Foto: Iris auf Pixabay
Foto: Iris auf Pixabay

Das Centre Pompidou wird Ende 2023 im Zuge von umfangreichen Sanierungsmaßnahmen für mindestens drei Jahre schließen. Anstatt sieben Jahre bei Teilbetrieb den Renzo Piano Bau zu renovieren, beschloss man in Paris, den ikonischen Röhrenbau komplett dicht zu machen.

Schließung destabilisiert vielleicht das Centre Pompidou

„Nous n’avons plus le choix, le bâtiment est en souffrance (zu Deutsch: Wir haben keine Wahl mehr, das Gebäude ist in Not.)“, sagte Serge Lasvignes vergangene Woche Montag. Er verkündete damit, dass das Pariser Wahrzeichen Centre Georges Pompidou im Zuge zwingend notwendiger Sanierungsmaßnahmen für mindestens drei Jahre schließt.

Der Präsident des Museums räumte damit den maroden Zustand des markanten Pariser Baus ein. Das staatliche Kunst- und Kulturzentrum nennen die Pariser*innen liebevoll „La Raffinierie“. Es soll Ende 2023 schließen um mit einer Investition von 200 Millionen Euro spätestens zum 50-jährigen Jubiläum 2027 wieder fit zu sein.

Gemeinsam mit der französischen Kulturministerin Roselyne Bachelot stand Serge Lasvignes vor der Wahl, den markanten Röhrenbau von Renzo Piano und Richard Rogers für sieben Jahre bei geöffnetem Zustand zu sanieren oder ihn für drei Jahre komplett dicht zu machen. Man entschied für sich letzteres.

Interessant dabei: Das „Centre national d’art et de culture Georges-Pompidou“, benannt nach dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou, war bereits vor zwanzig Jahren für zwei Jahre zu – aufgrund von Renovierungsarbeiten. Wie Le Figaro berichtete, machte die Ministerkommission für Immobilien bereits 2016 auf den maroden Zustand des Centre Pompidou aufmerksam. Wirklich passiert ist den vergangenen vier Jahren jedoch nichts. Niemand wollte, so Le Figaro, der Überbringer der schlechten Nachricht sein, die das Pariser Kunst- und Kulturzentrum als Ganzes destabilisieren könnte.

120 000 zeitgenössische Kunstwerke im Centre Pompidou

Mit dem Ziel Personen aller Gesellschaftsschichten in Paris freien Zugang zu Wissen zu ermöglichen, wurde das Centre Pompidou am 31. Januar 1977 eröffnet. Heute beherbergt der ikonische Röhrenbau das Musée National d’Art Moderne und insgesamt mehr als 120 000 Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Zudem ist es Zuhause eines Industriedesignzentrums, einer Bibliothek, einem Musikforschungszentrum, einer Kinderwerkstatt, Kino-, Theater- und Vortragssäle, einer Buchhandlung sowie einem Restaurant und einem Café.

Lasvignes: Sanierungszeitplan fußt auf Treibsand

Fest steht: Der Bau im 4. Arrondissement in Paris hat in den letzten Jahren neue „Falten“ entwickelt. Das Museum kämpft mit Rost an Stahlträgern, Klimatisierungsproblemen in den Rolltreppenröhren, veralteten Aufzügen und Asbest. Um zum 50-jährigen Jubiläum wieder strahlen zu können, muss man jetzt ran. Zugleich haben die Folgen der Corona-Pandemie das Centre Pompidou – wie auch allen andere Kultureinrichtungen – schwer getroffen. Während Frankreich aufgrund der hohen Infektionszahlen und der Virusmutation am Sonntag seine Grenzen zu Nicht-EU-Ländern dicht machte, bleiben auch die Tore des Centre Pompidou geschlossen.

Auf die Interviewfrage von den Le Figaro Kolleg*innen Valérie Duponchelle und Bertrand de Saint Vincent, wie Serge Lasvignes in diesen chaotischen Zeiten einen Zeitplan für die Sanierung aufstellt, antwortet dieser mit „Des sables mouvants, voilà le contexte“. Er verdeutlicht damit, dass er sich im Zuge der Sanierungsarbeiten wie auf Treibsand bewegt. Das zentrale Merkmal dieser Zeit, so der Chef des Centre Pompidous, das sei die Unsicherheit.

Christo-Ausstellung im Centre Pompidou

Welchen Verlust die aktuelle und geplante Schließung des Centre Georges Pompidou darstellt, das bestätigt die Erinnerung an die Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude, Paris!“ Diese fand vergangenen Sommer im Centre Pompidou statt. Vermutlich hat sie aber im Zuge eigener moralischer Reisebeschränkungen kaum jemand von uns gesehen. Jedenfalls defintiv niemand aus der G+L-Redaktion. Die Ausstellung im Centre Pompidou nahm die Anfänge des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude in den Blick. Sie dokumentierte, wie die zwei Künstler*innen mehrere Jahre dafür kämpften im Jahr 1985 die Pont Neuf in Paris zu verhüllen. Die Ausstellung eröffnete drei Monate später als geplant am 1. Juli.

Christo selber erlebte die Hommage an ihn und seine Frau bedauerlicherweise nicht mehr. Er verstarb am 31. Mai 2020 (lesen Sie hier einen Nachruf). Jeanne-Claude verstarb bereits im November 2009 an einer Hirnblutung. Das letzte Projekt, an dem Christo vor seinem Tod gearbeitet hat, die Verhüllung des Pariser Triumphbogens, soll jedoch trotzdem realisiert werden. Die Kunstaktion ist für Herbst 2021 geplant. Und bis dahin ist ja vielleicht, vielleicht auch das Centre Pompidou wieder eröffnet … bis es dann wieder zumacht.

Das könnte Sie auch interessieren
Die neu konzipierte IAA Mobility zeigt Innovationen in der urbanen Mobilität.
IAA Mobility kommt 2023 wieder nach München
Blauer Himmel mit "CO₂" in Wolken als Symbol für kommunale CO₂-Zertifikate und Stadtplanung als Handel.
Kommunale CO₂-Zertifikate – kann Stadtplanung zum Handel werden?
Straße als Galerie
Städte für Morgen 2020
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Stadtplanung als Schulfach? – Bildungspolitik trifft Baukultur
Morgenstadt Werkstatt
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-P2d8SKdbjEE
KI-unterstützte Quartiersvergleiche – welche Parameter zählen wirklich?
Pinker Radweg für Auckland
Illustration eines Gehirns mit neuronalen Strukturen – Symbol für künstliche Intelligenz und das Training neuronaler Netze.
Was ist eine Trainings- und Validierungsstrategie bei KI?
Auf dem Foto ist das Freilichtmuseum eingebettet in die Wälder eines Höhenzugs zu sehen.
Freilichtmuseum Ballenberg: Neuordnung am Eingang

Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.