Landesgartenschau Überlingen

Der jetzige Uferpark ist ein langgestreckter Streifen zwischen Bahngleisen und Bodensee. In der Länge misst er etwa 800 Meter

Trotz der Corona-Pandemie öffnete die Gartenschau in Kamp-Lintfort 2020 ihre Tore. Die Landesgartenschauen in Ingolstadt und Überlingen verschoben ihre Eröffnungen um ein Jahr auf 2021. Aber irgendwann war es dann eben doch so weit: Am Wochenende vom 1. Mai 2021 begrüßte die Landesgartenschau Überlingen ihre ersten Besucher*innen und schloss die Landesgartenschau am 17. Oktober 2021 ab. Für den landschaftsplanerischen Entwurf waren relais Landschaftsarchitekten verantwortlich. Inzwischen werden bereits die 120 Tonnen Seebühne schon wieder abgebaut. Alles zur Landesgartenschau Überlingen und wie es nun auf dem Areal weitergeht, das lesen Sie hier.

Übrigens: Im April 2022 fand die erste Preisverleihung des Landschaftsarchitekturpreis Baden-Württemberg statt. relais Landschaftsarchitekten erhielten für den Entwurf „Neue Ufer, Überlingen“ den ersten Preis. Das Projekt als Teil der Landesgartenschau stellen wir hier vor.

Am 22. April 2021 war bekannt geworden: Die Landesgartenschau Überlingen durfte trotz einer 7-Tages-Inzidenz über 100 öffnen. Die Gartenschau wurde als Botanischer Garten eingestuft. Damit konnte sich die, für 2020 geplante Gartenschau nach über einem Jahr Warten endlich zeigen. Die damit verbundenen Einschränkungen: Bis die Inzidenz vor Ort unter 100 sinken würde, dürften nur Corona negativ getestete Personen auf das Gelände. Die Landesgartenschau Überlingen GmbH setzte laut eigener Aussage „alle Hebel in Bewegung“ um, die hierfür notwendigen Teststationen möglich zu machen. Ähnlich wie bei der BUGA Erfurt mussten sich die Besucher*innen in Überlingen vorab Online anmelden sowie einen negativen Covid-19-Test vorlegen. Personen, die entweder vor weniger als einem Jahr positiv auf Corona getestet worden waren oder in den vergangenen 14 Tage bereits die zweite Impfung erhalten haben, zählten zudem als negativ. Sie mussten infolgedessen keinen Test machen.

Landesgartenschau Überlingen: in a nutshell

Planung Daueranlage/Ausstellungskonzept: Relais Landschaftsarchitekten; Berlin
Konzept Grünvernetzung: 365° freiraum + umwelt
Fläche: 11,5 Hektar
Rahmendaten: 1. Mai bis 17. Oktober 2021
Förderungen: 13 Millionen Euro
Einnahmen: 8,52 Millionen Euro
Besucher*innen: ca. 700 000 Personen

relais – alte Landesgartenschau-Hasen

Die Landesgartenschau in Überlingen – die erste überhaupt am Bodensee – bestand zum einen aus dem sechs Hektar großen Uferpark im Westen des Stadtgebiets. Zum anderen definierte sie sich aus denen, ein paar hundert Meter entfernt, im Stadtzentrum liegenden Korrespondenzprojekten. Das ist die Uferpromenade mit dem Landungsplatz und dem Mantelhafen. Für die Bereiche gewann das Berliner Büro relais landschaftsarchitekten den 2012 durchgeführten Wettbewerb. relais sind alte Landesgartenschau-Hasen. Für die Landesgartenschau der Stadt Burg bei Magdeburg bearbeitete das Büro gleich vier Areale.

Im April 2013 stimmten die Überlinger*innen bei einem Bürger*innenentscheid für die Umsetzung der Gartenschau. Der nächste Schritt: das Finden eines geeigneten Konzepts für eine „Grünvernetzung“ dreier innerstädtischer Bereiche auf insgesamt fünf Hektar. Die Stadt Überlingen führte im Jahr 2017 eine Mehrfachbeauftragung durch. Dabei setzte sich das Überlinger Büro 365° freiraum + umwelt durch.

