Landesgartenschau Überlingen

Trotz der Corona-Pandemie öffnete die Gartenschau in Kamp-Lintfort letztes Jahr ihre Tore. Die Landesgartenschauen in Ingolstadt und Überlingen verschoben ihre Eröffnungen auf dieses Jahr. Nun war es so weit: Am Wochenende vom 1. Mai 2021 begrüßte die Landesgartenschau Überlingen ihre ersten Besucher*innen – selbstverständlich mit Hygienekonzept. Warum es sich lohnt, vorbeizuschauen, lesen Sie hier.

Nachdem die BUGA Erfurt eine Woche zuvor eröffnet worden ist, folgte nun die Landesgartenschau Überlingen. Insgesamt 4 000 Gäste begrüßte die Gartenschau in Baden-Württemberg am Wochenende vom 1. Mai.

Zweite Impfung gilt als negativ getestet

Am 22. April war bekannt geworden: Die Landesgartenschau Überlingen darf trotz einer 7-Tages-Inzidenz über 100 öffnen. Die Gartenschau wird als Botanischer Garten eingestuft. Damit kann sich die, für 2020 geplante Gartenschau nach über einem Jahr Warten endlich zeigen. Die damit verbundenen Einschränkungen: Bis die Inzidenz vor Ort unter 100 sinkt, dürfen nur Corona negativ getestete Personen auf das Gelände. Die Landesgartenschau Überlingen GmbH setzte laut eigener Aussage “alle Hebel in Bewegung” um, die hierfür notwendigen Teststationen möglich zu machen. Ähnlich wie bei der BUGA Erfurt müssen sich die Besucher*innen in Überlingen vorab Online anmelden sowie einen negativen Covid-19-Test vorlegen. Personen, die vor weniger als einem Jahr positiv auf Corona getestet wurden oder in den vergangenen 14 Tage bereits die zweite Impfung erhalten haben, zählen zudem als negativ. Sie müssen keinen Test machen.

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Auf dem Gelände der Landesgartenschau Überlingen gilt keine generelle Maskenpflicht. Die medizinische Mund-Nase-Masken muss an Engstellen, im Bus-Shuttle, auf den Toiletten und in den Warteschlangen vor der To-Go-Gastronomie getragen werden.

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Der jetzige Uferpark ist ein langgestreckter Streifen zwischen Bahngleisen und Bodensee. In der Länge misst er etwa 800 Meter, an seiner breitesten Stelle knapp 50 Meter. (Foto: Achim Mende)

relais – alte Landesgartenschau-Hasen

Die Landesgartenschau in Überlingen – die erste überhaupt am Bodensee – besteht zum einen aus dem sechs Hektar großen Uferpark im Westen des Stadtgebiets. Zum anderen definiert sie sich aus denen, ein paar hundert Meter entfernt, im Stadtzentrum liegenden Korrespondenzprojekten. Das ist die Uferpromenade mit dem Landungsplatz und dem Mantelhafen. Für die Bereiche gewann das Berliner Büro relais landschaftsarchitekten den 2012 durchgeführten Wettbewerb. relais sind alte Landesgartenschau-Hasen. Für die Landesgartenschau der Stadt Burg bei Magdeburg bearbeitete das Büro gleich vier Areale.

Im April 2013 stimmten die Überlinger*innen bei einem Bürger*innenentscheid für die Umsetzung der Gartenschau. Der nächste Schritt: das Finden eines geeigneten Konzepts für eine „Grünvernetzung“ dreier innerstädtischer Bereiche auf insgesamt fünf Hektar. Die Stadt Überlingen führte im Jahr 2017 eine Mehrfachbeauftragung durch. Dabei setzte sich das Überlinger Büro 365° freiraum + umwelt durch.

Die Ufer der Landesgartenschau Überlingen

Der jetzige Uferpark ist ein langgestreckter Streifen zwischen Bahngleisen und Bodensee. In der Länge misst er 800 Meter. An seiner breitesten Stelle ist er 50 Meter. Man glaubt es als Außenstehender kaum: Bisher war dieses Areal in bester Uferlage mit Gewerbe und Parkplätzen besetzt. Die Bahnhofstraße führte direkt am Ufer entlang. Um Platz für den Park zu schaffen, wurde sie landeinwärts an die Bahngleise verlegt. Die Ufermauer wurde auf der kompletten Länge abgebrochen, um besser zugängliche und vom Seewasser überspülte, naturnahe Uferbereich zu schaffen: Steilufer mit dem Böschungsverhältnis 1:1,5 und Flachufer mit einem Verhältnis von 1:8,5 bis 1:20.

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Systemschnitte des Uferparks von relais Landschaftsarchitekten (Abbildung: relais)

Da es wasserrechtlich nicht möglich war, die neue Ufergestaltung von der bisherigen Ufermauer in den See hinein vorzunehmen, verläuft die neue Uferlinie jetzt zwischen sieben und 40 Metern weiter landeinwärts. Gebaut wurde in den Uferzonen hauptsächlich im Winter. Während des restlichen Jahrs sind die Wasserpegel durch das Schmelzwasser und Niederschläge zu hoch.

