Das Buchcover von „Die neue Völkerwanderung: Arrival City" zeigt schwarze Silhouetten von unterschiedlichen

Buchcover: Die neue Völkerwanderung: Arrival City (Bild: Pantheon Verlag)

Aktuell leben über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Jedoch wird die Menschheit schon bald eine rein urbane Spezies sein. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich Doug Saunders in seinem Buch „Die neue Völkerwanderung – Arrival Cities“. Das Buch untersucht die Problematik der Ankunftsstädte auf einer journalistischen und subjektiven Art. Ob dies dem Autor gelingt, diskutiert die Studentin Katharina von Unhold in ihrer Rezension.

Gegen Ende des Jahrhunderts wird die Menschheit eine rein urbane Spezies sein. Mehr als die Hälfte der Weltbewohner*innen befindet sich in einer letzten Völkerwanderung vom Land über Ankunftsstädte in die Stadt. Doug Saunders, kanadisch-britischer Autor und Journalist, bereist über 22 Städte, ob in China, Großbritannien, den USA oder im Iran, und nimmt seine Leser*innen auf eine Reise zum Phänomen der Ankunftsstadt mit.

Inhalt und Aufbau

„Ankunftsstädte“, oder „Arrival City“, sind Siedlungen oder „Dörfer in städtischer Umgebung“ mit sozialen Verbindungen zur Herkunftsgemeinde ihrer Bewohner*innen. Diese lassen sich in den „dauerhaften Ansammlungen“ nicht lebenslang nieder, sondern befinden sich in einem wiederkehrenden Rhythmus von Ankommen und Weiterziehen in die Stadt. Die meist als Elendsviertel wahrgenommenen Orte sozialer Ausgrenzung sind als „Durchlauferhitzer“ des sozialen Aufstiegs in die Mittelschicht oft erfolgreich. Selbst geschaffene, aus der Gemeinschaft hervorgehende Organisation generiert eine substanzielle Entwicklungskraft. Die Untersuchung der Entwicklungen von Ankunftsstädten ist relevant, um deren Erfolg oder ihr Scheitern dennoch zu lenken. In diesem Spannungsfeld von Selbstständigkeit und notwendiger Unterstützung, Ankunft und Abreise, Dorf und Stadt spielen Stadtplaner*innen eine wichtige Rolle. In zehn Kapiteln, auf 541 Seiten, beschreibt Saunders Beispiele von Ankunftsstädten und menschlichen Einzelschicksalen. Er vergleicht seine Beobachtungen auf Grundlage bereits erforschter Theorien in Ankunftsstädten der ganzen Welt.

Arrival City: Empfehlenswert?

Saunders’ Buch, original in Englisch verfasst, ist eher journalistisch als wissenschaftlich geschrieben. Zwar liegen ihm einige Quellen zugrunde, jedoch werden viele subjektive Behauptungen aufgestellt, deren Tragfähigkeit unbewiesen scheinen. Die gewählten Einzelschicksale sind spannend beschrieben und lassen Leser*innen in das Leben des jeweiligen Ortes eintauchen. Die Verallgemeinerung dieser Schicksale und der Vergleich mit anderen Ankunftsstädten, ohne Rücksicht auf kontextuelle Unterschiede, lassen Themenfremde jedoch an der Glaubwürdigkeit der Argumente zweifeln. Zahlreiche interessante Fakten sind für Leser:innen, die die dahinterstehenden Phänomene nicht kennen, nicht zusammenhängend genug geschildert. Durch die Verallgemeinerung und unklare Struktur der Kapitel fällt es schwer, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Die auf Reisen gesammelten Erfahrungen des Autors sind zwar Hauptbestandteil der Argumentation, jedoch könnten wichtige Erkenntnisse sachlich wirkungsvoller vermittelt werden. Fotos und Pläne würden helfen, die Orte besser zu verstehen.