Die Ufer der Landesgartenschau Überlingen

 

Der jetzige Uferpark ist ein langgestreckter Streifen zwischen Bahngleisen und Bodensee. In der Länge misst er 800 Meter. An seiner breitesten Stelle ist er 50 Meter. Man glaubt es als Außenstehender kaum: Bisher war dieses Areal in bester Uferlage mit Gewerbe und Parkplätzen besetzt. Die Bahnhofstraße führte direkt am Ufer entlang. Um Platz für den Park zu schaffen, wurde sie landeinwärts an die Bahngleise verlegt. Die Ufermauer wurde auf der kompletten Länge abgebrochen, um besser zugängliche und vom Seewasser überspülte, naturnahe Uferbereich zu schaffen: Steilufer mit dem Böschungsverhältnis 1:1,5 und Flachufer mit einem Verhältnis von 1:8,5 bis 1:20.

Da es wasserrechtlich nicht möglich war, die neue Ufergestaltung von der bisherigen Ufermauer in den See hinein vorzunehmen, verlief die neue Uferlinie zwischen sieben und 40 Metern weiter landeinwärts. Gebaut wurde in den Uferzonen hauptsächlich im Winter. Während des restlichen Jahrs sind die Wasserpegel durch das Schmelzwasser und Niederschläge zu hoch.

Landesgartenschau Überlingen nimmt Bezug auf KZ-Historie

Die Bodenmodellierungen, die die Landschaftsarchitekt*innen vornahmen, fassten das Terrain des Parks als Artefakt auf, das nicht „naturgegeben“ oder „störungsfrei“ erscheinen sollte, erläutert Marianne Mommsen von relais. Damit nahm das Konzept Bezug auf die Geschichte des Geländes während des Zweiten Weltkriegs. In Überlingen-Aufkirch bestand von September 1944 bis April 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Durchschnittlich 700 KZ-Häftlinge waren am Bau des Goldbacher Stollens beteiligt. In diesen sollten Rüstungsbetriebe aus Friedrichshafen verlagert werden.

Schweizer Landibank als Möblierung

Der Goldbacher Stollen wurde in ein lokales Vorkommen von Molassegestein getrieben. Anfallenden Abraum aus den Arbeiten schütteten die Arbeiter*innen am Bodenseeufer auf. Ohne diesen Abraum hätte es den Uferpark der Landesgartenschau Überlingen also nicht gegeben. Mit dem Wissen im Hinterkopf war es relais ein Anliegen, behutsam mit dem Gelände umzugehen. Direkt hinter der Bahnlinie gelegen, sind die Stolleneingänge vom Uferpark aus gut zu sehen. Ein Lesezeichen, in den Boden eingelassene Molassesteine, leiteten die Blicke der Besucher*innen der Landesgartenschau Überlingen in Richtung des Stollens im Andenken an die ehemaligen Zwangsarbeiter. Dort gab es auch eine Gedenkstätte.

Starnd-Schmiele auf 120 Metern

 

Eine weitere Besonderheit der Landesgartenschau Überlingen war die Pflanzung eines 220 Quadratmeter großen Strandrasens als autochthone Pflanzengesellschaft. Diese entstand in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Bodenseeufer und dem Botanischen Garten Konstanz. Strand-Schmiele, Nadelbinse, Strandling, Bodensee-Vergissmeinnicht, Ufer-Hahnenfuß und Schnittlauch sollten sich im Osten des Uferparks ausbreiten. Die Strand-Schmiele kommt am gesamten Bodenseeufer bisher auf rund 120 Quadratmetern vor.