LGS nimmt Bezug auf KZ-Historie

Die Bodenmodellierungen, die die Landschaftsarchitekt*innen vornahmen, fassen das Terrain des Parks als Artefakt auf, das nicht „naturgegeben“ oder „störungsfrei“ erscheinen soll, erläutert Marianne Mommsen von relais. Damit nimmt das Konzept Bezug auf die Geschichte des Geländes während des Zweiten Weltkriegs. In Überlingen-Aufkirch bestand von September 1944 bis April 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Durchschnittlich 700 KZ-Häftlinge waren am Bau des Goldbacher Stollens beteiligt. In diesen sollten Rüstungsbetriebe aus Friedrichshafen verlagert werden.

Schweizer Landibank als Möblierung

Der Goldbacher Stollen wurde in ein lokales Vorkommen von Molassegestein getrieben. Anfallenden Abraum aus den Arbeiten haben die Arbeiter*innen am Bodenseeufer aufgeschüttet. Ohne diesen Abraum gäbe es den heutigen Uferpark der Landesgartenschau Überlingen also nicht. Mit dem Wissen im Hinterkopf war es relais ein Anliegen, behutsam mit dem Gelände umzugehen. Direkt hinter der Bahnlinie gelegen, sind die Stolleneingänge vom Uferpark aus gut zu sehen. Ein Lesezeichen, in den Boden eingelassene Molassesteine, leiten die Blicke der Besucher*innen der Landesgartenschau Überlingen in Richtung des Stollens im Andenken an die ehemaligen Zwangsarbeiter. Dort gibt es auch eine Gedenkstätte.

Starnd-Schmiele auf 120 Metern

Eine weitere Besonderheit der Landesgartenschau Überlingen ist die Pflanzung eines 220 Quadratmeter großen Strandrasens als autochthone Pflanzengesellschaft. Diese entstand in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Bodenseeufer und dem Botanischen Garten Konstanz. Strand-Schmiele, Nadelbinse, Strandling, Bodensee-Vergissmeinnicht, Ufer-Hahnenfuß und Schnittlauch sollen sich im Osten des Uferparks ausbreiten. Ob sich die ehemals „alteingesessene“ Gesellschaft im Flachwasserbereich des Uferparks etabliert oder sogar weiter ausbreiten kann, ist ungewiss. Aber ein lohnendes ein Experiment: Die Strand-Schmiele kommt am gesamten Bodenseeufer bisher auf rund 120 Quadratmetern vor.

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Den Uferpark wertete relais ökologisch auf und machte ihn als künftigen Bürgerpark nutzbar. (Foto: Jürgen Heppeler)

Den Uferpark wertete relais ökologisch auf. Das Büro machte ihn als Bürgerpark nutzbar. Daneben kümmerten sich die Berliner*innen um eine Auffrischung der Uferpromenade im Stadtzentrum. Diese besteht seit den 1960er Jahren aus massiven Betonbauwerken. Dort ging es um Beläge aus grauem Granit und rötlichem Rhyolith. Der rötliche Farbton verdichtet sich an der Promenade, am Landungsplatz und am Mantelhafen zum im Stadtzentrum bestehenden Porphyrpflaster. Als Möblierung wählte relais die, im Bodenseeraum verbreitete Landibank aus der Schweiz, die in knallrotem Farbton heraussticht. Neue Pflanzungen runden die Aufwertung der Korrespondenzprojekte ab.

Stegkonstruktion macht Wasserstand und Wellengang erlebbar

Die innerstädtischen Projekte der „Grünvernetzung“ verbinden auf der Landesgartenschau Überlingen die Gärten und Gräben der Stadt miteinander. Verantwortlich für deren Gestaltung ist das Büro 365° freiraum + umwelt. Die Stadt öffnete bisher teilweise oder gar nicht zugängliche Bereiche: Die Menzinger Gärten bleiben nach der Gartenschau dauerhaft offen wie die umgestalteten Rosenobelgärten. Ein kompletter Schluss des Verbindungswegs entlang der Gräben konnte allerdings aus denkmalpflegerischen Gründen nicht realisiert werden. Den Vorschlag von relais landschaftsarchitekten, mit einer Stahlkonstruktion an einer alten Stadtmauer ein Privatgrundstück zu überbrücken, lehnte das Denkmalamt ab.

