Das Projekt "Neue Ufer Überlingen" von relais Landschaftsarchitekten wurde 2021 im Rahmen der Landesgartenschau Überlingen realisiert. Bildquelle: ©Hanns Joosten
Das Projekt "Neue Ufer Überlingen" von relais Landschaftsarchitekten wurde 2021 im Rahmen der Landesgartenschau Überlingen realisiert. Bildquelle: ©Hanns Joosten

Der Deutsche Landschaftsarchitektur-Preis 2023 geht an das Projekt „Neue Ufer Überlingen“ vom Büro relais Landschaftsarchitekten. Außerdem gab es Auszeichnungen in neun weiteren Kategorien. Welche Projekte und Büros die Auszeichnungen erhielten und was die Planer*innen von relais Landschaftsarchitekten in Überlingen umsetzten, lesen Sie hier.

Ein erster Preis und neun Auszeichnungen

Am 21. April 2023 entschied die Preisgerichtssitzung über den Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2023. Der erste Preis geht an das Projekt „Neue Ufer Überlingen“ von relais Landschaftsarchitekten Heck Mommsen PartGmbB. Die vom bdla einberufenen Preisrichter*innen sichteten unter Leitung von Ute Aufmkolk die nominierten Arbeiten. Neben dem ersten Preis vergaben sie auch Auszeichnungen in neun Kategorien. Die Auszeichnungen in den folgenden Kategorien gingen an:

  • Kategorie Öffentlicher Raum als Zentrum: Marktplatz und Lammegarten, Bad Salzdetfurth; Entwurfsverfasser*innen: POLA Landschaftsarchitekten GmbH
  • Kategorie Wohnumfeld: Prinz-Eugen-Park, München; Entwurfsverfasser*innen: liebald + aufermann landschaftsarchitekten und stadtplaner PartGmbB
  • Kategorie Pflanzenverwendung: Planten un Blomen, Dag-Hammarskjöld-Platz, Hamburg; Entwurfsverfasser*innen: POLA Landschaftsarchitekten GmbH
  • Kategorie Junge Landschaftsarchitektur: Brettspiel, Bochum; Entwurfsverfasser*innen: SOWATORINI Landschaft
  • Kategorie Landschafts- und Stadtentwicklung: Waller Sand, Bremen; Entwurfsverfasser*innen: A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH
  • Kategorie Historische Anlagen: Brutalism reloaded. Gustav-Mahler-Treppe, Kassel; Entwurfsverfasser*innen: LOMA architecture . landscape . urbanism mit Riehl Bauermann + Partner Landschaftsarchitekten
  • Kategorie Landschaftsarchitektur im Detail: Hafenumfeld Bad Karlshafen; Entwurfsverfasser*innen: GTL Michael Triebswetter Landschaftsarchitekt
  • Kategorie Grün-blaue Infrastruktur: Gartenschau Eppingen 2022; Entwurfsverfasser*innen: PLANORAMA Landschaftsarchitektur
  • Kategorie Reifeprüfung – Projekte, 20 Jahre und älter: Landschaftspark Duisburg-Nord, Duisburg; Entwurfsverfasser*innen: Prof. em. o.e. Peter Latz, LATZ+PARTNER LandschaftsArchitektur Stadtplanung

Die Ehrung zum Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2023 wird am 15. September 2023 im Rahmen einer abendlichen Festveranstaltung in Berlin stattfinden. Bis dahin sind die Ergebnisse bereits auf der Website des Deutschen Landschaftsarchitektur-Preises zu sehen.

Das preisgekrönte Projekt gestaltet einen früheren Gewerberaum am Ufer des Bodensees um. Bildquelle: ©Hanns Joosten
Das preisgekrönte Projekt gestaltet einen früheren Gewerberaum am Ufer des Bodensees um. Bildquelle: ©Hanns Joosten

Kulturlandschaftliche Perspektive

Der sechs Hektar große Uferpark zwischen Bahngleisen und Bodensee stellt eine Neugestaltung dar. Früher befanden sich auf dem Areal in bester Uferlage vor allem Gewerbe und Parkplätze. Marianne Mommsen, federführende Leitung des Projektes, beschrieb den Entwurf für „Neue Ufer Überlingen“ als kulturlandschaftliche Perspektive. Uferpark und urbane Promenade stellen dabei Gegenpole dar, die das Ufer auf einer Strecke von 2,5 Kilometern neu definieren sollen.