Das Buch ist eine längst überfällige Manifestation schon erforschter Phänomene und bietet eine Reise durch die Welt, die eher chaotisch als nach Plan verläuft. Nichtsdestotrotz verändert Saunders den Blickwinkel auf vorschnell negativ bewertete Räume, schafft somit ein besseres Verständnis von Ankunftsstädten und bietet viel Inspiration für Planer*innen und Politiker*innen.

Hintergrund dieses Artikels: In einem Seminar von Professor Udo Weilacher, Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und Transformation (LAT) an der TU München konnten Studierende im Sommersemester 2021 in das Feld des Fachjournalismus hineinschnuppern. Dabei schrieben Masterstudent*innen der Landschaftsarchitektur der Technischen Universität München in einer „Schreibwerkstatt” Buchrezensionen zu selbst ausgewählter Fachliteratur. Wir stellen auf unserer Seite ausgewählte Rezensionen vor.

Eine Übersicht zu weiteren Buchrezensionen aus dem Seminar finden Sie hier.

Auch interessant: Hier geht es zu der Rezension von Aimee Neff zum Buch „Unbestimmte Räume in Städten: Der Wert des Restraums“.

Das könnte Sie auch interessieren
Religion und Stadt – Moderne Sakralbauten
Tag der Architektur 2021
Tag der Architektur 2021
Die Industrie-Landschaft im Blick
Landesgartenschau Ingolstadt
ehemalige Chefin der Umweltorganisation Greenpeace
Jennifer Morgan: Baerbock holt Greenpeace-Chefin ins AA
Computerscreen mit Programmcode als Symbol für Prompt Injection und Angriffe auf digitale Stadtmodelle.
Was ist Prompt Injection – Angriff auf das Stadtmodell?
Wettbewerbsübersicht Oktober 2018 (2/2)
Mit The Climate Pledge verpflichtet sich Amazon
Amazon und The Climate Pledge
ein-fluss-der-durch-einen-park-neben-einem-gebaude-fliesst-9WHy3bp-5i8
Grauwassernutzung in städtischen Quartieren – rechtlich, technisch, räumlich
Garten der Diaspora

Transformation und Mischung: Städtebau und Wandel – Buchrezension

Transformation und Mischung - Cover: Jovis
Transformation und Mischung - Cover: Jovis

Das Buch „Transformation und Mischung: Städtebau im Wandel“ präsentiert die Ideen und Konzepte von RHA REICHER HAASE ASSOZIIERTE zur Gestaltung des Strukturwandels auf verschiedenen Ebenen.

Worum es geht:

In einer kurzen Einleitung stellen die Autor*innen die Relevanz von Durchmischung im Stadtquartier heraus. Im Anschluss zeigen sie in einer Vielzahl an Projekten, die RHA in Zusammenarbeit mit weiteren Büros realisiert oder entworfen haben, wie gemischte Stadtplanung aussehen kann. Die Entwürfe sind nach Kategorien wie „Bestand weiterbauen“, „Bildung als Motor für Stadtentwicklung“, „Neue Gewerbestrukturen“, „Stadt neu erfinden“ und „Strategien zwischen Stadt und Region“ kategorisiert. In Kurztexten und Bildern geben RHA einen Einblick zu ihrem jeweiligen Arbeitsansatz und ihrem generellen Verständnis von Stadtplanung.

Was die Autor*innen auszeichnet:

Christa Reicher und Joachim Haase gründeten 1993 das Büro RHA REICHER HAASE Architekten, Stadtplaner und Ingenieure in Aachen. Heute ist das Büro RHA REICHER HAASE ASSOZIIERTE auch Standorte in Dortmund und Luxemburg und entwickelt national wie international Ideen. Seit Oktober 2020 ist Christa Reicher Professorin am Institut für Städtebau und Urbanistik an der RTWH Aachen. Joachim Haase verstarb 2020 nach Krankheit.

