In da Club

Die Drop-in-Audio-Chat-App „Clubhouse“ erobert seit zwei Wochen die deutsche Social-Media-Welt. Bei dem sozialen Netzwerk kann man nur nach persönlicher Einladung mitmachen. Die neue Hype-App bleibt aber trotzdem nicht alleine pseudo-hippen Medienmacher*innen, Influencer*innen oder aus dem Nähkästchen plaudernden Politiker*innen wie Bodo Ramelow vorbehalten. Warum auch wir Planer*innen der App Aufmerksamkeit schenken sollten.

Die App „Clubhouse“ trendet seit zwei Wochen in Apples App Store. Es handelt sich dabei um eine Social-Media-App, die die Clubhouse Gründer selber als „Drop-in audio chat“ bezeichnen. Allen voran der Thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow hat sie bekannt gemacht, in dem er in einem Clubhouse-Talk Angela Merkel als „das Merkelchen“ bezeichnete und zugab, in den Ministerpräsident*innenkonferenzen „Candy Crush“ zu spielen. Aber das ist eine andere Geschichte und er hat sich wohl inzwischen persönlich bei der Bundeskanzlerin entschuldigt.

Clubhouse ist derzeit nur im App Store von Apple verfügbar, soll aber auch für Android bald erhältlich sein, wie n-tv vergangenen Sonntag berichtete. Nutzen kann die App jede Person, die eine persönliche Einladung erhalten hat. „Maximal elitär“ könnte manch einer jetzt denken, und nun ja, das stimmt auch. Gleichzeitig sind die künstlichen Schwellen zentraler Bestandteil des Hypes. Außerdem befindet sich die App laut den Entwickler*innen noch in einer Testphase.

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In den USA ging Clubhouse im Frühjahr 2020 online und soll nach Informationen von CNBC bereits Mitte Mai infolge eines Investments einer Wagniskapitalgesellschaft in Höhe von zwölf Millionen US-Dollar mit knapp 100 Millionen US-Dollar bewertet worden sein. Bei nur rund 1 500 Nutzer*innen. In Deutschland ging die App durch die Decke nachdem die zwei Podcast-Moderatoren Philipp Klöckner und Philipp Gloeckler über eine Telegram-Gruppe zum gegenseitigen Einladen gerufen hatten – um so die App einer breiteren Öffentlichkeit verfügbar zu machen. Laut t3n nutzen Clubhouse in Deutschland inzwischen fast eine Millionen User*innen.

Wie ein Live-Story-Podcast zum Mitmachen, irgendwie

Okay, die Schwellen in Clubhouse „rein“ zu kommen sind hoch, ist man aber einmal „drin“ zeichnet sich die App durch maximal niederschwellige Nutzerfreundlichkeit aus. Clubhouse ist sehr leicht zu bedienen und erklärt sich von allein. Basis der Aktivität ist ein soziales Netzwerk, das man ähnlich wie bei Facebook oder Instagram aufbaut sowie Interessenbereiche, die die User*innen gezielt auswählen können – wie zum Beispiel „Architecture“ (und ja, die ganze App ist auf Englisch). Ausgehend von Netzwerk und Interessensbereichen werden den User*innen sogenannte „Rooms“ vorgeschlagen, die man betreten und den Gesprächen dort zuhören kann. Die Talks moderieren einzelnen User*innen selber. Man kann einfach zuhören oder digital „die Hand heben“ um sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen. Wie ein Story-Podcast zum Mitmachen, irgendwie.

Die Downsides von Clubhouse

So viel zur reinen Funktionalität der App. Ist die Clubhouse jetzt nur cool? Naja, alles hat seine Schattenseiten. Den Datenschutz definieren viele Stimmen als mangelhaft. So auch der rheinland-pfälzische Datenschutzbeauftragte Dieter Kugelmann. Laut ihm verstößt Clubhouse mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen die europäische Datenschutz-Grundverordnung, berichtet die dpa. Unter anderem fehle die Transparenz, welche Daten die App dauerhaft speichere. Nutzer*innen hätten keine Möglichkeit zu verfolgen, was genau mit den Daten passiert. Eine Problematik, die uns im Zuge der neuen Nutzungsbedingungen des Messengerdienstes WhatsApp ja nicht ganz neu ist. Inzwischen wird aber wohl jeder mitbekommen haben, dass der Messengerdienst „Signal“ wohl eine gute Alternative ist – Elon Musk und Edward Snowden machten schließlich auf Twitter mords Werbung für den alternativen Messengerdienst.

Weitere Downsides? Den Clubhouse-Moderator*innen ist es bislang nicht möglich, akustische Hasskommentare zu verhindern, wenn User*innen mal „laut“ geschalten sind. Man kann User*innen für Fehlverhalten melden, hierfür muss aber das Clubhouse-Gespräch gespeichert werden, was datentechnisch wiederum schwierig ist.