Das Büro relais Landschaftsarchitekten hat sich mit dem Projekt auf zukunftsweisende Themen wie Klimawandel, Artenvielfalt und die Entwicklung von Ökosystemen konzentriert. Der Park ist landschaftsbezogen, während die Promenade historische Stadtstrukturen inszeniert. Durch diese behutsamen neuen Akzente sollen Stadt- und Uferraum hervorgehoben werden.

Ökologie und Landschaftsgenuss stehen bei „Neue Ufer Überlingen“ im Vordergrund. Das Konzept setzt auf Synergien, um im schmal zugeschnittenen Park sowohl Freiraumnutzung als auch ökologische Aspekte zu beachten. So ist ein strukturreicher Landschaftsraum entstanden.

Anstelle der früheren Ufermauer gibt es nun eine bewegte Ufertopographie mit steilen und flacheren Bereichen. Die neue Wechselwasserzone fördert den dynamischen Austausch zwischen Wasser und Land. Bei Hochwasser erhält der See mehr Raum, während die ortsspezifische ökologische Entwicklung gefördert wird. Und zugleich bietet der Park Raum für Erkundung und spielerische Aneignung.

Mit einer Kombination aus Uferpark und urbaner Promenade schafft relais zwei Gegenpole. Bildquelle: ©Hanns Joosten
Mit einer Kombination aus Uferpark und urbaner Promenade schafft relais zwei Gegenpole. Bildquelle: ©Hanns Joosten

Neuentdeckung von Vertrautem

Mit „Neue Ufer Überlingen“ möchten die Landschaftsarchitekt*innen von relais dazu einladen, vertraute Räume neu zu entdecken. Auch das Bepflanzungskonzept folgt diesem Ziel. Dafür haben die Architekt*innen die klassische Ästhetik des Parks mit Elementen einer Kulturlandschaft kombiniert. Das Ergebnis ist ein besonderes Erscheinungsbild mit verschiedenen Strauchpflanzungen, die die wärmeliebenden Gebüsche der Steilufer am Bodensee aufgreifen. Hinzu kommen Schmuckgehölze, Strandrasen und weitere Arten, die früher am Bodensee verbreitet waren.

Dank der gewonnenen ökologischen Vielfalt entsteht ein abwechslungsreiches Parkerlebnis, das die landschaftliche Situation des Bodenseeufers unterstreicht. Laut relais soll dieses Konzept „dem Unkontrollierbaren als gestalterisches Mittel einen konkreten Stellenwert für das Parkerlebnis“ verleihen.

Der Uferpark und die Promenade am historischen Stadtzentrum von Überlingen wurden im Rahmen der Landesgartenschau Überlingen 2021 realisiert. Mehr über die Landesgartenschau lesen Sie hier.

Der Uferpark ist mit für den Bodensee typischen Arten bepflanzt und unterstützt das Stadtklima. Bildquelle: ©Hanns Joosten
Der Uferpark ist mit für den Bodensee typischen Arten bepflanzt und unterstützt das Stadtklima. Bildquelle: ©Hanns Joosten

Gelungener Umgang mit der Ressource Landschaft

Beim Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2023 handelt es sich bereits um den 16. Wettbewerb seit der ersten Auslobung im Jahr 1993. Der Preis befasst sich mit einer sozial und ökologisch orientierten Siedlungs- und Landschaftsentwicklung sowie mit einer zeitgemäßen Freiraumplanung. Ökologische, soziale und ökonomische Maßnahmen sind nötig, um die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen.

Daher würdigt der Deutsche Landschaftsarchitektur-Preis viel mehr als nur schöne Landschaften: Es geht um Projekte, die sich dem fortschreitenden Klimawandel, der zunehmenden Ressourcenknappheit und dem Verlust der Artenvielfalt widmen. Vorhandene Infrastrukturen, die angepasst werden, sowie sozial bewusste Projekte haben dabei gute Chancen. Insgesamt möchte der Wettbewerb ein grundsätzliches Umdenken und visionäres Handeln auf allen Planungsebenen fördern, um die Entwicklung klimaresilienter Freiräume und Landschaften zu ermöglichen.