Das ist die beste Aussage:

„Das nutzungsgemischte Quartier ist kein Selbstzweck, sondern ein Element der baulich-räumlichen und funktionalen Organisation einer Stadt.“ S. 334

Das ist eine Aussage, die zum Nachdenken anregt:

„Wer sich als Stadtbewohner oder Stadtplaner, abwechslungsreiche Städte mit vielfältigen Nutzungen, Milieus und Settings – kurz mehr Urbanität – wünscht, wird mehr Toleranz – für Brüche, für Konflikte, für Zumutungen – aufbringen müssen.“ S. 338

Der Klappentext wird erfüllt:

Der Klappentext wird exakt erfüllt – das Buch ist eine Werksammlung aus Theorie und Praxis der letzten 25 Jahre.

Mehr Trend als Klassiker, weil:

…es einen Einblick in spezifische Projekte gibt. Der ausformulierte Anteil an allgemein gültiger Information beschränkt sich auf die Einleitung und das Schlusswort.

Haptik:

Das Buch liegt trotz Softcover stabil in der Hand. Die matten Seiten sind angenehm griffig.

Design:

Das Design ist übersichtlich aufgebaut, die gewählte Type ungewöhnlich groß gedruckt.

Lesefluss:

Die Sammlung kann nach Belieben durchblättert werden. Einleitung und Schluss lesen sich gut.

Bildsprache:

Das Buch gleicht einem Ausstellungskatalog. Die Projekte sind vielfach bebildert und lassen einen guten Eindruck vom jeweiligen Konzept entstehen.

Information:

Die thematisch diversen Briefe halten zu unterschiedlichen Bereichen spannende Informationen und Schlagwörter bereit, die einen zum Nachdenken und Nachforschen anregen.

Was sonst noch wichtig wäre:

Der inhaltliche Einstieg zur Relevant von Mischung und Transformation und Mischung ist spannend. Insgesamt ist das Buch jedoch vorrangig eine Projektsammlung. Die Vielzahl an Projekten gibt einen diversen Einblick, leider geht dabei die Möglichkeit zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit den Inhalten verloren.

Das Buch gibt es hier bei Jovis.

Noch mehr interessanter Lesestoff: Unsere Buchrezension zu „Deutschland 2050“.

 

Links fließt der Fluss vorbei. Im Zentrum der neu gestaltete Stadtplatz mit verschiedenen grünen Inseln und Mobiliar. Unter anderem Spielgeräte und trichterförmige Schirme
Perspektive des neuen Waageplatzes in Göttingen. credits: QUERFELDEINS Landschaft I Städtebau I Architektur

Der freiraumplanerische Realisierungswettbewerb um den Waageplatz in Göttingen ist entschieden. Welcher Entwurf gewonnen hat und wie dieser aussieht, erfahren Sie hier. 

Realisierungswettbewerb

Der Waageplatz übernimmt in Göttingens Stadtgrundriss eine prominente Postion. Er liegt zwischen der Innenstadt und dem Masch-Straßen-Viertel. Direkt angrenzend fließt der Leinekanal vorbei. Die imposante Fassade des Gebäudes der Staatsanwaltschaft und die Wallanlagen bilden den Rahmen des Ortes. Durch einen Art nicht-offenen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb suchte die Stadt nach einer zukünftigen Vision für den Raum. Die Neugestaltung des Waageplatzes ist dabei auch Teil des Sanierungsgebiets Nördliche Innenstadt. Eine herausfordernde Aufgabe, der sich acht geladene Büros stellten.

QUERFELDEINS überzeugt mit Entwurf für den Waageplatz

Nun wurden die Gewinner*innen gekürt. Das Büro QUERFELDEINS aus Dresden konnte sich vor dem Berliner Büro GM013 Landschaftsarchitektur auf Platz zwei und dem Büro studio polymorph Landschaftsarchitekten, ebenfalls aus Berlin, auf Platz drei durchsetzen. Dabei überzeugten die Planer*innen nicht nur das Preisgericht, sondern auch die Bürger*innen vor Ort. Denn im Vorfeld der Jurysitzung hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, alle eingegangenen Entwürfe in anonymisierter Form anzuschauen und der Jury dann schriftliche Kommentare und Hinweise zu hinterlassen. Die Bewertungen flossen in die Entscheidung des Preisgerichts mit ein. QUERFELDEINS überzeugte dabei mit einem Entwurf, der die Aufenthaltsqualität für ein diverses Spektrum an Nutzer*innen ebenso im Blick behält wie eine klimaangepasste Entwicklung des Platzes.

