realisierung des 3Lands noch in weiter Ferne liegt, ist hier die Transformation schon in vollem Gange. Denn: Die Schweizer Hafenstrukturen sind überkommen, die Großkonzerne BASF und Novartis verlagern ihre Standorte, die Hafenbecken werden verlegt.

Im Zuge des Stadtentwicklungsprojekts „Klybeckquai /Kleinhüningen“ überdenkt die Basler Verwaltung das Gebiet neu. Statt schwerer Güterzüge sollen hier bald Kinderwägen rollen, ein neues Quartier zum Wohnen und Arbeiten entstehen. Ein urbaner, lebendiger Stadtteil – welche Stadt wünscht sich den nicht? Auf dem Weg dorthin scheitern viele. Das Ergebnis sind menschenleere Häuserschluchten, langweilige Architektur und 0815-Nutzungen. Weil die relevanten Akteure nicht bereit sind, unkonventionelle Ideen zu testen, dem Raum und seinen Nutzern Werkzeuge an die Hand zu geben, sich zu entfalten.

Top-Down-Modell für Bottom-Up-Prozess

Mit dem Ziel, den allmählich brach fallenden Klybeckquai mithilfe von Zwischennutzungen zu beleben und schon frühzeitig öffentliche Qualitäten in das Entwicklungsgebiet einzustreuen, beschlossen die zuständigen Ämter in Basel, einen anderen Weg zu gehen, eben den der Zwischennutzung. Klaus Overmeyer, Geschäftsführer von Urban Catalyst Studio und Jurymitglied, bezeichnet das damit einhergehende Verfahren als eins der innovativsten seiner Zeit. Die Jury wählte von 60 Einreichungen nicht nur 17 Teams aus, sie begleitete auch die Ideen im anschließenden Workshop, diskutierte das Raumkonzept und die Organisationsform. Dem mit der Entwicklung des Verfahrens beauftragten Soziologen und Stadtentwickler Philippe Cabane gelang es, ein Top-Down-Modell zu entwickeln, das einen Bottom-Up-Prozess unterstützt. Mit scheinbar schnellem Erfolg: Bereits im April 2012, vier Monate nach dem Projektaufruf, unterschrieben die ersten Mieter ihre Verträge.

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Wir haben für Sie in den Archiven gekramt: Dieser Artikel stammt aus der G+L 05/2017, die sich mit Konversion in der Stadt beschäftigte. Hier geht’s zum Shop.