„Neue Ufer Überlingen“ zeigt, wie sich auch auf knappem Raum ein gelungener Umgang mit der Ressource Landschaft realisierten lässt. Der Uferpark ist ein Beispiel für einen gut gestalteten Freiraum, der lokale Ökosysteme unterstützt, das Stadtklima angesichts des Klimawandels fördert, und die Biodiversität in den Fokus stellt. Darüber hinaus handelt es sich um einen gelungenen und beliebten öffentlichen Freiraum.

Der erste Preis im Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2023 ist bereits die zweite wichtige Auszeichnung für das Projekt „Neue Ufer Überlingen“. Im Jahr 2022 erhielt es auch den Baden-Württembergischen Landschaftsarchitekturpreis.

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Intersektionale Stadtplanung – Gender, Herkunft und Barrierefreiheit zusammen denken

Autobahnkreuzung aus der Vogelperspektive – Symbol für vielfältige Wege, Barrierefreiheit und intersektionale Stadtplanung.
Intersektional denken: Gender, Herkunft und Zugang neu verbinden. Foto von Denys Nevozhai auf Unsplash.

Intersektionale Stadtplanung? Klingt nach Soziologenseminar, ist aber längst die Königsdisziplin urbaner Entwicklung. Wer Stadt für alle will, muss Barrieren erkennen, Vielfalt ernst nehmen und die Perspektiven von Geschlecht, Herkunft und körperlicher Verfasstheit gleichberechtigt mitdenken. Was bedeutet das konkret für Planung, Design und Umsetzung? Und wie sieht eine wirklich inklusive, zukunftsfähige Stadt aus?

  • Definition und Ursprung des intersektionalen Ansatzes in der Stadtplanung
  • Warum Gender, Herkunft und Barrierefreiheit nicht einzeln, sondern gemeinsam gedacht werden müssen
  • Praktische Auswirkungen intersektionaler Planung auf Quartiere, Freiräume und Mobilität
  • Aktuelle Herausforderungen und typische blinde Flecken im deutschsprachigen Raum
  • Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Innovative Beteiligungsformate und Methoden zur Erfassung vielfältiger Perspektiven
  • Relevanz von Daten, Governance und neuen Technologien für inklusive Planung
  • Chancen und Risiken intersektionaler Planung im Kontext von Klimawandel und Digitalisierung
  • Zukunftsausblick: Warum intersektionale Stadtentwicklung kein Add-on, sondern Grundvoraussetzung ist

Intersektionalität: Von der Theorie zur Praxis in der Stadtplanung

Der Begriff „Intersektionalität“ hat in der Stadtplanung längst mehr zu bieten als ein akademisches Modewort. Ursprünglich aus der kritischen Gesellschaftstheorie und den Gender Studies stammend, beschreibt Intersektionalität das Zusammenwirken unterschiedlicher Diskriminierungs- und Benachteiligungsformen. In der Stadtplanung bedeutet das: Menschen erleben Räume nicht isoliert aufgrund eines Merkmals, sondern entlang mehrerer Achsen – etwa Geschlecht, Herkunft und Behinderung – und diese überschneiden sich auf komplexe Weise. Was für den einen ein kleiner Stolperstein, ist für die andere eine unüberwindbare Barriere. Die Frage lautet daher nicht länger: Ist unsere Planung geschlechtergerecht? Sondern: Wem nützt und wem schadet unser Entwurf – und warum?

Diese Perspektive ist alles andere als Luxus. Gerade in urbanen Räumen, wo Vielfalt Alltag ist, führt ein einseitiger Planungsansatz zwangsläufig zu Ausschlüssen. Stadtplanung, die nur auf den „Durchschnittsbürger“ zielt – männlich, erwerbstätig, ohne Beeinträchtigung, mit deutschsprachigem Hintergrund – übersieht einen Großteil der tatsächlichen Nutzer. Intersektionale Planung erkennt an, dass Stadt für viele Menschen unterschiedlich funktioniert. Frauen meiden nachts schlecht beleuchtete Parks, Rollstuhlfahrer stoßen an Kopfsteinpflaster und fehlende Aufzüge, Menschen mit Migrationsgeschichte erleben Diskriminierung in öffentlichen Räumen. Die Summe dieser Faktoren entscheidet über Teilhabe – oder Ausschluss.