Den Uferpark wertete relais ökologisch auf. Das Büro machte ihn als Bürgerpark nutzbar. Daneben kümmerten sich die Berliner*innen um eine Auffrischung der Uferpromenade im Stadtzentrum. Diese besteht seit den 1960er-Jahren aus massiven Betonbauwerken. Dort ging es um Beläge aus grauem Granit und rötlichem Rhyolith. Der rötliche Farbton verdichtete sich an der Promenade, am Landungsplatz und am Mantelhafen zum im Stadtzentrum bestehenden Porphyrpflaster. Als Möblierung wählte relais die, im Bodenseeraum verbreitete Landibank aus der Schweiz, die in knallrotem Farbton herausstach. Neue Pflanzungen rundeten die Aufwertung der Korrespondenzprojekte ab.

Stegkonstruktion macht Wasserstand und Wellengang erlebbar

Die innerstädtischen Projekte der „Grünvernetzung“ verbanden auf der Landesgartenschau Überlingen die Gärten und Gräben der Stadt miteinander. Verantwortlich für deren Gestaltung war das Büro 365° freiraum + umwelt. Die Stadt öffnete bisher teilweise oder gar nicht zugängliche Bereiche: Die Menzinger Gärten bleiben auch nach der Gartenschau dauerhaft offen wie die umgestalteten Rosenobelgärten. Ein kompletter Schluss des Verbindungswegs entlang der Gräben konnte allerdings aus denkmalpflegerischen Gründen nicht realisiert werden. Den Vorschlag von relais landschaftsarchitekten, mit einer Stahlkonstruktion an einer alten Stadtmauer ein Privatgrundstück zu überbrücken, lehnte das Denkmalamt ab.

Hochbeete mit Kneipp-Kräutern

Überlingens-Starlandschaftsarchitekt Herbert Dreiseitl auch involviert

 

Die innerstädtischen Bereiche nahmen viele der gartenschautypischen Pavillons und Ausstellungsbeiträge auf. So konnte der schmale Uferpark den Charme der Weite auch im Gartenschaujahr behalten, resümierte Christian Seng von 365° freiraum + umwelt im Gespräch. Das trifft vor allem auf die am Seeufer gelegenen Villengärten zu. Im Stile einer alten Kurbad-Gartenanlage entstanden, schufen 365° hier neue Durchblicke zum See, für die sie dicht zugewachsene Ufervegetation entfernten. Ein augenzwinkerndes Statement in Richtung Berufsfischer setzten die Landschaftsarchitekt*innen mit dem Motiv des neuen Spielplatzes als Kormorankolonie. Hinter dem Haus des Gastes, einer alten Villa, verbarg sich das Becken des örtlichen Kneipp-Vereins. Auf dessen sonnenzugewandter Vorderseite sahen die Planer*innen daher Hochbeete mit den Kneipp-Kräutern vor.

Ein großes, neu errichtetes Glashaus, das während der Landesgartenschau Überlingen den Treffpunkt Baden-Württemberg beherbergte, wird nun als Kakteenhaus genutzt. Temporär angelegt, waren die vor dem Haus des Gastes gelegenen zwölf Schaugärten und die „Schwimmenden Gärten“. Als passionierter Ruderer verwirklichte außerdem der Überlinger Landschaftsarchitekt Herbert Dreiseitl eine auf dem Wasser treibende, halbkreisförmige Stegkonstruktion. Sie machte den Wellengang und die jahreszeitlich wechselnden Wasserstände für die Besucher*innen unmittelbar erlebbar. An die Plattform angedockt waren mehrere der namensgebenden, ebenfalls auf dem Wasser treibenden, kreisrunden Schwimmenden Gärten.

Rücksicht auf Ortsgeschichte

Von den Menzinger Gärten bot sich ein wunderschöner Blick über die Dächer der Altstadt zum See. Dort wachsen nun verschiedene Rebsorten, Esskastanien-, Mandel- und Aprikosenbäume, an deren Früchten sich die Überlinger künftig auch gerne bedienen können. Im unteren Bereich wurden zudem die seit dem 17. Jahrhundert bestehenden Kleingartenparzellen als Ausstellungsgärten genutzt. Der Buchbaumzünsler zerstörte in den vergangenen Jahren die historischen Buchsbaumhecken. Stattdessen zierten Eiben die Landesgartenschau Überlingen. Mit dem Ende der Schau sollen die Heckenkarrées wieder als Kleingärten verpachtet werden.

