Im Hintergrund sieht man die Kirche St. Matthäus. Im Vordergrund ein steinerner Platz auf dem rechts und links Pflanzkübel mit Bäumen stehen.
Baumschule Kulturforum, ein Projekt der Stiftung St. Matthäus unter der künstlerischen Leitung von Klaus Biesenbach und atelier le balto, Berlin, Juli 2023© atelier le balto / Foto: Sebastian Grapentin

Im Juni wurde die Baumschule Kulturforum eingeweiht. Die temporäre Installation des Alteriers le balto wandelt die steinernen Freiflächen des Kulturforums Berlin zu grünen Oasen um. Zahlreiche Veranstaltungen begleiten die Intervention. Mehr dazu hier.

Baumschule statt Steinpiazzetta 

„Spätabends sitzen die Vögel auf den neuen Bäumchen, halten Versammlung und geben Konzerte.“, beschreibt Marc Pouzol vom Atelier le balto die Szenerie in der Baumschule auf der Piazetta des Kulturforums. Es ist eine Atmosphäre, die dem Ort noch vor kurzem nicht eindeutig zuzusprechen war. Das Areal im Berliner Bezirk Mitte zwischen Landwehrkanal, Großem Tiergarten und Potsdamer Platz beheimatet namhafte Museen und Veranstaltungsorte. Darunter die Neue Nationalgalerie, das Kunstgewerbemuseum oder die Gemäldegalerie, aber auch die Berliner Philharmonie nebst der St. Matthäus-Kirche. Trotz dieser bedeutsamen Institutionen gilt das Kulturforum als Negativbeispiel modernistischen Städtebaus. Unter anderem verhindern die Zerschneidung des Areals durch die Straßenführung sowie die imposanten, aber monofunktionellen Bauten ein stimmiges räumliches Ganzes. Eine Stadtlandschaft, wie sie einst dem Architekten Hans Scharoun als Leitbild vorschwebte, ist nur ansatzweise spürbar. 

Darüberhinaus bieten teils großflächige, versiegelte Flächen wie die Piazzetta im Angesicht der Klimakrise Grund zur Sorge. Die steinerne Gestaltung ohne schattenspendende Bäume oder andere stadtklimaregulierende Vegetation ist alles andere als zeitgemäß. Zwar werden bauliche Maßnahmen im Freiraum und der Entwurf für das Museum des 20. Jahrhunderts dafür in der Zukunft Abhilfe schaffen. Doch bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Grund genug im Hier und Jetzt ein Projekt zur Begrünung des Areals zu initiieren. 

200 Bäume spenden in der Baumschule Kulturforum künftig Schatten., © atelier le balto / Foto: Sebastian Grapentin; ein Projekt der Stiftung St. Matthäus unter der künstlerischen Leitung von Klaus Biesenbach und atelier le balto, Berlin, Juli 2023
200 Bäume spenden in der Baumschule Kulturforum künftig Schatten., © atelier le balto / Foto: Sebastian Grapentin; ein Projekt der Stiftung St. Matthäus unter der künstlerischen Leitung von Klaus Biesenbach und atelier le balto, Berlin, Juli 2023

200 hitzeresistente Arten für das Kulturforum

Seit Juli 2023 entsteht unter künstlerischer Leitung von Nationalgalerie-Direktor Klaus Biesenbach und atelier le balto die künstlerisch-gärtnerische Rauminstallation Baumschule Kulturforum. Das Projekt wurde mithilfe der Stiftung St. Matthäus und in Kooperation mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Neuen Nationalgalerie realisiert. Als Grundidee fungieren grüne Inseln aus jungen Baumhainen, die den steinernen Freiraum aufwerten sollen. Dazu installierte das Atelier le balto mobile Pflanzkübel mit 21 hitzeresistenten Arten. Unter dem Blätterdach von Blaseneschen, Schnurbäumen, Gleditschien und weiteren entstehen so neue Aufenthaltsmöglichkeiten. Das kleine Wäldchen wird durch Sitzmöbel aus Holz ergänzt. So wird der einst unattraktive Ort neu erfahrbar.