Doch wie kommt diese Theorie in die Praxis? Viele Planer kennen die berühmten Checklisten: Gibt es Sitzbänke für Ältere? Sind Wege barrierefrei? Gibt es Orte, an denen sich verschiedene Gruppen sicher fühlen? Intersektionale Stadtplanung geht weiter. Sie fragt nach Wechselwirkungen: Wie beeinflusst die Gestaltung eines Platzes das Sicherheitsgefühl von Frauen mit Migrationsgeschichte am Abend? Wie nutzen Kinder mit und ohne Behinderung einen Spielplatz? Wer bleibt unsichtbar, wenn wir nur nach „der“ Nutzergruppe fragen?

Anspruchsvoll? Sicher. Aber auch lohnend. Denn gute, intersektionale Planung schafft nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Qualität. Räume, die für die „verletzlichsten“ Gruppen funktionieren, funktionieren in der Regel für alle. Gleichzeitig werden Fehler aus der Vergangenheit vermieden: Zu eng gedachte Mobilitätsachsen, isolierte Quartiere, monotone Freiräume, die am tatsächlichen Bedarf vorbeigeplant sind.

Die Herausforderung bleibt: Intersektionalität ist kein Häkchen auf der To-do-Liste, sondern ein kontinuierlicher Reflexionsprozess. Sie verlangt, gewohnte Routinen zu hinterfragen, neue Datenquellen zu nutzen und mutig neue Beteiligungsformen zu erproben. Wer das ernst nimmt, kann Stadtplanung neu denken – als Werkzeug für echte Teilhabe und innovative Urbanität.

Gender, Herkunft und Barrierefreiheit – drei Perspektiven, ein Ziel

Warum reicht es nicht, Gender Mainstreaming, Integrationskonzepte und Barrierefreiheit einfach nebeneinander laufen zu lassen? Weil die Realität komplexer ist als das schönste Organigramm. Jede einzelne Dimension ist für sich schon herausfordernd: Gendergerechte Planung will Geschlechterrollen und ihre Auswirkungen auf Raumnutzung sichtbar machen. Integrationsorientierte Planung sucht Wege, wie migrantische Communities Stadt aktiv mitgestalten können. Barrierefreiheit sorgt dafür, dass Mobilität und Teilhabe für alle möglich werden – unabhängig von Alter, körperlicher Verfassung oder Sinneseinschränkungen.

Doch erst im Zusammenspiel entfaltet sich das volle Potenzial – und die eigentliche Herausforderung. Wer beispielsweise nur die Barrierefreiheit im Blick hat, übersieht, dass Frauen mit Behinderung besonders häufig von Übergriffen betroffen sind, wenn öffentliche Räume schlecht einsehbar oder unzureichend beleuchtet sind. Wer nur auf Gender achtet, vernachlässigt vielleicht, dass viele migrantische Frauen besondere Einschränkungen im Zugang zu Bildung oder Freizeitangeboten erleben. Und wer nur auf Herkunft schaut, verliert schnell die Bedürfnisse älterer Menschen aus dem Blick.

Deshalb ist intersektionale Stadtplanung nicht die Summe vieler Einzelmaßnahmen, sondern ein umfassender Perspektivwechsel. Sie verlangt, dass Planungsprozesse von Anfang an mit vielfältigen Stimmen und Erfahrungen gefüllt werden. In der Praxis bedeutet das, verschiedene Gruppen gezielt einzubeziehen, Daten differenziert zu erheben und Planungsentscheidungen systematisch auf Wechselwirkungen zu überprüfen. Es geht um die berühmte „dritte Ebene“: Zwischen Gender, Herkunft und Barrierefreiheit entstehen Überschneidungen, die neue Anforderungen und Potenziale offenbaren.

Diese Herangehensweise verlangt Mut zum Dialog, Offenheit für Irritationen und die Bereitschaft, eigene blinde Flecken zu erkennen. Es reicht nicht, stereotype Nutzerprofile zu bestätigen. Vielmehr müssen Räume geschaffen werden, in denen sich Unterschiedlichkeit ausdrücken kann – und in denen auch Konflikte konstruktiv ausgetragen werden können. Für Planer heißt das: Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, sind mindestens so wichtig wie normgerechte Entwürfe.

Das Ziel ist klar: Eine Stadt, in der Vielfalt nicht als Problem, sondern als Ressource verstanden wird. Wo Barrierefreiheit, Gendergerechtigkeit und Integration nicht gegeneinander ausgespielt, sondern gemeinsam gedacht und gestaltet werden. Nur so entsteht Urbanität, die ihren Namen verdient – und Räume, die alle einladen, sich einzubringen.