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Der Entwurf von 365 Grad für die Menzinger Gärten (Plan: 365 Grad)

Hochbeete mit Kneipp-Kräutern

Die innerstädtischen Bereiche nehmen viele der gartenschautypischen Pavillons und Ausstellungsbeiträge auf. So kann der schmale Uferpark den Charme der Weite auch im Gartenschaujahr behalten, resümiert Christian Seng von 365° freiraum + umwelt. Das trifft vor allem auf die am Seeufer gelegenen Villengärten zu. Im Stile einer alten Kurbad-Gartenanlage entstanden, schufen 365° hier neue Durchblicke zum See, für die sie dicht zugewachsene Ufervegetation entfernten. Ein augenzwinkerndes Statement in Richtung Berufsfischer setzten die Landschaftsarchitekt*innen mit dem Motiv des neuen Spielplatzes als Kormorankolonie. Hinter dem Haus des Gastes, einer alten Villa, verbirgt sich das Becken des örtlichen Kneipp-Vereins. Auf dessen sonnenzugewandter Vorderseite sahen die Planer*innen daher Hochbeete mit den Kneipp-Kräutern vor.

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Als passionierter Ruderer verwirklichte der Überlinger Landschaftsarchitekt Herbert Dreiseitl eine auf dem Wasser treibende, halbkreisförmige Stegkonstruktion, die den Wellengang und die jahreszeitlich wechselnden Wasserstände für die Besucher unmittelbar erlebbar macht. (Foto: Landesgartenschau Überlingen 2020 GmbH)

Überlingens-Starlandschaftsarchitekt Herbert Dreiseitl auch involviert

Ein großes, neu errichtetes Glashaus, das während der Landesgartenschau Überlingen den Treffpunkt Baden-Württemberg beherbergt, wird später als Kakteenhaus genutzt. Temporär angelegt, sind die vor dem Haus des Gastes gelegenen zwölf Schaugärten und die „Schwimmenden Gärten“. Als passionierter Ruderer verwirklichte der Überlinger Landschaftsarchitekt Herbert Dreiseitl eine auf dem Wasser treibende, halbkreisförmige Stegkonstruktion. Sie macht den Wellengang und die jahreszeitlich wechselnden Wasserstände für die Besucher*innen unmittelbar erlebbar. An die Plattform angedockt sind mehrere der namensgebenden, ebenfalls auf dem Wasser treibenden, kreisrunden Schwimmenden Gärten.

Rücksicht auf Ortsgeschichte

Von den Menzinger Gärten bietet sich ein wunderschöner Blick über die Dächer der Altstadt zum See. Dort wachsen nun verschiedene Rebsorten, Esskastanien-, Mandel- und Aprikosenbäume, an deren Früchten sich die Überlinger künftig auch gerne bedienen können. Im unteren Bereich werden die seit dem 17. Jahrhundert bestehenden Kleingartenparzellen als Ausstellungsgärten genutzt. Der Buchbaumzünsler zerstörte in den vergangenen Jahren die historischen Buchsbaumhecken. Stattdessen zieren Eiben die Landesgartenschau Überlingen. Nach der Schau werden die Heckenkarrées wieder als Kleingärten verpachtet.

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Die Menzinger Gärten waren vor der Gartenschau vermietet und öffentlich nicht zugänglich. Sie bleiben auch nach der Landesgartenschau offen. (Foto: Achim Mende)

Badewannen als Gestaltungselemente

Ein neuer Spielplatz mit im gotischen Stil nachempfundenem Holzturm thematisiert, dass der zweite Turm des Münsters aus Geldmangel nie fertiggestellt wurde. In den versteckt liegenden Rosenobelgärten können Besucher*innen der Landesgartenschau Überlingen vom ehemaligen Wehrturm der Stadt den Blick über die historischen Gräben, Busbahnhof und Bahnhof bis zum See schweifen zu lassen. Eine ortsansässigen Sanitär-Familie nutzte das Gelände vor der Landesgartenschau Überlingen gärtnerisch, weshalb sich dort allerlei obskure „Garteninstallationen“ mit Sanitärhintergrund fanden. Dazu zählen Badewannen und Kupferkessel. Einen Teil davon haben 365° in die neue Gestaltung übernommen. Er dient als Referenz an diese sympathische Geschichte des Ortes. Ebenso eine Referenz sind die viele historische Mauersteine, die bei den Arbeiten auftauchten.

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In den versteckt liegenden Rosenobelgärten können Besucher vom ehemaligen Wehrturm der Stadt, dem Rosenobelturm, den Blick über die historischen Gräben, Busbahnhof und Bahnhof bis zum See schweifen lassen. (Foto: Achim Mende)

Landesgartenschau Überlingen endet offiziell am 17. Oktober

Die Projekte der Landesgartenschau Überlingen nehmen behutsam Rücksicht auf die Geschichte des Ortes und ermöglichen so nicht nur den Besucher*innen, sondern auch den Einheimischen Aspekte und Gärten ihrer Stadt neu zu entdecken. Die Landesgartenschau Überlingen kann aller Voraussicht nach noch bis zum 17. Oktober 2021 besucht werden.

Weitere Informationen zur Landesgartenschau Überlingen 2020 finden Sie hier.

Hier finden Sie die Beiträge zur Landesgartenschau Ingolstadt und zur Landesgartenschau Kamp-Lintfort.