Den Auftakt für die Baumschule Kulturforum machen zunächst circa 80 Bäume und eine Pergola auf circa 250 Quadratmetern vor dem Café Estrade auf der Piazzetta. Über den Sommer wächst das Projekt weiter. Insgesamt sollen in den kommenden Wochen 200 Bäume aufgestellt werden. Dann nicht nur auf der Piazzetta, sondern auch auf dem Rasenrondell vor der St. Matthäus-Kirche und schließlich auf dem Scharounplatz. Die drei Bauminseln werden dann bis Ende 2024 auf dem Kulturforum belassen. Dabei wird die temporäre Umgestaltung durch ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm begleitet. Denn die Baumschule Kulturforum soll nicht nur die Aufenthaltsqualität der Flächen verbessern. Vielmehr wollen die Initiator*innen insgesamt zum Nachdenken über die Transformation von Stadträumen in Zeiten des Klimawandels anregen. „Diese temporäre Aktion soll nun den Beginn einer dauerhaften Begrünung und aktiven Standortentwicklung markieren.“, sagt etwa Andrea Zietzschmann, Intendantin der Stiftung Berliner Philharmoniker.

Mit dem Atelier le balto scheint das richtige Büro für diese Aufgabe gefunden zu sein. Denn die Arbeiten von Véronique Fauceur und Marc Pouzol von le balto zeichnen sich durch das Erkennen, Sichtbarmachen und Transformieren von unbeachteten urbanen Räumen aus. Durch temporäre oder permanente Interventionen konnten sie bereits in der Vergangenheit vernachlässigte Orte zu Plätzen oder Gärten der Zusammenkunft und des Verweilens umgestalten. Es bleibt spannend, wie die Baumschule Kulturforum das bedeutsame Areal in Berlin Mitte zu wandeln vermag.

Keine Begrünung, aber eine Bewässerung: Eine Nebelwolke über dem Züricher Turbinenplatz kühlt den Stadtraum – als Sofortmaßnahme. Wie der Platz mittelfristig abgekühlt werden soll und wie das Pilotprojekt „Alto Zürrus“ funktioniert, lesen Sie hier.

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Die saubere Kraft der Pflanzen

Das Café de Ceuvel im Norden von Amsterdam ist mehr als nur gemütliches Café. Denn es steht auf einem Grundstück, was zuvor durch die Schwerindustrie verseucht war. Während Gäste ihr Craft Beer trinken, reinigt Phytoremediation den Boden. 

Das ehemalige Werftgelände Buiksloterham, einem Stadtteil im Norden von Amsterdam, zieht seit einigen Jahren jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Hier ist ein temporärer, ökologisch und sozial nachhaltiger Standort für soziale Einrichtungen und kreative Unternehmen entstanden. Seit 2012 transformiert sich De Ceuvel von einem verseuchten Industrieareal zu einem Ort für nachhaltiges Wohnen und Arbeiten.

Gereinigt wird der verseuchte Boden durch die sogenannte Phytoremediation, ein relativ neuer Ansatz zur biologischen Sanierung verseuchter Böden. Sie umfasst verschiedene Verfahren, bei denen Schadstoffe in Mutterböden, Sedimenten sowie Gewässern und Grundwasser mit Hilfe von Pflanzen entfernt, abgebaut und eingedämmt werden. Welche Pflanzen man verwendet, hängt vom jeweiligen Einsatzort ab. Im Falle von De Ceuvel wurden verschiedene Gräserarten, Rohrkolbengewächse und Pappeln eingesetzt, um organische Verbindungen zu zersetzen, Schwermetalle zu absorbieren und verseuchtes Grundwasser zurückzuhalten. Sobald eine bestimmte Pflanzenart ihre Reinigungsaufgabe erfüllt hat, wird sie durch andere Spezies ersetzt. Aussehen und Charakter des betreffenden Geländes sind dadurch ständiger Veränderung unterworfen.