 

Diverse Ansprüche

Die heutige Gestaltung des Waageplatzes war nicht mehr zeitgemäß. In seiner bisherigen Ausformulierung wurde er eher als Durchgangsraum denn als Aufenthaltsort wahrgenommen. Die Stadt wünschte sich deshalb eine mutige Umgestaltung. Stadtbaurat Frithjof Look betont, dass diese mit dem Entwurf von QUERFELDEINS gefunden worden sei: „Es freut mich, dass Querfeldeins die verschiedenen Ansprüche sensibel abgewogen hat und so einen zeitgemäßen, multikodierten und klimaresilienten Stadtplatz mit Spielmöglichkeiten in der engen historischen Innenstadt schafft.“

Der Entwurf konnte durch seine Details und ökologischen Konzepte überzeugen. credits: QUERFELDEINS Landschaft I Städtebau I Architektur
Der Entwurf konnte durch seine Details und ökologischen Konzepte überzeugen. credits: QUERFELDEINS Landschaft I Städtebau I Architektur

Details des Entwurfs

Die Landschaftsarchitekt*innen plädieren für einen grünen und belebten Stadtplatz. Dabei wählen sie eine organische Formensprache, die sich aus den Verkehrsströmen der Passant*innen ergibt. So entstehen verschiedene Bereiche, gleichsam ermöglichen angepasste Wegverbreiterungen ein reibungsloses Passieren. Darüber hinaus gelingt durch das Motiv die Verzahnung zweier Gestaltungsansprüche. Denn zum Einen soll der Waageplatz auch zukünftig als befestigter und bespielbarer Stadtplatz fungieren, auf dem zum Beispiel Feste und Veranstaltungen stattfinden können. Zum Anderen wird er als Pocket-Park eine wichtige Erholungsfunktion übernehmen. Durch die Themensetzung „Feiern und Treffen“, „Spielen und Toben“ und „Grün und Nass“ versucht der Beitrag von QUERFELDEINS diese unterschiedlichen Ansprüche in Einklang zu bringen.

Die Planer*innen sehen ihren Entwurf selbst nicht als klassischen Stadtplatz, sondern als Hybrid an Orten. Der wohlüberlegte Materialkanon lässt dabei einen in sich stimmigen Ort entstehen, der jedoch gleichzeitig mit dem gegenüberliegenden Robert-Gernhardt-Platz in Verbindung tritt.

Besonders ist auch das durchdachte Regenwassermanagment. Über sogenannte Trichterschirme und offene Rinnen wird das anfallende Regenwasser auf dem Platz gesammelt und Richtung Leinekanal geleitet. Die historische Zaunanlage, die den Platz abschirmt, wird an einigen Stellen durch den Austausch von Sockelsteinen porös. So gelangt das Wasser aus den Rinnen auf eine Regentreppe hinter der Zaunanlage. Hier fließt das Wasser über mehrere Stufen und Waagschalen schrittweise zum Kanal. Der Weg des Wassers wird so für die Besucher*innen inszeniert.

Zukünftige Schritte

Grundlegend konnte die Idee die Jury überzeugen. Im weiteren Prozess soll der Entwurf aber noch bezüglich der sehr dominanten Radverkehrsführung und hinsichtlich der vorgesehenen Einbauten in den Leinekanal überarbeitet werden. Weiterhin sprach sich das Preisgericht für mehr Verschattungselemente für den Spielplatz aus. Diese Änderungen können im Rahmen der nun anstehenden weiteren Planungsschritte vorgenommen werden. Voraussichtlich noch bis Ende des Jahres 2023 soll die Beauftragung des siegreichen Planungsbüros erfolgen.

Mehr spannende Wettbewerbsnews: Der Naumburger Dom und sein Umfeld gelten als UNESCO Weltkulturerbe. Dieses Umfeld braucht nun eine würdige Aufwertung. Alles zu dem Realisierungswettbewerb hier.