Badewannen als Gestaltungselemente

Ein neuer Spielplatz mit im gotischen Stil nachempfundenem Holzturm thematisierte, dass der zweite Turm des Münsters aus Geldmangel nie fertiggestellt worden war. In den versteckt liegenden Rosenobelgärten konnten Besucher*innen der Landesgartenschau Überlingen überdies vom ehemaligen Wehrturm der Stadt den Blick über die historischen Gräben, Busbahnhof und Bahnhof bis zum See schweifen zu lassen. Eine ortsansässigen Sanitär-Familie hatte das Gelände vor der Landesgartenschau Überlingen gärtnerisch genutzt, weshalb sich dort ferner allerlei obskure „Garteninstallationen“ mit Sanitärhintergrund finden ließen. Dazu zählten zum Beispiel Badewannen und darüber hinaus Kupferkessel. Einen Teil davon übernahmen 365° schließlich in die neue Gestaltung. Er diente als Referenz an diese sympathische Geschichte des Ortes. Ebenso eine Referenz waren die viele historische Mauersteine, die bei den Arbeiten auftauchten.

Landesgartenschau Überlingen – wie es nach dem Abschluss nun weitergeht

Die Projekte der Landesgartenschau Überlingen nahmen einerseits behutsam Rücksicht auf die Geschichte des Ortes und ermöglichten so andererseits nicht nur den Besucher*innen, sondern auch den Einheimischen Aspekte und Gärten ihrer Stadt neu zu entdecken. Mit ihrem Ende am 17. Oktober blieben die Pforten des Landesgartenschau Überlingen jedoch vorerst geschlossen. Die Geländeteile sind weiterhin umzäumt und aufgrund des geplanten Rückbaus des Geländes zudem vorerst weiter geschlossen. In einer offiziellen Pressemitteilung verkündete die Landesgartenschau Überlingen GmbH, man würde dementsprechend zügig mit dem Rückbau beginnen. Konkret umfasse das erstens den Abbau der temporären Ausstellungsbereiche, zweitens der Wechselflorbeete sowie drittens der Bühnen und viertens der sämtlichem Mobiliar. Man rechnet zudem damit den Uferpark im Dezember der Bevölkerung übergeben zu können. Außerdem sollen ab Anfang, Ende Februar 2022 auch die drei anderen Gärten wieder frei zugänglich sein.

Interessiert an weiteren Landesgartenschauen? Hier finden Sie einerseits den Beitrag zur Landesgartenschau Ingolstadt und andererseits zur Landesgartenschau Kamp-Lintfort.

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Weltweit nutzen immer mehr Städte ihre Fußgängerzonen, um die innerstädtische Lebensqualität aufzuwerten. Ein neues und farbenfrohes Beispiel zu dieser Herangehensweise ist Santiagos Bandera Street. Sie wurde nicht nur von einer überfüllten Hauptstraße in eine Fußgängerzone transformiert, der Künstler Dasic Fernández verwandelte die Straße auch in eine 365 Meter lange Kunstausstellung. Zahlreiche Gemälde und Kunstwerke schmücken derzeit eine der kultigsten Straßen der chilenischen Hauptstadt. Ursprünglich planten die Behörden, die Bandera Street Ende August 2018 wieder für den Verkehr zu öffnen, dagegen wird aber ein breiter Widerstand erwartet.

Von Straßensperre zum Kunstwerk

Als die Behörden beschlossen, einen Teil der Straße für die Bauarbeiten an der U-Bahn von Santiago zu schließen, hatten sie eine brillante Idee: Sie engagierten den Architekten Juan Carlos López und den Streetartkünstler Dasic Fernández für die Umgestaltung der Bandera Street. Nachdem sie den Bürgermeister überzeugen konnten, dauerte es nur drei Monate das Konzept zu realisieren. Die Idee der Transformation besteht darin, beide Disziplinen, Kunst und Architektur, für die Aufwertung eines Stadtraums zu vereinen. Mit Hilfe von 120 Künstlern realisierte Fernández das Projekt in nur 30 Tagen. Das Kunstwerk ist in drei Abschnitte unterteilt: Der erste Teil spiegelt die vorspanische Vergangenheit Chiles wider, der zweite Abschnitt ist von der aktuellen Vielfalt des Landes inspiriert, die Zuwanderung und kulturelle Entwicklungen hervorriefen, und das dritte zeigt ein futuristisches Thema.

