Deutschland 2050 Cover © Kiepenheuer & Witsch
Deutschland 2050, Cover: Kiepenheuer & Witsch

Warum nehmen die meisten Menschen den Klimawandel als zeitlich und räumlich weit von ihnen entfernt wahr? Dieses Phänomen lässt sich durch „psychologische Distanz“ erklären. In dem dokumentarischen Buch „Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“ zeigen die deutschen Journalisten Nick Reimer und Toralf Staud, dass der Klimawandel im menschlichen Leben allgegenwärtig ist und unbemerkt alles verändert.

Deutschland 2050 – Die Zeit als Spiegel

In den letzten 30 Jahren hat die Umweltverschmutzung zu erheblichen Veränderungen der Lebensweise geführt. Obwohl Deutschland und die Welt daran arbeiten, die Schadstoffe zu reduzieren, werden die angesammelten Treibhausgase die Lufttemperatur erhöhen. Mit der Zeit als Spiegel nehmen die Autoren die Leser*innen in diesem 374 Seiten umfassenden, bildfreien Buch mit auf eine Reise durch die kommenden 30 Jahre.

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die Durchschnittstemperatur bis 2050 um mindestens zwei Grad Celsius ansteigen. Die Art und Weise, wie die Menschen in Deutschland leben, arbeiten, sich erholen und reisen, wird sich verändern. Die Menschen werden zudem mit neuen Viren kämpfen und zurechtkommen müssen. Naturkatastrophen werden häufiger vorkommen und Flora und Fauna werden gefährdet sein. Auch Städte und Landschaften werden ihr Gesicht verändern. Das Buch zeigt, dass die Reaktionen der Menschen auf historischen Erfahrungen beruhen. Währenddessen stellt der Klimawandel ein völliges Versagen des erworbenen Wissens dar. Daher wird dieser die Zukunft noch mehr gefährden.

Psychologische Perspektive

Das Buch ist keine Science-Fiction, sondern eine Dokumentation über die durch den Klimawandel verursachten Katastrophen der Vergangenheit. Das breite Publikum machte es sofort zu einem Bestseller, denn ein jeder fragt sich, was das Morgen bringen wird. Die Autoren nutzen die Gelegenheit, das Wissen über viele relevante Themen zu popularisieren. Dabei betonen sie auf subtile Weise das Klima als den wichtigsten Einflussfaktor. In ihrem vorherigen Buch, „Wir Klimaretter“ (2007), schlugen die Autoren praktische Maßnahmen vor, um die Hälfte der Kohlenstoffemissionen bis 2020 zu reduzieren. Leider hat die Realität ihre Erwartungen nicht erfüllt. In diesem neuen Buch wählen die Autoren daher einen neuen Ansatz aus einer psychologischen Perspektive, anstatt den Menschen vorzuschreiben, was sie tun sollen.

Inhalt

Durch die Nennung von Zahlen und Fakten machen die Autoren den Menschen den Klimawandel bewusst. Zudem nehmen sie ihnen die Angst, damit die sogenannte „psychologische Distanz“ verringert werden kann. Zahlreiche Aspekte sind für die Zukunft eines Landes relevant: Mensch und Natur, Stadtbild, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Das kategorisierte Inhaltsverzeichnis ermöglicht es dem*der Leser*in, auf einen Blick die Themen zu finden, die ihn am meisten interessieren. Die negativen Fakten im Buch sind verblüffend. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Temperaturen steigen werden. Neben der physischen Gesundheit und der sozialen Sicherheit sollten auch psychologische Aspekte stärker berücksichtigt werden. Dies soll die Menschen dazu befähigen, sich den Veränderungen und Gefahren zu stellen.

Dieses Buch ist prophetisch und mahnend zugleich. Es wird Fachleuten aus so unterschiedlichen Bereichen wie Architektur, Industrie- und Produktdesign, Unternehmensinvestitionen und politischen Initiativen zweifellos Einblicke in künftige Herausforderungen bieten. Vor allem Landschaftsarchitekt*innen und Stadtplaner*innen sollten sich Gedanken darüber machen, wie Städte der Zukunft angesichts der Entwicklung von Flüssen und Wäldern, der Nutzung neuer Energieressourcen, der Veränderungen im Verkehrswesen und in den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung aussehen sollten.

Der Text entstand in der „wissenschaftlichen Schreibwerkstatt Landschaftsarchitektur“ am TUM-Lehrstuhl Landschaftsarchitektur und Transformation bei Prof. Udo Weilacher. Im Rahmen des Seminars wählen Student*innen Fachliteratur aus und erarbeiten gemeinsam individuelle Buchrezensionen.

Passend zum Thema beschäftigt sich auch Elke Mertens Buch „Die Resisliente Stadt“ mit dem Klimawandel – und damit, welche Rolle dabei die Landschaftsarchitektur spielt.

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Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.