Intersektionale Planung konkret: Herausforderungen, Instrumente und Best Practices

Intersektionale Stadtplanung klingt nach hehrer Theorie – wird aber längst vielerorts konkret gelebt. Die Herausforderungen sind allerdings beträchtlich. Noch immer dominieren in vielen Städten standardisierte Beteiligungsverfahren, die bestimmte Gruppen systematisch ausschließen. Wer etwa nicht ausreichend Deutsch spricht oder sich in klassischen Gremien nicht wohlfühlt, bleibt außen vor. Auch Datenlagen sind oft lückenhaft: Statistiken zu Mobilität, Nutzung von Grünflächen oder gefühlter Sicherheit werden selten nach Geschlecht, Herkunft und Behinderung differenziert erhoben. Die Folge: Viele Bedarfe bleiben unsichtbar.

Instrumente für intersektionale Planung setzen daher an mehreren Stellen an. Partizipative Formate wie „Stadtspaziergänge“ mit unterschiedlichen Gruppen, Befragungen in leichter Sprache oder digitale Beteiligungsplattformen ermöglichen vielfältige Perspektiven. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen, Sozialverbänden und Community-Organisationen, die Zugang zu schwer erreichbaren Gruppen haben und Vertrauen schaffen können. Auch Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen gewinnen an Bedeutung, um neue Daten zu erheben und innovative Methoden zu entwickeln.

Ein Blick auf Best-Practice-Beispiele zeigt, dass intersektionale Planung keine Utopie bleiben muss. In Wien etwa wurden bei der Gestaltung neuer Parks gezielt Frauen mit Migrationsgeschichte und Menschen mit Behinderung beteiligt – mit dem Ergebnis, dass Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Nutzungsvielfalt spürbar gestiegen sind. In Zürich experimentiert die Stadt mit gender- und barrierebewusster Verkehrsplanung, indem sie Wegebeziehungen, Beleuchtung und Sitzgelegenheiten gezielt aus Sicht verschiedener Nutzergruppen analysiert. In Berlin setzen Quartiersmanagements auf partizipative Mapping-Projekte, bei denen Jugendliche, Seniorinnen und Migranten gemeinsam ihre Räume kartieren und Verbesserungsvorschläge einbringen.

Allerdings gibt es auch Stolpersteine. Intersektionale Planung braucht Zeit, Ressourcen und einen langen Atem. Sie erfordert die Bereitschaft, Planungsprozesse zu öffnen und auch unbequeme Erkenntnisse zuzulassen. Nicht jede Beteiligung führt zu sofort umsetzbaren Ergebnissen – manchmal sind Anpassungen im Verwaltungshandeln, in der Vergabe von Planungsaufträgen oder in der Kommunikation nötig. Doch der Aufwand lohnt sich: Die so entstehenden Räume sind widerstandsfähiger, anpassungsfähiger und werden von mehr Menschen als „ihre“ Stadt wahrgenommen.

Das Fazit aus der Praxis: Intersektionale Stadtplanung ist ein Lernprozess. Sie verlangt neue Kompetenzen, flexible Instrumente und einen langen Atem – aber sie liefert die Grundlagen für eine wirklich inklusive, zukunftsfähige Stadtentwicklung. Wer sich darauf einlässt, kann nicht nur Fehler vermeiden, sondern echte Innovationskraft entfalten.

Digitale Werkzeuge, Governance und der Weg in die inklusive Zukunft

Die Digitalisierung eröffnet auch für intersektionale Stadtplanung neue Horizonte – wenn sie klug genutzt wird. Digitale Beteiligungsplattformen ermöglichen es, Menschen unabhängig von Zeit und Ort einzubinden. Tools wie Online-Befragungen, partizipative Karten oder Virtual-Reality-Simulationen machen es leichter, auch komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln und barrierearm zu gestalten. Besonders hilfreich sind digitale Zwillinge urbaner Räume, die es ermöglichen, unterschiedliche Nutzungsszenarien für verschiedene Gruppen durchzuspielen – etwa: Wie wirkt sich ein neues Quartier auf die Wege von Rollstuhlfahrern, älteren Menschen oder Eltern mit Kinderwagen aus?