Ungewisse Zukunft

Trotz breiter Unterstützung der Öffentlichkeit und des Bürgermeisters bleibt die Zukunft einer verkehrsberuhigten Bandera Street ungewiss. Das chilenische Verkehrsministerium gab aufgrund eines möglichen Verkehrskollapses an, dass sie die Straße nach Abschluss der Bauarbeiten wieder für den Verkehr freigegeben müssen. Beispiele wie die Londoner Oxford Street zeigen jedoch die grundsätzliche Möglichkeit eine überlastete Straße in eine Fußgängerzone umzuwandeln. Insbesondere wenn Pendler auf Alternativen wie öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen können.

 

„In London bauten wir für die Zukunft.”

“Die Schönheit des Ortes wird bleiben, auch nach dem Event“, so George Hargreaves, Design Director bei Hargreaves Associates. Die US-amerikanischen Landschaftsarchitekten sind Spezialisten in Sachen Olympische Spiele: Sie entwickelten bereits vor fast zwei Jahrzehnten den Masterplan für das Areal für Olympia in Sydney. 2012 realisierten sie den Olympischen Park in London. Ein Rückblick auf zwei unvergleichliche Großevents.

Garten + Landschaft: Wie war die planerische Erfahrung in London rückblickend?

George Hargreaves: Schwierige Frage. Es war eine sehr komplexe, vielschichtige Aufgabe. Das Areal musste einerseits der explosionsartigen Nutzung während der Spiele standhalten, andererseits biologische Vielfalt hervorbringen. Diese Balance zu kreieren, ist hart.

G + L: Was zeichnet das Olympia-Gelände in London aus? Was macht es so einzigartig?

G H: Der Fluss, der sich durch das Gebiet schlängelt, war vor unserem Eingriff ein unansehnlicher Graben. Wir taten zwei Dinge, die meiner Meinung nach entscheidend waren: Erstens verbreiterten wir das Flussbett und schufen Sumpfgebiet entlang des Flusses. Durch dieses Erweitern kreierten wir eine übersichtlichere Flusslandschaft, die heute zum Verweilen einlädt. Zudem schütteten wir den Aushub an den Rändern auf und schufen dadurch kleinen Inseln, die der Landschaft eine plastische Wirkung verleihen.

G + L: Auch den Masterplan und Realisierung der gesamten Anlage für die Millenium-Olympiade in Sydney geht auf Ihr Konto. Inwieweit unterscheiden sich die Olympischen Spiele von anderen Großprojekten?

G H: Nicht so stark wie man meinen könnte. Auch andere Projekte wie städtische Plätze oder Uferpromenaden, ob in China oder den USA, sind starker Abnutzung ausgesetzt. Die Olympischen Spiele sind bloß noch intensiver und komprimierter. Während 200.000 Menschen jährlich einen Stadtpark aufsuchen, reisen zu Olympischen Spielen 500.000 Menschen an. Es handelt sich zwar um verschiedene Maßstäbe, doch ist das übergeordnete Ziel das Selbe: Menschen anlocken, zusammenbringen, begeistern und sie für ihre Umgebung sensibilisieren. Am Ende ist es die Landschaft, die zählt. Der Reichtum des Grüns, die Artenvielfalt und die Schönheit des Ortes werden bleiben – auch nach einem Großevent.

G + L: Hat sich die Planung von Sydney stark von der von London unterschieden?

