Corona und die Städte

In ihrem Buch analysiert Ingrid Karl, welchen Einfluss die dichten, stets wachsenden Städte auf die Corona-Pandemie und die erodierende Demokratie haben und wie die fortschreitende Globalisierung das Virus begünstigt. Warum der Untertitel “Suche nach einer neuen Normalität” nicht hält was er verspricht, aber wieso das Buch trotzdem absolut lesenswert ist, erklärt Anne Fischer. Eine Buchrezension.

 

Worum es geht: Ingrid Krau analysiert, wie dicht bebaute, wachsende Städte die erodierende Demokratie und die Globalisierung den Pandemieverlauf begünstigen. Dabei richtet sie den Blick auf asiatische Megalopolen als wahrscheinlichen Virus-Ursprungsort, auf Urbanität als Lebensform, die dessen Ausbreitung begünstigt, und die Desorientierung vieler Bürger*innen durch soziale Medien, die dafür sorgt, dass im Lockdown giftige Debatten über die politische Entscheidungsgewalt ausbrechen. Im Zentrum ihrer planerischen Überlegungen stehen Städte, die sich, so die Autorin, trotz Klimakrise und daraus folgender Probleme „ihrer früheren Planungsmaxime ‚Licht, Luft und Sonne‘ in erstaunlichem Maß entledigt haben“ – und somit die perfekte Virenumgebung bieten.

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Was die Autorin auszeichnet: Die Architektin und Autorin Ingrid Krau lehrte bis 2007 als Professorin für Städtebau und Stadtentwicklung an der TU München. Bereits zu dieser Zeit beschäftigte sie sich mit den Risiken, die extreme Bebauungen mit sich bringen. Krau schreibt vor allem über Städtewachstum und die Folgen fossiler Energiegewinnung.

Potenzial zum Klassiker

Das ist die beste Aussage: „Die Vorstellung, wenn jetzt alle zusammen für eine kurze Zeit in den Shutdown gehen, wäre das Virus gebannt, ist ökonomisches Wunschdenken. Es bleibt wegen der Unordnung des Urbanen in den Nischen übersehener Populationen lebendig und tritt an unerwarteter Stelle wieder ans Tageslicht.“

Das erwartet die Leser*innen: Die Unterzeile „Suche nach einer neuen Normalität“ führt Erwartungen in die Irre – denn Krau seziert lediglich den Status quo. Das Buch bietet weniger Anleitung aus dem Schlamassel als präzise Analyse dazu, welchen Anteil der Städtebau an dessen Entstehung trägt. Erst auf den letzten 30 Seiten fordert sie konkrete Maßnahmen für die Zukunft, etwa Bodenfonds für Wohnzwecke, die Be- grenzung von Nachverdichtung, die Erweiterung von Grün- und Durchlüftungsräumen. Sie plädiert für „politischere“ Planung – ohne allerdings der Illusion zu erliegen, es sei einfach, den Boden der Städte „aus seiner Rolle als Spekulationsobjekt internationaler Transaktionen herauszuführen“.

Mehr Klassiker als Trend, weil … Pandemien und ihre verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaft eigentlich genauso wenig neu sind wie planerische Anstrengungen, Antworten auf das Städtewachstum zu finden, die möglichst wenig Luft und Grün opfern – aber, wie Krau es formuliert: „Wachstum und Fortschritt verbinden sich mit Naturvergessenheit.“

Corona und die Städte – das Buch

Haptik: Die Planerin, der Nachhaltigkeit am Herzen liegt, hat sich folgerichtig einen Verlag gesucht, der mit Öko-Anspruch druckt – und auch auf E-Books setzt.

Design: Nicht vom futuristisch-platt geratenen Cover abschrecken lassen.

Lesefluss: Krau kombiniert umfangreiches Wissen mit präziser und geschliffener Sprache, hier und da wiederholt sie sich aber.

Fazit: Krau liefert eher meinungsstarkes Essay als lupenreines Sachbuch und zeigt Zusammenhänge im großen Erzählbogen auf: von historischen Pandemien über Kompaktwohnformen im frühen 20. Jahrhundert, die Nachverdichtung europäischer Metropolen und Lebensbiotope, die sich Menschen und Wildtiere durch zunehmende Urbanisierung teilen müssen, bis hin zur aktuellen Pandemielage, die öffentliche Räume, aber auch das Arbeiten ins Netz verlagert (und so nebenbei den Flächenbedarf verändert) und wohl langfristige Auswirkungen auf städtebauliche Konzepte haben wird. Das macht das Buch zur kurzweiligen Lektüre für Planer*innen.

Corona und die Städte. Suche nach einer neuen Normalität.

Ingrid Krau

120 Seiten
ISBN: 978-3-96238-291-9
Oekom Verlag, 2021

Print 16 Euro, E-Book 12,99 Euro

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