 

Die Phytoremediation ist auch langfristig sehr viel günstiger im Gegensatz zur herkömmlichen Methoden, die verseuchte Mutterbodenschichten abtragen und diese auf Mülldeponien entsorgen, da sie vor Ort stattfindet. Damit rücken auch verseuchte Brachflächen zur erneuten Nutzung ins Blickfeld, die aufgrund fehlender Mittel bis dahin nicht saniert werden konnten. Die biologische Sanierung ist zudem unter ästhetischen Gesichtspunkten deutlich attraktiver. In De Ceuvel macht die Vielfalt an Pflanzen in unterschiedlichen Größenordnungen, Farben und Formen dies unmittelbar ersichtlich. Allerdings ist die Phytoremediation ein langwieriger Vorgang. Der Abbau von Schadstoffen kann Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, je nach Grad der Schadstoffkonzentration, Größe der zu sanierenden Fläche, Klima und Anbausaison sowie weiteren Faktoren wie der Wachstumsgeschwindigkeit der Pflanzen, der Reichweite ihrer Wurzeln und der Möglichkeiten, sie gegen Beschädigungen zu schützen.

 

 

 

Alle GIFs von Vandejong, Let it Grow, Mélanie Corre

Mehr Informationen zu dem De Ceuvel Projekt in Amsterdam finden Sie in der Novemberausgabe 2018 der Garten+Landschaft.

 

 

 

Landschaften der Zukunft gesucht

Es ist eine Kluft zwischen Stadt und Land entstanden: Während urbane Räume von Bevölkerungswanderungen und wirtschaftlichen Entwicklungen profitieren, bleibt der ländliche Raum zurück. Das im deutschen Grundgesetz festgehaltene Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse ist zunehmend gefährdet. Die IBA Thüringen veranstaltet zu diesem Thema einen Workshop in der ländlichen Gemeinde Kannawurf. Unter der Überschrift „1.500 Hektar Zukunft – (Er)Findung einer neuen Landschaftstypologie des 21.Jahrhunderts“, werden Studierende, junge Wissenschaftler und Berufstätige dazu aufgerufen ein neues Konzept für den ländlichen Raum zu entwerfen.

Ein neues Landschaftsbewusstsein

Ziel des Workshops ist es ein neues Bewusstsein für die Landschaften des ländlichen Raumes zu schaffen. Stereotypen und etablierte Landschaftsbegriffe und -bilder sollen kritisch hinterfragt und bestehende Landnutzungen und Beziehungen neu entwickelt werden. Themen wie Forst- und Energiewirtschaft, Dorfentwicklung, Tourismus, Naturschutz und Kooperationsnetzwerke müssen dabei Berücksichtigung finden. Fernab von jeglichen Ballungsgebieten, stellt die kleine thüringische Gemeinde Kannawurf den örtlichen Rahmen. Rund 1.500 Hektar strukturarme Agrarlandschaft stehen bereit, um von den Teilnehmern neu bespielt zu werden.

IBA Campus

Unter dem Namen IBA Campus gründet die IBA Thüringen jedes Jahr ein internationales und interdisziplinäres Kollektiv. Der IBA Campus 2017 richtet sich vor allem an junge Interessenten. Eingeladen sind Studenten sowie Wissenschaftler und Berufstätige mit einer maximalen Berufserfahrung von drei Jahren. Eine Einschränkung des Studien- beziehungsweise des Berufsfeldes existiert nicht. Der Bewerbungszeitraum endet am 15. April 2017. Aus den Bewerbern werden 12 Teilnehmer ausgewählt, um mit hochrangigen Experten Teil der IBA Modellprozesse zu werden. Weitere Informationen finden Sie unter www.iba-thueringen.de