G H: Sehr sogar, denn wir entwarfen und realisierten das Olympische Areal in Sydney von 1996 bis 1999. Vor zwei Jahrzehnten, vor dem 11. September. Das Sicherheitsbewusstsein war damals ein ganz anderes als heute und auch die Nachnutzung war noch nicht von großer Bedeutung. Wir sollten das Gebiet für die Spiele vorbereiten, weiter nichts. Man machte sich keine großen Gedanken über die Nachnutzung. In London allerdings sollten wir nicht nur den Park entwickeln, sondern auch die Transformation nach den Wettkämpfen im Blick haben. Wir bauten für die Zukunft.

G + L: Wie sehen die Parks heute aus? Wie verhält es sich mit der Nachnutzung?

G H: Einige der temporären Sportstätten wurden nach den Spielen zu Parkanlagen umgewandelt, die heute stark frequentiert werden. Andere Areale wiederum vollzogen durch umliegende Institutionen eine Nutzungsänderung. Die Universität wird zukünftig ehemalige Olympia-Flächen beanspruchen. Außerdem sind viele neue Wohngegenden entstanden. Im Gegensatz zu Sydney hatte London einen klar definierten Nachnutzungsplan. Beide Standorte sahen allerdings Wohn- und Entwicklungsgebiete vor, sobald die Massen wieder verschwunden waren. Für London wurde zum Teil ein neues Verkehrsnetz geschaffen, weshalb das Gebiet besser angebunden und dichter ist. Es eignet sich so besser als Entwicklungsareal.

G + L: Welche Wirkung haben Großevents auf den Freiraum? Was bedeuten Sie für eine Stadt?

G H: Für ein Event wie die Olympiade wird das Verkehrsnetz erweitert, ganze Viertel entstehen. Eine Stadt in der Stadt. Von dieser Entwicklung profitiert nachhaltig die Bevölkerung, denn der Freiraum bleibt. Er wird den Menschen nicht wieder genommen. Sie können sich den städtischen Raum aneignen und in ihrem Interesse ändern und gestalten. Er darf jedoch nicht überproportional groß sein, sondern muss dem Event und der Nachnutzung entsprechend bemessen sein.

G + L: Sind Großevents also eher Fluch oder eher Segen?

G H: Eine große Frage. Im Fall von London sicher ein Segen, denn es wurden ein neuer Bahnhof, ein Park, Grünflächen, Stadien geschaffen, die noch immer genutzt werden. Olympia war dort, doch irgendwie auch wieder nicht. Das Geld, das vor und während der Spiele geflossen ist, hätte bestimmt auch anderweitig verwendet werden können. Doch meiner Meinung nach sind besondere Orte, einzigartige Plätze entstanden. Ich konnte in Athen den grauenvollen Lauf der Dinge beobachten: Das Areal ist nach den Spielen in sich zusammengebrochen. Der Raum wurde nicht mehr genutzt, Brachfläche, die keiner mehr brauchte. Ähnlich erging es Barcelona. Die Nachnutzung ist ein wichtiger Aspekt.

G + L: Was halten Sie von den Plänen für Olympia 2016 in Rio?

G H: Ich weiß nicht viel darüber, doch ich habe meine Bedenken. Ich habe die Sorge, dass sich der Ablauf wie in Griechenland oder Barcelona wiederholen wird. Brasilien fehlt es an so vielen Ecken und Enden. Entwicklungsländer haben so viele andere Baustellen, die es zu beseitigen gilt. Sogar aufstrebende Länder wie China haben ihre Probleme ehemalige Olympia-Gelände zu bespielen. Das Stadion in Peking beispielsweise rostet vor sich hin, die Schwimmarena fällt in sich zusammen, weil sie nicht mehr gebraucht und unterhalten wird. Ich bin gespannt – ahne aber Böses.

Mehr über die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 lesen Sie in Garten+Landschaft 06/2016 – Stadt und Spektakel.
Fotos: London Legacy Development Coporation

Auch spannend ist das Londoner Wembley Stadion, wo das Finale der EURO 2020 stattfand. Mehr bei unseren Kolleg*innen von Baumeister.