Nur auf der Durchreise

Ökologische Flächen sind in der Regel eingezäunt, um Flora und Fauna zu schützen. Direkt neben dem neuen, dicht bebauten Wohnquartier „Baumkirchen Mitte“ in München liegt ein Biotop, in dem vorrangig zwei Tierarten unter Naturschutz stehen. Die Stadt München, der Bauherr CA Immo und die Landschaftsarchitekten von mahl gebhard konzepte wagten den Versuch, diese Fläche für Anwohner und Besucher begehbar zu machen. Ein minimaler Eingriff, in Form eines Monitorings und Erlebnispfads, soll die Biodiversität der Grünfläche naturschutzgerecht bewahren.

Sie steht in Deutschland auf der Roten Liste. Kräftiger Brustabschnitt, schlanker Hinterleib, starke Sprungbeine. Das auffälligste Merkmal sind aber die blau-transparenten Hinterflügel, die ihr ihren Namen verleihen: Blauflügelige Ödlandschrecke. Sie mag es trocken und sonnig, es darf ruhig eine spärliche Vegetation sein. Direkt neben dem neuen Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“, in München, Berg am Laim, findet sich ein Biotop, das den Vorlieben der gefährdeten Blauflügeligen Ödlandschrecke entspricht. Diesen besonderen ökologischen Standort mussten Stadt und Bauherr CA Immo während des Bauvorhabens beachten, damit die Heuschrecke dort geschützt weiterleben kann.

Hotspot der Biodiversität

Auf dem insgesamt 15 Hektar großen Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks München 4 entsteht seit 2013 das Wohnquartier Baumkirchen. 5 800 Quadratmeter davon sind der ökologischen Vorrangfläche gewidmet. Fast 70 Jahre lang rangierten an diesem Ort Lokomotiven und Güterwaggons – bis zum Jahr 1992, als der Betrieb stillgelegt wurde. Darauf reagierte die Vegetation relativ rasch, sodass die Gleisanlagen neben dem Quartier heute von einem Pflanzenwuchs geprägt sind, der sich mosaikartig über die Fläche verteilt. Offene Ruderalflächen wechseln sich mit Birken, Gebüschen und älteren Gehölzen ab. Da der Gleisschotter kaum Wasser speichert, wächst dort vor allem schütterer Magerrasen. „Hier ist ein Hotspot der Biodiversität entstanden“, sagt Cyril Dejonghe, Landschaftsarchitekt von mahl gebhard konzepte (mgk), die für die Freiraumplanung des Quartiers verantwortlich sind.

Nutzungsdruck für die ökologische Fläche

Die Ökofläche liegt auf einem anderen Niveau, wie in eine Badewanne eingebettet, fünf Meter tiefer als der bebaute Raum. Das hat historischen Ursprung: Bevor sich der Bahnbetrieb angesiedelt hat, baute man im 19. Jahrhundert an dieser Stelle Lehm ab. „Ziegelsteine der Münchner Stadtmauer und der Frauenkirche kommen aus den Fundstellen in Berg am Laim“, sagt Dejonghe. Der Entwurf von mgk sah nicht vor, die beiden Niveaus anzugleichen, ganz im Gegenteil: Um eine klare Abgrenzung zwischen dem Wohnquartier und dem Naturpark zu schaffen, setzte man das Wohnquartier sogar noch um zwei Meter höher an.

In vielen Entwürfen, die 2010 im Rahmen des städtebaulichen und landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs eingereicht wurden, sahen die Planer eine Verzahnung von bebautem Bereich und ökologischer Fläche vor. „Anfangs gefielen uns diese Entwürfe“, sagt Stefan Ondracek, Leiter der Baurechtschaffung München von CA Immo. „Bis wir von Fachleuten lernten, dass das einen zu starken Nutzungsdruck für die ökologische Fläche zur Folge gehabt und die Arten gefährdet hätte.“

Den Rest des Artikels lesen Sie in der G+L 08/2019 zum Thema Artenschutz.