Doch die Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Es drohen neue Ausschlüsse: Wer keinen Internetzugang hat, wem digitale Kompetenzen fehlen oder wer sich in digitalen Formaten nicht wohlfühlt, bleibt außen vor. Deshalb müssen digitale Werkzeuge immer mit analogen Formaten kombiniert werden. Hybride Beteiligung ist das Gebot der Stunde: Stadtspaziergänge, Werkstätten und persönliche Gespräche bleiben unverzichtbar – sie müssen jedoch durch digitale Angebote ergänzt werden, um wirklich alle zu erreichen.

Governance ist der zweite zentrale Baustein. Intersektionale Planung braucht klare Verantwortlichkeiten, verbindliche Standards und eine Steuerung, die Vielfalt nicht dem Zufall überlässt. Das beginnt mit politischen Beschlüssen, die Vielfalt zur Leitlinie machen, und endet bei konkreten Vorgaben für Wettbewerbe, Bebauungspläne und Ausschreibungen. Wichtig ist auch, dass Planungsämter und externe Büros entsprechende Kompetenzen aufbauen – etwa durch Fortbildungen, neue Rollen (wie Diversity-Beauftragte) oder interdisziplinäre Teams.

Schließlich braucht intersektionale Stadtplanung eine neue Fehlerkultur. Nicht jeder Versuch wird von Anfang an gelingen. Entscheidend ist, dass Planungsprozesse transparent gemacht werden, dass Kritik willkommen ist und dass aus Rückschlägen gelernt wird. Monitoring und Evaluation sind keine bürokratischen Pflichtübungen, sondern Motoren für Innovation: Welche Gruppen haben teilgenommen? Wer wurde erreicht – und wer nicht? Welche Maßnahmen waren erfolgreich, welche nicht?

Der Weg in die inklusive Zukunft ist anspruchsvoll – aber machbar. Wer digitale Technologien intelligent nutzt, Governance weiterdenkt und eine offene Fehlerkultur pflegt, kann intersektionale Stadtplanung vom Ausnahmefall zur neuen Normalität machen. Die Stadt von morgen ist nicht nur smart, sondern auch gerecht, vielfältig und barrierefrei – wenn wir heute die richtigen Weichen stellen.

Fazit: Intersektionale Stadtplanung ist kein Trend, sondern Pflichtprogramm

Intersektionale Stadtplanung ist weit mehr als ein wohlklingendes Schlagwort. Sie ist die logische Antwort auf die wachsende Vielfalt urbaner Gesellschaften – und der Schlüssel zu einer Stadt, die allen gehört. Wer Gender, Herkunft und Barrierefreiheit zusammendenkt, schafft nicht nur gerechtere, sondern auch resilientere, lebenswertere und innovativere Räume. Die Herausforderungen sind beträchtlich, doch die Chancen sind größer: Beteiligung wird breiter, Planung wird präziser, und die Stadt gewinnt an Qualität und Attraktivität für alle. In einer Zeit, in der Klimawandel, Digitalisierung und gesellschaftliche Spaltung die Städte fordern, ist intersektionale Planung kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung. Wer jetzt mutig vorangeht, gestaltet nicht nur den öffentlichen Raum, sondern auch das Miteinander von morgen – vielfältig, inklusiv und zukunftsfähig. Und das ist urbane Exzellenz, wie sie nur bei Garten und Landschaft zu lesen ist.

New York; PRESENT Architecture
New York; PRESENT Architecture

Das Hamburg Museum präsentiert Projekte zu Gegenwart und Zukunft von grünen Städten. Die These: In der Rückgewinnung und Neuerschließung von Grünflächen bieten sich im nachindustriellen Zeitalter, in dem man kaum noch innerstädtische Landschaftsflächen zur Verfügung hat, grundlegend neue Möglichkeiten. Veränderte urbane Strukturen, Lebenspraxen und Wertvorstellungen haben zu bahnbrechenden Ideen und Technologien für die Entwicklung grüner Städte geführt. Die neuen Perspektiven reichen von ausgeklügelten Begrünungssystemen auf Dächern und Fassaden über künstliche Inseln und aufgeständerte Parks bis zu Gemeinschaftsgärten auf vormaligen Stadtbrachen.

Um dies zu zeigen konzipierte das Museum Hamburg in Zusammenarbeit mit der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt die Ausstellung „Stadtgrün 3.0 – Ideen, Projekte und Visionen für die Begrünung von Metropolen”: 26 Entwürfe und Projekte, davon sieben aus Hamburg und zehn aus internationalen Metropolen.
Die Ausstellung ist bis 19. April zu sehen.
www.hamburgmuseum.de