18.02.2021

Gesellschaft

Die Architektur in Harry Potter

von Vera Baeriswyl

Advertorial Artikel Parallax Article

Architekt*innen und Planer*innen sollten von der neusten italienischen Ausgabe der Harry-Potter-Bücher besonders angetan sein: Architekt und Designer Michele De Lucchi entwarf die Covers für den italienischen Potter-Verlag Salani Editore und verbannte Harry zwischen die Buchseiten. Seine Einbände haben einen ganz neuen Fokus: die Architektur in Harry Potter.

Eine Neuinterpretation von Hogwarts ziert Harry Potter und der Stein der Weisen.
Harry Potter und die Kammer des Schreckens zeigt den Fuchsbau.

Lampen, Möbel, Gebäude … und Buchcover

(Alle Covers: Salani Editore)

Es war für manchen jungen Harry-Potter-Fan seit jeher ein befremdliches Gefühl, im Urlaub einen Buchladen zu betreten und die Lieblingsbücher in einem vollkommen anderen Design zu sehen – jede Sprachversion der Heptalogie hatte ihre eigenen, ganz individuellen Covers, gestaltet von unterschiedlichen Künstler*innen. Wer den stilisierten Cartoon-Harry der deutschen Version gewohnt ist, dem fällt es schwer, sich mit der englischen Version anzufreunden. Sie ist viel zu realitätsnah und ähnelt dem Bild von Harry im eigenen Kopf überhaupt nicht. Er sieht doch einfach zu brav aus, auf den Original-Covers der britischen Erstausgaben von Bloomsbury.

Mittlerweile gibt es so viele Coverversionen, dass man sie kaum mehr zählen kann: Zu jedem Jubiläum, sobald sich ein beliebiger Anlass ergibt, erscheint die mittlerweile seit 14 Jahren abgeschlossene Reihe im neuen Cover-Gewand. Die Verlage erhoffen sich zweifellos, dass die eingefleischten Fans in ihrem Sammelwahn die immer gleichen sieben Bücher wieder und wieder neu erstehen.

Eine Rechnung, die aufzugehen scheint, wenn man die Frequenz betrachtet, mit der die neuen Ausgaben auf den Markt gespült werden. Dabei stellt sich bei den Konsument*innen, auch den treu ergebenen Potterheads, irgendwann eine gewisse Müdigkeit ein. War es wirklich nötig, dass der britische Verlag Bloomsbury jedes der sieben Bücher in vierfacher Version neu verlegte? Jeder Band erschien je einmal in rot, gelb, blau und grün (passend zu den vier Häusern Gryffindor, Huffelpuff, Ravenclaw und Slytherin). Spoiler alert: Den bunten Covers geht jeglicher Charme ab.

Es ist aber nicht nur der britische Verlag, der sich mit den neuen Umschlagbildern neue Kundschaft erhofft. Gerade macht der italienische Potter-Verlag Salani Editore mit sieben neuen Covers von sich reden: Er beauftragte den italienischen Architekten und Designer Michele De Lucchi damit, neue Einbände für die Geschichte rund um Harry, Ron und Hermine zu entwerfen. Und, was soll ich sagen? Wow.

Auf Harry Potter und der Gefangene von Askaban ragt das Zauberergefängnis aus der Nordsee.
Neue Perspektive: Harry Potter und der Feuerkelch rückt auf dem Cover die Quidditch-Weltmeisterschaft in den Vordergrund.

Überlaufene Real-Life-Pilgerstätten

Michele De Lucchi designte bereits Lampen und Möbel für bekannte italienische und europäische Unternehmen, etwa die Tolomeo-Leuchte für Artemide. Außerdem entwarf er Gebäude für die Deutsche Bank und das Frankfurter Reisezentrum der Deutschen Bahn, genauso wie für Novartis in der Schweiz. Er hat zahlreiche Kunst- und Designausstellungen betreut und Gebäude für Museen wie die Triennale di Milano, den Palazzo delle Esposizioni di Roma und das Neue Museum Berlin geplant. Und jetzt gestaltet er also auch Buchcover.

De Lucchi nimmt in seiner Interpretation der Covers den Fokus von Harry weg – mehr als seine Silhouette ist nie zu sehen, und das auch höchstens auf vier der sieben Bände – und legt ihn auf den Aspekt, der bisher zu wenig Aufmerksamkeit erhielt: den Raum. De Lucchi zeigt auf seiner Interpretation der Potter-Covers nämlich nicht die Charaktere oder Schlüsselszenen aus dem Buch, sondern wichtige Orte. Und gerade die kamen bisher schmerzlich zu kurz.