Anruf bei Joko Winterscheidt

Clubhouse ist also elitär, ja. Die App hat Datenschutzprobleme und ermöglicht sogenannte „Hate Speech“ – noted. Zugleich macht sie eben auch echt viel Spaß. Aber wieso eigentlich und warum könnte Clubhouse auch für uns Planer*innen in Zukunft von gesteigertem Interesse sein? Weil man unfassbar schnell ins Gespräch miteinander kommt. Die Diskussionen haben etwas Intimes, Natürliches, Freundschaftliches. Nicht umsonst plauderte der gute Bodo so aus dem Nähkästchen.

Ein Clubhouse-Talk fühlt sich an wie ein Telefonat, man spricht mit Freund*innen oder Menschen aus dem eigenen Netzwerk, trifft aber auch auf Unbekannte, mit denen man sich aber über ein Thema verbunden fühlt oder eben Personen mit höherer Prominenz wie Joko Winterscheidt, der inzwischen auf Clubhouse 90 000 Follower*innen hat. Und man kann je nach Lust und Laune partizipieren, es besteht kein Zwang. Man muss sich nicht exponieren wie beispielsweise bei einer Podiumsdiskussion.

Clubhouse-Talks bieten Austausch und Inspiration. Und genau das hemmt natürlich gerade derzeit der Lockdown-Alltag, zumindest bei denjenigen, die derzeit keine größeren Probleme haben. Auch hier gilt vermutlich: ein First-World-Problem. In einer Analyse auf spiegel.de diskutierten Markus Böhm und Max Hoppenstedt gar, wer noch ins Clubhouse geht, wenn die Pandemie vorbei ist.

Wir Planer*innen im Clubhouse? Oh yes.

Warum auch wir Planer*innen künftig auf Clubhouse unterwegs sein sollten – Pandemie hin oder her –, das veranschaulichte gestern der Clubhouse-Talk „Berliner oder Pfannkuchen – über die Identität einer Stadt“, den die Tagesspiegeljournalist*innen Anne-Kathrin Hipp, Anke Myrrhe und Lorenz Maroldt aufgesetzt hatten. Sie stellten in diesem Clubhouse-Talk unter anderem die Frage, wie man es schafft, dass Berlin im Zuge städtebaulicher Eingriffe und trotz „Wachstumsschmerzen“ künftig Berlin bleibt.

Während ein Clubhouse-User ganz charmant mit „Gemeinsam anders – dit is Berlin“ antwortete, schlug der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt (B’90/Die Grünen) eine IBA der Bezirke vor, also eine Internationale Bauausstellung der Berliner Bezirke. Die Idee hing nach seinen Worten aber dann im luftleeren Raum, wurde nicht weiter diskutiert. Gerade hier wäre es spannend gewesen weiterzusprechen, die anderen User*innen abzuholen, was eine IBA eigentlich ist, sein sollte, wo ihre Grenzen, aber auch ihre Potenziale liegen – und das kann kaum eine andere Profession so gut, wie die planende Disziplin.

Eine Chance, die wir nutzen sollten

Die Themen, die auf Clubhouse diskutiert werden, sind nah am Menschen, nah an unserer Lebensrealität. Themen wie Stadtentwicklung. Stadtentwicklung als gesellschaftliche Aufgabe ist in den vergangenen zehn Jahren ins Zentrum öffentlicher Diskussionen gerutscht. Sie betrifft uns alle. Und mal ehrlich: Sie ist ein echt schönes Thema, voller Möglichkeiten und Visionen. Aber – und ich weiß, ich wiederhole mich hier – unsere Profession ist und bleibt bislang in diesem gesamtgesellschaftlichen Diskurs sehr leise, meldet sich wenig zu Wort. Clubhouse bietet uns Planer*innen, aber auch uns Fachjournalist*innen, die Möglichkeit höchst niederschwellig miteinander ins Gespräch zu kommen – und das ist doch irgendwie einfach cool.

Wie viele Planer*innen bedauern häufig nach Bürger*innenbeteiligungsverfahren, dass in der Regel die gleichen Personen zu den entsprechenden Veranstaltungen kommen, und dass gerade im öffentlichen Austausch die Diversität, aber auch die Jugend fehlt. Auf wie vielen Planer*innen-Veranstaltungen sind wir immer mit den gleichen Nasen unterwegs? Nette Nasen, aber halt die gleichen. Die Menschen, die hier sich durch die Clubhouse-Rooms klicken, mit diesen könnten wir gemeinsam ganz neue Gesprächsgruppen eröffnen. Das sollten wir doch für uns nutzen, oder nicht?