Choreografie des Raums

Wir nehmen Räume in der Bewegung wahr. Wie banal diese Feststellung ist, so schwierig ist es, den prozessualen Charakter der Raumwahrnehmung in der Raumgestaltung tatsächlich zu berücksichtigen. Über das Verhältnis von Bewegung, Gestaltung und Raum diskutieren seit mindestens etwa 120 Jahren die architektonischen Disziplinen. Einer der ersten Autoren war der Kunsthistoriker August Schmarsow im Jahr 1894 mit seinem Vortrag Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Seitdem haben sich besonders Gestalter im Bereich Theater, Film und Videospiel und Theoretiker aus der Anthropologie, Phänomenologie und Umweltpsychologie mit dem Thema beschäftigt. Das kürzlich erschienene Buch Raumdramaturgie: Typologie und Inszenierung von Innenräumen des Architekten Holger Kleine gehört in dieses Umfeld.

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Wie man einen Raum inszeniert

Das Buch hat vier Kapitel. Mit historischen Versammlungsbauten aus Venedig (Kapitel 1) und zeitgenössischen Gebäuden der letzten 60 Jahre (Kapitel 3) versucht der Autor gestalterische Mittel anschaulich zu machen, mit denen ein Raum inszeniert werden kann. Diese gestalterischen Mittel werden mit denen aus der Musik und dem Theater und aus der Architekturtheorie verglichen (Kapitel 2). Holger Kleines Ziel ist es, Prinzipien, Modelle und Typen herauszuarbeiten, die über einen Einzelfall hinausgehen, sodass Gestalter sie in jedem Entwurf individuell ausformulieren können (Kapitel 4). Der gedankliche Aufbau in den Kapiteln und der Zusammenhang der Kapitel untereinander sind nicht an allen Stellen überzeugend. Das tut der Lektüre aber keinen Abbruch, denn man muss das Buch nicht systematisch und auch nicht chronologisch lesen– ein Einstieg in das Thema gelingt in jedem Kapitel.

Innenräume und Landschaftsarchitektur?

Warum wird in der Garten+Landschaft ein Buch vorgestellt, das Innenräume von Gebäuden thematisiert? Der Grund liegt darin, dass die Auseinandersetzung mit dem Raum keine disziplinären, sondern nur phänomenale Grenzen kennt. Soll heißen: Das Phänomen Raum geht alle heute ausdifferenzierten architektonischen Disziplinen etwas an, insofern sie Räume gestalten, die Funktionen erfüllen und zugleich einen Überschuss besitzen, der die Bewegung im Raum bereichert. Holger Kleines Raumdramaturgie gehört zum Kanon der Bücher, die sich dem schwierig zu greifenden Phänomen Raum aus der Perspektive des sich in Bewegung befindlichen Wahrnehmenden zu nähern versuchen.

Buch

Holger Kleine: Raumdramaturgie. Typologie und Inszenierung von Innenräumen. Birkhäuser Verlag: Basel 2018. 296 Seiten, 300 Abbildungen, deutsch, 30,4 mal 24,5 cm, fester Einband, 70 Euro, ISBN 978-3-0356-0432-0

Sebastian Feldhusen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter ander Technischen Universität Berlin.