Wie wichtig der Raum und die Atmosphäre, die J. K. Rowling in ihren Harry-Potter-Romanen schafft, für den Erfolg der Buchserie sind, zeigt die Begeisterung mit der die Anhänger*innen des „Jungen, der lebte“ sämtliche Orte aufsuchen, die für die Filme und Bücher von Bedeutung sind. Mal abgesehen von den Filmstudios in London und dem Vergnügungspark in Florida, die die Filmkulisse begeh- und erfahrbar machen, gibt es zahlreiche Real-Life-Pilgerstätten, an denen sich die Potterheads um das beste Foto kabbeln.

Da wäre zum einen der halbe Gepäckwagen, der in einer Wand des Londoner Bahnhofs Kings Cross steckt und die Möglichkeit bietet, ein Bild von sich auf dem Weg zu Gleis 9 ¾ zu knipsen. Je nach Tageszeit muss man mehrere Stunden Schlangestehen einplanen. Oder das berühmte Glenfinnan Viadukt in Schottland, über das der Hogwartsexpress fährt – der Parkplatz, von dem aus man den perfekten Blick auf die Brücke hat, ist täglich hochfrequentiert. Dazu kommt die Livraria Lello in Porto, Portugal, die als Vorbild für die Buchhandlung Flourish and Blotts in der Winkelgasse herhielt. Sie muss mittlerweile drei Euro Eintritt verlangen, um den Scharen an Potter-Fans Herr zu werden. Und das sind nur drei Beispiele, es gäbe noch viel mehr.

Die Architektur in Harry Potter

Mit seinen Covers lenkt Michele De Lucchi nun die Aufmerksamkeit auf Orte, die in der realen Welt nicht erfahrbar sind – und auch nicht im Warner Bros Studio in London oder in der Wizarding World of Harry Potter in Florida. Er hat sich die Orte ausgesucht, die zu bedeutungsvoll, zu fantastisch, zu groß, zu mächtig sind, um sie einfach als Kulisse nachzubauen. Und dabei hat er seine Leidenschaft einfließen lassen: Er fokussiert sich auf die Architektur in Harry Potter.

Es beginnt – ganz obligat, wie könnte es auch anders sein – mit seiner eigenen Interpretation von Hogwarts, die sich von der Filmversion doch deutlich unterscheidet. Statt der eher filigranen Zinnen und Türmchen der Filmkulisse zeichnet er ein Hogwarts, dessen spitze Türme wenig einladend in den Himmel ragen, eine wildere und rauere Version, die auf die schwierigen Jahre hindeutet, die Harry bevorstehen.

Hagrids Hütte auf Harry Potter und der Orden des Phoenix könnte beinahe Grawp beherbergen.
Snape auf dem Weg in den Astranomieturm ist auf Harry Potter und der Halbblutprinz zu sehen.

Übersättigter Cover-Kanon

Weiter geht es mit dem Fuchsbau, dem Haus der Familie Weasley, in das Harry ganz selbstverständlich aufgenommen wird wie ein weiterer Sohn. Eine wunderbare Wahl, ist doch der Fuchsbau der einzige Einblick in den magischen Alltag jenseits des Internats, wie ihn die Leser*innen selber nie erleben werden – und gerade deshalb besonders beliebt bei der Fangemeinde. De Lucchi bildet das Gebäude zwar deutlich weniger windschief und baufällig ab, als J. K. Rowling es beschrieben hat. Aber das ist dann eben künstlerische Freiheit.

Als nächstes ragt die Festung Askaban aus der rauen Nordsee: das Zauberergefängnis, in dem die Dementoren patrouillieren und aus dem Harry Potters Pate Sirius Black in der Gestalt eines Hundes entkommt. Der ominöse Ort, über den im Buch nicht gerne gesprochen wird, erhält durch das Cover eine eigene Identität – mit welchem Schrecken die Insass*innen konfrontiert sind, lässt sich dadurch besser nachfühlen.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Auf der Brücke treffen die Parteien im Kampf um Hogwarts aufeinander.

Weitere Motive sind die Arena der Quidditch-Weltmeisterschaft auf dem vierten Band, vermutlich Hagrids Hütte auf dem fünften, der Aufgang zum Astronomieturm auf dem sechsten Band und die Brücke, die Hogwarts mit dem verbotenen Wald verbindet auf dem siebten. Die meisten davon sind Orte, die bisher kaum beachtet wurden, und doch einen integralen Part in der Geschichte spielten.

Mit diesen sieben Covers hat der Architekt Michele De Lucchi nicht nur Einbände geschaffen, die Architekt*innen und Planer*innen besonders ansprechen, sondern auch etwas Neues zum schon fast übersättigten Cover-Kanon hinzugefügt: Die Architektur in Harry Potter erhält endlich ihren Platz darin. Wir sind begeistert – und bedauern es, im Italienischunterricht nicht besser aufgepasst zu haben.

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